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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Verzeihen Sie mir«, sagte Fürst Andrej, »aber Sie sind noch so jung, und ich habe schon soviel im Leben durchmachen müssen. Mir ist bang um Sie. Sie kennen sich selbst noch nicht.«

Natascha hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu, bemüht, den Sinn seiner Worte zu erfassen, verstand ihn aber nicht.

»Wie schwer mir dieses Jahr auch werden wird, das mich von meinem Glück trennt«, fuhr Fürst Andrej fort, »so können Sie doch während dieser Zeit sich selber prüfen. Ich bitte Sie jetzt nur, mich nach einem Jahr glücklich zu machen, aber Sie sind vollständig frei: unser Verlöbnis bleibt geheim, und wenn Sie zu der Überzeugung gelangen sollten, daß Sie mich nicht lieben oder einen anderen lieber hätten …« fügte Fürst Andrej mit gezwungenem Lächeln hinzu.

»Warum reden Sie so?« unterbrach ihn Natascha. »Sie wissen es ja doch, daß ich Sie von jenem selben Tag an, als Sie zum erstenmal nach Otradnoje kamen, gleich liebgewonnen habe«, sagte sie, fest überzeugt, daß sie die Wahrheit sprach.

»In diesem einen Jahr werden Sie sich selber kennen lernen …«

»Ein ganzes Jahr!« rief Natascha, und erst jetzt begriff sie, daß die Hochzeit ein Jahr hinausgeschoben werden sollte. »Aber warum denn ein Jahr? Warum ein ganzes Jahr?«

Fürst Andrej wollte ihr die Gründe dieses Aufschubs erklären, aber Natascha hörte nicht auf ihn.

»Und anders geht es nicht?« fragte sie.

Fürst Andrej gab keine Antwort, aber auf seinem Gesicht stand die Unabänderlichkeit dieses Entschlusses geschrieben.

»Das ist ja entsetzlich! Nein, das ist furchtbar, entsetzlich!« stieß plötzlich Natascha hervor und fing wieder an zu schluchzen. »Ich sterbe, wenn ich noch ein ganzes Jahr warten muß: das ist unmöglich, das ist furchtbar!«

Sie blickte ihrem Bräutigam ins Gesicht und sah einen Ausdruck des Mitleids und des Staunens in seinen Zügen.

»Nein, nein, ich werde es ertragen«, sagte sie und trocknete plötzlich ihre Tränen. »Ich bin ja so glücklich.«

Da traten Vater und Mutter ins Zimmer und segneten Bräutigam und Braut.

Von diesem Tag an kam Fürst Andrej als Bräutigam ins Rostowsche Haus.

24

Eine Verlobungsfeier fand nicht statt, und es wurde niemandem die Verlobung Bolkonskijs mit Natascha angezeigt, darauf bestand Fürst Andrej. Da er ja selber die Ursache des Aufschubs sei, sagte er, müsse auch er allein die ganzen schweren Folgen tragen, die sich daraus ergeben. Er sagte, er habe sich durch sein Wort auf ewig verpflichtet, Natascha aber solle nicht gebunden sein, er lasse ihr die volle Freiheit. Sollte sie nach einem halben Jahr fühlen, daß sie ihn nicht liebe, so stehe ihr voll und ganz das Recht zu, ihn abzuweisen. Natürlich wollten weder Natascha noch ihre Eltern etwas davon wissen, aber Fürst Andrej bestand auf seinem Willen.

Bolkonskij war nun jeden Tag bei den Rostows, aber er verkehrte nicht wie ein Bräutigam mit Natascha: er sagte »Sie« zu ihr und küßte ihr nur die Hand. Zwischen ihm und ihr hatten sich seit seinem Antrag enge, schlichte Beziehungen angeknüpft, die so ganz anders als ihre früheren waren. Es war, als hätten sie sich bisher überhaupt noch nicht gekannt. Beide erinnerten sich gern daran, mit was für Augen sie einander angesehen hatten, als noch nichts zwischen ihnen gewesen war; sie fühlten sich jetzt als ganz andere Wesen: damals war alles an ihnen verstellt gewesen, jetzt war alles einfach und aufrichtig.

Anfänglich fühlte sich die ganze Familie im Verkehr mit dem Fürsten Andrej etwas unbehaglich, er erschien ihnen wie ein Mensch aus einer ganz anderen Welt, und Natascha hatte Mühe, ihre Angehörigen an Bolkonskij zu gewöhnen, und versicherte allen mit Stolz, daß er zwar besonders scheine, im Grund aber ebenso ein Mensch sei wie sie alle, und daß sie gar keine Angst vor ihm habe und keiner sich vor ihm zu fürchten brauche. So gewöhnte sich die Familie nach einigen Tagen an ihn und führte, ohne sich Zwang anzulegen, ihr Leben in der Art wie früher weiter, und er selber nahm an diesem Leben teil. Mit dem Grafen unterhielt er sich über die Wirtschaft, mit der Gräfin und Natascha über Toilettenfragen und mit Sonja über ihre Albums und Handarbeiten.

Bisweilen sprachen die Rostowschen Familienmitglieder unter sich und auch in Gegenwart des Fürsten Andrej ihre Verwunderung darüber aus, wie doch das alles so gekommen sei und welch offenkundige Vorzeichen dem vorausgegangen seien: der Besuch des Fürsten Andrej in Otradnoje, ihre Übersiedlung nach Petersburg, die Ähnlichkeit zwischen Natascha und dem Fürsten Andrej, welche die Kindermuhme gleich beim ersten Besuch Bolkonskijs festgestellt hatte, das Zusammentreffen von Andrej und Nikolaj im Felde 1805. Und noch vieles andere mehr, was man als Vorzeichen für das, was sich ereignet hatte, deutete, wurde von den Familienmitgliedern in Erinnerung gebracht.

Im Hause herrschte jene poetische Stille und Langweile, welche die Gegenwart eines Bräutigams und einer Braut stets mit sich bringt. Oft, wenn sie alle zusammensaßen, sagte keiner ein Wort. Und wenn dann manchmal alle aufstanden und hinausgingen, blieb das Brautpaar allein im Zimmer sitzen und schwieg in derselben Weise weiter. Selten sprachen sie von ihrem künftigen Leben. Fürst Andrej empfand peinliche Angst, mit ihr darüber zu sprechen. Natascha teilte diese Empfindung wie alle seine Gefühle, die sie ständig erriet.

Einmal fragte ihn Natascha nach seinem Sohn. Fürst Andrej wurde rot, was in letzter Zeit häufig bei ihm der Fall war und Natascha ganz besonders gefiel, und erwiderte, sein Sohn werde nicht mit ihnen zusammenleben.

»Warum denn nicht?« fragte Natascha erschrocken.

»Ich möchte dem Großvater den Kleinen nicht wegnehmen und dann …«

»Wie lieb ich ihn haben würde!« sagte Natascha, die sogleich seinen Gedanken erriet. »Aber ich verstehe, Sie wollen nicht, daß es irgendeinen Vorwand geben soll, Ihnen und mir Vorwürfe zu machen.«

Der alte Graf trat manchmal auf den Fürsten Andrej zu, küßte ihn und fragte ihn um Rat über Erziehungsfragen, die Petja betrafen, oder über Nikolajs dienstliche Angelegenheiten. Die alte Gräfin seufzte, wenn sie die beiden ansah. Sonja hatte fortwährend Angst, überflüssig zu sein, und bemühte sich ständig, einen Vorwand zu finden, sie allein zu lassen, obgleich sie gar kein Verlangen danach hatten. Wenn Fürst Andrej sprach – er konnte ausgezeichnet erzählen –, hörte ihm Natascha voll Stolz zu; wenn sie selber sprach, bemerkte sie voll Angst und Freude, daß er sie aufmerksam und prüfend ansah. Verwundert fragte sie sich im stillen: Was sucht er in mir? Was will er mit seinem Blick erforschen? Wenn er nun das nicht findet, was er mit seinem Blick in mir sucht?

Manchmal geriet sie in die ihr eigene, lustige und tolle Laune hinein, und dann hatte sie es besonders gern, wenn sie hörte und sah, wie Fürst Andrej lachte. Er lachte sehr selten, wenn er aber einmal lachte, gab er sich dafür auch ganz seinem Lachen hin, und Natascha fühlte sich ihm nach einem solchen Lachen jedesmal wieder näher. Sie wäre vollkommen glücklich gewesen, wenn sie nicht der Gedanke an die bevorstehende, immer näher rückende Trennungszeit erschreckt hätte, wie auch er bei dem bloßen Gedanken an diese Zeit immer blaß wurde und ein Frösteln verspürte.

Am Tag vor seiner Abfahrt von Petersburg brachte Fürst Andrej Pierre mit zu den Rostows, der seit dem Ball nicht ein einziges Mal bei ihnen gewesen war. Pierre schien zerstreut und verlegen. Er unterhielt sich nur mit der Mutter. Natascha setzte sich mit Sonja an den Schachtisch, was dem Fürsten Andrej als Aufforderung diente, sich zu ihnen zu gesellen. Er trat an den Schachtisch heran.

»Kennen Sie Besuchow schon lange?« fragte er Natascha. »Mögen Sie ihn gern?«

»Ja, er ist ein prächtiger Mensch, aber spaßig, sehr spaßig.«

Und wie immer, wenn sie von Pierre sprach, fing sie an, Anekdoten von seiner Zerstreutheit zu erzählen, die zum Teil erfunden waren und ihm nur zugeschrieben wurden.

»Sie wissen, ich habe ihm unser Geheimnis anvertraut«, sagte Fürst Andrej. »Ich kenne ihn von Kind auf. Er hat ein goldenes Herz. Ich bitte Sie um eines, Natalie«, sagte er plötzlich sehr ernst, »wenn ich fortgehe, kann Gott weiß was alles passieren. Sie können aufhören, mich zu lieben … Nun, ich weiß, daß ich mit Ihnen darüber nicht sprechen darf. Mit einem Wort: was Ihnen auch zustoßen möge, wenn ich nicht da bin …«

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