Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Natascha, jetzt kommst du an die Reihe. Singe mir doch etwas vor«, hörte man die Stimme der Gräfin. »Was hockt ihr denn da zusammen? Gerade wie Verschwörer.«
»Mama, ich habe gar keine Lust dazu«, sagte Natascha, stand aber trotzdem auf.
Alle, selbst der alte Dümmler, hatten keine Lust, das Gespräch abzubrechen und aus ihrem Sofawinkel hervorzukommen, aber Natascha stand auf, und Nikolaj setzte sich ans Klavier. Wie immer wählte Natascha den für die Resonanz vorteilhaftesten Platz, stellte sich mitten in den Saal und stimmte das Lieblingslied ihrer Mutter an.
Sie hatte gesagt, sie habe keine Lust zum Singen, aber seit langer Zeit und auch noch lang nachher hatte sie nicht so gesungen, wie sie an diesem Abend sang. Graf Ilja Andrejewitsch, der in seinem Arbeitszimmer mit Mitenka verhandelte, lauschte auf ihren Gesang und versprach sich wie ein Schuljunge, der das Ende der Stunde nicht abwarten kann, um zum Spielen zu eilen, bei jeder Anweisung, die er dem Verwalter gab, und schwieg schließlich ganz. Mitenka horchte ebenfalls auf und blieb stumm und lächelnd vor dem Grafen stehen. Nikolaj verwandte kein Auge von der Schwester und hielt mit ihr zusammen den Atem an. Sonja hörte zu und dachte, was für ein gewaltiger Unterschied doch zwischen ihr und ihrer Freundin sei, und daß es ihr einfach unmöglich wäre, nur annähernd so bezaubernd zu wirken wie ihre Cousine.
Die alte Gräfin saß mit wehmütig glücklichem Lächeln und Tränen in den Augen da und wiegte ab und zu den Kopf. Sie dachte an Natascha und an ihre eigene Jugend und daran, daß bei der bevorstehenden Heirat Nataschas mit dem Fürsten Andrej doch etwas Unnatürliches und Banges sei.
Dümmler hatte sich wieder neben die Gräfin gesetzt, bedeckte die Augen mit der Hand und war ganz Ohr.
»Nein, Gräfin«, sagte er endlich, »das ist ein universales Talent. Ihr kann man nichts mehr beibringen. Dieser Schmelz, diese Zartheit, diese Kraft …«
»Ach, ich bin so um sie besorgt, so um sie besorgt«, sagte die Gräfin, ohne daran zu denken, mit wem sie sprach. Ihr mütterlicher Instinkt sagte ihr, daß in Natascha irgendein Zuviel vorhanden war und sie deshalb nicht glücklich werden würde.
Natascha hatte noch nicht zu Ende gesungen, als der vierzehnjährige Petja begeistert ins Zimmer gestürmt kam mit der Nachricht, es seien Maskierte gekommen[112].
Natascha brach plötzlich ab.
»Dummer Junge«, rief sie dem Bruder zu, lief zu einem Stuhl, ließ sich darauf fallen und fing so zu schluchzen an, daß sie lange nicht wieder aufhören konnte.
»Es ist nichts, Mamachen, wirklich nichts, nur so, Petja hat mich so erschreckt«, sagte sie und bemühte sich zu lächeln, aber die Tränen flossen immer weiter, und das Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu.
Die als Bären, Türken, dicke Wirte und Damen verkleideten Gutsleute, die teils komisch, teils zum Fürchten aussahen und einen Strom von Kälte und Heiterkeit mit hereinbrachten, drückten sich anfänglich schüchtern im Vorzimmer herum, drängten aber dann doch in den Saal hinein, wobei sich immer einer hinter dem andern versteckte, und begannen hier, anfänglich etwas verlegen, dann aber immer lustiger und ungezwungener, ihre Lieder, Tänze, Reigen und Weihnachtsspiele. Nachdem die Gräfin die einzelnen Leute erkannt und über ihren Mummenschanz gelacht hatte, begab sie sich wieder hinüber in den Salon. Graf Ilja Andrejewitsch blieb mit strahlendem Gesicht im Saal sitzen und rief den Spielenden aufmunternde Worte zu. Die jungen Leute waren plötzlich verschwunden.
Nach einer halben Stunde erschienen im Saal zwischen den sich dort tummelnden Masken noch ein paar neue: eine alte Dame im Reifrock – das war Nikolaj, eine Türkin – das war Petja, ein Bajazzo – das war Dümmler, ein Husar – Natascha, und ein Tscherkesse – Sonja, die sich mit einem Stöpsel einen schwarzen Schnurrbart und Augenbrauen gemalt hatte.
Nachdem die Zuschauer die Masken bereitwillig angestaunt, sie eine Zeitlang nicht erkannt und dann genügend gelobt hatten, fanden die jungen Leute ihre Kostüme selber so schön, daß sie das Bedürfnis empfanden, sich darin auch noch vor anderen zu zeigen.
Nikolaj, der bei der vorzüglichen Schlittenbahn die größte Lust hatte, alle in seiner Troika auszufahren, schlug vor, ein Dutzend der verkleideten Gutsleute mitzunehmen und zum Onkel zu fahren.
»Nein, was wollt ihr denn dem alten Manne solche Unruhe bereiten!« sagte die Gräfin. »Und dann könnt ihr euch ja bei ihm kaum herumdrehen. Wenn ihr nun einmal fahren wollt, so fahrt doch zu den Meljukows.«
Frau Meljukowa war eine Witwe, die Kinder in verschiedenem Alter und ebenfalls Erzieher und Gouvernanten im Hause hatte und etwa vier Werst von den Rostows entfernt wohnte.
»Siehst du, das ist mal ein gescheiter Gedanke von dir, ma chère«, lobte sie der alte Graf, der riesig aufgekratzt war. »Gleich werde ich mich auch anputzen und mit euch fahren. Ich werde schon Paschette zum Lachen bringen.«
Aber die Gräfin wollte Ilja Andrejewitsch nicht fortlassen: er hatte seit langem über Reißen in den Beinen geklagt. So wurde denn beschlossen, daß der alte Graf zu Hause bleiben, dafür aber Luisa Iwanowna – Madame Schoß – mitfahren sollte, damit die jungen Mädchen mit zu den Meljukows fahren konnten. Sonja, die sonst immer schüchtern und verlegen war, bat Luisa Iwanowna, diesmal stürmischer als alle anderen, es ihnen doch nicht abzuschlagen.
Sonjas Kostüm war das schönste. Das schwarze Bärtchen und die dunklen Augenbrauen standen ihr ausnehmend gut. Alle sagten ihr, daß sie sehr hübsch aussehe, und sie befand sich in einer so lustigen, unternehmenden Stimmung, wie man sie sonst gar nicht an ihr kannte. Eine innere Stimme sagte ihr, daß sich ihr Schicksal heute oder niemals entscheiden werde, und sie fühlte sich, so als Mann verkleidet, als ein ganz anderer Mensch. Luisa Iwanowna willigte ein, und nach einer halben Stunde fuhren vier Troikas mit Glöckchen und Schellen vor der Freitreppe vor, daß die Kufen auf dem hartgefrorenen Schnee quietschten und kreischten.
Natascha hatte als erste einen lustigen, weihnachtlichen Ton angeschlagen, und diese Heiterkeit hatte einen nach dem andern angesteckt, war immer lauter und größer geworden und hatte ihren Gipfel erreicht, als alle in die kalte Winternacht hinaustraten, durcheinanderschwatzten und -riefen und sich unter Gelächter und Geschrei in die Schlitten verteilten.
Die ersten beiden Troikas waren mit Jagdpferden bespannt, die dritte gehörte dem alten Grafen und hatte einen Orlow-Traber als Deichselpferd, die vierte war Nikolajs Eigentum und mit einem kleinen, struppigen Rappen als Mittelpferd bespannt. Nikolaj, einen Husarenmantel mit Gürtel über seinem Altjungfernkostüm, stand mitten im Schlitten und hielt mit festem Griff die Zügel in der Hand.
Es war so hell, daß man die im Mondschein glitzernden Messingbeschläge am Geschirr und die Augen der Pferde sehen konnte, die sich ganz erschrocken nach den Fahrgästen umsahen, die dort unter dem dunklen Dach der Freitreppe so lärmten und schrien.
In Nikolajs Schlitten saßen Natascha, Sonja, Madame Schoß und zwei Mädchen vom Gute, im Schlitten des alten Grafen Dümmler mit seiner Frau und Petja, in den beiden anderen Schlitten die maskierten Gutsleute.
»Marsch, voran, Sachar!« rief Nikolaj dem Kutscher seines Vaters zu, um ihn unterwegs überholen zu können.
Die Troika des alten Grafen, in der Dümmler und noch andere Masken saßen, setzte sich unter dem Gekreisch der Kufen, die am Schnee festgefroren zu sein schienen, und dumpfem Schellengebimmel in Bewegung. Die Seitenpferde drängten sich dicht an die Deichsel heran und sanken beim Umwenden tief in den Schnee ein, der fest und glitzernd wie Zucker war.
Nikolaj fuhr hinter der ersten Troika her, dann kamen mit Lärm und Gekreisch die beiden anderen Schlitten. Zuerst ging es in mäßigem Trabe den schmalen Weg entlang. Solang sie am Park vorbeifuhren, warfen die kahlen Bäume ihre Schatten quer über den Weg und verdunkelten das grelle Licht des Mondes. Kaum hatten sie aber die Einfriedung hinter sich, so dehnte sich in bläulichem Schimmer, wie von unzähligen Diamanten glitzernd, die starre, unendliche Schneefläche, ganz vom Mondlicht überflutet, nach allen Seiten vor ihnen aus. Ein paarmal rumpelte der erste Schlitten über ein ausgefahrenes Loch, genau an derselben Stelle rumpelte auch der nächste und dann die beiden anderen, und so fuhren die Schlitten einer nach dem andern in langem Zug dahin und störten damit die zauberhafte Stille ringsum.
112
es seien Maskierte gekommen: vgl. Anm. 107 (Svjatki).