Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
»Hast du dich vor mir versteckt, Joe?« fragte sie.
»Ich war sehr beschäftigt. Arbeit über Arbeit. Es tut mir leid, Judith.«
»Übernimm dich nicht. Ich bin auch allein ganz gut zurechtgekommen.«
»Das glaube ich gern. Was macht dein Arzt?«
»Dr. Galuber? Dem geht es gut. Er würde dich gern kennenlernen, Joe.«
Quellen versteifte sich. »Tut mir leid, Judith, ich glaube nicht, daß ich eine therapeutische Behandlung brauche.«
»Schon zum zweitenmal, daß dir etwas leid tut.«
»Es tut mir …«, begann Quellen, und dann lachten sie beide.
»Du solltest Dr. Galuber auch privat kennenlernen«, sagte Judith. »Er kommt zu unserem nächsten Treffen.«
»Und wann findet das statt?«
»Heute abend. Kommst du hin?«
»Du weißt, daß ich den Erbrechens-Kult nicht sonderlich reizvoll finde, Judith.«
Sie lächelte frostig. »Ich weiß. Aber es wird Zeit, daß du ein wenig aus deinem Schneckenhaus hervorkommst. Du bist zu viel allein, Joe. Wenn du Junggeselle bleiben willst, ist das deine Sache, aber deswegen brauchst du doch nicht gleich wie ein Eremit zu leben.«
»Wenn ich eine Münze in einen therapeutischen Komputer stecke, bekomme ich den gleichen tiefschürfenden Rat.«
»Schon möglich. Kommst du nun zu unserem Treffen?«
Quellen dachte an den Fall, den er erst vor einer Stunde studiert hatte — an dem ein Kult-Teilnehmer Glaskristalle verteilt und die Todesqualen seiner Kultgenossen beobachtet hatte. Er stellte sich vor, wie er sich vor Schmerzen wand, während Judith herzzerbrechend weinte und klagte, wie es ihr Kult gebot.
Er seufzte. Eigentlich hatte sie recht. In letzter Zeit hatte er zu allein gelebt. Er mußte einmal von der Arbeit Abstand gewinnen.
»Gut«, sagte er. »Ich komme zu eurem Treffen, Judith.«
9
Stanley Brogg hatte einen turbulenten Tag gehabt.
Der Untersekretär bearbeitete mehrere von Quellens heißen Fällen gleichzeitig, aber das machte ihm nichts aus. Er liebte die Arbeit. Insgeheim hatte er das Gefühl, daß er und Spanner die Abteilung in Schwung hielten. Sie gehörten beide der gleichen Kategorie an — große, unerschütterliche Männer, die mit Methode arbeiteten und in Krisenzeiten die Nerven nicht verloren, weil sie zuviel Fett besaßen, um sich aufzuregen. Natürlich, Spanner stand an der Verwaltungsspitze, während er nur ein kleiner Angestellter war. Spanner war Klasse Sechs, Brogg Klasse Neun. Und doch betrachtete sich Brogg als Spanners Kampfgenosse.
Die beiden anderen, Koll und Quellen, waren eigentlich überflüssig. Koll war boshaft und haßerfüllt, ein Mensch, der aus Rache für seine häßliche, kleine Gestalt überall sein Gift verspritzte. Er hatte natürlich seine Fähigkeiten, aber seine Neurose machte ihn gefährlich und nutzlos. Wenn jemand eine Zwangstherapie brauchte, dann war es Koll. Brogg verglich ihn oft mit Tiberius: ein Mensch voll Verachtung und Gefährlichkeit, nicht gerade verrückt, aber doch so sonderbar, daß man ihn meiden sollte.
Wenn er Koll mit Tiberius verglich, dann war Quellen Claudius: liebenswürdig, intelligent und schwach. Brogg verachtete seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Quellen war ein Zauderer, der nicht auf seinen Posten paßte. Hin und wieder konnte er mit Energie und Entschlossenheit vorgehen, aber das waren Ausnahmen. Brogg tat seit Jahren Quellens Arbeit, sonst wäre die Abteilung schon längst ruiniert.
Eines allerdings überraschte an Quellen: Er war zu einem Verbrechen fähig. Das hatte Brogg verblüfft. Er hatte es nicht für möglich gehalten. Ein Fleckchen in Afrika — dazu mußte man Eintragungen fälschen, einen illegalen Stati-Dienst von Appalachia nach dem Kongo einrichten, Ausreden erfinden und vieles mehr. Das zweite Leben, das Quellen in Afrika lebte, erschien Brogg so kühn, daß er immer noch nicht verstehen konnte, wie sein schwächlicher Vorgesetzter das alles zuwege gebracht hatte. Die einzige Erklärung war, daß Quellen sich so von dem Leben in Appalachia abgestoßen fühlte, daß er alles riskierte, um ihm zu entfliehen. Selbst ein Feigling konnte zu unerwarteter Größe wachsen, wenn seine Bequemlichkeit bedroht wurde.
Brogg hatte Quellens großes Geheimnis rein durch Zufall entdeckt, obwohl natürlich eine gewisse Verräterei dabeigewesen war. Er hatte eine Zeitlang geahnt, daß mit Quellen etwas nicht stimmte, aber er hatte nicht gewußt, worum es sich handelte. Er hatte auf eine verbotene religiöse Aktivität getippt und vermutet, daß Quellen einer jener Sekten angehörte, die in dunklen Häusern zusammenkamen, um Flaming Bess, die abscheuliche Feuergöttin, zu verehren.
Brogg wußte nichts Bestimmtes, aber er bemerkte an Quellens Benehmen eine eigenartige Zurückhaltung und Verteidigungsbereitschaft, und er nahm sich vor, die Situation zu seinem Vorteil auszunützen. Er hatte hohe Ausgaben. Brogg war ein Mensch mit einem Hang zur Wissenschaft. Er beschäftigte sich gründlich mit der römischen Antike und sammelte Bücher und Münzen. Es kostete viel Geld, heutzutage noch etwas Echtes aufzutreiben. Brogg lebte immer am Rande des Bankrotts. Und so war ihm der Gedanke gekommen, Quellen anzuzapfen.
Zuerst hatte Brogg mit Quellens damaligem Zimmergenossen gesprochen — denn Quellen war noch nicht befördert worden und mußte wie jeder Junggeselle seiner Klasse die Wohnung mit einem anderen teilen. Bruce Marok hatte zwar auch das Gefühl, daß etwas Merkwürdiges vorging, aber er konnte keine Einzelheiten verraten. Er schien wirklich nicht viel zu wissen. Dann kam Quellens Beförderung, und Marok konnte nicht mehr spionieren.
Brogg kam auf die Idee, seinem Boß einen Horcher zu verpassen. Und nun konnte er in Ruhe abwarten.
Die Wahrheit kam ziemlich bald heraus. Quellen hatte unter einem Pseudonym ein Stück Land in Afrika erworben. Der größte Teil Afrikas war als Privatland für die Mitglieder der Hohen Regierung reserviert — besonders der tropische Teil, der während des Sporenkriegs vor mehr als hundertfünfzig Jahren völlig entvölkert worden war. Quellen hatte sich sein Stück vom großen Kuchen abgeschnitten. Er hatte sich ein Haus bauen lassen und konnte mit einem verbotenen Stati-Feld im Nu über den Atlantik flitzen. Natürlich würde Quellens Versteck eines Tages von den Überwachungstruppen entdeckt werden. Aber dieser Teil des Landes sollte erst in etwa fünfzig Jahren neu untersucht werden, und bis dahin bestand wenig Gefahr für Quellen.
Brogg verbrachte ein paar spannende Wochen mit der Verfolgung von Quellens Bewegungen. Er hatte zuerst angenommen, Quellen würde Frauen in sein Versteck mitnehmen und kultische Orgien feiern, aber nein, er ging allein hin. Er suchte einfach Frieden und Einsamkeit. Irgendwie hatte Brogg Verständnis für Quellens Wunsch. Aber er hatte auch seine eigenen Wünsche, und er war kein übermäßig sentimentaler Mensch. So ging er zu Quellen.
»Denken Sie an mich, wenn Sie das nächste Mal nach Afrika gehen«, sagte er einfach. »Ich beneide Sie, Kriminalsekretär.«
Quellen keuchte erschrocken. Dann fing er sich wieder. »Afrika? Wovon sprechen Sie denn, Brogg? Was sollte ich in Afrika?«
»Ausspannen, der Menge entfliehen. Habe ich recht?«
»Ich finde Ihre Anschuldigungen unpassend.«
»Ich habe Beweise«, sagte Brogg. »Wollen Sie sie hören?«
Schließlich trafen sie eine Übereinkunft. Für eine großzügige monatliche Zahlung würde Brogg den Mund halten. Das war vor ein paar Monaten gewesen, und Quellen zahlte seitdem regelmäßig. Solange er es tat, hielt Brogg seine Abmachung ein. Er hatte kein Interesse daran, Quellen anzuzeigen. Als Geldquelle war er ihm weit nützlicher als in irgendeinem Rehabilitations-Zentrum. Da er seine Studien durch Quellens Schweigegeld leichter fortsetzen konnte, hoffte Brogg, daß niemand sonst hinter das Geheimnis kommen würde. Das würde einen Verlust seines zusätzlichen Einkommens bedeuten. Vielleicht steckte man ihn als Mitwisser sogar ins Gefängnis. Und so wachte Brogg wie ein Schutzengel über Quellen und deckte ihn vor den forschenden Blicken anderer.