Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
Brogg wußte natürlich, daß Quellen ihn haßte und fürchtete. Es machte ihm nichts aus. An verschiedenen Orten hatte er Bänder mit Quellens Schuldbekenntnis versteckt, die so programmiert waren, daß sie automatisch der Hohen Regierung zukamen, wenn Brogg etwas zustoßen sollte. Quellen wußte das. Quellen konnte nichts tun. Er war sich darüber im klaren, daß die teuflischen kleinen Kästen sich in Bewegung setzen würden, sobald ihre Sensoren nicht mehr den Alphastrom von Stanley Brogg spürten. Sie würden sich in Bewegung setzen und an der richtigen Stelle ihre Anschuldigungen vorbringen.
Weder Quellen noch Brogg machten je Erwähnung von ihrem seltsamen Abkommen. Im Büro ging die Arbeit ungestört weiter, obwohl sich Brogg hin und wieder eine versteckte Anspielung erlaubte. Aber im allgemeinen nahm er Quellens Befehle entgegen und führte sie aus.
Wie zum Beispiel bei der Zeitreise-Affäre.
Er hatte die letzten Tage damit verbracht, den potentiellen Zeitreisenden Donald Mortensen aufzuspüren, der am vierten Mai den Sprung wagen sollte. Quellen hatte Brogg aufgetragen, den Fall mit äußerster Vorsicht anzugehen. Brogg wußte, weshalb. Er war klug genug, um die Konsequenzen vorherzusehen, die sich ergeben konnten, wenn man Mortensen an der Abreise hinderte. Schließlich stand er auf der Liste der Reisenden. Brogg war selbst noch einmal das Material durchgegangen, das er Quellen zur Verfügung gestellt hatte. Wenn man einen Menschen aus dem Gefüge nahm, konnte die ganze Welt einstürzen. Brogg wußte das. Zweifellos war sich auch Quellen darüber im klaren. Wenn Kloofman oder Danton davon erfuhren, begannen sicher ein paar Beruhigungsspritzen in ihnen zu arbeiten. Eine Veränderung der Vergangenheit bedrohte den Status eines jeden in der Gegenwart, und diejenigen mit dem höchsten Status — also Danton und Kloofman — hatten am meisten zu befürchten und mußten sich am stärksten aufregen.
So ging Brogg vorsichtig zu Werk. Er war ziemlich sicher, daß die Hohe Regierung die Untersuchung einstellen ließ, sobald sie davon erfuhr. Aber inzwischen führte Brogg seinen Auftrag aus. Er konnte Quellen natürlich auch anschwärzen. Aber seine Gründe, Quellen bei Laune zu erhalten, waren doch mächtig.
Mortensen war schnell gefunden — ein hagerer, blonder Mann von achtundzwanzig Jahren mit hellblauen Augen und sehr dünnen, blonden Augenbrauen. Brogg stieß auf der Schnellbootrampe gegen ihn und befestigte dabei einen Horcher an ihm. Es war ein Splittermodell, das er in eine Narbe der Hand stach und das der Mann nie spüren würde. In ein paar Tagen löste es sich auf, aber die Zeit genügte, um eine Menge Informationen zu übertragen. Im Anbringen von Horchern war Brogg Meister.
Er schaltete das Abhörgerät ein und ließ Mortensens Tätigkeiten aufnehmen.
Es ging um einen Mann namens Lanoy. Brogg hörte Bruchstücke wie diese:
»… am Bahnhof mit Lanoy. Am Tag der Abreise …«
»… Lanoys Honorar wurde schon eingezahlt …«
»… sagen Sie Lanoy, daß ich in der ersten Maiwoche den Sprung machen möchte …«
»… ja, am See, wo ich ihn das letztemal traf.«
Mortensen war verheiratet. Klasse Zehn. Er mochte seine Frau nicht mehr. Amüsiert dachte Brogg, daß der Sprung in die Vergangenheit einer sofortigen Scheidung gleichkam. Der Horcher übermittelte ihm Sidna Mortensens schrilles Gejammer, und er mußte zugeben, daß für Mortensen der Sprung das beste war. Er stapelte eine Menge Informationen über den Zeitreisenden.
Und dann kam die Entscheidung. Von Kloofman über Giacomin, Koll und Quellen zu Brogg:
»Wir müssen Mortensen in Ruhe lassen. Wir sollen uns nicht um ihn kümmern. Das ist ein Befehl.«
Brogg sah Quellen fragend an. »Was soll ich tun? Wir erfahren von Mortensen eine ganze Menge.«
»Unterbrechen Sie die Nachforschungen.«
»Wir könnten es wagen, sie heimlich fortzuführen«, schlug Brogg vor. »Solange Mortensen nichts merkt, bekommen wir gute Hinweise von ihm. Natürlich mischen wir uns nicht ein, wenn er den Sprung wagt, aber …«
»Nein.«
Feigling! dachte Brogg. Du hast Angst vor der Hohen Regierung.
In einem Aufwallen anarchistischer Gefühle sah sich Brogg als Mörder von Donald Mortensen. Er würde es den Oberen zeigen! Wahrscheinlich brach alles zusammen wie damals, als Samson mit den Schultern an die Tempelsäulen stieß. Es hätte Brogg sicher amüsiert, wenn er gewußt hätte, daß der augenscheinlich so schwache Quellen den gleichen rebellischen Gedanken gehabt hatte. Es steckte eine große Macht in dem Wissen, daß ein kleiner Angestellter durch einen kleinen Ungehorsam die Sicherheit der Hohen Regierung aufs Spiel setzen konnte. Aber weder Quellen noch Brogg gaben ihren Impulsen nach. Gehorsam nahmen sie von einer weiteren Verfolgung Mortensens Abstand. Mortensen würde am vierten Mai in die Vergangenheit abreisen, und der Zeitablauf blieb erhalten.
Außerdem wurde Brogg auf eine neue Spur gesetzt.
Es war heute herausgekommen. Ein Prolet namens Brand, Klasse Fünfzehn, hatte in einem Saloon zu viel getrunken. Leeward, der sich selbst an der Theke erfrischte, hatte zugehört, wie Brand große Worte über Lanoy führte. So erhielt Leeward ohne technische Hilfsmittel einen wichtigen Hinweis und teilte ihn Brogg mit.
»Lassen wir uns diesen Brand einmal herkommen«, sagte Brogg, als Leeward fertig war. »Bleiben Sie im Büro. Ich hole ihn selbst.«
Brogg liebte diese Art von Arbeit. Er spürte Brand auf, sah ihn sich an und wog die Möglichkeiten der Annäherung ab. Nach einigem Zögern sonderte er ihn aus der Menge ab, wies sich als Regierungsmitglied aus und bat den Mann, ihm zu folgen. Brand sah ihn erschreckt an. »Aber was habe ich denn getan?« fragte er. »Nichts, gar nichts.«
»Wir wollen Ihnen ja nichts tun«, versprach ihm Brogg. »Wir stellen Ihnen nur ein paar Fragen.«
Er nahm Brand mit. Als er das Sekretariatsgebäude erreichte, erfuhr er, daß Quellen einen neuen Befehl gegeben hatte.
»Er will, daß wir seinem Schwager einen Horcher andrehen«, sagte Leeward.
Brogg grinste. »Nepotismus sogar bei der Verbrechensbekämpfung? Schämt sich der Mann überhaupt nicht?«
»Ich konnte es mir gar nicht erklären«, meinte Leeward ruhig. »Aber er sagt, daß sein Schwager die Absicht hat, den Sprung zu wagen. Das will er überprüfen. Deshalb sollen wir ihn mit einem Horcher versehen und den Monitor Tag und Nacht laufen lassen. Norman Pomrath heißt der Mann. Ich habe mir bereits die Unterlagen besorgt.«
»Schön. Wir kümmern uns sofort um Pomrath.«
»Pomraths angeblicher Kontaktmann ist Lanoy. Das sagte wenigstens Quellen.«
»Sieht so aus, als sei jeder in Kontakt mit Lanoy. Wußten Sie, daß sogar Quellen angesprochen wurde?« Brogg lachte. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, ihm zu sagen, daß auch Mortensen mit Lanoy verhandelte, aber es wird ihn wohl kaum überraschen. Und dieser Prolet, den Sie entdeckten, dieser Brand — auch er spricht von Lanoy. Durch einen von ihnen müssen wir an den Mann kommen.«
»Soll ich Pomrath einen Horcher verpassen?« erkundigte sich Leeward.
»Ich mache es selbst«, sagte Brogg. »Sie werden zugeben müssen, daß ich dafür eine besonders geschickte Hand habe.«
Das stimmte. Brogg bewegte sich für einen Mann seiner Fülle mit einer erstaunlichen Wendigkeit. Wie ein passionierter Taschendieb konnte sich Brogg seinen Opfern in einem Schnellboot nähern und den Horcher an den verschiedensten Stellen anbringen. Es war eine Begabung, die ihm gute Dienste geleistet hatte, als er Quellens Geheimnis ausspionierte. Mit Mortensen war er ähnlich elegant fertiggeworden. Nun kam also Pomrath an die Reihe. Brogg ging ins Labor und ließ sich die neuesten Horchermodelle zeigen.
»Hier ist ein hübsches Stück«, erklärte der Techniker stolz. »Wir haben es eben erst hergestellt. Der Abhörmechanismus ist in ein Stückchen pseudolebendes Glas eingebaut. Das Ergebnis dürfte einmalig sein. Sehen Sie sich die Sache nur an.«