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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Semjon seufzte und beugte sich herab, um die Koppel in Ordnung zu bringen, in die sich ein junger Hund verwickelt hatte. Der Graf seufzte ebenfalls, und als er bemerkte, daß er die Tabaksdose immer noch in der Hand hielt, machte er sie auf und nahm eine Prise.

»Zurück!« schrie Semjon einem Hund zu, der über den Waldsaum hinauslaufen wollte. Der Graf fuhr zusammen und ließ die Dose fallen. Nastasja Iwanowna stieg vom Pferd und hob sie ihm auf. Der Graf und Semjon folgten ihm mit den Augen.

Plötzlich kam, wie das ja häufig zu geschehen pflegt, das Getöse der Jagd wieder so nah, als müßten jeden Augenblick die heulenden Mäuler der Hunde und der »Uljulju« brüllende Danila vor ihnen auftauchen.

Der Graf blickte sich um und sah rechts seinen Mitka, der ihn mit weitaufgerissenen Augen ansah, die Mütze zog und vor sich auf die andere Seite hinüberdeutete.

»Achtung!« brüllte er mit einer Stimme, der man es anmerkte, daß dieses Wort ihm schon lange quälend auf der Zunge gelegen hatte. Dann ließ er seine Hunde los und galoppierte in der Richtung auf den Grafen zu.

Der Graf und Semjon sprengten nun ebenfalls über den Saum des Waldes hinweg und sahen links von sich einen Wolf, der mit einem ruhigen, weichen und schwankenden Satz auf eben denselben Waldsaum heraussprang, wo sie selber hielten, nur etwas links von ihnen. Die Hunde heulten grimmig auf, rissen sich von der Koppel los und jagten, zwischen den Beinen der Pferde hindurch, auf den Wolf zu.

Der Wolf hielt im Lauf inne, drehte unbeholfen und steif, wie einer, der Halsschmerzen hat, seinen breitstirnigen Kopf nach den Hunden um, machte noch ein paar ebenso weiche und schwankende Sätze, ließ den Schwanz hin und her baumeln und suchte dann wieder im Walde Deckung. In diesem Augenblick stürzte mit einem Geheul, das an Weinen erinnerte, vom gegenüberliegenden Waldsaum, ohne zu hören und zu sehen, ein Hetzhund nach dem anderen hervor, und die ganze Meute stürmte an der Stelle, wo der Wolf herausgetreten war, auf das Feld hinaus. Hinter den Hunden teilten sich die Haselnußsträucher, und Danilas Brauner, der im Schweiß wie ein Rappe erschien, brach hervor. Auf seinem langen Rücken saß, ganz nach vorn gerutscht und wie ein Klumpen zusammengekrümmt, Danila, sein graues Haar hing ihm wirr über das hochrote, verschwitzte Gesicht.

»Uljuljulju, uljulju!« … brüllte er, und als er den Grafen sah, schossen seine Augen Blitze.

»Teufel!« schrie er und drohte mit der erhobenen Hetzpeitsche zum Grafen hinüber. »So einen Wolf durchzulassen! Schöne Jäger das!« Und als wolle er den verlegenen Grafen keines Wortes weiter würdigen, schlug er mit aller Wut, die dem Grafen galt, auf die bebenden, feuchten Weichen seines Wallachs los und jagte den Hetzhunden nach. Der Graf stand wie ein begossener Pudel da und sah sich um, bemüht, durch ein Lächeln Semjons Mitleid mit seiner Lage hervorzurufen. Aber Semjon war bereits nicht mehr da: er sprengte in einem Bogen um die Büsche, um den Wolf vom Dickicht abzuschneiden. Von zwei anderen Seiten hetzten die Treiber mit den Hunden hinter dem Tier her. Aber der Wolf verschwand im Gestrüpp, und keiner der Jäger erwischte ihn.

5

Inzwischen stand Nikolaj Rostow auf seinem Platz und wartete auf den Wolf. Aus dem Herannahen und Wiederfernerwerden der Jagd, aus dem Gebell der Hunde, die er alle kannte, aus den Stimmen der Treiber, die bald näher, bald ferner, bald lauter und bald leiser ertönten, erfuhr er, was im Verhau vor sich ging. Er wußte, daß dort alte und junge Wölfe sein mußten, wußte, daß sich die Hetzhunde in zwei Meuten geteilt hatten, daß sie irgendwo hetzten, und daß etwas Unerfreuliches geschehen sein mußte. Jeden Augenblick erwartete er den Wolf auf seiner Seite. Er stellte tausenderlei verschiedene Mutmaßungen auf, wie und von welcher Seite der Wolf wohl kommen könne, und auf welche Weise er ihn dann hetzen müsse. Seine Hoffnung wandelte sich in Verzweiflung. Ein paarmal flehte er Gott an, er solle ihm doch einen Wolf schicken, und betete mit einem so heißen, verschämten Gefühl, wie Menschen in Augenblicken starker Erregung wegen einer nichtigen Sache zu beten pflegen. Was kostet es dich, flehte er Gott an, wenn du dies für mich tust? Ich weiß, daß du allmächtig bist und es eine Sünde ist, dich um so etwas zu bitten, aber tu mir doch um des Himmels willen den Gefallen, daß ein alter starker Wolf nach meiner Seite hergetrieben wird, und daß Karaj ihn vor den Augen des Onkels, der dort steht und immer hersieht, an der Kehle packt und zur Strecke bringt. Wohl tausendmal in dieser halben Stunde spähte Rostow mit hartnäckig gespannten, ruhelosen Blicken den Waldsaum entlang, wo zwei vereinzelte Eichen aus dem Espengebüsch herausragten, spähte nach der Schlucht mit ihren ausgespülten Rändern und nach der Mütze des Onkels, die rechts im Gehölz kaum zu sehen war.

Nein, dieses Glück wird mir nicht zuteil, dachte Rostow. Und was hätte es ausgemacht! Es kommt keiner. Überall, im Kartenspiel wie im Krieg, in allem habe ich Pech. Und die Erinnerung an Austerlitz und an Dolochow, eine schnell der anderen weichend, blitzte grell in seinem Gedächtnis auf. Nur ein einziges Mal in meinem Leben möchte ich einen starken Wolf hetzen, weiter habe ich keinen Wunsch! dachte er, strengte Gehör und Gesicht an, spähte nach rechts und dann wieder nach links und erlauschte die geringsten Abstufungen aus dem Geschrei und Gebell der Jagd.

Als er sich wieder nach rechts wandte, sah er, daß über das freie Feld etwas auf ihn zugelaufen kam. Nein, das kann doch nicht sein, dachte Rostow und atmete schwer wie jemand, der der Erfüllung von etwas Langersehntem gegenübersteht. Das größte Glück war für ihn zur Wirklichkeit geworden, und so einfach, ohne jeden Lärm und Prunk und ohne vorherige Ankündigung. Rostow traute seinen Augen kaum, aber sein Zweifel dauerte nur etwas über einen Augenblick. Der Wolf lief geradeaus und sprang schwerfällig über einen Wassergraben, der ihm im Wege war. Es war ein altes, am Rücken schon grau werdendes Tier mit feistem, rötlichem Bauch. Er rannte ohne große Eile vorwärts und war offenbar überzeugt, daß ihn niemand sah. Rostow stockte der Atem, er sah sich nach den Hunden um. Sie hatten den Wolf noch nicht gesehen und standen und lagen neben ihm, ohne etwas zu merken. Der alte Karaj hatte den Kopf nach hinten gedreht, suchte ingrimmig nach einem Floh und fletschte und knackte mit seinen gelben Zähnen an seinen Hinterschenkeln.

»Uljuljulju«, flüsterte Rostow mit gespreizten Lippen. Die Hunde sprangen auf, daß die Metallteile an der Koppel klirrten, und spitzten die Ohren. Karaj flöhte sich noch zu Ende, sprang dann ebenfalls auf, spitzte die Ohren und wedelte leicht mit dem Schwanz, an dem das Haar verfilzt herabhing.

Soll ich sie loslassen oder nicht? fragte sich Nikolaj, als der Wolf, sich vom Wald entfernend, immer näher auf ihn zukam.

Auf einmal ging mit dem Wolfe eine plötzliche Veränderung vor: er fuhr zusammen, wahrscheinlich hatte er das menschliche Auge, das auf ihn gerichtet war und das er noch niemals in seinem Leben geschaut hatte, erspäht: leicht wandte er den Kopf nach dem Jäger um und blieb stehen. Vor oder zurück? Ach was, einerlei, vorwärts, vielleicht … schien er bei sich zu sagen und rannte in weiten, gemessenen, ungezwungenen, aber entschlossenen Sätzen weiter.

»Uljulju!« schrie Nikolaj mit einer Stimme, die gar nicht seine eigne schien; sein braves Pferd jagte wie von selbst Hals über Kopf den Abhang hinab, setzte über ein Wasserloch quer auf den Wolf zu, aber die Hunde holten es ein und stürmten noch schneller als das Pferd dem Wolf entgegen. Nikolaj hörte weder sein eignes Schreien noch fühlte er, wie er dahinjagte, er sah weder die Hunde noch die Stelle, wo er hinritt, er sah nur den Wolf, der seinen Lauf beschleunigte und in derselben Richtung weiter in einen Hohlweg hineinlief. Die erste, die in die Nähe des Wolfes kam, war die schwarzgefleckte, hinten breit gebaute Milka, sie stürmte wie der Wind voran. Immer näher und näher kam sie dem Wolf … und jetzt hatte sie ihn eingeholt. Der Wolf schielte sie nur von der Seite an, doch statt sich auf ihn zu stürzen, wie sie es sonst immer tat, stemmte sich Milka plötzlich mit hocherhobener Rute gegen die Vorderpfoten.

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