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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Aber wer ist denn das eigentlich?« sagte sie zu ihrer Gouvernante und sah dabei ihrer eignen Tochter gerade ins Gesicht, die einen kasanschen Tataren vorstellte. »Doch wohl irgendeiner von den Rostows. Und Sie, mein Herr Husar, bei welchem Regiment stehen Sie denn?« fragte sie Natascha.

»Dem Türken dort mußt du Plätzchen anbieten«, sagte sie zu dem servierenden Büfettdiener, »das darf er essen, das verbieten ihm seine Gesetze nicht.«

Während Pelageja Danilowna den tollen, ulkigen Pas zusah, die die Tanzenden lustig ungezwungen und in dem beruhigenden Bewußtsein ausführten, daß sie verkleidet seien und kein Mensch sie erkennen könne, mußte sie sich ab und zu vor Lachen das Taschentuch vor den Mund halten, und ihr ganzer gewichtiger Körper wurde von einem gutmütigen, unaufhaltsamen Lachen erschüttert, wie eben alte Damen zu lachen pflegen.

»Seht nur dort meine Sascha, meine Sascha!« rief sie.

Nach den russischen Tänzen und Reigen führte Pelageja Danilowna alle Gutsleute und Herrschaften zu einem großen Kreis zusammen, ein Ring, eine Schnur und ein Rubel wurden herbeigeholt und gemeinsame Spiele unternommen.

Eine Stunde später waren alle Kostüme zerdrückt und in Unordnung geraten. Die mit Kork gemalten Schnurrbärte und Augenbrauen waren in den feucht glühenden, lustigen Gesichtern breitgeschmiert. Pelageja Danilowna fing nun an, die Verkleideten zu erkennen, ließ sich entzückt darüber aus, wie reizend ihre Kostüme gewählt waren und wie vortrefflich sie besonders den jungen Damen stünden, und dankte allen, daß sie ihr dieses Vergnügen gemacht hätten. Die Gäste wurden zum Abendessen in den Salon gebeten, während die Gutsleute im Saal bewirtet wurden.

»Nein, in der Badestube das Orakel zu befragen, ist doch zu schauerlich!« sagte bei Tisch ein altes Fräulein, das bei den Meljukows lebte.

»Warum denn?« fragte die älteste Tochter der Familie Meljukow.

»Ach, ihr geht ja doch nicht hin, da gehört Mut dazu …«

»Dann werde ich hingehen«, sagte Sonja.

»Erzählen Sie doch einmal, was dem jungen Mädchen damals passiert ist«, sagte Fräulein Meljukowa Nummer zwei.

»Ja, das war damals so«, erzählte das alte Fräulein, »das junge Mädchen nahm einen Hahn und zwei Gedecke mit, ganz wie die Vorschrift lautet, und setzte sich hin. Und wie sie so dasitzt und lauscht … da kommt plötzlich etwas angefahren, mit Glöckchen und Schellen – ein Schlitten. Sie horcht auf, schon nähern sich Schritte. Es tritt jemand herein, ganz wie ein Mensch, ganz wie ein Offizier, kommt näher und setzt sich neben sie an den gedeckten Tisch.«

»Aaah!« rief Natascha und riß vor Entsetzen die Augen ganz weit auf.

»Nun, und was machte er … redete er?«

»Ja, ganz wie ein Mensch und ganz so, wie es sich gehört. Er fängt an, sie zu überreden. Sie aber hätte ihn mit ihrer Unterhaltung bis zum Hahnenschrei festhalten müssen. Aber sie wird schüchtern, und wie sie so schüchtern wird, verbirgt sie ihr Gesicht in beiden Händen. Da greift er auch schon nach ihr … Ein Glück, daß in diesem Augenblick ein paar Mädchen herbeigelaufen kamen …«

»Warum machen Sie ihnen solche Angst!« sagte Pelageja Danilowna.

»Aber Mama, Sie haben doch selber das Orakel befragt …«, rief die eine Tochter zurück.

»Und wie ist das mit dem Horchen auf dem Speicher?« fragte Sonja.

»Ganz einfach: man geht so wie jetzt auf den Speicher und horcht. Pocht und hämmert es, so ist das ein schlechtes Zeichen, rieselt es aber, wie wenn Korn umgeschüttet würde, so bedeutet das etwas Gutes und trifft auch ein.«

»Mama, bitte, erzählen Sie doch einmal, wie es Ihnen auf dem Speicher ergangen ist!«

Pelageja Danilowna lächelte.

»Ja, wie war das doch, ich habe es schon wieder vergessen …«, entgegnete sie. »Will denn niemand von euch hingehen?«

»Doch, ich gehe, Pelageja Danilowna. Erlauben Sie es mir, ich möchte gern gehen«, sagte Sonja.

»Nun, warum denn nicht, wenn du keine Angst hast?«

»Luisa Iwanowna, darf ich?« fragte Sonja.

Ob sie nun mit dem Ring, mit der Schnur oder mit dem Rubel gespielt oder sich nur unterhalten hatten wie eben jetzt, Nikolaj war nicht von Sonjas Seite gewichen und sah sie heute mit ganz anderen Augen an. Ihm schien, als lerne er sie heute dank diesem mit Kork angemalten Bärtchen erst ordentlich kennen. Und wirklich war Sonja an diesem Abend so heiter, lebendig und hübsch, wie auch Natascha sie noch niemals gesehen hatte.

Also so ist sie? Was bin ich doch für ein Schafskopf, daß ich das nicht eher gesehen habe! dachte er, wenn er in ihre leuchtenden Augen und auf ihr glückliches, entzücktes Lächeln sah, bei dem sich unter dem schwarzen Bärtchen in ihren Backen Grübchen bildeten, die er bisher noch niemals wahrgenommen hatte.

»Ich fürchte mich vor nichts«, sagte Sonja. »Kann ich jetzt gleich gehen?«

Sie stand auf. Man sagte Sonja, wo der Speicher sei, und daß sie ganz stillstehen und horchen müsse, und zog ihr einen Pelz an. Sie zog ihn bis über den Kopf und blickte dabei Nikolaj an.

Was für ein Prachtmädel ist das! dachte dieser. Wo habe ich nur die ganze Zeit über meine Augen gehabt?

Sonja rannte auf den Korridor hinaus, um auf den Speicher zu gehen. Nikolaj behauptete, es sei ihm im Zimmer zu heiß, und lief eilig auf die Freitreppe hinunter. Tatsächlich war drinnen die Luft von den sich zusammendrängenden Menschen drückend und schwül.

Draußen herrschte immer noch dieselbe starre Kälte, und derselbe klare Mond schien, nur noch strahlender. Das Licht war so hell, und auf dem Schnee funkelten so unzählige Sterne, daß man gar keine Lust hatte, nach dem Himmel zu schauen, und die wirklichen Sterne gar nicht zur Geltung kamen. Der Himmel schien düster und langweilig, aber auf der Erde glitzerte es lustig.

Ein Dummkopf bin ich, ein Dummkopf! Auf was habe ich die ganze Zeit über gewartet? dachte Nikolaj, lief die Freitreppe hinunter und auf dem Steg, der nach der Hintertreppe führte, um die Hausecke herum. Er wußte, daß Sonja hier herauskommen mußte. Auf halbem Weg zum Speicher lagen ein paar Klafter Holz aufgeschichtet, die ganz mit Schnee bedeckt waren und einen langen Schatten warfen. Über sie hinweg und rechts und links von ihnen fielen die Schatten der alten, kahlen Linden wirr verflochten auf den Schnee und über den Weg. Der kleine Pfad führte nach dem Speicher. Die Holzwände und das Dach des Speichers waren ganz mit Schnee und Eis bedeckt und glitzerten im Mondschein, als wären sie aus Edelstein ausgehauen. Im Garten barst ächzend ein Baum, dann war wieder alles ganz still. Die Brust schien keine Luft, sondern ewig junge Kraft und Freude zu atmen.

Auf der Treppe vom Mädchenzimmer hörte man Schritte die Stufen herunterkommen, die unten auf der letzten, wo der Schnee hereingetragen war, laut knirschten, und die Stimme des alten Fräuleins sagte: »Geradeaus, immer geradeaus, diesen kleinen Weg entlang, gnädiges Fräulein. Aber ja nicht umsehen!«

»Ich habe gar keine Angst«, rief Sonjas Stimme zurück, und ihre kleinen Füße in den feinen Schuhchen knirschten und schnurpsten über den Schnee, den Weg in der Richtung auf Nikolaj entlang.

Warm in ihren Pelz eingehüllt lief Sonja dahin. Sie erblickte Nikolaj erst, als sie schon bis auf zwei Schritte herangekommen war, und sah ihn ebenfalls nicht so, wie sie ihn früher gekannt, wo sie sich immer ein wenig vor ihm gefürchtet hatte. Er trug jetzt Frauenkleider, das Haar hing ihm wirr um die Stirn, und auf seinem Gesicht lag ein glückliches Lächeln, das Sonja noch gar nicht an ihm kannte. Schnell lief sie auf ihn zu.

Ganz anders ist sie heute, gar nicht so wie immer, dachte Nikolaj und sah ihr ins Gesicht, das ganz vom Mondschein bestrahlt war. Er schob seine Hände unter den Pelz, der ihren Kopf bedeckte, umfaßte ihn, drückte ihn an sich und küßte sie unter das Bärtchen auf die Lippen, die nach verbranntem Kork rochen. Sonja machte ihre kleinen Hände aus dem Pelz frei, faßte seine beiden Backen und küßte ihn mitten auf den Mund.

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