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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Jamies Hände griffen nach meinem Halsausschnitt. Mit einer ruckartigen Bewegung zerriss er den Stoff von Kleid und Hemd, so dass meine Brust zum Großteil bloß lag. Ich trat ihn instinktiv vor das Schienbein. Der Junge stieß einen unartikulierten Laut aus und bewegte sich auf mich zu, wurde jedoch erneut von Ross und Kincaid aufgehalten.

»Da Ihr fragt«, sagte Jamies Stimme freundlich hinter mir, »ich habe vor, mich vor Euren Augen an dieser Dame zu vergehen. Dann werde ich sie meinen Männern übergeben, die mit ihr machen können, was sie wollen. Vielleicht möchtet Ihr ja auch einmal, ehe ich Euch umbringe? Ein Mann sollte doch nicht unberührt sterben, oder?«

Ich wehrte mich jetzt ernsthaft, weil mein Arm mit eisernem Griff hinter meinem Rücken festgehalten wurde und mein Protest von Jamies großer, warmer Handfläche erstickt wurde, die mir den Mund zuhielt. Ich senkte ihm die Zähne so fest in die Daumenwurzel, dass ich Blut schmeckte. Mit einem unterdrückten Ausruf zog er seine Hand hastig fort, doch sie kehrte beinahe augenblicklich zurück und schob mir ein zusammengeballtes Stoffstück zwischen die Zähne. Ich stieß erstickte Laute gegen den Knebel aus, doch Jamies Hände fuhren mir an die Schultern und schoben die zerfetzten Hälften meines Kleides weiter auseinander. Leinen und Baumwolle rissen entzwei, und er entblößte mich bis zur Taille und hielt mir die Arme an den Seiten fest. Ich sah, wie Ross flüchtig den Blick auf mich richtete und ihn dann abwandte, um ihn betont hartnäckig auf den Gefangenen zu richten, während ihm langsam die Röte in die Wangen stieg. Kincaid, der selbst nicht älter als neunzehn war, starrte mich schockiert an, und sein Mund stand offen wie eine Fliegenfalle.

»Aufhören!« Die Stimme des Jungen bebte, jetzt jedoch vor Entrüstung, nicht aus Angst. »Ihr … Ihr unsäglicher Rüpel! Wie könnt Ihr es wagen, eine Dame so zu entehren? Schottischer Schurke!« Einen Moment stand er da, und seine Brust hob und senkte sich heftig, dann fällte er seinen Entschluss. Er hob den Kopf und schob das Kinn vor.

»Also schön. Ich sehe keinen ehrenvollen Ausweg. Lasst die Dame frei, und ich sage Euch, was Ihr wissen wollt.«

Eine von Jamies Händen ließ kurz von meiner Schulter ab. Ich sah zwar seine Geste nicht, doch Ross ließ den verletzten Arm des Jungen los und entfernte sich rasch, um meinen Umhang zu holen, der in der Aufregung um die Festnahme des Jungen unbeachtet zu Boden gefallen war. Jamie zog mir die Hände in den Rücken, riss mir den Gürtel vom Leib und benutzte ihn, um sie zu fesseln. Er nahm Ross den Umhang ab, ließ ihn mir um die Schultern gleiten und verschloss ihn sorgfältig. Er trat zurück, verneigte sich ironisch vor mir und wandte sich dann seinem Gefangenen zu.

»Ihr habt mein Wort, dass die Dame vor meinen Avancen sicher ist«, sagte er. Der Unterton seiner Stimme hätte der Anspannung durch Wut und frustrierte Lust geschuldet sein können; ich erkannte ihn als das qualvolle Bemühen, den überwältigenden Lachimpuls zu unterdrücken, und hätte ihn mit Freuden umbringen können.

Mit versteinertem Gesicht gab der Junge, der in knappen Silben sprach, die gewünschte Information preis.

Sein Name war William Grey, der zweitälteste Sohn des Grafen Melton. Er war mit einer Truppe von zweihundert Mann auf dem Weg nach Dunbar, wo sie zu General Copes Armee stoßen wollten. Seine Kameraden lagerten derzeit etwa drei Meilen westlich von hier. Er, William, war im Wald unterwegs gewesen, als er den Schein unseres Feuers gesehen hatte und näher gekommen war, um sich ein genaueres Bild zu machen. Nein, er hatte keinen Begleiter. Ja, die Truppe hatte schweres Kriegsgerät dabei, sechzehn auf Wagen montierte Kanonen und zwei Sechzehn-Zoll-Mörser. Der Großteil der Männer war mit Musketen bewaffnet, und es gab eine Kompanie von dreißig Kavalleristen.

Der Junge begann jetzt, unter den vereinten Strapazen des Verhörs und seiner Armverletzung dahinzuwelken, lehnte aber das Angebot, sich zu setzen, ab. Stattdessen stützte er sich an den Baum und hielt sich mit der linken Hand den Ellbogen.

Das Verhör dauerte fast eine Stunde. Wieder und wieder wurden dieselben Fragen gestellt und Einzelheiten weiter ausgeführt; keine Diskrepanz blieb ungesühnt, keine verräterische Auslassung unkommentiert. Als er schließlich zufrieden war, seufzte Jamie tief und wandte sich von dem Jungen ab, der im flackernden Schatten der Eiche vornübersackte. Er streckte wortlos die Hand aus, und Murtagh, der wie immer seine Gedanken las, hielt ihm eine Pistole hin.

Er wandte sich wieder dem Gefangenen zu und überprüfte, ob die Pistole korrekt geladen war. Gute fünfundzwanzig Zentimeter Metall mit einem hübsch verzierten Kolben glänzten dunkel im Feuerschein, der silberne Funken auf dem Abzug und dem Hammer schlug. »Kopf oder Herz?«, fragte Jamie beiläufig, als Grey den Kopf hob.

»Häh?« Der Mund des Jungen stand verständnislos offen.

»Ich werde Euch erschießen«, erklärte Jamie geduldig. »Spione werden normalerweise gehängt, doch mit Rücksicht auf Euren Edelmut bin ich bereit, Euch schnell und sauber sterben zu lassen. Möchtet Ihr die Kugel lieber in den Kopf oder ins Herz?«

Der Junge richtete sich hastig auf. »Oh, ah, ja, natürlich.« Er leckte sich die Lippen und schluckte. »Ich glaube … in … ins Herz. Danke«, fügte er hinzu, als läge das nahe. Er hob das Kinn und presste die Lippen zusammen, denen man noch die Andeutung ihrer sanften, kindlichen Rundung ansah.

Jamie nickte und spannte die Pistole mit einem Klicken, das in der Stille unter den Eichen widerhallte.

»Wartet!«, sagte der Gefangene. Jamie sah ihn fragend an, während er die Pistole auf die schmale Brust geheftet hielt.

»Welche Garantie habe ich denn, dass die Dame unbehelligt bleiben wird, wenn ich … wenn ich nicht mehr bin?«, wollte der Junge wissen und sah sich kampflustig im Kreis der Männer um. Seine unverletzte Hand war fest geballt, zitterte aber dennoch. Ross stieß ein Geräusch aus, das er gekonnt in ein Niesen verwandelte.

Jamie ließ die Pistole sinken und zwang sich mit eiserner Kontrolle, weiter eine ernsthafte Miene zur Schau zu stellen.

»Nun ja«, sagte er, und unter der Anspannung wurde sein schottischer Akzent nun breiter, »Ihr habt natürlich mein Wort, obwohl ich verstehe, dass Ihr zögern müsst, das Wort eines …«, seine Lippen zuckten unwillkürlich, »eines schottischen Wüstlings anzunehmen. Vielleicht, wenn es Euch die Dame selbst versichern würde?« Er blickte mit hochgezogener Augenbraue in meine Richtung, und Kincaid war mit einem Satz bei mir, um mich zu befreien und mir ungeschickt den Knebel abzunehmen.

»Jamie!«, rief ich wütend, als ich endlich ungehindert sprechen konnte. »Das ist skrupellos! Wie kannst du so etwas tun? Du … du …«

»Wüstling«, half er mir aus. »Oder Rüpel, wenn dir das besser gefällt. Was sagst du, Murtagh«, fragte er, an seinen Leutnant gewandt, »bin ich ein Wüstling oder ein Rüpel?«

Murtaghs schmaler Mund verzog sich mürrisch. »Ich nehme eher an, du bist Hundefutter, wenn du unbewaffnet bist, während du die Kleine losbindest.«

Jamie wandte sich entschuldigend an seinen Gefangenen. »Ich muss mich bei meiner Frau dafür entschuldigen, dass ich sie gezwungen habe, eine Rolle bei dieser List zu spielen. Ich versichere Euch, dass es vollkommen gegen ihren Willen geschehen ist.« Reumütig betrachtete er den Biss an seiner Hand im Licht des Feuers.

»Eure Frau!« Der Junge blickte wild von mir zu Jamie.

»Ebenso versichere ich Euch, dass die Dame zwar gelegentlich mein Bett mit ihrer Anwesenheit beehrt, dass sie es jedoch noch nie unter Zwang getan hat. Und es auch jetzt nicht tun wird«, fügte er betont hinzu, »aber lass uns noch etwas warten, ehe wir sie losbinden, Kincaid.«

»James Fraser«, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Wenn du diesen Jungen anrührst, wirst du mein Bett gewiss nie wieder teilen!«

Jamie zog eine Augenbraue hoch. Seine Fangzähne glänzten flüchtig im Feuerschein auf. »Nun, das ist natürlich eine schwerwiegende Drohung für einen prinzipienlosen Wüstling, wie ich es bin, aber ich kann in dieser Situation wohl kaum Rücksicht auf meine eigenen Interessen nehmen. Krieg ist schließlich Krieg.« Die Pistole, die er hatte sinken lassen, begann sich erneut zu heben.

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