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Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]

Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:

Kriminalsekretär Joseph Quellen, Angestellter Klasse VII, besitzt eindeutige Beweise für die Existenz der Zeitspringer: Die alten Polizeiakten des Jahres 1979. Sie berichten vom Auftauchen seltsam gekleideter Frauen und Männer, die nach scharfen Verhören gestehen, aus dem 25. Jahrhundert geflüchtet zu sein, um dem hoffnungslosen Leben unter dem Regime der Maschinen zu entgehen. Kriminalsekretär Quellen befindet sich in einer Zwangslage. Er soll die illegale Organisation der Zeitreisenden zerschlagen — darf aber durch sein Eingreifen kein Zeitparadoxon verursachen, das das Regime in seinen Grundfesten erschüttern würde.
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In der Weihnacht, der Geburtsstunde des Herrn, vernahm man Donner und Blitz wie noch nie zuvor. Und zu Andover wurde ein Pfaffe um Mitternacht vor versammelter Gemeinde vom Blitz niedergeschlagen, ohne daß er verletzt wurde … und zwischen seinen Füßen lief ein Wesen hin und her, das wie ein Schwein aussah …

Brogg hatte einen Parallelfall in den Annales Francorum Regium des Mönches Bertin gefunden. In einem Eintrag des Jahres 856 stand zu lesen:

Im August las Teotogaudus, Bischof zu Trier, vor Klerikern und Laien das Hochamt, als eine gar schreckliche Wolke, begleitet von Donner und Blitz, die ganze Kirchengemeinde erschreckte und das Geläute der Glocken übertönte. Die ganze Kirche wurde so von Dunkelheit erfüllt, daß die Menschen kaum ihre Nachbarn sehen konnten. Und plötzlich erschien ein riesiger Hund aus einer Öffnung in der Erde und rannte um den Altar herum.

Schweine? Hunde? Ob es die ersten Versuche waren, Lebewesen in die Vergangenheit zu befördern? Er konnte sich vorstellen, daß die Maschine noch neu und unerprobt war und daß man zuerst Tiere in das Feld gebracht hatte. Diese Tiere waren es dann, die die abergläubischen Menschen des Mittelalters zu Tode erschreckt hatten. Wahrscheinlich waren anfangs Irrtümer in der Berechnung der Zeit noch häufig vorgekommen, denn mit Absicht hatten die Erfinder der Maschine die Tiere und Menschen bestimmt nicht in ein Zeitalter jenseits der Industrierevolution versetzt.

Aber Broggs Material enthielt nicht nur Episoden aus dem Mittelalter. Eine ganze Menge Beispiele stammten aus späteren Zeiten. Quellen studierte den Fall eines jungen Mädchens, das an einem Aprilabend im Jahre 1817 vor einer Hütte in Bristol erschienen war und in »einer fremden Sprache« um Essen gebettelt hatte.

Woher wußte man dann, was sie wollte? Die Spule gab keine Antwort darauf. Quellen erfuhr statt dessen, daß man das unverständlich redende Mädchen vor den Magistrat, einen gewissen Samuel Worral, gebracht hatte, der sie zu sich ins Haus nahm, anstatt sie wegen Landstreicherei zu verhaften. (Verdächtig! fand Quellen.) Er fragte sie gründlich aus. Sie schrieb ihre Antworten in einer unbekannten Schrift, die Symbole wie Kämme, Vogelkäfige und Bratpfannen aufwies. Sprachforscher versuchten ihre Worte zu analysieren. Schließlich kam ein Mann, den man als »Gentleman aus Westindien« beschrieb. Er befragte sie in malayischer Sprache und bekam verständliche Antworten.

Sie sei, so erklärte sie, die Prinzessin Caraboo, die von Piraten aus ihrer javanischen Heimat entführt worden war und nach vielen Abenteuern in England an Land flüchten konnte. Durch den »Gentleman aus Westindien« übermittelte die Prinzessin viele Einzelheiten des Lebens in Java. Dann aber meldete sich eine Frau aus Devonshire, eine gewisse Mrs. Willcocks, die erklärte, bei dem Mädchen handle es sich in Wirklichkeit um ihre im Jahre 1791 geborene Tochter Mary. Mary Willcocks gestand ihren Betrug und wanderte nach Amerika aus.

Brogg hatte einen Zettel beigelegt, auf dem er zu folgendem Schluß kam:

»Wegen der Behörden mußte hier ein komplizierter Betrug stattfinden. Ein Mädchen erschien auf geheimnisvolle Weise. Ein Mann meldete sich und behauptete, ihre Sprache zu verstehen. Eine ältere Frau erklärte alles als Schwindel. Aber die Berichte stimmen nicht. Das Mädchen könnte eine Besucherin aus der Zukunft gewesen sein und der ›Gentleman aus Westindien‹ ein weiterer Zeitwanderer, der versuchte, ihre Herkunft zu verschleiern, indem er sie als Prinzessin von Java ausgab. Als die Sache allmählich gefährlich wurde, trat eine dritte Zeitreisende auf, die retten wollte, was noch zu retten war. Wie viele Zeitreisende gab es wohl im Jahre 1817?«

Quellen hatte das Gefühl, daß Brogg eine etwas zu rege Phantasie besaß. Er sah sich den nächsten Fall an.

Cagliostro: Er erschien in London, später in Paris und sprach mit einem unbekannten Akzent. Überirdische Kräfte. Aggressiv, begabt, unkonventionell. Man beschuldigte ihn, daß er in Wirklichkeit Joseph Balsamo, ein sizilianischer Bandit sei. Man konnte es jedoch nie beweisen. Er verdiente sich im Europa des achtzehnten Jahrhunderts einen schönen Batzen Geld, indem er mit alchimistischen Pülverchen, Liebestränken, Jugendelixieren und anderen Mitteln handelte. Er wurde leichtsinnig, kam 1785 in die Bastille, floh, besuchte andere Länder, wurde wieder verhaftet und starb 1795 im Gefängnis. Ein Betrüger? Ein Quacksalber? Ein Zeitreisender? Alles war möglich. Alles, dachte Quellen traurig, sobald man sich einmal näher mit diesen Vorfällen befaßte.

Kaspar Hauser: Er schwankte an einem Mainachmittag des Jahres 1828 durch die Straßen von Nürnberg. Offensichtlich sechzehn bis siebzehn Jahre alt. (Etwas jung für einen Zeitreisenden, dachte Quellen. Vielleicht täuschte die Erscheinung.) Er konnte nur zwei Sätze in deutscher Sprache sagen. Als man ihm einen Bleistift und Papier gab, schrieb er: »Kaspar Hauser«. Man nahm an, daß dies sein Name sei. Er kannte die einfachsten Gegenstände nicht und war mit dem Alltagsleben nicht im geringsten vertraut. Zweifellos durch einen Irrtum der Zeitmaschine in der falschen Epoche gelandet.

Aber er lernte schnell. Eine Zeitlang behielt man ihn wegen Landstreicherei im Gefängnis, dann übergab man ihn einem Lehrer, Professor Daumer. Er lernte ausgezeichnet Deutsch und schrieb einen autobiographischen Bericht, in dem er erklärte, er sei in einer kleinen dunklen Zelle aufgewachsen und habe von Brot und Wasser gelebt. Aber der Polizist, der ihn gefunden hatte, erklärte: »Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe. Er erschien weder blaß noch schwach wie jemand, der längere Zeit eingesperrt gewesen war.«

Viele Widersprüche. Ganz Europa horchte auf. Jeder hatte seine eigene Version über die geheimnisvolle Herkunft des Kaspar Hauser. Einige sagten, er sei der Kronprinz von Baden, den die morganatische Frau des Großherzogs hatte entführen lassen. Das wurde geleugnet. Schließlich erbrachte man sogar einen Gegenbeweis. Andere behaupteten, er sei ein Schlafwandler oder Verrückter. Oktober 1829: Kaspar Hauser wird mit einer Wunde an der Stirn aufgefunden, die ihm angeblich ein Mann in einer schwarzen Maske beigebracht hat. Polizisten bewachen ihn. Verschiedene weitere Attentate. 14. Dezember 1833: Kaspar Hauser wird sterbend in einem Park gefunden. Er hat eine tiefe Stichwunde in der linken Brust. Behauptet, ein Fremder habe ihn angegriffen. Im Park wird nicht die Spur einer Waffe gefunden. Auch Fußabdrücke sind nicht zu sehen. Man vermutet, daß er sich die Wunde selbst beigebracht hat. Ein paar Tage später stirbt er mit den Worten: »Mein Gott! Daß ich so in Schmach und Schande sterben muß!«

Quellen spannte die Spule aus. Schweine, Hunde, Prinzessin Caraboo, Kaspar Hauser — es war ganz unterhaltend. Man konnte zu der Überzeugung kommen, daß in der ganzen menschlichen Geschichte Zeitreisende herumirrten — nicht nur in einer Periode zwischen 1979 und 2106. Schön. Aber diese Tatsachen trugen wenig dazu bei, Quellens unmittelbare Probleme zu lösen.

Er wählte Judiths Nummer. Ihr Gesicht erschien auf dem Bildschirm, blaß, nüchtern, ernst. Man konnte Judith keineswegs hübsch nennen. Ihr Nasenansatz war zu hoch, die Stirn etwas vorgewölbt, die Lippen wirkten schmal, und das Kinn war zu lang. Ihre Augen standen sehr weit auseinander. Aber dennoch war sie sehr anziehend. Quellen hatte schon ernsthaft überlegt, ob er sich in sie verlieben sollte. Doch das hatte seine Schattenseiten. Wenn er einem Menschen seine Gefühle anvertraute, mußte er über kurz oder lang sein Versteck in Afrika verraten. Und das wollte er nicht. Judith dachte sehr streng. Sie würde ihn vielleicht anzeigen.

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