Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
»Ihre Schwester war gestern hier«, sagte Greevy.
»Helaine? Ich habe sie in letzter Zeit selten gesehen.«
»Sie sieht nicht gut aus, Herr Kriminalsekretär. Schrecklich mager. Ich wollte ihr etwas Stärkendes verkaufen, aber sie nahm es nicht. War sie schon bei den Ärzten?«
»Ich weiß wirklich nicht«, sagte Quellen. »Ihr Mann hat doch eine medizinische Ausbildung. Er ist zwar kein Arzt, aber doch ein Techniker, und er würde es erkennen, wenn ihr ernstlich etwas fehlte. Wenn er noch denken kann.«
»Das ist unfair, Herr Kriminalsekretär. Ich bin sicher, daß Mister Pomrath glücklich wäre, wenn er Arbeit bekäme. Ich weiß es. Niemand legt gern die Hände in den Schoß. Ihre Schwester sagt, daß er sehr unter der Arbeitslosigkeit leidet. Ich sollte es Ihnen zwar nicht sagen —« Er beugte sich flüsternd zu ihm herüber — »aber man ist in Ihrer Familie etwas verbittert über Sie. Man glaubt vielleicht, daß Sie mit Ihrem politischen Einfluß …«
»Ich kann nichts für sie tun. Überhaupt nichts!« Quellen merkte, daß er zu laut sprach. Was ging es diesen verdammten Krämer an, ob Norman Pomrath Arbeit hatte oder nicht? Weshalb mischte er sich ein? Quellen beherrschte sich mühsam. Er entschuldigte sich für seinen Zornesausbruch und verließ den Laden.
Auf der Straße blieb er einen Augenblick stehen und sah der vorbeiströmenden Menge zu. Die Kleider glänzten in allen Farben. Man hörte alle Sprachen. Die Welt war ein riesiger Bienenstock. Trotz aller Geburtenbeschränkungen schien das Gewimmel täglich stärker zu werden. Quellen sehnte sich nach der stillen Oase, die er sich unter so großen Opfern erworben hatte. Je mehr er von den Krokodilen sah, desto weniger konnte er den Mob ertragen, der sich durch die überfüllten Städte schob.
Und dennoch war es eine geordnete Welt. Jeder hatte seine Nummer. Jeder war registriert. Jeder wurde überwacht. Wie konnte man auch eine Welt von dreißig Milliarden regieren, wenn man ihr nicht eine gewisse Ordnung gab? Und doch wußte Quellen aufgrund seiner Stellung, daß unter dieser geordneten Oberfläche alle Arten von illegalen Dingen vorkamen — nicht, wie bei ihm selbst, der verständliche Versuch, aus der Masse auszubrechen, sondern verbrecherische, unverzeihliche, lasterhafte Dinge. Man brauchte nur an die Drogen zu denken. In allen fünf Kontinenten waren Labors dabei, neue Zusammensetzungen herzustellen, sobald eine Droge verboten wurde. Gerade jetzt brachten sie wieder ein paar teuflische Alkaloide auf den Markt, und sie machten es auf die gemeinste Art. Da ging ein ahnungsloser Mensch in eine Traumbar und hoffte auf eine halbe Stunde Halluzinationen. Statt dessen handelte er sich eine Sucht ein. Oder eine Frau wurde in einem Schnellboot von einem Mann angerempelt und tat es als plumpe Annäherung ab. Zwei Tage später mußte sie entdecken, daß sie süchtig geworden war, und die Ärzte hatten alle Mühe, das Gift zu analysieren.
Verbrechen, dachte Quellen. Häßliche, unmenschliche Dinge. Wir besitzen keine Menschlichkeit mehr. Wir tun anderen grundlos weh, nur aus einem sadistischen Trieb heraus. Und wenn wir Hilfe suchen, stoßen wir auf Angst und Ablehnung. Bleibt mir fern! Laßt mich in Ruhe!
Und nun dieser Lanoy. Quellen griff nach dem kleinen Zettel. Irgend etwas war hier faul, aber der Mann ging so vorsichtig vor, daß er bis jetzt noch nicht die Aufmerksamkeit des Kriminalsekretariats auf sich gelenkt hatte. Was sagte der Komputer über Lanoy? Wie gelang es diesem Lanoy, seine illegale Tätigkeit vor seiner Familie oder seinen Zimmergefährten zu verbergen? Bestimmt lebte er nicht allein. Ein Gesetzloser befand sich sicher nicht in Klasse Sieben. Lanoy war irgendein schlauer Prolet, der zu seiner privaten Bereicherung ein Schwindelgeschäft betrieb.
Quellen fühlte eine merkwürdige Verbundenheit zu dem unbekannten Lanoy, so sehr er auch vermied, das zuzugeben. Lanoy mischte also auch im Spiel der Großen mit. Sicher lohnte es sich, ihn kennenzulernen.
6
Peter Kloofman lag ausgestreckt in einer großen Wanne mit Nährflüssigkeit, während die Techniker seine Lunge auswechselten. Sein Brustkorb war aufgeklappt, und die Angeln hielten ihn offen. Es war, als reparierte man einen Roboter. Aber Kloofman war kein Roboter. Er bestand aus Fleisch und Blut, wenn auch seine Sterblichkeit sehr heraufgesetzt war. Im Alter von hundertzweiunddreißig hatte Kloofman schon so oft einen Organwechsel durchgemacht, daß von seinem ursprünglichen Körper kaum mehr übrig war als die graue Hirnmasse. Und selbst sie hatte schon Eingriffe der Chirurgen erlebt. Kloofman unterzog sich diesen Dingen gern, denn sie sicherten ihm das Leben und damit absolute Macht. Er war wirklich. Danton nicht. Und Kloofman war es nur recht so.
»David Giacomin möchte Sie sprechen«, schnurrte die Sonde in seinem Schädel.
»Er soll hereinkommen«, sagte Kloofman.
Vor etwa zwanzig Jahren hatte er sich so einrichten lassen, daß er selbst während der Verjüngungsoperationen die Amtsgeschäfte weiterführen konnte. Anders wäre es unmöglich gewesen, an der Macht zu bleiben. Kloofman war das einzige lebende Mitglied der Klasse Eins, und das bedeutete, daß alle Machtlinien in seiner Hand zusammenliefen. Er schob so viel wie möglich auf die Hebel und Nocken und Tasten ab, aus denen Danton bestand. Aber Danton war letzten Endes eine Maschine und nichts anderes als ein Werkzeug des rastlosen Kloofman. Es war nicht immer so gewesen. Vor der Flaming-Bess-Affäre hatte die Klasse Eins aus drei Mitgliedern bestanden, und noch früher war Kloofman nur einer von fünf gewesen.
Er führte die Geschäfte jedoch befriedigend. Und er sah keinen Grund, nicht noch fünf- oder sechshundert Jahre so weiterzumachen. Kein Mensch in der Geschichte hatte die Macht eines Peter Kloofman besessen. Wenn er hin und wieder müde wurde, tröstete er sich mit dieser Tatsache.
Giacomin trat ein. Er stand aufmerksam, aber keineswegs unterwürfig neben der Wanne mit der Nährflüssigkeit. Kloofman schätzte Giacomin sehr hoch ein. Er war einer von vielleicht zweihundert Klasse-Zwei-Mitgliedern, die den soliden Untergrund für die Klasse Eins bildeten. Zwischen Klasse Zwei und Klasse Drei herrschte eine tiefe Intelligenzkluft. Klasse Zwei wußte, wie die Welt regiert wurde. Klasse Drei hatte jede Bequemlichkeit, wußte jedoch nicht recht, was gespielt wurde. Ein Arzt oder Regierungsmitglied der Klasse Drei hielt Danton wahrscheinlich für wirklich. Giacomin kannte die Wahrheit.
»Nun?« fragte Kloofman und beobachtete mit kühlem Interesse, wie die Chirurgen die graue, schaumige Masse der Ersatzlunge in die Brustöffnung einführten. »Was gibt es heute, David?«
»Zeitreisende.«
»Ist man dem Vorgang schon auf der Spur?«
»Noch nicht«, sagte Giacomin. »Aber man unternimmt Schritte. Es wird nicht mehr lange dauern.«
»Gut, gut«, murmelte Kloofman. Diese Geschichte mit der verbotenen Zeitreise bereitete ihm mehr Sorgen, als er zugeben wollte. Zum ersten dauerte sie trotz der Maßnahmen der Regierung an, und das war lästig. Aber natürlich war es erst ein paar Tage her, seit er die Untersuchung befohlen hatte. Viel ärgerlicher war die Tatsache, daß er trotz seiner Macht nicht sofort zugreifen konnte, daß er diese Technik nicht zu seinen Gunsten ausnützen konnte. Sie hatte sich unabhängig von der Regierung entwickelt. Und somit stellte sie Kloofman dauernd vor Augen, daß er doch nicht allmächtig war.
»Es hat sich ein Problem ergeben«, meinte Giacomin. »Man zieht in Erwägung, einen potentiellen Zeitreisenden zu isolieren und ihn daran zu hindern, den Sprung zu wagen.«
Kloofman machte in seinem Bad eine konvulsivische Bewegung. Flüssigkeit spritzte in seinen Brustkorb. Homeostatische Pumpen saugten sie ungerührt ab, und ein Chirurg befestigte die neue Lunge an ihrem Platz. Er sagte kein Wort. Der Weltherrscher fragte: »Ein Zeitreisender, dessen Name auf den Listen steht?«
»Ja.«
»Haben Sie die Nachforschungen zugelassen?«