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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»O hoi!« hörte man in diesem Augenblick den unnachahmbaren Jagdruf, der den tiefsten Baß und höchsten Tenor in sich vereint. Um die Ecke kam der Hundeaufseher und Jägermeister Danila, das Haar auf ukrainische Weise rund geschoren, mit grauem Bart und runzliger Haut, die Hetzpeitsche in der Hand, und mit jenem Ausdruck von Selbstvertrauen und Verachtung für alles übrige in der Welt, wie man es nur bei Jägern findet. Er nahm seine Tscherkessenmütze vor dem Herrn ab und blickte ihn etwas von oben herab an. Diese Geringschätzung hatte für seinen Herrn nichts Beleidigendes: Nikolaj wußte nur zu gut, daß dieser alles verachtende und sich über alles erhaben dünkende Danila ja doch nur sein Diener und Jäger war.

»Danila«, sagte Nikolaj schüchtern, weil er sich beim Anblick des Jagdwetters, der Hunde und des Jägers bereits von jener unbezähmbaren Jagdpassion ergriffen fühlte, die einen, wie einen Verliebten der Anblick seiner angebeteten Braut, alle früheren Pläne und Absichten vergessen macht.

»Was befehlen Euer Erlaucht?« fragte Danila mit der Baßstimme eines Kirchensängers, die vom Hetzrufen etwas heiser geworden war, und seine schwarzen, funkelnden Augen schielten von unten her auf den Herrn, der so plötzlich seine Rede abgebrochen hatte. Hältst es wohl nicht mehr aus, was? schienen diese Augen zu sagen.

»Ein Prachttag heute, nicht wahr? Das wird ein Jagen und ein Hetzen werden, was?« sagte Nikolaj und kraute Milka hinter den Ohren.

Danila gab keine Antwort und zwinkerte nur mit den Augen.

»Ich habe heute vor Tagesgrauen Uwarka hingeschickt, um nachsehen zu lassen«, erwiderte er dann mit seiner Baßstimme, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, »er sagt, sie sei nach dem Verhau von Otradnoje gewechselt, dort hätte sie geheult.« Er wollte damit sagen, daß die Wölfin, von der sie beide wußten, in die kleine, freigelegene Waldparzelle hinübergewechselt war, die etwa zwei Werst vom Herrenhaus entfernt lag.

»So müssen wir uns wohl aufmachen?« sagte Nikolaj. »Komm dann mit Uwarka zu mir.«

»Wie Sie befehlen.«

»Also warte noch mit dem Füttern.«

»Zu Befehl.«

Nach fünf Minuten standen Danila und Uwarka in Nikolajs großem Zimmer. Obgleich dieser Danila nur klein von Gestalt war, so hatte man doch, wenn man ihn im Zimmer sah, den Eindruck, als sähe man da auf der Diele mitten unter den Möbeln und Einrichtungsgegenständen zum alltäglichen Leben plötzlich ein Pferd oder einen Bären. Danila fühlte das selber, blieb wie gewöhnlich ganz an der Tür stehen, bemühte sich leiser zu sprechen und sich nicht zu rühren, um in den herrschaftlichen Gemächern nicht irgend etwas entzweizuschlagen, und war nur darauf bedacht, alles so schnell wie möglich herauszusagen, um nur bald wieder aus dem Zimmer heraus unter den weiten Himmel und ins Freie zu kommen.

Nachdem Nikolaj alle Fragen gestellt und Danila zugegeben hatte, daß die Hunde alle in bester Verfassung seien – Danila hatte selber die größte Lust, heute zu reiten –, befahl Nikolaj, die Pferde zu satteln. Aber kaum wollte Danila hinausgehen, als Natascha noch unangekleidet und unfrisiert, nur in ein großes Tuch ihrer Kindermuhme gehüllt, mit schnellen Schritten ins Zimmer trat. Petja lief hinter ihr her.

»Reitest du heute?« fragte Natascha. »Das wußte ich doch. Sonja sagte, ihr würdet heute nicht reiten. Aber ich weiß doch, daß heute ein Tag ist, an dem man unbedingt reiten muß.«

»Ja, wir reiten«, gab Nikolaj widerwillig zur Antwort, der heute, wo er eine ernsthafte Jagd zu unternehmen beabsichtigte, Natascha und Petja nicht gern mitnehmen wollte. »Ja, wir reiten auf die Jagd, doch nur auf Wölfe, das wird dir langweilig werden«.

»Aber du weißt doch, daß mir das gerade ein Hauptvergnügen ist«, rief Natascha. »Das ist häßlich von dir, du selber willst reiten und gibst den Befehl zum Satteln, und uns sagst du kein Wort davon!«

»Ein echter Russe kennt kein Hindernis! Wir reiten mit, wir reiten mit!« schrie Petja.

»Aber du sollst ja nicht; Mama hat doch gesagt, daß du nicht mitreiten sollst«, wandte sich Nikolaj an Natascha.

»Nein, ich komme mit, ich komme unbedingt mit«, sagte Natascha entschlossen.

»Danila, laß für uns beide mitsatteln und sage Michaila, daß er meine Koppel vorführt«, wandte sie sich an den Jägermeister.

Danila kam sich im Zimmer schon an und für sich bedrückt und am unrechten Platz vor, nun aber gar noch mit dem gnädigen Fräulein zu tun zu haben – das schien ihm nahezu unmöglich. Er schlug die Augen nieder und machte, daß er hinauskam, wie wenn ihn die ganze Sache nichts anginge, schien sich aber auch dabei noch die größte Mühe zu geben, das gnädige Fräulein nicht etwa unversehens zu verletzen.

4

Der alte Graf, der immer große Jagden veranstaltet, jetzt aber die Leitung der ganzen Sache seinem Sohn überlassen hatte, traf an diesem Tag, dem 15. September, in höchst vergnügter Stimmung seine Vorbereitungen, um ebenfalls diese Jagd mitzureiten.

Eine Stunde später war die ganze Gesellschaft vor der Freitreppe versammelt. Nikolaj ging mit ernster und strenger Miene, die deutlich zu erkennen gab, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, sich mit Kindereien abzugeben, an Natascha und Petja vorüber, die ihm irgend etwas erzählen wollten. Er musterte alle Teile der Jagdausrüstung, schickte ein paar Jäger mit Hunden voraus, die das Wäldchen umgehen sollten, schwang sich auf seinen Fuchs Donez, pfiff die Hunde seiner Koppel heran und sprengte über die Tenne in das Feld hinaus, dem Verhau von Otradnoje zu. Das Pferd des alten Grafen, ein hellbrauner Wallach, das Wiflanka hieß, wurde von dem Oberstallmeister bis zu dem für den Grafen bestimmten Stand hinausgeführt, er selber fuhr in einem Wagen nach.

Von sechs Treibern und Hundewärtern wurden vierundfünfzig Hetzhunde ausgeführt. An Jägern ritten außer den Herrschaften noch acht Mann mit, die über vierzig Windhunde bei sich führten, so daß, die herrschaftlichen Koppeln miteingerechnet, eine Meute von etwa hundertundreißig Hunden und zwanzig Reiter zur Jagd auszogen.

Jeder Hund kannte seinen Herrn und seinen Namen. Jeder Jäger kannte sein Handwerk, seinen Stand und seine Aufgabe. Kaum hatten sie die Einfriedigung hinter sich, als sich alle geräuschlos und ohne zu reden gleichmäßig und ruhig über das Feld und den Weg verteilten, der nach dem Wald von Otradnoje führte.

Wie über einen völligen Teppich liefen die Pferde über das Feld, nur ab und zu, wenn sie einen Weg überschreiten mußten, patschten sie durch Pfützen. Immer noch senkte sich der Nebel kaum merkbar und gleichmäßig auf die Erde nieder; die Luft war ruhig, lind und still. Dann und wann hörte man den Pfiff eines Jägers oder das Schnauben eines Pferdes oder das Sausen einer Hetzpeitsche oder das Winseln eines Hundes, der nicht an seinem Platz gelaufen war.

Nachdem man ungefähr eine Werst zurückgelegt hatte, tauchten im Nebel fünf Reiter mit Hunden auf, die gerade auf die Rostowsche Jagdgesellschaft zuritten. Allen voran ritt ein frischer, rotbäckiger alter Herr mit einem gewaltigen grauen Schnauzbart.

»Guten Tag, Onkelchen«, rief Nikolaj, als der Alte bis zu ihm herangeritten war.

»Klare Sache und damit hopp! … Das wußte ich doch«, rief der Onkel – er war ein entfernter Verwandter und nicht sehr wohlhabender Nachbar der Rostows –, »das dachte ich mir doch, daß du es heute nicht zu Hause aushalten würdest. Schön, daß du zur Jagd ausgeritten bist! Klare Sache und damit hopp!« Das war die Lieblingsredensart des alten Herrn. »Nimm nur gleich den Verhau vor; mein Girtschik hat mir gemeldet, daß die Ilagins heute bei Korniki jagen, da könnten sie dir leicht die ganze Beute vor der Nase wegschnappen, klare Sache und damit hopp!«

»Da will ich ja auch hin. Aber wie ist’s? Wollen wir unsere Koppeln nicht zusammentun?« fragte Nikolaj. »Nicht?«

Die Hunde wurden zu einer Meute vereinigt, und der Onkel ritt neben Nikolaj weiter. Natascha, ganz in einen Schal eingehüllt, so daß nur ihr frisches Gesicht und ihre glänzenden Augen zu sehen waren, sprengte auf ihn zu, gefolgt von ihrem unzertrennlichen Begleiter Petja und dem Jäger und Bereiter Michail, der ihr heute als Kinderwärterin beigegeben worden war. Petja lachte über irgend etwas, schlug auf sein Pferd ein und riß an den Zügeln. Natascha saß sicher und gewandt auf ihrem Rappen Arabtschik und leitete ihn ohne jede Anstrengung mit sicherer Hand.

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