Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Sonja!« … »Nicolas!« … sagten sie nur. Dann liefen sie nach dem Speicher und kehrten endlich, jeder auf seinem Weg, wieder zu den andern zurück.
12
Als dann alle von Pelageja Danilowna nach Hause fuhren, richtete es Natascha, die immer alles sah und merkte, so ein, daß Luisa Iwanowna und sie mit Dümmlers zusammen in einem Schlitten saßen und Sonja mit Nikolaj und den Gutsmädchen allein fuhr.
Nikolaj ließ die Pferde nun nicht mehr jagen, sondern fuhr auf dem Rückweg gleichmäßig dahin, betrachtete in dem seltsamen Glanz des Mondes immer nur Sonja und suchte bei dem trügerischen Licht unter dem Schnurrbärtchen und den Augenbrauen die frühere und die jetzige Sonja herauszufinden, von der sich nie wieder zu trennen er nun entschlossen war. Er sah sie an, und als er sowohl die eine als auch die andere wiedererkannte, sich an alles erinnerte und sogar den Geruch des Korkes wieder zu spüren meinte, der sich mit der Erinnerung an ihre Küsse vermischte, sog er mit voller Brust die kalte Luft in sich ein, warf einen Blick auf den strahlenden Himmel und die Landschaft, die sie hinter sich ließen, und fühlte sich wieder wie in einem Zauberreich.
»Sonja, ist dir wohl zumute?« fragte er ab und zu.
»Ja«, erwiderte Sonja, »und dir?«
Auf halbem Weg gab Nikolaj seine Pferde für einen Augenblick dem Kutscher zum Halten, lief nach Nataschas Schlitten hinüber und stellte sich auf den Tritt.
»Natascha«, sagte er flüsternd auf französisch zu ihr, »weißt du, ich habe Sonjas wegen einen Entschluß gefaßt.«
»Du hast dich ihr erklärt?« fragte Natascha, plötzlich ganz strahlend vor Freude.
»Ach, wie sonderbar du mit dem Bart und den Augenbrauen aussiehst, Natascha! Freust du dich?«
»Furchtbar freue ich mich, ganz furchtbar! Ich war schon ganz böse auf dich. Ich habe es dir nicht gesagt, aber du hast nicht schön an ihr gehandelt. Sie hat so ein goldenes Herz, Nicolas. Wie freue ich mich! Ich war manchmal eklig, aber ich schämte mich, so allein glücklich zu sein, ohne Sonja«, fuhr Natascha fort. »Jetzt aber bin ich ganz glücklich. Doch nun lauf schnell wieder hin zu ihr.«
»Nein, warte … ach, wie komisch du nur aussiehst!« sagte Nikolaj und schaute sie unverwandt an. Auch an der Schwester fand er etwas Neues, Außergewöhnliches, bezaubernd Liebes, was er früher noch nie an ihr gesehen hatte.
»Natascha, ist das nicht zauberhaft? Nicht?«
»Ja«, erwiderte sie. »Und das hast du fein gemacht.«
Wenn ich Natascha schon früher so gesehen hätte wie jetzt, dachte Nikolaj, so hätte ich sie schon lange gefragt, was ich tun solle, und alles getan, was sie mich geheißen hätte, und alles wäre gut gewesen.
»Also du freust dich, und ich habe es gut gemacht?«
»Ach, und wie gut! Erst kürzlich habe ich mit Mama darüber gestritten. Mama behauptete, Sonja wolle dich kapern. Wie kann man nur so etwas sagen! Beinahe hätte ich mich mit Mama deswegen entzweit. Ich werde nie einem erlauben, etwas Schlechtes von ihr zu sagen oder zu denken, denn sie ist ja die Güte selber.«
»Es ist also gut so?« sagte Nikolaj, betrachtete noch einmal den Gesichtsausdruck seiner Schwester, um festzustellen, ob er sich auch nicht getäuscht habe, sprang dann mit knirschenden Stiefeln vom Tritt und lief wieder auf seinen Schlitten zu. Dort saß immer noch derselbe glücklich lächelnde Tscherkesse mit dem Schnurrbärtchen und den leuchtenden Augen, die unter der Zobelkapotte hervorblitzten, und dieser Tscherkesse war Sonja, und diese Sonja wurde nun bestimmt seine glückliche und liebende Frau.
Zu Hause angelangt, erzählten die jungen Mädchen der Mutter, wie sie ihre Zeit bei den Meljukows verbracht hatten, und zogen sich dann auf ihr Zimmer zurück. Nachdem sie sich ausgezogen hatten, blieben sie noch lange mit ihren mit Kork gemalten Schnurrbärten beieinander sitzen und plauderten von ihrem Glück. Sie malten sich aus, wie sie als verheiratete Frauen leben würden, wie ihre beiden Männer Freunde werden müßten, und wie glücklich sie sein würden. Auf Nataschas Nachttisch standen noch die beiden Spiegel, die Dunjascha schon am Abend bereitgestellt hatte.
»Aber wann, wann wird das alles einmal sein? Ich fürchte, niemals … Es wäre auch zu schön!« sagte Natascha, stand auf und trat an die Spiegel heran.
»Setz dich hin, Natascha, vielleicht siehst du ihn«, sagte Sonja.
Natascha zündete die Kerzen an und setzte sich.
»Ich sehe jemand mit einem Schnurrbart«, sagte sie, ihr eignes Gesicht betrachtend.
»Darüber darf man nicht lachen, gnädiges Fräulein«, mischte sich Dunjascha ein.
Mit Hilfe Sonjas und der Zofe fand Natascha endlich die richtige Lage für den Spiegel; ihr Gesicht nahm einen ernsthaften Ausdruck an, und sie wurde ganz still. Lange saß sie so da, blickte auf die Reihe der in den Spiegeln immer ferner werdenden Kerzen, rief sich alles das, was sie davon hatte erzählen hören, wieder ins Gedächtnis zurück und erwartete nun, in dem letzten, trüb verschwommenen Quadrat entweder einen Sarg oder ihn, den Fürsten Andrej, zu sehen. Aber obgleich sie bereit war, selbst den kleinsten Fleck für ein menschliches Bildnis oder für einen Sarg zu halten, sah sie doch nichts. Schließlich fing sie an zu blinzeln und ging von den Spiegeln fort.
»Warum sehen andere nur immer etwas, und ich nie?« sagte sie. »Nun setz du dich einmal hin, Sonja, heute mußt du es unbedingt tun«, fügte sie hinzu. »Nur mir zuliebe … Mir ist heute so bang zumute!«
Sonja setzte sich an den Spiegel, brachte ihn in die richtige Lage und sah hinein.
»Sofia Alexandrowna wird sicherlich etwas sehen«, sagte Dunjascha flüsternd. »Sie lachen ja immer über alles.«
Sonja hörte diese Worte und vernahm auch, wie Natascha flüsternd erwiderte: »Auch ich bin überzeugt, daß sie etwas sehen wird, sie hat voriges Jahr auch etwas gesehen.«
Etwa drei Minuten lang waren alle still. »Unbedingt!« flüsterte dann Natascha, hatte aber ihren Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als Sonja den Spiegel, den sie in der Hand hielt, von sich stieß und die Augen mit der Hand bedeckte.
»Ach, Natascha!« sagte sie.
»Hast du etwas gesehen? Ja? Was denn?« schrie Natascha auf, indem sie schnell den Spiegel hielt.
Sonja hatte nichts gesehen und gerade mit den Augen blinzeln und aufstehen wollen, als sie Nataschas Stimme vernommen hatte, die »unbedingt« sagte. Sie wollte weder Dunjascha noch Natascha täuschen, und das lange Sitzen war ihr unbequem geworden. Sie wußte selbst nicht, wie und aus welchem Grund sie aufgeschrien hatte, als sie die Hand vor die Augen gelegt hatte.
»Hast du ihn gesehen?« fragte Natascha und faßte ihre Hand.
»Ja, warte mal … ich … habe ihn gesehen«, sagte Sonja, ohne es zu wollen, obgleich sie nicht einmal wußte, wen Natascha mit »ihn« meinte, Nikolaj oder Andrej.
Warum soll ich nicht sagen, daß ich ihn gesehen habe? Andere sehen doch auch etwas. Und wer kann mich dessen überführen, ob ich etwas gesehen habe oder nicht? schoß es Sonja durch den Kopf.
»Ja, ich habe ihn gesehen«, sagte sie.
»Aber wie? Wie denn? Stand er oder lag er?«
»Nein, ich sah … Erst war lange nichts, dann sah ich plötzlich, daß er dalag.«
»Andrej lag da? So ist er krank?« fragte Natascha und sah die Freundin mit vor Schreck erstarrten Augen an.
»Nein, im Gegenteil, im Gegenteil! Er machte ein ganz vergnügtes Gesicht und wandte sich nach mir um«, und in dem Augenblick, als Sonja dies sagte, glaubte sie selber daran, daß sie es gesehen hatte.
»Nun und dann, Sonja?
»Dann konnte ich nichts Genaues mehr unterscheiden, ich sah nur etwas Blaues und Rotes …«
»Sonja! Wann wird er zurückkehren? Wann werde ich ihn wiedersehen? Großer Gott, wie bang ist mir um ihn und um mich selber, und wie furchtbar ist mir dies alles …«, sagte Natascha, gab auf Sonjas tröstende Worte keine Antwort, legte sich ins Bett und blieb noch lange, nachdem man das Licht ausgelöscht hatte, ohne sich zu rühren, so liegen und starrte mit offenen Augen durch das gefrorene Fenster in das kalte Mondlicht hinaus.