Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
»Ich wollte Sie um Rat fragen. Es wird nichts unternommen, bis Sie sich dazu geäußert haben.«
»Ablehnen«, sagte Kloofman entschlossen. »Daran gibt es gar nichts zu zweifeln. Ich möchte noch weitergehen: Sorgen Sie dafür, daß man alle Zeitreisenden, deren Namen bekannt sind, in Ruhe läßt. Das ist ein Befehl. Wer einmal die Vergangenheit gewählt hat, darf nicht am Sprung gehindert werden. Verstanden? Das ist mein Wille, David. Alle Abteilungen, die auch nur entfernt mit der Zeitreise-Affäre beschäftigt sind, sollen Bescheid bekommen.«
Während Kloofman sprach, spürte er einen schwachen Stich im Muskelteil seiner linken Hüfte. Ein Beruhigungsmittel. Offenbar hatte er sich zu sehr erregt. Das automatische Monitor-System glich alle seine Regungen auf chemischem Wege aus. Arterien wurden ausgeweitet, seinem Blut wurden neue Enzyme zugeführt. Er selbst konnte auch zu dem Prozeß beitragen. Mit ganzer Willenskraft versuchte er sich wieder zu beruhigen, auch angesichts der Drohung. Giacomin sah ihn besorgt an.
Kloofman wurde ruhig. »Das war alles, was ich berichten wollte«, meinte Giacomin. »Ich werde die Instruktionen weitergeben.«
»Ja. Und sagen Sie auch Dantons Programmierern Bescheid. Alles, was durch sein Büro geht, sollte in der gleichen Art gehandhabt werden. Die Sache ist zu wichtig, als daß man sie nachlässig behandeln dürfte. Ich weiß gar nicht, weshalb ich diese Möglichkeit nicht gleich vorhersah.«
Giacomin verließ den Tank mit seiner feuchten, kühlen Atmosphäre. Kloofman betrachtete mißvergnügt die grünen Glaswände. Man hätte ihn vorher warnen müssen. Es war die Aufgabe der Klasse-Zwei-Leute, alle Fallgruben vorher aufzuspüren. Schließlich beschäftigten sie sich jetzt schon seit einiger Zeit mit dem Zeitreise-Problem. Im Jahre 83 hatte man zum erstenmal Pläne entworfen, die alle Möglichkeiten der Zeitreisen und ihre Bekämpfung vorsahen. Weshalb war man auf diesen Fall nicht gekommen? Ausgerechnet nicht auf diesen!
Sich selbst verzieh Kloofman diesen Fehler, aber er fand, daß man die anderen eigentlich degradieren müßte.
Laut sagte er: »Man stelle sich die Folgen vor! Jemand hält die Zeitreisenden von ihrem Sprung in die Vergangenheit zurück. Es hätte die Welt auf den Kopf stellen können.«
Die Chirurgen schwiegen. Sie mußten um ihre Klasse bangen, wenn sie sich außerberuflich mit Kloofman unterhielten. Ruhig schlossen sie seinen Brustkorb und strichen mit Anaemostaten darüber. Der Heilungsprozeß setzte unverzüglich ein. Automatische Regler bereiteten Kloofman auf seine Rückkehr in die normalen Räume vor. Die Temperatur der Nährflüssigkeit nahm ab.
Kloofman war ziemlich erschüttert. Nicht durch den postoperativen Schock — so etwas kannte man nicht mehr — sondern durch die Gefahr, der er gerade noch entronnen war. Ein Eingreifen in die Vergangenheit! Zeitreisende aus dem komplizierten Weltschema zu entfernen! Angenommen, ein kleiner Büroangestellter der Klasse Neun oder Sieben hatte auf eigene Verantwortung schon mit den Nachforschungen begonnen, um die Angelegenheit zu beschleunigen. Angenommen, er hatte ein paar Zeitreisende vor ihrer Abreise aufgespürt. Dann war die Zeitlinie unterbrochen und die Vergangenheit unwiderruflich geändert.
Alles konnte sich damit geändert haben.
Ich hätte Pförtner werden können oder Techniker oder Verkäufer von Fieberpillen, dachte Kloofman. Vielleicht wäre ich nie geboren worden. Oder ich wäre in Klasse Sieben gelandet, und Danton hätte tatsächlich existiert. Oder wir hätten keine Hohe Regierung. Eine totale Anarchie vielleicht. Irgend etwas. Eine ganz andere Welt. Die Umformung wäre über Nacht gekommen, und die Veränderungsursache wäre natürlich nicht mehr zu entdecken gewesen, so daß ich nicht einmal bemerkt hätte, daß ich nicht mehr an der Spitze stehe. Vielleicht haben sogar schon ein paar Änderungen stattgefunden.
War das möglich?
Waren ein paar Zeitreisende von irgendeinem ehrgeizigen Beamten schon an dem Sprung gehindert worden? Und waren daraus grundsätzliche Verschiebungen des historischen Schemas entstanden, Veränderungen, die man nie entdecken würde? Mit einem Mal spürte Kloofman die ganze Instabilität des Universums. Da lag er nun, siebenhundert Meter unter der Erde, am Fuße der Zivilisation, denn die Hohe Regierung bewohnte immer die untersten Schichten, und er besaß seit Jahrzehnten eine absolute Macht, die weder ein Attila noch ein Dschingis Khan, Napoleon oder Hitler gekannt hatte. Und doch fühlte er, wie die Wurzeln der Vergangenheit losgerissen wurden. Es jagte ihm Angst ein. Irgendein Mensch aus der gesichtslosen Masse, ein kleiner Regierungsangestellter, konnte durch einen harmlosen Schnitzer alles zum Scheitern bringen, und Kloofman konnte gar nichts dagegen unternehmen. Vielleicht hatte der Prozeß schon begonnen.
Ich hätte mich nie auf das Zeitreise-Geschäft einlassen sollen, dachte Kloofman.
Aber er wußte, daß das auch nicht stimmte. Er hatte schon richtig gehandelt, aber er war zu leichtsinnig vorgegangen. Er hatte nicht alle Gefahrenmomente berücksichtigt. Bevor er seine Bürokraten auf die Spur des Zeitreise-Unternehmers setzte, hätte er ihnen strikt verbieten müssen, irgendwie in die Vergangenheit einzugreifen. Er zitterte bei dem Gedanken an die Blöße, die er sich gegeben hatte. Seine gesamte Macht, die er jahrelang so mühsam aufgebaut hatte, konnte jeden Augenblick durch die Laune eines Untergebenen zum Einsturz gebracht werden.
Die Stiche von einem guten Dutzend homeostatischer Einspritzungen erinnerten ihn daran, daß er seine Selbstbeherrschung wieder verlor.
»Ich brauche Giacomin«, sagte er.
Kurze Zeit später trat der Vizekönig ein. Er war durch den dringenden Ruf offensichtlich verwirrt. Kloofman hob sich halb aus dem Tank, und die Servomechanismen seines Körpers surrten schriller. »Ich wollte mich nur vergewissern, daß mein Befehl voll ausgeführt wird«, sagte er. »Keinerlei Eingreifen in die Zeitreisen! Ist das klar?«
»Natürlich.«
»Habe ich Sie beunruhigt, David? Sie halten mich wohl für einen streitsüchtigen alten Mann, dessen Gehirn man auffrischen müßte? Aber ich werde Ihnen erklären, weshalb ich mich sorge. Ich beherrsche die Gegenwart und in einem gewissen Sinne auch die Zukunft. Das stimmt doch, oder? Aber ich habe keinen Einfluß auf die Vergangenheit. Wie könnte ich auch? Ich sehe ein ganzes Zeitsegment, das jenseits meiner Autorität steht. Ich gebe zu, daß ich Angst habe. Sorgen Sie dafür, daß ich auch Autorität über die Vergangenheit bekomme, David. Sehen Sie zu, daß sie bleibt, wie sie ist. Was geschehen ist, muß geschehen.«
»Ich habe bereits die nötigen Schritte unternommen«, sagte Giacomin.
Kloofman entließ ihn. Er war immer noch nicht ganz beruhigt. Er ließ Mauberley rufen, den Klasse-Zwei-Beamten, der sich um Danton kümmerte. Da sich Kloofman für fast unsterblich hielt, dachte er selten an seine Nachfolge. Aber er hatte hohe Achtung vor Mauberley und betrachtete ihn als seinen möglichen Erben. Mauberley trat ein. Er war sechzig Jahre alt, stark und muskulös, mit einem ausdruckslosen Gesicht und dichtem, drahtigen Haar. Kloofman berichtete ihm kurz von der neuen Entwicklung. »Giacomin arbeitet bereits an der Sache«, erklärte er. »Beschäftigen Sie sich ebenfalls damit. Doppelt genäht hält besser. Lassen Sie Danton eine offizielle Erklärung herausgeben. Sie soll bis in Klasse Sieben verlesen werden. Es handelt sich um einen dringenden Aufruf.«
»Glauben Sie wirklich, daß schon Veränderungen der Vergangenheit stattgefunden haben, die auf unsere Aktion zurückzuführen sind?« fragte Mauberley.
»Nein. Aber es könnte sein. Wir würden es nie erfahren.«
»Ich werde die nötigen Maßnahmen treffen«, versprach Mauberley und ging.
Kloofman ruhte sich aus. Nach einer Weile verließ er das Nährbad und ließ sich in sein Büro bringen. Er war seit sechzehn Jahren nicht mehr an der Erdoberfläche gewesen. Die Welt war für ihn ein wenig unwirklich geworden. Doch das fand er nicht weiter schlimm, denn er wußte sehr gut, daß auch die Bewohner der Erde in ihm ein unwirkliches Wesen sahen. Gegenseitigkeit, dachte er. Das Geheimnis der guten Regierung. Kloofman lebte in einem Gewirr von Tunnels, die sich über Hunderte von Meilen erstreckten. Und noch immer waren Maschinen mit blinkenden Klauen dabei, sein Reich auszudehnen. Er hoffte, daß er in weiteren zehn Jahren eine Verbindung um die ganze Erde schaffen konnte. Seine Midgartschlange. Wenn er ehrlich war, brauchte er diese Transportwege nicht. Er konnte die Welt von einem einzigen Raum seines Reiches aus regieren. Aber er hatte auch seine Grillen. Was nützte es, wenn er der Beherrscher der Welt war und sich nicht hin und wieder eine kleine Laune leisten konnte?