Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Was wollt ihr denn? Ich bin ein Hund wie alle anderen auch, solange es nichts zu hetzen gibt. Dann aber rette sich, wer kann! schien seine Miene zu sagen, wenigstens kam es Nikolaj so vor.
Als dann lange nachher der Onkel auf Nikolaj zugeritten kam und ein Gespräch mit ihm anfing, fühlte sich Nikolaj geschmeichelt, daß der Onkel nach alledem, was sich ereignet hatte, ihn noch einer Unterhaltung würdigte.
7
Als sich Ilagin am Abend von Nikolaj verabschiedet hatte, stellte sich heraus, daß sie sich so weit von Otradnoje entfernt hatten, daß Nikolaj den Vorschlag des Onkels, die müden Jäger auf seinem Gut Michailowka übernachten zu lassen, annahm.
»Und wenn auch ihr mitkämt«, sagte der Onkel, »dann wäre das noch viel besser, klare Sache, und damit hopp! Ihr seht doch, wie feucht es ist«, fuhr er fort. »Bei mir könntet ihr euch ausruhen, und unsere kleine Komtesse könnte dann im Wagen nach Hause fahren.«
Der Vorschlag des Onkels wurde angenommen und einer der Jäger nach Otradnoje geschickt, um einen Wagen zu holen. Nikolaj, Natascha und Petja ritten mit zum Onkel.
Etwa fünf Mann, Erwachsene und Kinder, Leute vom Hofgesinde, kamen auf die Freitreppe herausgelaufen, um den Herrn zu empfangen. Von der Hintertreppe her drängten noch Dutzende von alten und jungen Weibern und Kindern herbei, um die einreitenden Jäger zu sehen. Beim Anblick Nataschas, einer jungen Dame zu Pferd, hatte die Neugier des Hofgesindes den Siedepunkt erreicht, so daß viele, ohne sich vor ihr irgendwelchen Zwang anzulegen, einfach auf sie zuliefen, ihr ins Gesicht glotzten und vor ihr laute Bemerkungen machten, als wäre sie ein zur Schau gestelltes Wundertier und kein Mensch, der hören und verstehen kann, was man von ihm redet.
»Arinka, guck mal, ganz seitwärts sitzt sie drauf! Die tut sich ja gar nicht festhalten! … Sieh mal, wie das Kleid schlenkert! … Guck bloß, das kleine Jagdhorn!«
»All ihr Heiligen, sogar ein Messer hat sie!«
»Wie eine Tatarin.«
»Wie machst du denn das, daß du da nicht herunterfällst?« fragte die Dreisteste, unmittelbar an Natascha gewandt.
Vor der Freitreppe seines kleinen Holzhäuschens, das von einem Garten umgeben war, stieg der Onkel vom Pferd. Als er das herumstehende Hausgesinde sah, schrie er ihm in befehlendem Ton zu, alle müßigen Gaffer sollten sich packen und lieber alle nötigen Vorbereitungen zum Empfang der Jagdgäste treffen.
Alles lief auseinander. Der Onkel hob Natascha vom Pferde und geleitete sie am Arm die wackeligen Holzstufen der Freitreppe hinauf. Die Innenwände des Hauses waren nicht mit Kalk beworfen, sondern von rohen Balken gezimmert. Drinnen war es nicht allzu reinlich, doch stach es nicht etwa gleich in die Augen, daß fleckenlose Sauberkeit nicht das Lebensziel der darin hausenden Menschen war, und das Ganze machte keinen vernachlässigten Eindruck. Auf dem Flur roch es nach frischen Äpfeln; Wolfs- und Fuchsfelle hingen an den Wänden.
Durch das Vorzimmer führte der Onkel seine Gäste in einen kleinen Saal mit einer Tafel zum Zusammenschlagen und roten Stühlen, dann in den Salon, wo ein runder Tisch aus Birkenholz und ein Diwan standen, und endlich in sein Arbeitszimmer mit einem zerrissenen Sofa, einem abgelaufenen Teppich und Bildern an den Wänden von Suworow, vom Vater und von der Mutter des Hausherrn und von ihm selber in Uniform. In diesem Arbeitszimmer roch es stark nach Tabak und nach Hunden. Hier forderte der Onkel seine Gäste auf, Platz zu nehmen und ganz zu tun, als ob sie zu Hause wären. Er selber ging hinaus. Rugaj, dem noch niemand den Rücken abgebürstet hatte, kam ins Zimmer gelaufen, legte sich auf das Sofa und nahm hier mit Zunge und Zähnen seine Reinigung vor. Vom Arbeitszimmer aus ging es in einen Korridor, wo man einen Wandschirm mit zerrissener Bespannung stehen sah. Hinter diesem Schirm hervor ertönte das Flüstern und Lachen weiblicher Stimmen. Natascha, Nikolaj und Petja teilten sich in den Platz auf dem Sofa und setzten sich. Petja stützte den Kopf auf die Hand und war sogleich eingeschlafen; Natascha und Nikolaj saßen schweigend da. Ihre Gesichter brannten, sie waren sehr hungrig und sehr vergnügt. Sie sahen einander an. Nachdem die Jagd vorüber war und sie wieder im Zimmer saßen, hielt es Nikolaj nicht mehr für nötig, seine männliche Überlegenheit der Schwester gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Natascha blinzelte dem Bruder zu, beide konnten nicht lange an sich halten und brachen in lautes Gelächter aus, ohne sich die Zeit zu nehmen, einen Grund für ihr Lachen zu suchen.
Nach einer Weile kam der Onkel im Kosakenrock, blauen Hosen und leichten Stiefeln wieder. Natascha hatte das Gefühl, daß diese selbe Kleidung, in der sie den Onkel in Otradnoje so oft mit verwunderten und spöttischen Augen angesehen hatte, doch eine wahre, echte Tracht war, keineswegs schlechter als Überrock und Frack. Auch der Onkel war in lustiger Stimmung, er fühlte sich durch das Lachen von Bruder und Schwester nicht nur nicht beleidigt – es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sie über ihn und seine Lebensweise hätten lachen können –, sondern er stimmte selbst in ihr grundloses Lachen mit ein.
»Da seht einmal unsere kleine Komtesse an, so etwas hat man doch noch gar nicht gesehen, klare Sache, und damit hopp!« sagte er. »Den ganzen Tag zu Pferde gesessen wie ein Mann, und nun tut sie, als wenn gar nichts gewesen wäre!« Und er reichte Nikolaj eine lange Pfeife und nahm selber eine kurzgeschnittene mit gewohntem Griff zwischen drei Finger.
Gleich nach dem Onkel tat sich die Tür noch einmal auf, und mit einem großen vollen Präsentierbrett in den Händen trat eine dicke, rote, hübsche Frauensperson von etwa vierzig Jahren mit einem Doppelkinn und vollen roten Lippen zur Tür herein, die dem Klang ihrer Schritte nach offenbar barfuß ging. Mit hausfraulicher Würde und gastfreundlichem Entgegenkommen in den Augen und in jeder ihrer Bewegungen musterte sie die Gäste und verbeugte sich vor ihnen ehrerbietig und mit freundlichem Lächeln. Trotz ihrer außergewöhnlichen Beleibtheit, die sie zwang, Brust und Leib nach vorn und den Kopf nach hinten zu halten, hatte diese Frau – es war die Wirtschafterin des Onkels – doch einen ungemein leichten Gang. Sie trat an den Tisch, stellte das Brett ab, nahm mit ihren vollen, weißen Händen gewandt die Flaschen, den Imbiß und alles, was sie sonst noch zur Bewirtung herbeigebracht hatte, und verteilte alles rund auf den Tisch. Als sie damit fertig war, trat sie beiseite und blieb lächelnd an der Tür stehen.
Ich bin doch auch noch da! Verstehst du jetzt deinen Onkel? schien ihre ganze Erscheinung Rostow zu fragen. Wie sollte er nicht? Nicht nur Nikolaj, sondern auch Natascha verstand den Onkel und die Bedeutung seiner zusammengezogenen Brauen und des glücklichen, selbstzufriedenen Lächelns, das kaum merklich seine Lippen gekräuselt hatte, als Anisja Fjodorowna eingetreten war.
Auf dem Präsentierbrett standen Kräuterliköre, Schnaps, Pilze, Pfannkuchen aus grauem Mehl mit Buttermilch, Honigscheiben, schäumender Met, Äpfel, frische und getrocknete Nüsse und Nüsse in Honig. Dann brachte Anisja Fjodorowna noch Eingemachtes in Honig und in Zucker, einen Schinken und ein Huhn, das sie eben erst gebraten hatte.
Dies alles waren Erzeugnisse von Anisja Fjodorownas Wirtschafts, Auswahl- und Kochkunst. Alles sah gut aus, roch und schmeckte nach Anisja Fjodorowna. Alles strahlte ihre saftige Fülle, ihre Sauberkeit, ihre weiße Haut und ihr freundliches Lächeln wider.