Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Ach, Kinder, ist denn nicht das das wahre Leben?«
Man bewunderte ihn und seine Art; er fühlte es und berauschte sich noch mehr an der Freude, so zu sein, wie er war. Er strahlte und funkelte wie dieser sonnige Frühlingstag, wie die ganze festlich mit dem jungen Grün der Gräser und Blätter bekleidete Erde, die gehüllt war in den Duft der Birken und der jungen Fichten, mit ihren zum blauen Himmel emporstrebenden goldenen Kerzen. In diesem Jahr war ein zeitiger, heißer Frühling, schon blühten Faulbaum und Flieder. Alles war festlich, alles jubelte, selbst in den Menschen schien an diesem Tage ihr Bestes aufzublühen.
Der uralte Weber Boris Morosow, ein kleiner, einfältiger Greis, mit einem winzigen, im ergrauten, grünlich gewordenen Bart verborgenen Wachsgesicht, weiß und gründlich gewaschen wie ein Toter, erhob sich, stützte sich auf die Schulter seines ältesten Sohnes, eines sechzigjährigen Mannes und schrie wild, mit der knochigen, fleischlosen Hand fuchtelnd:
»Seht, ich bin neunzig Jahre alt, über neunzig, merkt es euch! War Soldat, habe Pugatschow geschlagen, habe im Pestjahr in Moskau selbst mitgemeutert, jawohl! Habe gegen Bonaparte gekämpft! ...«
»Und wen hast du geküßt?« schrie ihm Artamonow ins Ohr. Der Weber war fast taub.
»Zwei Frauen, außer den anderen. Da schau: sieben Söhne, zwei Töchter, neunzehn Enkel, fünf Urenkel, das alles habe ich euch zusammengewebt! Da sind sie, alle leben bei dir, hier sitzen sie ...«
»Gib noch was her!« schrie Ilja.
»Es kommt noch. Ich habe drei Zaren und eine Zarin überlebt, hört ihr? Ich habe bei so vielen Herren gedient, alle sind tot, und ich lebe! Habe werstweise Leinwand gewebt. Du bist ein echter Mensch, Ilja Wasiljew, du wirst lange leben. Du bist der Herr, du liebst das Werk und das Werk liebt dich. Du tust den Menschen nicht unrecht. Du bist ein Ast von unserem Baum, lege los! Das Glück ist dir ein Eheweib und nicht nur eine Geliebte, die ein Weilchen spielt und dann verschwindet! Leg' dich mit aller Kraft ins Zeug. Bleibe gesund, Bruder, jawohl! Bleibe gesund, sage ich ...«
Artamonow nahm ihn in die Arme, hob ihn hoch, küßte ihn und rief gerührt aus:
»Ich danke dir, mein Kind! Ich mache dich zum Verwalter ...«
Die Leute brüllten und lachten laut, während der alte, betrunkene Weber, den er in die Höhe gehoben hatte, in der Luft mit seinen Skeletthänden herumschlug, kicherte und kreischte:
»Bei ihm ist alles auf seine eigene Art, alles anders ...«
Uljana Bajmakowa wischte sich, ohne jede Scham, Tränen der Rührung von den Wangen.
»Was das für eine Freude ist«, sagte ihre Tochter. Sie antwortete, sich schneuzend:
»Er ist nun mal so, – er ist vom Herrgott zur Freude erschaffen ...«
»Lernt, wie man mit den Leuten umgehen muß, ihr Burschen«, rief Artamonow seinen Kindern zu. »Schau her, Pjotr!«
Nach dem Essen räumten die Frauen die Tische weg und stimmten ihre Lieder an; die Bauern maßen ihre Kräfte, vergnügten sich mit Stockziehen und rangen. Artamonow war überall zur rechten Zeit, er tanzte und rang; man schmauste bis zum Tagesanbruch, und mit dem ersten Sonnenstrahl zogen etwa siebzig Arbeiter, mit ihrem Herrn an der Spitze, eine lärmende Schar, wie zu einem Raubzug zur Oka. Sie waren betrunken, sangen Lieder, pfiffen und trugen dicke Walzen, Eichenstangen und Stricke auf den Schultern. Hinter ihnen watschelte der alte Weber durch den Sand und murmelte Nikita zu:
»Er erreicht alles, was er will! Der? Ich wei–eiß es ...«
Das rote Ungeheuer, das an einen Stier ohne Kopf erinnerte, wurde glücklich vom Kahn auf das Ufer gebracht. Man umwickelte es mit Stricken und schleppte es, ächzend und brüllend, in gutem Einvernehmen auf Walzen über die auf den Sand gelegten Bretter; der Kessel bewegte sich wackelnd vorwärts, und es kam Nikita so vor, als tue sein runder, dummer Rachen sich erstaunt vor der fröhlichen Kraft der Menschen auf. Auch der betrunkene Vater half den Kessel ziehen und schrie voll Anstrengung:
»Langsam, he, langsam!«
Und er klopfte mit der Handfläche auf die rote Seite des eisernen Ungeheuers und redete ihm gut zu:
»Komm, lieber Kessel, komm!«
Es waren kaum noch fünfhundert Schritt bis zur Fabrik, als der Kessel besonders heftig zu wackeln begann, langsam von der vorderen Walze herabrollte und seine stumpfe Schnauze in den Sand steckte. Nikita sah, wie sein runder Rachen die Füße des Vaters mit grauem Staub anfauchte. Die Menschen umringten zornig den schweren Körper und versuchten eine Walze unterzuschieben, sie waren schon außer Atem, der Kessel klebte aber eigensinnig im Sande und schien sich, ohne ihren Bemühungen nachzugeben, immer tiefer hineinzugraben. Artamonow half, mit der Hebestange in den Händen, inmitten der Arbeiter, und rief ihnen zu:
»Jungs, packt alle auf einmal an! O–uch ...«
Der Kessel bewegte sich wie unwillig und senkte sich wieder schwer. Da sah Nikita den Vater in einer ihm fremden Gangart aus der Arbeitermenge herauskommen, auch sein Gesicht war fremd; er ging, eine Hand unter den Bart schiebend und sich an der Kehle festhaltend, und mit der andern, wie ein Blinder, in der Luft herumtastend. Der alte Weber sprang ihm nach und schrie:
»Erde! Iß Erde ...«
Nikita lief zum Vater. Der spuckte ihm mit lautem Aufstoßen Blut vor die Füße und sagte dumpf:
»Blut.«
Sein Gesicht wurde grau, die Augen blinzelten erschrocken, die Kiefern zitterten, und sein ganzer großer Körper zog sich angstvoll zusammen.
»Hast du dich verletzt?« fragte Nikita, ihn bei der Hand packend. Der Vater wankte zu ihm hin, stieß ihn und antwortete halblaut:
»Vielleicht. Es ist eine Ader geplatzt ...«
»Iß Erde, sage ich ...«
»Laß das, geh!«
Und als Artamonow wieder reichlich Blut ausspuckte, murmelte er verdutzt:
»Wie das rinnt! Wo ist Uljana?«
Der Bucklige wollte nach Hause laufen, doch der Vater hielt ihn an der Schulter fest und scharrte, den Kopf senkend, mit den Füßen im Sand, als lauschte er dem beim zornigen Geschrei der Arbeiter kaum vernehmbaren Knirschen und Rascheln.
»Was ist das?« fragte er und ging vorsichtig auf das Haus zu, als überschreite er auf einer Stange einen, tiefen Fluß. Die Bajmakowa verabschiedete sich gerade am Hausaufgang von der Tochter, Nikita bemerkte, als sie den Vater anblickte, daß ihr schönes Gesicht sich seltsam wie ein Rad erst nach rechts und dann nach links verzog und welk wurde.
»Gebt Eis her!« schrie sie, als der Vater sich mit ungeschickt gebogenen Beinen auf eine Stufe sinken ließ und unter Aufstoßen immer häufiger Blut spuckte. Wie im Traum vernahm Nikita Tichons Stimme:
»Eis ist Wasser; durch Wasser kann man kein Blut ersetzen ...«
»Er muß Erde kauen ...«
»Tichon, laufe, was du kannst, zum Popen ...«
»Hebt ihn auf, tragt ihn«, kommandierte Alexej. Nikita faßte den Vater am Ellenbogen, aber jemand trat ihm so heftig auf die Zehen, daß er für einen Augenblick wie blind war; gleich darauf sahen seine Augen aber noch schärfer und prägten sich mit krankhafter Gier alles ein, was die Leute in der Enge des Zimmers beim Vater und auf dem Hofe taten. Über den Hof jagte Tichon auf dem großen Rappen, den er nicht zu bändigen vermochte, das Pferd wollte nicht aus dem Tor gehen, sprang, den bösen Kopf hebend, im Kreise herum und trieb die Menschen auseinander, es scheute wohl vor der Sonne, die auf dem Himmel eine blendende Feuersbrunst entflammt hatte; – endlich war es draußen und galoppierte, vor der roten Masse des Kessels stürzte es aber zur Seite, warf Tichon ab und kehrte schnaubend und mit wehendem Schwanz auf den Hof zurück.