Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Da war die Wallfahrerin Fedosjuschka, eine kleine, stille, pockennarbige Frau von etwa fünfzig Jahren, die schon über dreißig Jahre lang barfuß und in Fesseln von Ort zu Ort pilgerte. Diese liebte Prinzessin Marja besonders. Als sie ihr eines Tages im dunkeln, nur vom Schein der Ewigen Lampe erhellten Zimmer aus ihrem Leben erzählt hatte, war der Gedanke, daß einzig diese Fedosjuschka den wahren Weg des Lebens gefunden habe, mit solcher Gewalt über Prinzessin Marja gekommen, daß sie den Entschluß gefaßt hatte, selber wallfahrten zu gehen. Als Fedosjuschka dann schlafen gegangen war, dachte Prinzessin Marja noch lange darüber nach, und der Entschluß, daß sie, so seltsam es auch scheinen möge, dennoch unbedingt wallfahrten gehen müsse, reifte endgültig in ihr. Sie vertraute diese ihre Absicht nur einem Mönch, dem Vater Akinsij, an, der ihr Beichtvater war, und dieser billigte ihren Entschluß. Unter dem Vorwand, es einer Wallfahrerin zu schenken, verschaffte sich Prinzessin Marja ein neues Pilgergewand: einen härenen Kittel, Bastschuhe, einen Kaftan und ein schwarzes Tuch. Oft trat sie zu dem geweihten Spind, das diese Heiligtümer barg, blieb zögernd davor stehen und überlegte, ob nicht der Zeitpunkt schon gekommen sei, wo sie ihre Absicht zur Ausführung bringen müsse.
Oft, wenn sie den Erzählungen der Pilgerinnen lauschte, versetzten sie deren einfache Worte, die ihnen selber mechanisch waren, für Prinzessin Marja aber einen tiefen Sinn bargen, in eine solche Erregung, daß sie schon mehrmals bereit war, alles hinzuwerfen und aus dem Hause zu laufen. Sie sah sich im Geiste schon zusammen mit Fedosjuschka im groben Kittel, den Bettelsack auf dem Rücken, auf der staubigen Landstraße dahinpilgern, ohne Neid, ohne irdische Liebe und ohne jedes Verlangen von einem Heiligen zum andern wallfahrten und letzten Endes dort landen, wo es weder Kummer noch Herzeleid gibt, sondern nur ewige Freude und Seligkeit.
Wenn ich an einen Ort komme, werde ich dort beten; gewöhne ich mich da nicht ein und empfinde ich keine Liebe zu dieser Stätte, gehe ich weiter. Und so werde ich pilgern bis zu der Zeit, wo die Füße unter mir zusammenbrechen werden, und mich dann hinlegen und irgendwo sterben, und dann endlich in jenen ewigen, stillen Hafen eingehen, wo es weder Kummer noch Herzeleid gibt … dachte Prinzessin Marja.
Dann aber, wenn sie ihren Vater und besonders auch den kleinen Koko sah, verlor sie wieder die Kraft zu ihrem Entschluß, weinte im geheimen und war sich bewußt, eine große Sünderin zu sein, denn sie liebte ihren Vater und den kleinen Neffen mehr als Gott.
Siebenter Teil
1
Die biblische Überlieferung sagt, daß das Fehlen aller Arbeit, der Müßiggang, ein Grund zur Seligkeit für den ersten Menschen bis zu seinem Sündenfall gewesen ist. Aber auch nach dem Sündenfall hat sich der Mensch von dieser Liebe zum Nichtstun nicht freimachen können; doch der Fluch lastet schwer auf ihm, nicht nur, weil er sein Brot im Schweiße seines Angesichts erwerben muß, sondern weil auch seine Seele die Eigenschaft besitzt, keinen Frieden finden zu können, wenn er dem Müßiggang frönt. Eine innere Stimme sagt uns, daß wir uns schuldig machen, wenn wir die Hände in den Schoß legen. Wenn der Mensch einen Zustand ausfindig machen würde, in dem er dem Müßiggang huldigen und gleichzeitig das Bewußtsein haben könnte, sich dadurch nützlich zu machen und seine Pflicht zu erfüllen, so hätte er einen Teil seines ehemaligen paradiesischen Glückes wiedergefunden. Aber eines solchen Zustandes pflichtmäßigen und nicht zu tadelnden Müßigganges erfreut sich nur ein einziger Stand – der Militärstand. Und eben in diesem pflichtmäßigen und nicht zu tadelnden Müßiggang bestand und wird auch immer die Hauptanziehungskraft des Militärdienstes bestehen.
Auch Nikolaj Rostow genoß im vollen Maß diese Glückseligkeit, als er nach dem Jahre 1807 in seinem Pawlograder Regiment weiterdiente, wo er es nun bereits bis zum Eskadronchef gebracht hatte, nachdem er Denissows Schwadron übernommen hatte.
Rostow war ein tüchtiger Kerl mit etwas rauhen Manieren geworden, den seine Moskauer Bekannten vielleicht ein wenig mauvais genre gefunden hätten, der aber von allen seinen Kameraden, Untergebenen und Vorgesetzten geliebt und geachtet wurde und selber mit seinem Leben äußerst zufrieden war. In letzter Zeit, seit dem Jahre 1809, hatte er in den Briefen von zu Hause immer öfter Klagen seiner Mutter gefunden, daß sich ihre Vermögensverhältnisse immer schlechter und schlechter gestalteten und daß es für ihn an der Zeit sei, nach Hause zu kommen, um seinen alten Eltern Freude und Stütze zu sein.
Wenn Nikolaj diese Briefe las, empfand er immer große Angst, man könne ihn aus diesem Kreise herausreißen, wo er, vor allen Wirren des Lebens geschützt, so still und friedlich dahinlebte. Er fühlte, daß er früher oder später wieder in diesen Abgrund des Lebens werde untertauchen müssen, wo es zerrüttete und in Ordnung zu bringende Geldangelegenheiten gab und Abrechnungen mit dem Verwalter und Streitereien und Intrigen und bindende Verpflichtungen und Gesellschaften und die Liebe zu einer Sonja und ein Versprechen, das er ihr gegeben hatte. All das war grauenvoll, mühsam und verworren, und so beantwortete er die Schreiben seiner Mutter nur mit kalten Musterbriefen mit der Überschrift »Ma chère maman« und dem Schluß »votre obéissant fils«, schwieg sich aber darüber, wann er zu kommen beabsichtigte, vollkommen aus. Im Jahre 1810 erhielt er einen Brief von seinen Eltern, in dem sie ihm Nataschas Verlobung mit Bolkonskij mitteilten und ihm schrieben, daß die Hochzeit erst in einem Jahr stattfinden könne, da der alte Fürst seine Einwilligung nicht gebe. Dieser Brief betrübte und beleidigte Nikolaj. Erstens tat es ihm leid, Natascha aus dem Elternhaus zu verlieren, die er mehr als alle anderen Familienmitglieder liebte, und zweitens bedauerte er von seinem Standpunkt als Husarenoffizier, nicht dabeigewesen zu sein: er hätte es diesem Bolkonskij schon gezeigt, daß eine Verwandtschaft mit ihm durchaus nicht eine so riesige Ehre sei, und daß er auch ohne die Zustimmung seines verrückten Vaters heiraten könne, wenn er Natascha wahrhaft liebe. Er schwankte einen Augenblick, ob er nicht gleich Urlaub nehmen solle, um Natascha als Braut zu sehen, aber es standen gerade die Manöver bevor, und dann kamen ihm auch Bedenken wegen Sonjas und wegen der unangenehmen Geldgeschichten, und so schob es Nikolaj abermals auf. Doch im Frühling desselben Jahres erhielt er einen Brief von seiner Mutter, den sie heimlich, ohne daß der Graf etwas davon wußte, an ihn geschrieben hatte, und dieser Brief bestimmte ihn nun doch, nach Hause zu fahren. Sie schrieb, wenn Nikolaj nicht augenblicklich nach Hause komme und sich der Sache annehme, müsse das Gut unter den Hammer kommen und müßten sie alle zu Bettlern werden. Der Graf sei so gut und schwach, vertraue diesem Mitenka so sehr, und alle betrögen ihn dermaßen, daß es immer schlimmer und schlimmer werde. »Ich flehe Dich um Gottes willen an, komm augenblicklich, wenn Du nicht mich und Deine ganze Familie unglücklich machen willst«, schrieb die Gräfin.