Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Großer Gott, großer Gott, immer dieselben Gesichter, immer dieselben Gespräche! Ebenso wie alle Tage hält Papa seine Tasse und bläst ebenso wie immer seinen Tee kalt! dachte Natascha und fühlte mit Schrecken den Widerwillen, der sich gegen alle ihre Hausgenossen in ihrer Seele erhob, nur darum, weil sie immer dieselben waren.
Nach dem Tee gingen Nikolaj, Sonja und Natascha in ihr Lieblingseckchen ins Diwanzimmer, wo sie immer am vertrautesten miteinander plauderten.
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»Geht dir das auch manchmal so?« fragte Natascha ihren Bruder, als sie im Diwanzimmer Platz genommen hatten, »geht dir das auch manchmal so, daß du den Eindruck hast, als werde nichts mehr geschehen, einfach nichts, und als sei alles Schöne auf immer vorbei, und daß dir dann alles nicht nur langweilig, sondern auch trostlos vorkommt?«
»Und ob!« erwiderte Nikolaj. »Einmal, als bei mir alles im besten Lot und um mich herum recht vergnügt war, schoß mir plötzlich durch den Kopf, daß einem dies alles doch schon recht überdrüssig sei und es das beste wäre, wenn alle stürben. Und einmal beim Regiment ging ich nicht mit auf die Promenade, wo die Musik spielte … da war mir plötzlich so langweilig und trostlos zumute …«
»Ach, das kenne ich, das kenne ich«, fiel Natascha ein. »Als ich noch ganz klein war, habe ich das schon empfunden. Weißt du noch, wie ich damals wegen der Pflaumen bestraft wurde? Und ihr tanztet alle, ich aber saß im Klassenzimmer und schluchzte. Das werde ich nie vergessen. Mir war so schwer ums Herz und alle jammerten mich, ich selbst tat mir am allermeisten leid und alle, alle Menschen taten mir leid. Und die Hauptsache war, ich konnte gar nichts dafür«, fuhr Natascha fort. »Weißt du das noch?«
»Ja gewiß«, entgegnete Nikolaj. »Und ich entsinne mich, daß ich dann zu dir hinging, ich wollte dich trösten, und weißt du, ich schämte mich auch ein bißchen. Schrecklich komisch waren wir damals. Ich hatte einen Kaspar zum Spielen, den wollte ich dir schenken. Erinnerst du dich noch daran?«
»Und weißt du noch«, fuhr Natascha mit nachdenklichem Lächeln fort, »ganz, ganz früher, als wir noch ganz klein waren, rief uns der Onkel einmal ins Zimmer – das war noch im alten Haus – und dort war es ganz finster. Wir gingen hinein, und plötzlich stand vor uns …«
»Ein Mohr«, fiel Nikolaj mit glücklichem Lächeln ein. »Wie sollte ich das vergessen haben? Ich weiß heutigentags noch nicht, wer eigentlich dieser Mohr gewesen ist, ob wir ihn nur im Traum gesehen haben oder ob man es bloß erzählt hat.«
»Ganz grau war er, weißt du noch, er hatte weiße Zähne. So stand er da und sah uns an …«
»Können Sie sich auch noch darauf besinnen, Sonja?« fragte Nikolaj.
»Ja, ja, an so etwas kann ich mich auch noch dunkel erinnern«, erwiderte Sonja schüchtern.
»Ich habe Papa und Mama so oft nach diesem Mohren gefragt«, sagte Natascha, »und sie sagen immer, daß niemals ein Mohr dagewesen sei. Aber du erinnerst dich doch auch noch daran.«
»Und wie deutlich! Mir ist, als sähe ich seine Zähne heute noch.«
»Wie sonderbar das ist! Ganz, als hätten wir es geträumt. So etwas habe ich gern.«
»Und weißt du noch, wie wir einmal im Saal Ostereier drehten und tanzen ließen und plötzlich – standen zwei alte Weiber da und fingen an, sich auf dem Teppich herumzudrehen? Waren die nun wirklich da oder nicht? Erinnerst du dich noch daran, wie hübsch das war?«
»Ja. Und weißt du noch, wie Papa in seinem blauen Pelz auf der Freitreppe immer aus der Flinte schoß?«
So blätterten sie lächelnd und mit Genuß in dem Buch ihrer Erinnerungen, die nicht greisenhaft schwermütig, sondern jugendlich poetisch waren, und tauschten jene Eindrücke aus der allerfernsten Vergangenheit aus, wo sich Erträumtes mit wirklich Geschehenem vermischt, lachten leise und freuten sich darüber.
Sonja blieb wie immer hinter ihnen zurück, obgleich ihre Erinnerungen gemeinsam waren. Sie wußte vieles von dem, woran sie sich erinnerten, nicht mehr, und das, worauf sie sich noch besann, weckte in ihr nicht jenes poetische Gefühl, das die beiden anderen empfanden. Sie genoß nur ihre Freude mit und bemühte sich, es ihnen nachzumachen.
Erst dann beteiligte sie sich lebhafter, als man sich an ihre erste Ankunft im Hause Rostow erinnerte. Sie erzählte, wie sie sich zuerst vor Nikolaj gefürchtet habe, weil er an seinem Jäckchen Schnüre gehabt und die Kindermuhme zu ihr gesagt habe, auch sie werde in Schnüre eingenäht werden.
»Und ich weiß noch, mir hatten sie gesagt, du seist unter einem Kohlkopf geboren«, sagte Natascha. »Und ich entsinne mich, daß ich damals nicht wagte, daran zu zweifeln, aber doch wußte, daß es nicht wahr war, und deshalb war mir unbehaglich zumute.«
Während dieser Unterhaltung hatte durch die hintere Tür des Diwanzimmers ein Stubenmädchen seinen Kopf hereingesteckt.
»Gnädiges Fräulein, der Hahn ist gebracht worden«, meldete sie flüsternd.
»Ich brauche ihn nicht mehr, Polja; laß ihn wieder wegbringen«, erwiderte Natascha.
Mitten in diesen Gesprächen, die im Diwanzimmer lustig dahinplätscherten, kam Dümmler ins Zimmer und trat auf die Harfe zu, die in der Ecke stand. Er nahm das Tuch ab, und die Harfe gab einen Mißton von sich.
»Eduard Karlytsch, spielen Sie mir doch bitte mein Lieblingsnotturno von Field[111]«, hörte man die Stimme der alten Gräfin aus dem Salon.
Dümmler griff einen Akkord und sagte, zu Natascha, Nikolaj und Sonja gewandt: »Die Jugend sitzt da so friedlich beieinander.«
»Ja, wir philosophieren«, erwiderte Natascha und sah einen Augenblick hin, fuhr aber dann gleich wieder in ihrer Unterhaltung fort. Sie sprachen jetzt von Träumen.
Dümmler fing an zu spielen. Natascha schlich unhörbar auf den Zehen an den Tisch heran, nahm das Licht, trug es hinaus, kehrte leise auf ihren Platz zurück und setzte sich wieder hin. Nun war es im ganzen Zimmer und besonders auf dem Sofa, wo sie saßen, ganz dunkel, und nur das silberne Licht des Vollmondes ergoß sich durch das große Fenster auf die Dielen.
»Weißt du, was ich glaube?« sagte Natascha flüsternd, indem sie näher an Nikolaj und Sonja heranrückte, als Dümmler schon mit seinem Spiel zu Ende war und immer noch dasaß und leise und sichtlich unentschieden, ob er aufhören oder noch etwas anderes spielen solle, über die Saiten strich. »Ich glaube, wenn man sich so erinnert und erinnert und immer wieder erinnert, so kommt man schließlich in der Erinnerung so weit, daß einem auch das wieder einfällt, was geschehen ist, ehe man auf der Welt war …«
»Das ist die Seelenwanderung«, sagte Sonja, die in der Schule immer gut aufgepaßt und sich das alles gemerkt hatte. »Die Ägypter glaubten, daß unsere Seelen früher in Tieren gehaust hätten und auch wieder in Tiere zurückwandern würden.«
»Nein, das glaube ich nicht, daß wir in Tieren gelebt haben«, sagte Natascha, immer noch flüsternd, obgleich die Musik zu Ende war, »aber ich bin fest überzeugt, daß wir dort irgendwo Engel gewesen und herniedergestiegen sind und uns deshalb an alles erinnern …«
»Darf ich mich zu Ihnen setzen?« fragte Dümmler, der leise herangetreten war, und nahm bei ihnen Platz.
»Wenn wir Engel gewesen wären, weshalb wären wir da so tief gefallen?« fragte Nikolaj. »Nein, das kann nicht sein.«
»Warum denn tief? Wer sagt dir denn, daß wir tief gefallen sind? … Daß ich früher gewesen bin, weiß ich daher«, fuhr Natascha mit Überzeugung fort, »weil die Seele ja doch unsterblich ist … folglich, wenn ich immer leben werde, muß ich auch schon immer, schon eine ganze Ewigkeit gelebt haben.«
»Gewiß, aber es fällt uns schwer, uns die Ewigkeit vorzustellen«, mischte sich Dümmler ein, der mit sanftem, etwas geringschätzigem Lächeln an die jungen Leute herangetreten war, jetzt aber ebenso leise und ernst sprach wie sie.
»Warum soll denn das schwer sein, sich die Ewigkeit vorzustellen?« fragte Natascha. »Der heutige Tag wird zu Ende gehen und der morgige kommen und immer so weiter, und gestern ist gewesen und vorgestern …«
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Field: John Field, irischer Pianist und Komponist. Lebte von 1804-31 in Petersburg, wo er unterrichtete und Konzerte gab.