Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Aber was soll mir denn zustoßen?…«
»Was für ein Kummer Sie auch immer bedrücken sollte«, fuhr Fürst Andrej fort, »und auch Sie bitte ich darum, Mademoiselle Sophie, was sich auch immer ereignen sollte, wenden Sie sich nur an ihn allein um Rat und Hilfe. Er ist ein zerstreuter und komischer Mensch, aber er hat ein goldenes Herz.«
Weder Vater und Mutter noch Sonja noch Fürst Andrej selber vermochten vorauszusehen, wie die Trennung von ihrem Bräutigam auf Natascha wirken werde. Rot und erregt und mit trockenen Augen ging sie an diesem Tag im Hause umher, beschäftigte sich mit den allernichtigsten Dingen, als begriffe sie gar nicht, was ihr bevorstand. Auch als er ihr beim Abschied zum letzten Male die Hand küßte, weinte sie nicht. »Gehen Sie nicht fort!« sagte sie nur zu ihm mit einer Stimme, die er lange nicht vergessen konnte und die ihn zwang, noch einmal darüber nachzudenken, ob er tatsächlich doch nicht lieber dableiben sollte. Auch als er fortgefahren war, weinte sie nicht und blieb nur, ohne eine Träne zu vergießen, ein paar Tage auf ihrem Zimmer, zeigte für nichts Interesse, sondern sagte nur immer: »Ach, warum, warum ist er nur fortgereist?«
Doch vierzehn Tage nach seiner Abreise genas sie, ganz unerwartet für ihre Angehörigen, von ihrer seelischen Krankheit und wurde wieder die alte, die sie früher gewesen war, nur mit einer anderen seelischen Physiognomie, so wie Kinder mit einem ganz anderen Gesicht wieder aus dem Bett aufstehen, wenn sie lang krank gelegen haben.
25
Fürst Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskij war in diesem Jahr, in dem sein Sohn ins Ausland fuhr, körperlich und geistig bedeutend schwächer geworden. Er zeigte sich noch gereizter als früher, und die Ausbrüche eines grundlosen Zornes entluden sich zum größten Teil über Prinzessin Marjas Haupt. Wie absichtlich machte er alle ihre schwachen Seiten ausfindig, um sie innerlich um so grausamer zu quälen. Prinzessin Marja hatte zwei Leidenschaften und daher auch zwei Quellen des Glückes: die eine war ihr Neffe Nikoluschka und die andere ihre Religion, und diese beiden Punkte bildeten nun für den Spott des Fürsten die Lieblingsangriffspunkte. Von was auch immer man sprach, stets lenkte er das Gespräch auf die Frömmelei und Scheinheiligkeit der alten Jungfern oder auf das Verwöhnen und Verhätscheln kleiner Kinder. »Du willst wohl aus ihm« – er sprach von Nikolenka – »eine ebensolche alte Jungfer machen, wie du selber eine bist? Gib dir keine Mühe, Fürst Andrej braucht einen Sohn, aber kein Frauenzimmer!« sagte er. Oder er wandte sich an Mademoiselle Bourienne und fragte sie in Gegenwart Prinzessin Marjas, wie ihr die russischen Popen und Heiligenbilder gefielen, und zog dies alles ins Lächerliche.
So kränkte er Prinzessin Marja ununterbrochen aufs schwerste, aber seiner Tochter kostete es nicht einmal Anstrengung, ihm zu verzeihen. Konnte denn ihr Vater überhaupt ihr gegenüber eine Schuld haben, konnte er denn ungerecht gegen sie sein, da er sie doch, wie sie wußte, liebte? Und was war eigentlich Gerechtigkeit? Prinzessin Marja hatte nie über dieses stolze Wort »Gerechtigkeit« nachgedacht. All die verwickelten Gesetze der Menschen untereinander liefen bei ihr in dem einen schlichten und klaren Gebot zusammen, im Gebot der Nächstenliebe und Selbstaufopferung, das uns von Ihm gegeben worden war, der selber liebend für die Menschheit gelitten hatte, wo Er doch selber ein Gott war. Was kümmerte sie die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit anderer? Sie mußte ja lieben und leiden, und das tat sie denn auch.
Im Winter war Fürst Andrej nach Lysyja-Gory gekommen. Er war heiter, sanft und zärtlich gewesen, wie ihn Prinzessin Marja lange nicht gesehen hatte. Sie hatte geahnt, daß irgend etwas mit ihm geschehen sein müsse, aber er hatte ihr nichts von seiner Liebe erzählt. Vor seiner Abreise hatte er lange über irgend etwas mit dem Vater verhandelt, und Prinzessin Marja hatte bemerkt, wie sie vor dem Abschiednehmen beide unzufrieden miteinander gewesen waren.
Bald nach Fürst Andrejs Abreise schrieb Prinzessin Marja aus Lysyja-Gory einen Brief an ihre Freundin Julie Karagina nach Petersburg, die sie nach der Art junger Mädchen mit allerlei Träumen umwob und gern mit ihrem Bruder verheiratet hätte. Julia Karagina hatte soeben Trauer bekommen, da ihr Bruder in der Türkei gefallen war.
»Meine liebe, gute Freundin Julie, wieder sieht man, daß das Leid unser aller Los ist. Der Verlust, den Sie erlitten haben, ist so entsetzlich, daß ich ihn mir nicht anders erklären kann, als daß Gott aus besonderer Gnade und Liebe zu Ihnen Sie prüfen will, Sie und Ihre vortreffliche Frau Mutter. Dennoch, meine liebe Freundin, die Religion und nur die Religion allein kann uns, wenn ich auch nicht sagen möchte trösten, so doch vor der Verzweiflung retten. Nur die Religion allein kann uns das erklären, was der Mensch allein und ohne ihre Hilfe niemals begreifen würde: warum gute, hochherzige Menschen, die ihr Glück auf Erden finden würden und nicht nur niemandem schaden, sondern auch für das Glück anderer unentbehrlich sind, warum solche Menschen von Gott abberufen werden und solche, die böse, unnütz und schädlich sind und anderen und sich selber nur zur Last fallen, am Leben bleiben. Der erste Todesfall, den ich erlebt habe und niemals vergessen werde, der Tod meiner lieben Schwägerin, hat diese Gedanken in mir wachgerufen. Ebenso wie Sie jetzt das Schicksal fragen, warum Ihr herrlicher Bruder sterben mußte, ebenso fragte ich damals, warum gerade Lisa, dieser Engel, nicht weiterleben durfte, der nicht nur keinem Menschen je etwas Böses tat, sondern auch niemals etwas anderes als liebe, edle Gedanken in seinem Herzen hegte. Und nun sind schon fünf Jahre seit jener Zeit verflossen, liebe Freundin, und ich fange in meinem armseligen Verstande schon an, klar zu begreifen, warum sie sterben mußte und wie ihr Tod doch nur ein Ausdruck der unendlichen Gnade des Schöpfers ist, wie ja alle Seine Werke, wenn wir sie auch zum großen Teil nicht verstehen, nur eine Offenbarung Seiner unendlichen Liebe zu Seinen Geschöpfen sind. Oft denke ich, daß sie vielleicht zu engelhaft unschuldig gewesen ist, um die Kraft zu haben, alle Pflichten einer Mutter auf sich zu nehmen. Als junge Frau war kein Vorwurf gegen sie zu erheben, vielleicht hätte sie aber als Mutter nicht ebenso sein können. Und so hat sie jetzt nicht nur in uns und insonderheit im Fürsten Andrej ein reines Mitleiden und eine reine Erinnerung zurückgelassen, sondern auch sicherlich dort oben einen Platz erhalten, auf den ich nicht zu hoffen wage. Um aber nicht nur von ihr allein zu reden, so hat dieser zeitige und furchtbare Tod, ganz abgesehen von all dem Kummer, doch einen äußerst segensreichen Einfluß auf mich und meinen Bruder ausgeübt. Damals, im Augenblick des Verlustes selber, konnten mir solche Gedanken natürlich nicht kommen, damals hätte ich sie mit Entsetzen von mir gejagt, jetzt aber steht das alles für mich klar und zweifelsfrei fest. Ich schreibe Ihnen das alles, liebe Freundin, nur um Sie von der Wahrheit des Wortes aus der Heiligen Schrift zu überzeugen, das ich mir zur Richtschnur im Leben erwählt habe: ›Es fällt kein Haar von Deinem Haupt ohne Seinen Willen.‹ Und da Sein Wille nur von Seiner unendlichen Liebe für uns geleitet wird, gereicht uns alles, was immer auch mit uns geschehen möge, nur zu unserem Segen.
Sie fragen, ob wir den nächsten Winter in Moskau verleben werden. Ich glaube nicht, und möchte es auch nicht, trotz des Wunsches, Sie wiederzusehen. Und Sie werden staunen, wenn Sie hören, daß der Grund hierfür – Bonaparte ist. Aber das hängt so zusammen: Mit der Gesundheit meines Vaters geht es merklich bergab, er kann keinen Widerspruch ertragen und wird von Tag zu Tag reizbarer. Diese Reizbarkeit macht sich, wie Sie wissen, vorzugsweise bei politischen Dingen geltend. Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß Bonaparte mit allen Herrschern Europas wie ein Gleichgestellter verhandelt, und nun gar mit unserem Zaren, einem Enkel der großen Katharina! Wie Sie wissen, stehe ich selber allen politischen Dingen vollkommen gleichgültig gegenüber, aber aus den Worten meines Vaters und seinen Gesprächen mit Michail Iwanowitsch erfahre ich alles, was in der Welt draußen vorgeht, und in besonderheit auch, was für Ehrungen diesem Bonaparte bezeigt werden, und mich dünkt, Lysyja-Gory ist der einzige Ort auf dem ganzen Erdball, wo man ihn nicht als großen Menschen, ja, nicht einmal als französischen Kaiser anerkennt. Und diese Ehrungen Bonapartes sind es, die mein Vater nicht ertragen kann. Ich glaube, dies ist der Grund, warum er nicht gern von einer Übersiedlung nach Moskau redet, da er vornehmlich infolge seiner politischen Überzeugung Zusammenstöße voraussieht, die bei seiner Art und Weise, niemandem gegenüber ein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern allen seine Meinung offen herauszusagen, sicherlich auch nicht ausbleiben würden. Alles, was er durch eine Kur dort gewinnen würde, würde er durch die unvermeidlichen Streitereien über Bonaparte sogleich wieder einbüßen. Auf jeden Fall wird sich das alles in Bälde entscheiden.