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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Dieser Brief machte auf Nikolaj großen Eindruck. Er besaß jenen gesunden Menschenverstand, der ihm immer sagte, was er zu tun hatte.

Jetzt mußte er unbedingt nach Hause fahren, er brauchte deshalb nicht gleich seinen Abschied zu nehmen, konnte vorläufig nur Urlaub einreichen. Weshalb er aber fahren mußte, das wußte er nicht. Er hielt nach dem Essen sein Mittagsschläfchen, ließ sich den grauen Mars satteln, einen sehr wilden Hengst, den er lange nicht geritten hatte, und als er dann auf dem schaumbedeckten Tier zurückkam, erklärte er Lawruschka – Denissows Burschen, der bei Rostow geblieben war – und seinen Kameraden, die am Abend zu ihm kamen, daß er Urlaub einreichen und nach Hause fahren werde. Wie schwer und befremdend ihm auch der Gedanke war, daß er fortfahren sollte, ohne vom Stab – was ihm besonders nachging – erfahren zu haben, ob er nach dem letzten Manöver zum Rittmeister befördert werde und den Annenorden erhalte, wie seltsam es ihm auch schien, daß er abreisen sollte, ohne dem Grafen Goluchowski das Rotschimmeldreigespann verkauft zu haben, dessentwegen der polnische Graf mit ihm in Unterhandlungen stand und dessentwegen Rostow selber gewettet hatte, daß er es für zweitausend Rubel verkaufen werde, wie unfaßbar es ihn auch dünkte, daß er nun nicht an dem Ball teilnehmen sollte, den die Husaren für Panna Przezdeska gaben, weil die Ulanen für ihre Panna Brzozowska ebenfalls einen Ball gegeben hatten – er wußte, daß er aus dieser schönen, klaren Welt fort mußte, irgendwohin, wo es Widersinn und Verwirrung gab. Nach acht Tagen war sein Urlaub genehmigt. Seine Kameraden, nicht nur die Husaren seines Regimentes, sondern die ganze Brigade, gaben Rostow ein Abschiedsessen, bei dem das Gedeck pro Kopf fünfzehn Rubel kostete, zwei Musikkapellen spielten und zwei Sängerchöre sangen. Rostow tanzte mit dem Major Bassow einen Trepak, die betrunkenen Offiziere umarmten ihn, hoben ihn hoch und ließen ihn dabei fallen, die Soldaten seiner Eskadron schwenkten ihn noch einmal durch die Luft und schrien Hurra. Dann legten sie Rostow in einen Schlitten und gaben ihm bis zur ersten Station das Geleit.

Bis zur Hälfte des Weges, von Krementschug bis Kiew, waren, wie das ja immer der Fall zu sein pflegt, alle Gedanken Rostows noch beim Verlassenen, bei seiner Eskadron; als er aber über die Hälfte des Weges hinaus war, fing er schon langsam an, das Rotschimmeldreigespann und den Wachtmeister Doschojwejka zu vergessen und fragte sich voller Ungeduld, was ihn wohl in Otradnoje erwarte. Und je näher er kam, um so mächtiger stürmten die Gedanken an seine Heimat auf ihn ein, als wären diese inneren Gefühle demselben Gesetz der Schwerkraft unterworfen, das von allem Körperlichen gilt und mit dem Quadrat der Entfernung wächst. Auf der letzten Station vor Otradnoje gab er dem Postkutscher drei Rubel Trinkgeld und stürmte, zu Hause angelangt, wie ein Schuljunge atemlos die Freitreppe des Elternhauses empor.

Nach dem ersten Begrüßungstaumel und dem darauf folgenden merkwürdigen Gefühl der Enttäuschung im Vergleich zu dem, was er erwartet hatte – sie alle waren ja noch ebenso wie früher, wozu also diese Überstürzung? –, fing Nikolaj allmählich an, sich in die alte heimatliche Weh wieder einzuleben. Vater und Mutter waren unverändert, nur ein wenig älter geworden. Neu war an ihnen nur eine gewisse Nervosität und ein Mangel an Übereinstimmung, die Nikolaj früher nie an ihnen beobachtet hatte und deren Ursache, wie er bald erfuhr, nur in der schlechten Vermögenslage zu suchen war. Sonja war nun schon zwanzig Jahre alt. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer äußeren Entwicklung angelangt und versprach für die Zukunft nicht mehr, als sie bereits erreicht hatte, aber das war auch schon mehr als genug. Von dem Tag an, da Nikolaj gekommen war, atmete sie eitel Glück und Liebe, und die wahre, unerschütterliche Treue dieses Mädchens machte ihn froh und glücklich. Aber mehr als alle anderen setzten ihn Petja und Natascha in Erstaunen. Petja war ein großer, hübscher, lustiger und klug durchtriebener dreizehnjähriger Junge geworden, dem man schon den Stimmwechsel anmerkte. Aber über Natascha wunderte sich Nikolaj am meisten, und er mußte immer lachen, wenn er sie ansah.

»Wie du dich verändert hast!« sagte er.

»Wieso? Bin ich häßlicher geworden?«

»Im Gegenteil. Aber diese Würde! Wie eine Fürstin«, flüsterte er ihr lächelnd zu.

»Ja, ja, ja«, gab Natascha lachend zu.

Sie erzählte ihm ihren Roman mit dem Fürsten Andrej und von seinem Besuch in Otradnoje und zeigte ihm Bolkonskijs letzten Brief.

»Nun, freust du dich eigentlich darüber?« fragte Natascha. »Ich bin so ruhig, so glücklich.«

»Ich freue mich sehr«, erwiderte Nikolaj. »Er ist ein ausgezeichneter Mensch. Du bist wohl sehr in ihn verliebt?«

»Wie soll ich dir das erklären?« erwiderte Natascha. »In Boris war ich verliebt, und in den Gesanglehrer und in Denissow auch, aber jetzt ist das etwas ganz anderes. Ich fühle mich jetzt so ruhig, so sicher. Ich weiß, daß es keinen besseren Menschen gibt als ihn, und deshalb bin ich jetzt so ruhig, deshalb ist mir so wohl zumute. Das ist ganz, ganz anders als früher …«

Nikolaj sprach Natascha seine Unzufriedenheit darüber aus, daß die Hochzeit ein Jahr hinausgeschoben worden sei, aber Natascha redete aufgeregt auf den Bruder ein und bewies ihm, daß dies nicht anders sein könne, daß es unrecht wäre, in eine Familie gegen den Willen des Vaters einzutreten, und daß sie es selber gar nicht anders gewollt habe.

»Das verstehst du nicht, verstehst du ganz und gar nicht«, sagte sie.

Nikolaj schwieg und gab ihr recht.

Aber oft wunderte er sich im stillen, wenn er sie ansah. Sie war ganz und gar nicht wie eine verliebte Braut, die von ihrem Bräutigam getrennt ist. Sie zeigte sich ebenso gleichmäßig ruhig wie früher. Das setzte Nikolaj in Erstaunen und veranlaßte ihn dazu, ihr Verlöbnis mit Bolkonskij mit etwas mißtrauischen Augen anzusehen. Er glaubte nicht recht daran, daß ihr Schicksal bereits entschieden sein sollte, um so mehr, da er sie niemals mit Bolkonskij zusammen gesehen hatte. Er hatte immer den Eindruck, als ob bei dieser beabsichtigten Heirat irgend etwas nicht ganz richtig sei.

Wozu diese Verzögerung? Warum hat man es nicht bekanntgegeben? dachte er. Als er einmal mit der Mutter über seine Schwester sprach, entdeckte er zu seiner Verwunderung und teils auch zu seiner Genugtuung, daß die Mutter im Grunde ihres Herzens manchmal ganz ebenso mißtrauisch dieser Heirat entgegensah.

»Da schreibt er nun«, sagte sie und wies mit jenem geheimen Gefühl der Mißgunst, das eine Mutter stets gegen das künftige Eheglück ihrer Tochter empfindet, auf einen Brief vom Fürsten Andrej, »da schreibt er nun, daß er nicht vor Dezember zurückkommen kann. Was aber mag ihn wohl dort zurückhalten? Sicherlich ist er krank. Seine Gesundheit ist eben doch recht schwach. Aber sage Natascha nichts davon. Wundere dich nicht, daß sie so lustig ist: sie will eben ihre letzte Mädchenzeit noch genießen, aber ich weiß doch, was jedesmal mit ihr geschieht, wenn sie einen Brief von ihm bekommt. Übrigens gebe Gott, daß alles gut geht«, schloß sie jedesmal, »er ist ja doch ein ausgezeichneter Mensch.«

2

Während der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Otradnoje zeigte sich Nikolaj ernst, ja fast gelangweilt. Er litt unter dem bevorstehenden Zwang, sich in diese dummen Wirtschaftsangelegenheiten einmischen zu müssen, um derentwillen ihn die Mutter herbeigerufen hatte. Um sich diese Last so bald wie möglich von den Schultern zu wälzen, ging er drei Tage nach seiner Ankunft ingrimmig, ohne auf die Fragen, wo er hinwolle, eine Antwort zu geben, und mit finster zusammengezogenen Brauen in das Seitengebäude zu Mitenka und forderte von ihm »die Abrechnungen über alles«. Was Nikolaj eigentlich unter diesen »Abrechnungen über alles« verstand, wußte er selber noch weniger als der entsetzte und erstaunte Mitenka. Übrigens nahm die Unterhaltung über Mitenkas Abrechnungen nicht lange Zeit in Anspruch. Der Gemeindevorstand und zwei Landbeamte, die im Vorzimmer des Seitengebäudes warteten, hörten mit Schrecken und zugleich mit Genugtuung, wie anfangs die Stimme des jungen Grafen bebte und dröhnte, dann immer mehr und mehr anschwoll, und wie schließlich ein entsetzliches Schimpfwort nach dem andern herausgepoltert kam.

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