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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Graf stak in seinen geschäftlichen Angelegenheiten wie in einem riesigen Vogelnetz, bemüht, nicht daran zu glauben, daß er hineingeraten war, obgleich er sich bei jedem Schritt immer mehr darin verstrickte, aber nicht die Kraft in sich fühlte, das Netz, das ihn umgarnte, zu zerreißen oder vorsichtig und geduldig die Knoten zu lösen. Die Gräfin in ihrem liebenden Herzen fühlte, daß ihre Kinder dem Ruin entgegengingen, daß aber den Grafen keine Schuld treffe, da er ja gar nicht anders sein könne, als er eben war. Sie wußte, daß ihm die Erkenntnis, sein eignes Vermögen und das seiner Kinder durchgebracht zu haben, schwer auf der Seele lastete, obgleich er es sich nicht merken ließ, und suchte deshalb nach einem Mittel, dem Unglück abzuhelfen. Von ihrem weiblichen Gesichtspunkt aus konnte es nur dies eine Mittel geben – Nikolajs Heirat mit einer reichen Braut. Sie fühlte, daß dies die letzte Hoffnung war, und daß, wenn Nikolaj die Partie, die sie für ihn gefunden hatte, ausschlüge, man jeder Möglichkeit, wieder auf einen grünen Zweig zu kommen, für ewig Lebewohl sagen mußte. Und diese Partie war Julia Karagina, die Tochter vorzüglicher, tugendreicher Eltern, die von Kind auf mit den Rostows bekannt und jetzt durch den Tod ihres letzten Bruders schwerreich geworden war.

Die Gräfin schrieb an Frau Karagina nach Moskau, schlug ihr die Heirat ihrer beiden Kinder vor und erhielt eine entgegenkommende Antwort. Frau Karagina schrieb, sie sei mit diesem Vorschlag sehr einverstanden, es solle aber doch alles davon abhängen, ob ihre Tochter auch Neigung für Nikolaj empfinde. Gleichzeitig lud sie Nikolaj zu sich nach Moskau ein.

Darauf sagte die Gräfin mehrmals mit Tränen in den Augen zu ihrem Sohn, daß nun, wo ihre beiden Töchter versorgt seien, ihr einziger Wunsch nur noch der sei, auch ihn verheiratet zu sehen. Wenn das geschehe, könne sie sich beruhigt in den Sarg legen, meinte sie. Dann erwähnte sie beiläufig, daß sie zum Beispiel ein treffliches Mädchen wisse, und suchte zu erfahren, wie er über das Heiraten im allgemeinen dachte.

Bei anderer Gelegenheit wieder lobte sie Julie und riet Nikolaj, die Feiertage nach Moskau zu fahren, um sich zu amüsieren. Nikolaj erriet, wo seine Mutter mit solchen Reden hinauswollte, und bat sie, als sie wieder einmal davon sprachen, doch gegen ihn ganz aufrichtig zu sein. Da sagte sie ihm offen heraus, daß sie all ihre Hoffnung auf Besserung ihrer Vermögensverhältnisse jetzt nur noch auf seine Heirat mit Julia Karagina gesetzt habe.

»Wenn ich aber nun ein Mädchen ohne Vermögen liebte, würden Sie dann von mir verlangen, maman, daß ich des Geldes wegen meine Liebe, meine Ehre zum Opfer bringe?« fragte Nikolaj die Mutter, ohne sich der Grausamkeit, die in dieser Frage lag, bewußt zu sein, und nur aus dem Wunsch heraus, seiner vornehmen Gesinnung Ausdruck zu verleihen.

»Nein, du hast mich nicht verstanden«, erwiderte die Mutter, die nicht recht wußte, wie sie sich rechtfertigen sollte. »Nein, du hast mich nicht verstanden, Nikolenka. Ich will doch nur dein Glück«, fügte sie hinzu, fühlte aber, daß sie nicht die Wahrheit sagte und sich immer mehr verstrickte. Sie fing an zu weinen.

»Aber Mamachen, weinen Sie doch nicht, sagen Sie mir bloß, ob Sie dies wollen, und seien Sie versichert, daß ich mein Leben und alles für Sie hinzugeben bereit bin, nur damit Sie beruhigt sind«, sagte Nikolaj. »Alles opfere ich für Sie, sogar meine Liebe.«

Aber so wollte die Gräfin die Angelegenheit nicht hingestellt sehen, sie wünschte kein Opfer von ihrem Sohn, wollte sich vielmehr selbst ihm zum Opfer bringen.

»Nein, du hast mich nicht verstanden, wir wollen nicht mehr darüber sprechen«, sagte sie und wischte sich die Tränen ab.

Ja, vielleicht liebe ich wirklich ein armes Mädchen, sagte Nikolaj zu sich selber, soll ich da wahrhaftig meine Liebe und Ehre nur um des Geldes willen opfern? Ich wundere mich, daß Mama so etwas zu mir sagen kann. Sollte ich deshalb, weil Sonja arm ist, sie nicht lieben, ihre treue, hingebende Liebe nicht erwidern dürfen? dachte er weiter. Und doch würde ich sicherlich mit ihr glücklicher werden als mit solch einer Puppe, solch einer Julie. Zum Wohl meiner Familie meine Gefühle zum Opfer zu bringen, dazu werde ich immer imstande sein, sagte er zu sich selber, aber meinen Gefühlen befehlen, das kann ich nicht. Wenn ich Sonja wirklich liebe, so wird dieses Gefühl in mir stärker und höher sein als alles übrige.

Nikolaj fuhr nicht nach Moskau, die Gräfin fing nicht noch einmal an, mit ihm über diese Heirat zu reden, und beobachtete voll Kummer und manchmal auch voll Ingrimm die Anzeichen einer immer größer werdenden Annäherung zwischen ihrem Sohn und der mitgiftlosen Sonja. Sie machte sich selber darüber Vorwürfe, konnte aber doch nicht umhin, Sonja unfreundlich zu behandeln und Händel mit ihr zu suchen; oft unterbrach sie sie ohne jeden Grund und sagte »Sie« und »meine Liebe« zu ihr. Am meisten aber ärgerte die gute Gräfin an Sonja, daß diese arme, schwarzäugige Nichte so gut und sanft und ihren Wohltätern so dankbar ergeben war und Nikolaj so treu und unwandelbar und aufopfernd liebte, daß man ihr über nichts einen Vorwurf machen konnte.

Auf diese Weise verbrachte Nikolaj seinen Urlaub im Elternhaus. Von Nataschas Bräutigam, dem Fürsten Andrej, kam ein vierter Brief aus Rom, in dem er schrieb, daß er schon lang auf dem Heimweg nach Rußland wäre, wenn nicht unerwartet in dem heißen Klima seine Wunde wieder aufgebrochen wäre, was ihn zwinge, seine Abreise bis Anfang nächsten Jahres aufzuschieben. Natascha war in ihren Bräutigam noch ebenso verliebt und ebenso ruhig in dieser Liebe und zeigte sich auch für die Freuden des Lebens noch ebenso empfänglich. Doch gegen Ende des vierten Trennungsmonats kamen manchmal Augenblicke der Schwermut über sie, gegen die sie nicht anzukämpfen vermochte. Sie hatte Mitleid mit sich selber, es tat ihr leid, daß sie nun all diese schöne Zeit, in der sie sich so befähigt fühlte, zu lieben und geliebt zu werden, ganz umsonst, keinem zulieb noch zuleide, verstreichen lassen mußte.

So war die Stimmung im Haus Rostow nicht allzu lustig.

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Weihnachten kam heran[107], und außer dem prunkvollen Gottesdienst, außer der feierlichen und langweiligen Gratulationscour der Nachbarn und des Hofgesindes, außer den neuen Kleidern, die alle trugen, gab es nichts Besonderes, was dieses Fest ausgezeichnet hätte. Dennoch fühlte man an diesen windstillen, grellsonnigen Tagen von zwanzig Grad Kälte und in der Sternenpracht der Winternächte das Bedürfnis, diesen Festtagen ein ganz besonderes Gepräge zu verleihen.

Am dritten Weihnachtsfeiertag hatten sich alle Hausgenossen nach dem Mittagessen auf ihre Zimmer begeben. Das war die langweiligste Zeit am Tag. Nikolaj, der am Morgen zu Nachbarn auf Besuch geritten war, lag im Diwanzimmer und schlief. Der alte Graf hielt in seinem Zimmer Mittagsruhe. Sonja saß am runden Tisch im Salon und malte ein Stickmuster ab. Die Gräfin legte sich die Karten. Der Narr Nastasja Iwanowna saß mit zwei alten Frauen mit sauertöpfischer Miene am Fenster. Natascha trat ins Zimmer, ging auf Sonja zu, sah, was sie machte, trat dann an die Mutter heran und blieb schweigend stehen.

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107

Weihnachten kam heran: und damit auch die Zeit der Svjatki, der Tage zwischen Heiligabend und dem Dreikönigsfest, eine Zeit volkstümlicher Bräuche, die mit der Vertreibung der bösen Geister aus Haus und Dorf endet. Mit Wahrsagereien und Hexereien lassen sich Mädchen ihren Zukünftigen sagen oder gar zeigen, außerdem wird allerlei Mummenschanz getrieben, man zieht verkleidet von Haus zu Haus in einer Mischung aus Karneval und Knecht-RuprechtsBräuchen

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