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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Was läufst du so ruhe- und obdachlos herum?« fragte die Mutter. »Was fehlt dir?«

»Er fehlt mir … gleich, in diesem Augenblick noch muß ich ihn hier haben«, erwiderte Natascha ganz ernst und mit glänzenden Augen.

Die Gräfin hob den Kopf und sah ihre Tochter aufmerksam an.

»Sehen Sie mich nicht so an, Mama, sehen Sie mich nicht so an, sonst fange ich gleich an zu heulen.«

»Setz dich, komm, setz dich hierher zu mir«, sagte die Gräfin.

»Mama, er fehlt mir. Warum muß ich so vergehen und verwehen?«

Die Stimme stockte ihr, Tränen stürzten ihr aus den Augen, und um sie zu verbergen, wandte sie sich schnell um und rannte aus dem Zimmer.

Sie lief in das Diwanzimmer, blieb dort stehen, dachte nach und ging dann ins Mädchenzimmer. Dort schimpfte eine alte Zofe ein junges Ding aus, das soeben vom Hof hereingelaufen kam und vor Kälte ganz außer Atem war.

»Dieses ewige Fortlaufen!« sagte die Alte. »Alles zu seiner Zeit.«

»Laß sie doch, Kondratjewna«, sagte Natascha. »Geh, Mawruscha, geh nur.«

Nachdem sie so Mawruscha zu einem Urlaub verhelfen hatte, ging sie durch den Saal in das Vorzimmer. Hier spielte ein alter Lakai mit zwei jüngeren Dienern Karten. Als Natascha eintrat, brachen sie ihr Spiel ab und standen auf. Was könnte ich nur mit denen anfangen? dachte Natascha.

»Ja, Nikita, geh doch mal bitte …« – wohin könnte ich ihn nur schicken? – »ja, geh doch mal auf den Hof und hole mir einen Hahn[108]; ja, und du, Mischa, bring mir doch ein bißchen Hafer.«

»Etwas Hafer befehlen Sie?« fragte Mischa bereitwillig und vergnügt.

»Ja, so geh doch, mach doch schnell«, bestätigte der alte Diener.

»Und du, Fjodor, könntest mir ein Stück Kreide besorgen.«

Als sie am Büfett vorbeikam, ordnete sie an, daß der Samowar hereingebracht werde, obgleich es noch gar nicht an der Zeit war.

Der Büfettdiener Foka war der grimmigste Mensch im ganzen Haus. Natascha liebte es, ihre Macht an ihm zu erproben. Er traute ihr nicht und ging erst fragen, ob das auch seine Richtigkeit habe.

»So ein Fräulein!« sagte Foka und machte ein verstellt böses Gesicht hinter Natascha her.

Niemand im ganzen Haus jagte die Leute so herum und machte ihnen soviel Arbeit wie Natascha. Sie konnte keinen dienstbaren Geist sehen, ohne ihn irgendwohin zu schicken. Es war, als wolle sie sie prüfen, ob nicht einer ungeduldig werden und gegen sie den Mund aufreißen werde, aber niemandes Befehle führten die Leute lieber aus als die Nataschas.

Was soll ich nun bloß anfangen? Wohin soll ich jetzt wohl gehen? dachte Natascha und schlenderte langsam über den Korridor.

»Nastasja Iwanowna, was für Kinder werde ich bekommen?« fragte sie den Narren, der ihr in seiner Kasawaika[109] entgegenkam.

»Du wirst Flöhe, Libellen und Grillen zur Welt bringen«, erwiderte der Narr.

Großer Gott, großer Gott, immer wieder dasselbe. Ach, wo könnte ich nun hingehen? Was soll ich nur mit mir andrehen? Und hastig lief sie, mit den Füßen aufstampfend, die Treppe hinauf zu Vogel, der dort oben mit seiner Frau wohnte.

Bei Vogel saßen die beiden Gouvernanten, auf dem Tisch standen Teller mit Rosinen, Walnüssen und Mandeln. Die Gouvernanten unterhielten sich darüber, wo man billiger lebe, in Moskau oder in Odessa. Natascha setzte sich zu ihnen, hörte ihren Worten mit ernstem, nachdenklichem Gesicht zu und stand dann wieder auf.

»Die Insel Madagaskar«, murmelte sie vor sich hin. »Ma-da-gaskar«, wiederholte sie noch einmal, indem sie jede Silbe deutlich aussprach, und lief dann, ohne auf die Frage der Madame Schoß, was sie denn damit sagen wolle, eine Antwort zu geben, aus dem Zimmer.

Ihr Bruder Petja war auch oben, er stellte zusammen mit seinem Kinderwärter ein Feuerwerk her, das er am Abend abbrennen wollte.

»Petja, Petja!« rief sie ihm zu. »Komm, trag mich!«

Petja lief herbei und hielt ihr seinen Rücken hin. Sie sprang auf, umhalste ihn mit beiden Armen, und er rannte springend mit ihr davon.

»Nein, gut nun … Die Insel Madagaskar«, wiederholte sie, sprang ab und lief hinunter.

Als hätte sie nun ihr ganzes Reich durchwandert, ihre Macht erprobt und sich überzeugt, daß alle ihr gehorchten, daß es aber trotzdem recht langweilig war, ging Natascha in den Saal, nahm die Gitarre zur Hand, setzte sich damit in eine dunkle Ecke hinter ein Schränkchen und fing an, ein paar Griffe auf den Baßsaiten zu machen, um eine Melodie herauszufinden, die ihr aus einer Oper, die sie in Petersburg mit dem Fürsten Andrej zusammen gehört hatte, noch in der Erinnerung geblieben war. Für den unbeteiligten Zuhörer kam dabei etwas heraus, das gar keinen Sinn und Verstand hatte, in ihrer eigenen Phantasie aber erwuchs aus diesen Tönen eine ganze Kette von Erinnerungen. Sie saß hinter dem Schränkchen, die Augen auf den Lichtstreif gerichtet, der aus der zum Büfett offenstehenden Tür fiel, lauschte auf ihre Töne und dachte an damals. Sie versenkte sich ganz in ihre Erinnerungen.

Sonja ging mit einem Gläschen in der Hand durch den Saal und auf das Büfett zu. Natascha sah nach ihr hin, blickte auf die Ritze an der Büfettür, und es kam ihr vor, als ob auch dies eine Erinnerung sei, daß durch die Ritze der Büfettür das Licht hereingefallen und Sonja mit einem Glas durch den Saal gegangen sei. Ja, ganz aufs Haar war das damals ebenso wie jetzt, dachte Natascha.

»Sonja, was ist das?« rief Natascha und machte ein paar Griffe auf der dicksten Saite.

»Ach, du bist hier?« sagte Sonja zusammenfahrend, ging zu ihr hin und hörte zu. »Was das ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht das Brausen des Sturmes?« sagte sie zaghaft, weil sie fürchtete, daneben zuschießen.

Ganz so ist sie auch damals zusammengefahren, ganz so kam sie auf mich zu und lächelte schüchtern, damals, als das zum erstenmal so war, dachte Natascha, und ganz ebenso … dachte ich damals, daß in ihr irgend etwas unvollkommen ist.

»Nein, das ist der Chor aus dem ›Wasserträger‹[110], hörst du das nicht?« Und Natascha sang den Chor zu Ende, damit Sonja die Melodie klar werde.

»Wohin gehst du?« fragte Natascha.

»Ich will mir in dem Glas anderes Wasser holen. Ich bin gleich mit dem Stickmuster fertig.«

»Immer weißt du dich zu beschäftigen, ich kann das nicht«, sagte Natascha. »Wo ist Nikolaj?«

»Ich glaube, er schläft.«

»Geh, Sonja, und wecke ihn«, sagte Natascha. »Sag ihm, ich ließe ihn zum Singen rufen.«

Sie blieb sitzen und dachte nach, was das wohl zu bedeuten habe, daß dies alles schon einmal gewesen war, konnte aber diese Frage nicht lösen. Doch sie machte sich darüber keine Gedanken weiter und versetzte sich im Geist wieder in jene Zeit, als sie mit ihm zusammengewesen war und er sie mit verliebten Augen angesehen hatte.

Ach, wenn er doch nur bald, nur bald käme! Ich habe solche Angst, daß es nie geschehen wird. Und die Hauptsache: ich werde alt, das ist es. Dann wird das, was jetzt in mir glüht, nicht mehr in mir sein. Aber vielleicht kommt er heute noch, vielleicht jetzt gleich? Vielleicht ist er schon da und sitzt dort, im Salon? Vielleicht ist er auch gestern schon gekommen, und ich habe es nur vergessen. Sie sprang auf, warf die Gitarre hin und lief in den Salon.

Alle Hausgenossen, die Lehrer, Gouvernanten und Gäste saßen bereits am Teetisch. Diener standen um den Tisch herum, aber Fürst Andrej war nicht da, und alles war wie immer.

»Da ist sie ja«, sagte Ilja Andrejewitsch, als er Natascha kommen sah. »Komm her, setz dich zu mir.«

Aber Natascha blieb neben der Mutter stehen und sah sich rings um, als suche sie etwas.

»Mama«, flüsterte sie. »Geben Sie mir ihn wieder, Mama, aber bald, bald!« Und wieder konnte sie nur mit Mühe ein Schluchzen unterdrücken.

Sie setzte sich an den Tisch und hörte der Unterhaltung der Älteren und Nikolajs zu, der ebenfalls zum Tee gekommen war.

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108

hole mir einen Hahn: Natascha läßt sich hier Utensilien für eine (Svjatki) Wahrsagerei holen.

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109

Kasawaika eine Art Frauenjacke (im Süden).

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110

»Wasserträger«: Oper von Luigi Cherubini (vgl Anm S 611).

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