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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Aber sie machte es richtig und ganz aufs Haar so, wie es sein mußte, so daß Anisja Fjodorowna, die ihr sogleich das zu diesem Tanze unumgänglich notwendige Tuch gereicht hatte, mitten im Lachen die Tränen kamen, wenn sie diese schlanke, graziöse Komtesse ansah, die in einer ihr so fremden Welt in Samt und Seide erzogen worden war und doch dasselbe zu fühlen verstand wie sie, Anisja, selber, wie Anisjas Vater und Tante und Mutter und überhaupt jeder russische Mensch.

»Na, Komteßchen, klare Sache, und damit hopp!« sagte der Onkel lustig lachend, als der Tanz zu Ende war. »Sieh mir einer mein kleines Nichtchen an! Da muß man wohl nun bald einen tüchtigen Mann für dich suchen, klare Sache, und damit hopp!«

»Ist schon gefunden«, sagte Nikolaj lächelnd.

»Oh?« machte der Onkel verwundert und sah Natascha fragend an. Diese nickte bestätigend mit glücklichem Lächeln.

»Und was für einer noch dazu!« sagte sie. Aber kaum hatte sie das ausgesprochen, als sich in ihr schon ein neuer Gedanke und ein anderes Gefühl geltend machten: Was hat Nikolajs Lächeln zu bedeuten, als er sagte: Ist schon gefunden? Freut er sich darüber oder nicht? Es schien, als ob er dächte, Bolkonskij würde es nicht billigen und nicht verstehen, daß wir hier so vergnügt sind. Aber nein, er würde für alles Verständnis haben. Wo mag er jetzt sein? dachte Natascha, und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Nicht daran denken, man darf nicht daran denken! sagte sie sich und lächelte, setzte sich wieder neben den Onkel und bat ihn, noch etwas zu spielen.

Der Onkel spielte noch ein Lied und einen Walzer, dann hörte er auf, räusperte sich und fing an, sein Lieblingsjagdlied anzustimmen:

Wenn über Nacht ein frischer Schnee Deckt Wies’ und Wald und Sumpf und See …

Der Onkel sang so, wie das Volk singt, das heißt mit der festen naiven Überzeugung, daß bei einem Lied die Worte die Hauptsache sind und die Töne nur von selber dazukommen, daß es Töne ohne Worte überhaupt nicht gibt und sie nur zum Hineinlegen von Worten da sind. Deshalb klang auch dieses unbewußte Singen des Onkels wie der Gesang eines Vogels außerordentlich schön, und Natascha war von dem Lied ganz begeistert. Sie faßte den Entschluß, nun nicht länger Harfe spielen zu lernen, sondern nur noch Gitarre. Sie ließ sich vom Onkel das Instrument geben und suchte sich sogleich die Akkorde zu einem Lied zusammen.

Gegen zehn Uhr kamen ein Landauer, ein Gig[106] und drei auf die Suche ausgeschickte Reiter, um Natascha und Petja abzuholen. Der Bote erzählte, Graf und Gräfin hätten gar nicht gewußt, wo sie geblieben seien, und hätten sich sehr geängstigt.

Petja wurde aufgehoben und wie ein Toter in den Landauer gelegt. Natascha und Nikolaj setzten sich in den Gig. Der Onkel packte Natascha warm ein und verabschiedete sich von ihr mit einer ganz neuen Zärtlichkeit. Er ging noch zu Fuß bis zur Brücke mit, über die man nicht fahren durfte, so daß man eine Furt benutzen mußte, und gab den Befehl, daß Reiter mit Laternen vorausritten.

»Leb wohl, mein liebes Nichtchen«, rief ihnen eine Stimme noch in die dunkle Nacht nach, aber es war nicht die Stimme, die Natascha früher gekannt hatte, sondern jene, die gesungen hatte: »Wenn über Nacht ein frischer Schnee …«

Im Dorf, durch das sie fahren mußten, brannten noch rote Lichter, und es roch angenehm nach Rauch.

»Was für ein Prachtmensch doch der Onkel ist!« sagte Natascha, als sie auf die große Landstraße hinausfuhren.

»Ja«, erwiderte Nikolaj. »Aber frierst du auch nicht?«

»Nein, ich bin ja so warm eingepackt. Mir ist so wohl«, sagte Natascha fast etwas erstaunt.

Lange schwiegen sie. Die Nacht war dunkel und feucht. Die Pferde konnte man nicht sehen, man hörte bloß, wie sie durch den unsichtbaren Schmutz patschten.

Was ging wohl in dieser kindlich empfänglichen Seele vor, die so gierig nach all den vielgestaltigen Eindrücken des Lebens haschte und sie in sich aufsog? Wie mochte Natascha mit alledem in ihrem Kopf zurechtkommen? Jedenfalls war sie sehr glücklich. Kurz bevor sie zu Hause anlangten, fing sie auf einmal die Melodie des Liedes: »Wenn über Nacht ein frischer Schnee …« zu singen an, die Melodie, die sie den ganzen Weg über gesucht und nun endlich doch herausgebracht hatte.

»Hast du sie nun?« fragte Nikolaj.

»Woran denkst du jetzt, Nikolenka?« fragte Natascha zurück.

Dies fragten sie einander gern.

»Ich?« erwiderte Nikolaj und dachte nach. »Siehst du, ich dachte, daß dieser rote Hund, der Rugaj, doch große Ähnlichkeit mit dem Onkel hat. Wenn der ein Mensch wäre, behielte er den Onkel auch immer bei sich, nicht allein wegen der Hetzjagd, sondern wegen seines ganzen harmonischen Wesens. Er ist doch wie aus einem Stück gegossen, der Onkel. Nicht wahr? Nun, und du?«

»Ich? Warte mal, warte mal. Ja, ich dachte zuerst, daß wir jetzt so dahinfahren und denken, wir kommen nach Hause, und dabei landen wir in dieser Finsternis Gott weiß wo und kommen plötzlich an und sehen, daß wir nicht in Otradnoje sind, sondern in einem Zauberreich. Und dann dachte ich noch … Nein, weiter nichts.«

»Ich weiß, sicherlich dachtest du noch an ihn«, sagte Nikolaj und lächelte, wie Natascha aus dem Klang seiner Stimme hörte.

»Nein«, erwiderte Natascha, obwohl sie tatsächlich gleichzeitig auch an Andrej gedacht hatte und daran, wie ihm der Onkel gefallen würde. »Aber ich habe mir immer wieder ins Gedächtnis zurückgerufen, den ganzen Weg lang, wie nett das war, als Anisja hereinkam, wie nett …« sagte Natascha, und Nikolaj hörte ihr klangvolles, grundloses, glückliches Lachen. »Und weißt du«, fuhr sie plötzlich fort, »ich weiß, daß ich nie wieder in meinem Leben so glücklich und ruhig sein werde wie jetzt.«

»Das ist nun Blech und Quatsch!« sagte Nikolaj und dachte bei sich: Was für ein Prachtmädel meine Natascha doch ist! Solch einen Freund wie sie habe ich keinen zweiten und werde ihn auch nie haben. Wozu braucht sie zu heiraten? Mit ihr möchte ich immerfort zur Jagd fahren.

Was für ein Prachtmensch dieser Nikolaj doch ist! dachte Natascha.

»Siehst du, im Salon ist noch Licht!« sagte sie und zeigte nach den Fenstern des Hauses, die durch die feuchte, samtene Finsternis der Nacht rötlich schimmerten.

8

Graf Ilja Andrejewitsch hatte sein Amt als Adelsmarschall niedergelegt, da mit dieser Würde auch Ausgaben verbunden waren. Trotzdem war es mit seinen Finanzen noch nicht besser geworden. Natascha und Nikolaj sahen oft, wie die Eltern geheime, erregte Auseinandersetzungen hatten, und vernahmen Gerüchte über den Verkauf des zweiten Rostowschen Stammhauses sowie einer anderen, bei Moskau gelegenen Besitzung. Wenn er nicht Adelsmarschall war, brauchte er kein so großes Haus zu führen, und so floß denn das Leben in Otradnoje stiller dahin als in den früheren Jahren. Aber das geräumige Haus mitsamt dem Flügel war trotzdem immer noch voller Menschen, und auch jetzt noch hatte man täglich über zwanzig Personen zu Tisch. Und das waren nicht etwa Gäste, sondern Leute, die von jeher bei ihnen gelebt hatten und fast zur Familie gehörten, oder solche, von denen es unumgänglich notwendig schien, daß sie im Haus des Grafen wohnten. Da war der Musikmeister Dümmler mit Frau, der Tanzlehrer Vogel mit Familie, ein altes Fräulein Bjelowa, die schon ewig im Haus lebte, und noch viele andere, wie Petjas Hauslehrer, eine ehemalige Gouvernante der jungen Damen, kurz, lauter Leute, die es besser und vorteilhafter fanden, beim Grafen zu leben als bei sich zu Hause. Und wenn auch nicht mehr so große Empfänge wie früher stattfanden, so wich doch die jetzige Lebensweise kaum von der früheren ab, denn weder der Graf noch die Gräfin konnten sich ein anderes Leben auch nur vorstellen. Für die Jagd wurden noch dieselben Jäger und Hunde gehalten, deren Zahl durch Nikolaj noch vergrößert worden war, dieselben fünfzig Pferde und fünfzehn Kutscher bevölkerten noch die Ställe, zu den Namenstagen wurden noch ebenso teure Geschenke gemacht und ebenso feierliche Festessen gegeben, an denen immer der ganze Kreis teilnehmen mußte. Graf Ilja Andrejewitsch spielte noch ebenso seinen Whist und sein Boston, wobei er, da er stets alle in seine Karten sehen ließ, immer Hunderte von Rubeln an seine Nachbarn verlor, die schon das Recht, mit Graf Ilja Andrejewitsch Karten zu spielen, für eine äußerst vorteilhafte Lebensrente anzusehen begannen.

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106

ein Gig: ein leichter Einspanner.

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