Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Faß ihn!« ertönte in diesem Augenblick der langgedehnte Ruf eines Treibers, der sein Pferd anhielt. Er stand auf der Stoppel auf halbem Hügel, hatte die Hetzpeitsche erhoben und wiederholte noch einmal langsam und gedehnt:
»Faß-ß-ß i-ihn!« Dieser Ruf und die erhobene Hetzpeitsche bedeuteten, daß er vor sich einen Hasen geduckt liegen sah.
»Ah, der scheint ja einen Hasen zu haben«, sagte Ilagin lässig. »Wie war’s, wollen wir den hetzen, Graf?«
»Ja, da müssen wir schon hinreiten … aber wie denn, zusammen?« erwiderte Nikolaj und warf einen Blick auf die beiden Konkurrenten seiner Milka, Jorsa und den fuchsroten Rugaj des Onkels, mit denen seine eignen Hunde zu messen er noch niemals Gelegenheit gehabt hatte. Aber wenn sie nun meine Milka ausstechen? dachte er, während er neben dem Onkel und Ilagin auf die Stelle, wo der Hase sein sollte, zuritt.
»Ist es ein großer?« fragte Ilagin, ritt auf den Jäger, der den Hasen entdeckt hatte, zu, sah sich nicht ohne Aufregung nach seiner Jorsa um und pfiff sie heran.
»Tun Sie auch mit, Michail Nikanorytsch?« wandte er sich an den Onkel.
Der Onkel ritt finster nebenher.
»Was soll ich mich da einmengen? Eure Hunde haben jeder ein ganzes Dorf gekostet, sind Tausende von Rubeln wert, klare Sache und damit hopp! Laßt eure beiden um die Wette rennen, ich werde zusehen.«
»Rugaj, he, Rugaj!« rief er aber doch. »Rugajuschka!« und verriet unwillkürlich durch diese Koseform seine Zärtlichkeit und die Hoffnung, die er auf seinen roten Hund setzte. Natascha aber sah und fühlte die Erregung, welche diese zwei alten Herren und auch ihr Bruder zu verbergen suchten, und wurde selber ganz aufgeregt.
Der Treiber stand immer noch mit erhobener Hetzpeitsche auf halbem Hügel. Die Herren ritten im Schritt auf ihn zu. Die Hetzhunde liefen am äußersten Horizont in der Richtung vom Hasen fort, auch die übrigen Jäger entfernten sich. Alles bewegte sich langsam und gemessen.
»Wohin liegt er mit dem Kopf?« fragte Nikolaj, als er bis auf hundert Schritt an den Treiber herangekommen war.
Aber der Treiber hatte noch nicht Zeit gehabt, zu antworten, als der Hase, dem es etwas unbehaglich zumute wurde, seine liegende Stellung änderte und aufsprang. Die Meute der Hetzhunde, noch zusammengekoppelt, stürmte mit lautem Gekläff den Berg hinunter, dem Hasen nach, von allen Seiten liefen die Windhunde, die nicht angekoppelt waren, herbei und jagten mit den Hetzhunden zusammen hinter dem Hasen her. Und alle die Jäger, die bisher so gelassen dahingeritten waren, flogen nun in gestrecktem Galopp quer über das Feld, während die Treiber bald einen Hund, der in der falschen Richtung lief, durch den Ruf »halt!« auf die richtige Fährte brachten, bald einen anderen mit: »Faß ihn! Faß ihn!« zu doppeltem Eifer aufstachelten. Der gemessene Ilagin, Nikolaj, Natascha und der Onkel flogen nur so über das Feld, ohne selber zu wissen, wie und wohin, nur die Hunde und den Hasen im Auge und bloß von der einen Angst beseelt, den Verlauf der Hetzjagd, wenn auch nur für einen Augenblick, aus den Augen zu verlieren. Der Hase erwies sich als ein kräftiges, flinkes Tier. Nachdem er aufgesprungen war, hatte er nicht sogleich das Hasenpanier ergriffen, sondern die Ohren gespitzt und auf das Geschrei und den Lärm gelauscht, der plötzlich von allen Seiten auf ihn eindrang. Dann hatte er etwa ein Dutzend nicht allzu schneller Sätze gemacht, hatte die Hunde an sich herankommen lassen und erst dann, nachdem er endlich die Gefahr erkannt hatte, war er sich über eine Richtung schlüssig geworden, hatte die Ohren zurückgelegt und war auf und davon gerannt, was seine Beine nur laufen konnten. Er hatte auf der Stoppel gelegen, aber vor ihm lag ein Feld mit Wintersaat, wo die Erde etwas moorig war. Die zwei Hunde des Treibers, der dem Hasen auf die Spur gekommen war, hatten, da sie am nächsten waren, den Hasen auch zuerst gesehen und verfolgt, aber sie hatten ihn noch lange nicht erreicht, als Ilagins rotgescheckte Jorsa von hinten wie ein Pfeil an ihnen vorbeischoß, sich dem Hasen bis auf Hundelänge näherte und in der furchtbaren Geschwindigkeit nach dem Schwanz des Hasen schnappte, wobei sie sich, wahrscheinlich in dem Glauben, ihn gehascht zu haben, köpflings überschlug. Der Hase zog den Rücken ein und jagte nur um so toller weiter. Da stürmte die schwarzgescheckte Milka mit ihrem breiten Hinterteil an Jorsa vorüber und kam dem Hasen in raschen Sätzen näher.
»Miluschka, Matuschka!« hörte man Nikolajs triumphierenden Aufschrei. Schon schien sie den Hasen fassen und packen zu können, aber als sie ihn erreicht hatte, schoß sie an ihm vorbei.
Der Hase hatte einen Haken geschlagen und sich geduckt. Wieder heftete sich ihm die schöne Jorsa an die Fersen. Sie schien fast über seinem Schwanz zu schweben, aber wie um nicht noch einmal fehlzuschnappen, schien sie die Absicht zu haben, ihn am Hinterlauf zu packen.
»Jorsanka, meine goldene!« hörte man Ilagins fast weinende Stimme, die nicht seine eigne schien. Jorsa hörte nicht auf sein Flehen. In dem Augenblick, in dem sie aller Erwartung nach den Hasen packen mußte, machte dieser einen Quersprung und galoppierte in der Grenzfurche zwischen dem Wintersaatfeld und der Stoppel dahin. Wieder waren sich Jorsa und Milka gleich und jagten wie ein Doppelgespann hinter dem Hasen her, aber in der Furche konnte der Hase leichter laufen, und die Hunde kamen ihm nicht so rasch näher.
»Rugaj! Rugajuschka! Klare Sache und damit hopp!« ertönte in diesem Augenblick eine neue Stimme, und Rugaj, der rote, krumme Hund des Onkels, streckte den Kopf vor, bog den Rücken krumm, holte die beiden ersten Hunde ein, kam ihnen zuvor, schoß mit furchtbarer Kräfteanspannung bis dicht an den Hasen vor, jagte ihn aus der Furche in die Wintersaat hinein, nahm in dem schmutzigen Wintersaatfeld, wo er bis an die Knie einsank, einen noch erbitterteren Anlauf, und schließlich war nur noch zu sehen, wie er sich, den Rücken ganz mit Kot beschmiert, mitsamt dem Hasen wie ein Knäuel auf dem Boden herumwälzte. Sternförmig umringten ihn die übrigen Hunde. Einen Augenblick später standen auch alle Jäger um den Kreis der Hunde herum. Der glückliche Onkel stieg als einziger ab und schnitt dem Hasen einen Lauf ab, schüttelte ihn, damit das Blut ausfließen sollte, sah sich dann mit suchenden Augen aufgeregt um, wußte nicht, was er mit seinen Händen und Füßen anfangen sollte, und redete, ohne selber zu wissen, was und mit wem.
»Das war aber ein Kapitalstreich … so ein Hund … schlägt alle aus dem Feld, die für tausend Rubel wie die für einen Rubel … Klare Sache, und damit hopp«, sagte er ganz atemlos und sah sich grimmig um, als ob er jemandem den Kopf waschen wolle, alle seine Feinde wären, ihn beleidigt hätten und es ihm erst jetzt gelungen wäre, sich zu rechtfertigen. »Da habt ihr nun tausend Rubel für eure Hunde bezahlt! Klare Sache, und damit hopp!«
»Rugaj, da nimm!« sagte er und warf dem Hund den abgeschnittenen Lauf mit der daranklebenden Erde zu. »Er hat es verdient. Klare Sache, und damit hopp!«
»Sie hat ihre ganze Kraft verpufft, dreimal allein hat sie Anlauf genommen«, sagte Nikolaj, der ebenfalls auf niemanden hörte und sich nicht darum kümmerte, ob ihm einer zuhörte oder nicht.
»Was ist das für ein Kunststück, wenn er den Hasen quer hetzt!« meinte ein Ilaginscher Jäger.
»Ja, wenn er schon halb zu Tode gehetzt ist, dann kann ihn jeder Hofhund mit einem kleinen Anlauf einholen«, sagte gleichzeitig Ilagin, der, ganz rot im Gesicht, vom schnellen Ritt und vor Aufregung nur schwer Luft bekam. Gleichzeitig stieß Natascha, ohne noch zu Atem gekommen zu sein, vor lauter Glück und Begeisterung einen so durchdringenden Juchzer aus, daß es allen in den Ohren gellte. Sie drückte durch diesen Juchzer alles das aus, was die anderen Jäger durch ihr gleichzeitiges Gerede zum Ausdruck brachten. Dies war so merkwürdig, daß sie sich selber dessen hätte schämen und alle anderen sich hätten wundern müssen, wenn es zu einer andern Zeit gewesen wäre. Der Onkel befestigte den Hasen am Sattel, warf ihn dann gewandt über das Hinterteil seines Pferdes, als wolle er durch dieses Hinüberwerfen allen seinen Sieg noch einmal unter die Nase reiben, setzte sich dann mit einer Miene, die besagte, daß er nun mit keinem mehr zu sprechen wünsche, auf seinen Hellbraunen und ritt weiter. Alle übrigen gingen mißmutig und beleidigt auseinander und konnten erst lange nachher ihren früheren, erheuchelten Gleichmut wiederfinden. Lange noch schielten sie verstohlen nach dem roten Rugaj hin, der, den krummen Rücken mit Schmutz besudelt, und mit den Metallteilen seiner Koppel klirrend, mit der ruhigen Miene eines Siegers dicht hinter den Beinen von des Onkels Pferd herlief.