Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Jemand schrie:
»Jungs, lauft ...«
Auf dem Fensterbrett sitzt Alexej und dreht sich den dunklen Spitzbart, sein unangenehmes, nicht bäuerisches Gesicht ist abgemagert und wie mit Staub bedeckt, er blickt, über die Köpfe der Menschen hinweg, starr auf das Bett. Dort liegt der Vater und spricht mit fremder Stimme:
»Ich habe mich also geirrt. Es ist Gottes Wille. Kinder – ich befehle: Uljana ist für euch an Stelle der Mutter, hört ihr? Hilf ihnen um Christi willen, Ulja! Ach! Schickt die Fremden aus der Stube ...«
»Schweige still«, stöhnte die Bajmakowa gedehnt und kläglich und steckte ihm Eisstückchen in den Mund. »Es gibt hier keine Fremden.«
Der Vater schluckt Eis und sagt unschlüssig seufzend:
»Ihr seid nicht Richter über meine Sünde, sie aber ist unschuldig. Natalia, ich war mit dir streng. Nun, das tut nichts. Ich brauche eben Jungen. Petrucha, Aljoscha, seid einig! Seid freundlicher zu den Leuten. Es ist gutes Volk. Ausgesuchte Menschen. Aljoscha, heirate diese, deine ... es macht nichts!«
»Väterchen, verlaß uns nicht«, bittet Pjotr, niederkniend. Alexej stößt ihn aber in den Rücken und flüstert:
»Was fällt dir ein? Ich glaube es nicht ...«
Natalia zerkleinert mit einem Küchenmesser Eis in einer Messingschüssel. Die krachenden Schläge werden vom Klingen des Metalls und von Natalias Schluchzen begleitet. Nikita sieht ihre Tränen auf das Eis fallen. Ein gelber Sonnenstrahl ist ins Zimmer gedrungen, wird vom Spiegel zurückgeworfen und zittert als formloser Fleck an der Wand, in dem Bestreben, die Gestalten der roten Chinesen mit den langen Schnurrbärten von der wie der Nachthimmel blauen Tapete wegzuwischen.
Nikita steht am Fußende des Bettes und wartet, daß der Vater sich seiner erinnere. Die Bajmakowa kämmt Iljas dichtes, krauses Haar, oder sie wischt ihm mit einer Serviette bald das unablässig aus dem Mundwinkel herabsickernde Blut, bald die Schweißtropfen von der Stirn und den Schläfen ab; sie flüstert ihm etwas in die getrübten Augen, sie flüstert es heiß wie ein Gebet; er aber legt die eine Hand auf ihre Schulter, die andere auf das Knie und formt mit der schweren Zunge die letzten Worte:
»Ich weiß. Christus erlöse dich! Beerdigt mich auf unserem eigenen Kirchhof, nicht in der Stadt. Ich will nicht dorthin, zu ihnen ...«
Und er flüsterte mit großer, flammender Trauer:
»Ach, ich habe mich geirrt, mein Gott ... Ich habe mich geirrt ...«
Es kam der große, untersetzte Geistliche, mit einem Christusbart und mit traurigen Augen:
»Warte, Vater«, sagte Artamonow und wandte sich wieder an die Kinder:
»Kinder, teilt das Gut nicht! Seid einig! Das Werk verträgt keine Feindschaft. Pjotr, du bist der Älteste, du trägst die Verantwortung für alles, hörst du? Geht hinaus ...«
»Nikita ...« erinnerte die Bajmakowa.
»Habt Nikita lieb! Wo ist er? Geht! Später ... Auch Natalia ...«
Er starb am Nachmittag an Verblutung, als die Sonne noch freundlich strahlend im Zenit stand. Er lag mit erhobenem Kopf und besorgt gerunzeltem, wächsernem Gesicht da, und die nicht fest geschlossenen Augen schienen sinnend auf die breiten, demütig auf der Brust gefalteten Hände zu schauen.
Es kam Nikita vor, als ob alle im Hause durch diesen Tod weniger gekränkt und erschreckt als überrascht waren. Dieses stumpfe Staunen fühlte er in allen, bis auf die Bajmakowa; die saß schweigend, ohne Tränen, beim Verschiedenen, als wäre sie erfroren und für alles taub; sie hielt die Hände auf den Knien und blickte unablässig in das steinerne, vom Schnee des Bartes umrahmte Antlitz.
Pjotr erschien jetzt größer und sprach in überflüssiger, unpassender Weise viel zu laut, wenn er das Zimmer betrat, in dem der Vater lag und in dem Nikita abwechselnd mit einer dicken Nonne Klagegesänge aus dem Psalmenbuch vorlas. Pjotr warf einen fragenden Blick auf das Gesicht des Vaters, bekreuzte sich, ging nach zwei, drei Minuten vorsichtig wieder hinaus, und bald darauf tauchte seine stämmige Gestalt im Garten und im Hof auf, wo er etwas zu suchen schien.
Alexej war eifrig mit den Vorbereitungen zum Leichenbegängnis beschäftigt, ritt im Galopp in die Stadt, lief, wenn er heimkam, in die Stube und befragte Uljana nach den Vorschriften für Beerdigung und Leichenfeier. »Warte noch,« sagte sie, und Alexej verschwand verschwitzt und müde. Dann kam Natalia und bot der Mutter schüchtern und mitleidig Tee und Essen an. Sie hörte ihr aufmerksam zu und sagte:
»Warte noch.«
Nikita hatte bei Lebzeiten des Vaters nicht gewußt, ob er ihn liebte, er hatte ihn nur gefürchtet, obwohl diese Furcht ihn nie daran hinderte, die leidenschaftliche Tätigkeit dieses Menschen zu bewundern, der zu ihm unfreundlich war und der kaum zu merken schien, ob der bucklige Sohn noch lebte.
Jetzt glaubte Nikita aber, daß er als einziger den Vater auf die richtige Weise innig geliebt hatte; er war von tiefer Trauer erfüllt, als wäre ihm durch den plötzlichen Tod dieses starken Menschen eine grausame und rohe Kränkung angetan worden; diese Trauer und die Kränkung benahmen ihm fast den Atem. Er saß in der Ecke auf einem Koffer, wartete, bis die Reihe, aus dem Psalter zu lesen, an ihn kam, wiederholte im Geiste die bekannten Worte der Psalmen und blickte um sich. Das Zimmer war von warmem Dunkel erfüllt, in dem die Wachskerzen wie gelbliche, lebendige Blumen zitterten. An den Wänden reihten sich die Chinesen mit den langen Schnurrbärten kunstvoll aneinander und trugen auf Schulterstangen Teekisten, auf jedem Tapetenstreifen befanden sich achtzehn Chinesen, je zwei in einer Reihe, die Reihen stiegen abwechselnd zur Zimmerdecke hinauf und wieder herab. Auf die Wand fiel öliger Mondschein, in dem die Chinesen unternehmender erschienen und rascher hinauf- und herabstiegen.
Plötzlich vernahm Nikita durch das eintönige Hinströmen der Psalmenworte hindurch die halblaute, hartnäckige Frage:
»Ist er denn wirklich gestorben? Herrgott?«
Das war Uljana, und ihre Stimme klang so erschütternd kummervoll, daß die Nonne im Lesen innehielt und schuldbewußt antwortete:
»Er ist gestorben, Mütterchen, er ist nach Gottes Willen gestorben ...«
Das war nicht zu ertragen. Nikita erhob sich und verließ geräuschvoll das Zimmer; er war über die Nonne aufgebracht und nahm dieses häßliche und beschwerende Gefühl mit.
Am Tor saß Tichon auf einer Bank; er brach mit den Fingern von einem großen Holzstück kleine Späne ab, steckte sie in den Sand und trieb sie durch Fußstöße immer tiefer hinein, bis sie unsichtbar wurden. Nikita setzte sich neben ihn und sah schweigend seiner Arbeit zu; sie erinnerte ihn an den unheimlichen Stadtnarren Antonuschka: dieser zottige Bursche, dessen eines Bein im Knie ausgerenkt war, und der ein dunkles Gesicht und die runden Augen eines Uhus hatte, zeichnete mit dem Stock Kreise in den Sand, um deren Mittelpunkt er aus Spänen und Gerten Käfige verfertigte; sowie er aber etwas fertiggebaut hatte, zertrat er es mit dem Fuß und scharrte Sand und Staub darüber, wobei er näselnd sang:
»Chiristus ist erstanden, ist erstanden!
Der Reisewagen hat ein Rad verloren.
Butyrma, eia popeia, bustarma,
Eia, eia popeia, Chiristus.«
»Ja, das ist so eine Sache, nicht?« sagte Tichon, schlug sich auf den Hals und tötete eine Mücke; darauf wischte er sich die Hand am Knie ab, sah auf den an einem Weidenzweig über dem Fluß hängengebliebenen Mond und ließ dann seine Augen auf dem massigen Körper des Kessels ruhen.