Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
Ein paar Minuten lang drehte sich das Gespräch um familiäre Dinge. Helaine sprach von den Kindern, von ihrem Leben, von ihren Interessen. Quellen sagte nur wenig. Er war Junggeselle, was die Kluft zwischen ihnen noch vertiefte. Helaine wußte, daß ihr Bruder eine Freundin namens Judith hatte, aber er sprach nur selten von ihr und schien auch nicht sehr oft an sie zu denken. Manchmal hegte Helaine den Verdacht, daß es diese Judith gar nicht gab, daß sie nur eine Tarnung für irgendein heimliches Laster war — homosexuelle Beziehungen vielleicht.
Sie brachte das Geplauder zu einem Ende, indem sie direkt nach Judith fragte. »Wie geht es ihr? Du wolltest uns doch einmal mit ihr besuchen, Joe.«
Quellen sah sie bei der Erwähnung ebenso unbehaglich an wie Norm, als sie ihn wegen des Zettels gefragt hatte. Er antwortete ausweichend. »Ich habe es ihr vorgeschlagen. Sie möchte dich und Norm gern einmal kennenlernen, aber im Augenblick ist es ungünstig. Judith ist mit Kindern etwas nervös. Aber ich bin sicher, daß wir uns noch einmal treffen.« Wieder dieses unsichere, hohle Lächeln. Dann ließ er das heikle Thema fallen und kam zur Sache. »Du hast doch nicht einfach so vorbeigesehen, Helaine?«
»Nein. Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Die Nachrichtenbänder sagen, daß du die Nachforschungen über die Zeitreisen leitest.«
»Ja. Das stimmt.«
»Norm will den Sprung machen.«
Quellen richtete sich steif auf. Seine linke Schulter schien etwas höher als die rechte. »Wie kommst du auf die Idee? Hat er dir das selbst gesagt?«
»Nein, natürlich nicht. Aber ich vermute es. Er ist in letzter Zeit so deprimiert, weil er keine Arbeit findet.«
»Das ist nichts Neues bei ihm.«
»Es ist aber schlimmer als zuvor. Du solltest mal seine Gespräche hören. Er ist so verbittert, Joe. Er bringt nur noch Unsinn vor, einfach zusammenhanglose, böse Worte. Ich wollte, du könntest es dir anhören. Über kurz oder lang kommt es bei ihm zum Zusammenbruch. Ich spüre, wie sich sein Ärger staut.« Sie zuckte zusammen. Der Stuhl begann sie wieder zu massieren. »Er hat jetzt seit Monaten keine Arbeit mehr, Joe.«
»Ich weiß«, sagte Quellen. »Die Hohe Regierung arbeitet einen Plan aus, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.«
»Schön und gut. Aber inzwischen hat Norm nichts zu tun, und ich glaube nicht, daß er es noch lange aushält. Er ist mit den Zeitreise-Agenten in Kontakt, und er wird den Sprung machen. Vielleicht steigt er sogar in diesem Augenblick in die Maschine.«
Ihre Stimme war schrill geworden. Sie konnte das Echo hören. Sie hatte das Gefühl, daß ihre Nerven jeden Augenblick durch die Haut dringen würden.
Quellens Miene hatte sich verändert. Er holte Luft, um sich zu entspannen und beugte sich freundlich vor. Seine Miene war die eines Psychiaters. Helaine erwartete, daß er sagen würde: »Wollen wir nun versuchen, dieser Wahnvorstellung auf den Grund zu gehen?« Statt dessen sagte er sanft: »Vielleicht regst du dich unnötig auf, Helaine. Wie kommst du auf den Gedanken, daß er mit den Verbrechern zusammenarbeiten könnte?«
Sie erzählte ihm von dem Zettel und Norms merkwürdiger Reaktion auf ihre Frage. Als sie den Inhalt zitierte, bemerkte Helaine zu ihrer Überraschung, daß Joes freundlicher Blick einen Augenblick angstvoll wurde. Dann hatte er sich wieder gefangen. Aber es war zu spät. Helaine war eine scharfe Beobachterin menschlicher Reaktionen.
»Du kennst diesen Lanoy?« fragte sie.
»Zufällig habe ich einen der Zettel gesehen, Helaine. Sie sind weit verbreitet. Man geht auf eine Schnellbootrampe, und plötzlich kommt jemand auf einen zu und drückt einem so ein Ding in die Hand. Sicher hat Norm es auf die gleiche Weise bekommen.«
»Und es ist eine Anzeige der Zeitreise-Agenten, nicht wahr?«
»Ich habe keinen Grund, das anzunehmen«, sagte er gedehnt. Man sah ihm an, daß er log.
»Aber du stellst doch Nachforschungen über Lanoy an? Ich meine, wenn er sich wirklich verdächtig macht …«
»Ja, wir überprüfen ihn. Und ich wiederhole, Helaine, daß wir bis jetzt noch keinen Grund zu der Annahme haben, Lanoy könnte mit den Zeitreisen zu tun haben.«
»Aber Beth Wisnack sagte, daß ihr Mann vor seinem Verschwinden dauernd von Lanoy sprach.«
»Wer?«
»Wisnack. Einer, der erst kürzlich den Sprung machte. Beth sagte mir rundheraus, daß Lanoy für Buds Verschwinden verantwortlich sei. Sie sagte auch, daß Norm bestimmt gehen würde.« Erregt rutschte Helaine auf dem Sessel hin und her. Das Gehirn des Stuhles nahm die Bewegung auf und begann sie wieder zu massieren.
»Wir können sehr leicht nachprüfen, ob Norm unter die Zeitreisenden gehen will«, meinte Quellen. Er drehte sich herum und hielt ihr eine Spule hin. »Hier ist eine komplette Aufzeichnung aller Zeitreisenden, die in der Vergangenheit registriert wurden. Die Liste wurde erst kürzlich für mich angefertigt, und ich hatte natürlich noch keine Zeit, sie vollständig durchzugehen. Sie enthält Hunderttausende von Namen. Aber wenn Norm den Sprung machte, werden wir es hier sehen.«
Er schaltete die Spule ein und begann sie durchzusehen. Halblaut murmelte er die alphabetisch geordneten Namen vor sich hin. Helaine saß steif da, während Quellen dem Buchstaben P immer näher kam. Ob er ihn fand?
Wenn Norm verschwunden war, mußte sich sein Name hier befinden. Sein Schicksal mußte hier zu lesen sein — sein Geschick und das ihre. Auf einer Kunststoffrolle. Sie würde erfahren, daß ihre Ehe dreihundert Jahre, bevor sie endete, zum Scheitern verurteilt war. Sie würde erfahren, daß der Name ihres Mannes vor Jahrhunderten eingetragen worden war — als der Name eines Flüchtlings aus dieser Zeit. Weshalb hatte man die Listen nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht? Sie wußte es. Weil die Erkenntnis auf den Betroffenen lasten würde, weil sie unter dem Schatten dieses Wissens aufwachsen müßten.
»Siehst du?« sagte Quellen triumphierend. »Er steht nicht auf der Liste.«
»Heißt das, daß er den Sprung nicht gemacht hat?«
»Ich würde es behaupten.«
»Aber kannst du sicher sein, daß wirklich alle Zeitreisenden registriert wurden?« fragte Helaine. »Was ist, wenn eine ganze Menge so davonkamen?«
»Möglich wäre es natürlich.«
»Und die Namen«, fuhr sie fort. »Wenn Norm in der Vergangenheit einen falschen Namen angab, dann würdest du ihn auch nicht auf der Liste finden. Habe ich recht?«
Quellen sah sie düster an. »Es besteht immer die Möglichkeit, daß er unter einem Pseudonym lebte«, gab er zu.
»Du weichst mir aus, Joe. Du kannst einfach nicht sicher sein, ob er die Reise machte. Auch nicht mit der Liste.«
»Und was soll ich tun, Helaine?«
Sie atmete tief ein. »Du könntest Lanoy festnehmen, bevor er Norm in die Vergangenheit schickt.«
»Ich muß Lanoy erst finden«, stellte Quellen fest. »Und dann muß ich ihm beweisen, daß er mit der Sache zu tun hat. Bis jetzt haben wir nicht den geringsten Beweis — nur deine Vermutungen.«
»Dann verhafte Norm.«
»Was?«
»Hänge ihm irgendein Vergehen an und sperre ihn ein. Gib ihm ein paar Jahre Therapieaufenthalt in einer Anstalt. Dann ist er aus dem Verkehr gezogen, bis die Zeitreise-Affäre vorbei ist. Nenne es meinetwegen Schutzhaft.«
»Helaine, ich kann das Gesetz nicht willkürlich anwenden. Auch nicht bei meiner Familie.«