Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Unser Familienleben geht seinen alten Gang weiter, eine Ausnahme bildete nur der Besuch meines Bruders Andrej. Er hat sich, wie ich Ihnen schon schrieb, in letzter Zeit recht verändert. Erst jetzt, in diesem Jahr, ist er nach seinem Schmerz seelisch wieder vollkommen aufgelebt. Er war wieder so, wie ich ihn als Kind gekannt habe: gutmütig, zärtlich und von so goldenem Herzen, wie ich seinesgleichen gar nicht kenne. Mir schien, als habe er eingesehen, daß das Leben für ihn noch nicht zu Ende ist. Aber abgesehen von dieser seelischen Veränderung, kam er mir körperlich doch recht matt vor. Er war magerer und nervöser geworden. Ich ängstige mich recht um ihn und bin froh, daß er nun endlich diese Reise ins Ausland unternimmt, die ihm die Ärzte schon so lange verschrieben hatten. Ich hoffe, daß er dadurch ganz wiederhergestellt wird.
Sie schrieben mir, daß man in Petersburg von ihm als von einem äußerst tüchtigen, gebildeten und klugen jungen Mann spricht. Verzeihen Sie meiner Eigenliebe als Schwester – daran habe ich nie gezweifelt. Es ist ganz unmöglich, all das Gute aufzuzählen, was er hier an allen getan hat, von den Bauern angefangen bis hinauf zu den Edelleuten. Bei seiner Übersiedlung nach Petersburg sind ihm alle Ehrungen zuteil geworden, die ihm gebühren. Ich wundere mich nur, wie diese Gerüchte von Petersburg nach Moskau dringen können, und dazu noch so unwahre Gerüchte wie das von einer vermutlichen Heirat meines Bruders mit der kleinen Rostowa, das Sie mir ebenfalls schrieben. Ich glaube kaum, daß Andrej sich je wieder verheiraten wird, mit wem es auch immer sei, und ganz besonders nicht mit ihr. Und zwar aus folgenden Gründen: ich weiß erstens, daß der Kummer über den Verlust seiner Frau, wenn er auch selten davon spricht, doch zu tief in seinem Herzen Wurzel geschlagen hat, als daß er sich jemals entschließen könnte, ihr eine Nachfolgerin und unserem kleinen Engel eine Stiefmutter zu geben, und zweitens ist jenes junge Mädchen, soviel ich weiß, nicht eine Frau von der Art, die meinem Bruder gefallen könnte. Ich glaube nicht, daß Fürst Andrej sie sich zur Gattin erwählen wird, und sage auch ganz offen: ich würde es nicht wünschen.
Aber ich bin ins Schwatzen gekommen, da habe ich nun schon zwei Blätter vollgeschrieben. Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, Gott der Herr bewahre Sie in Seinem heiligen, allmächtigen Schutz. Meine kleine Freundin, Mademoiselle Bourienne, sendet Ihnen tausend Grüße.
Marie.«
26
Mitten im Sommer erhielt Prinzessin Marja plötzlich einen Brief vom Fürsten Andrej aus der Schweiz, in dem er ihr eine merkwürdige und unerwartete Neuigkeit mitteilte. Er setzte sie von seiner Verlobung mit Natascha Rostowa in Kenntnis. Sein ganzer Brief atmete liebende Begeisterung für seine Braut und zärtliche Freundschaft und Vertrauen zu seiner Schwester. Er schrieb, noch nie in seinem Leben habe er so geliebt wie jetzt, und erst jetzt verstehe er das Leben und habe es wahrhaft erkannt. Er bat die Schwester, ihm zu verzeihen, daß er ihr bei seinem Besuch in Lysyja-Gory nichts von diesem seinem Entschluß gesagt habe, obgleich er mit dem Vater schon darüber gesprochen habe. Er habe es ihr aus dem Grund nicht gesagt, weil Prinzessin Marja dann den Vater um seine Einwilligung gebeten und diesen dadurch, ohne etwas zu erreichen, nur gereizt und die ganze Last seines Unwillens auf sich geladen hätte.
»Übrigens«, schrieb er, »war ja auch die Sache damals noch nicht so endgültig beschlossen, wie sie es jetzt ist. Damals hat mir der Vater die Frist von einem Jahr gesetzt, und jetzt sind nun schon sechs Monate, also die Hälfte der bestimmten Wartezeit vergangen, und ich bestehe fester denn je auf meinem Entschluß. Wenn die Ärzte mich hier im Bad nicht zurückhielten, wäre ich selbst nach Rußland gekommen, so aber muß ich meine Rückkehr noch um drei Monate aufschieben. Du kennst mich und mein Verhältnis zum Vater. Ich brauche ihn nicht, ich war von ihm unabhängig und werde es auch immer sein, aber gegen seinen Willen zu handeln, seinen Zorn zu verdienen, wo er doch womöglich nur so kurze Zeit noch unter uns weilt, würde die Hälfte meines Glückes zunichte machen. Ich werde jetzt über dieselbe Angelegenheit einen Brief an ihn schreiben und bitte Dich, ihm diesen Brief in einem günstigen Augenblick zu überreichen und mir dann mitzuteilen, mit welchen Augen er dies alles ansieht, und ob für mich die Hoffnung besteht, daß er zu einer Verkürzung dieser Frist um vier Monate seine Einwilligung gibt.«
Nach langem Schwanken, nach vielen Bedenken und Gebeten gab Prinzessin Marja endlich ihrem Vater diesen Brief. Tags darauf sagte der alte Fürst in ruhigem Ton zu ihr:
»Sage deinem Bruder, er soll warten, bis ich tot bin … Es wird nicht mehr lange dauern, er wird bald frei sein …«
Prinzessin Marja wollte etwas entgegnen, aber der Vater ließ sie nicht zu Wort kommen und redete immer lauter und lauter drauflos: »Heirate, heirate nur, mein Herzenssöhnchen … Eine schöne Verwandtschaft! … Kluge Leute, nicht wahr? Reiche Leute, nicht wahr? Ja, gewiß! Eine schöne Stiefmutter für Nikoluschka wäre das! Schreibe ihm nur, meinetwegen kann er schon morgen heiraten. Sie wird Nikoluschkas Stiefmutter und ich heirate dann die kleine Bourienne! … Ha ha ha! Damit auch er eine Stiefmutter bekommt! Aber das eine sage ich euch: in meinem Hause dulde ich nicht noch ein solches Frauenzimmer mehr. Mag er heiraten, meinetwegen, er lebt ja für sich. Und vielleicht ziehst auch du dann zu ihm«, wandte er sich an Prinzessin Marja, »meinen Segen hast du, immer fort mit Schaden, immer fort mit Schaden …«
Nach diesem Zornausbruch redete der alte Fürst nicht ein einziges Mal wieder über die Sache. Aber der verhaltene Ärger über die Sinnesart seines Sohnes kam im Verkehr zwischen Vater und Tochter zum Ausdruck. Zu den früheren Anlässen für seine Spöttereien kam noch ein neuer: die Anspielungen auf die Stiefmutter und auf seine Liebenswürdigkeiten gegen Mademoiselle Bourienne.
»Warum soll ich sie denn nicht heiraten?« sagte er zu seiner Tochter. »Sie wird eine prächtige Fürstin abgeben.«
Und zu ihrem größten Befremden und Staunen fing Prinzessin Marja an zu bemerken, daß ihr Vater tatsächlich in letzter Zeit die Französin immer näher und näher zu sich heranzog. Prinzessin Marja schrieb dem Fürsten Andrej, wie der Vater seinen Brief aufgenommen habe, aber sie tröstete den Bruder, indem sie ihm die Hoffnung ließ, der Vater werde sich vielleicht doch noch mit dem Gedanken aussöhnen.
Nikoluschka und seine Erziehung, Andrej und die Religion waren der Trost und die Freude in Prinzessin Marjas Leben. Da aber jeder Mensch noch eigne, persönliche Hoffnungen braucht, so nährte sie überdies noch in der geheimsten Tiefe ihres Herzens verborgene Träume und Hoffnungen, die den Haupttrost ihres Lebens bildeten. Und diese tröstenden Träume und Hoffnungen verdankte sie ihren Gottesleuten, jenen verzückten Pilgern, die sie besuchten, ohne daß der alte Fürst etwas davon wußte. Je älter Prinzessin Marja wurde, je mehr sie das Leben kennen und beobachten lernte, um so mehr wunderte sie sich über die Kurzsichtigkeit der Menschen, die auf dieser Erde Genuß und Glück suchten und sich abplagten und abmühten, kämpften und einander Böses zufügten, nur um dieses unmögliche, lasterhafte Glück, das nur in ihrer Einbildung bestand, zu erreichen. Fürst Andrej hatte seine Frau geliebt, sie war gestorben, aber trotzdem wollte er bei einer anderen Frau sein Glück von neuem suchen. Der Vater war dagegen, weil er für seinen Sohn eine angesehenere, reichere Partie wünschte. Und sie alle kämpften und litten und quälten sich zum Schaden ihrer Seele, ihrer ewigen Seele, nur um ein Glück zu erreichen, das nicht länger als einen Augenblick dauert. Und nicht genug, daß man sich innerlich dessen bewußt ist: Christus, der Sohn Gottes, ist selber auf die Erde herabgestiegen und hat es allen geoffenbart, daß dieses Leben bloß eine kurze Frist währt und nur eine Prüfung ist. Trotzdem klammern sich aber alle an dieses Leben und glauben in ihm ihr Glück zu finden. Daß dies niemand begreift? dachte Prinzessin Marja. Niemand außer diesen verachteten Gottesleuten, die mit dem Bettelsack auf der Schulter durch die Hinterpforte zu mir schleichen, aus Angst, dem Fürsten unter die Augen zu kommen, und sich dabei nicht etwa vor eignen Leiden fürchten, sondern nur davor, ihn zu einer Sünde zu veranlassen. Seine Heimat und Familie zu verlassen, alle Sorge um irdisches Glück von sich zu werfen und aller Bande ledig unter fremdem Namen im groben Kittel von Ort zu Ort zu wandern, keinem etwas Böses zu tun, sondern für alle zu beten, und sowohl die zu segnen, die einen von ihrer Schwelle jagen, als auch die, die einen beschützen – das ist die höchste Wahrheit und das vollkommenste Leben.