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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Oh, eine ganze Weile. Auf jeden Fall, ehe der Mond untergegangen ist. Ich wollte Jenny nicht wecken, indem ich ihr das Baby wiederbringe, also habe ich sie zwischen uns ins Bett gelegt, und sie hat den ganzen Rest der Nacht nicht ein einziges Mal gezuckt.«

Das Baby knetete die Matratze mit Ellbogen und Knien und wühlte leise grunzend in der Bettwäsche. Es musste bald Zeit für ihr Frühstück sein. Diese Vermutung bestätigte sich im nächsten Moment, als sie den Kopf hob, die Augen noch fest geschlossen, und einen herzhaften Heullaut ausstieß. Ich griff hastig nach ihr und hob sie auf.

»Aber-aber-aber«, sagte ich beruhigend und klopfte ihr auf den sich windenden kleinen Rücken. Ich schwang die Beine aus dem Bett, dann griff ich hinter mich und strich Jamie über den Kopf. Sein struppiges Haar war warm unter meiner Hand.

»Ich bringe sie zu Jenny«, sagte ich. »Es ist noch früh; schlaf noch ein bisschen.«

»Das könnte ich tun, Sassenach«, sagte Jamie, und der Lärm ließ ihn zusammenzucken. »Wir sehen uns beim Frühstück, ja?« Er drehte sich auf den Rücken, verschränkte seine Hände auf der Brust, was seine bevorzugte Schlafposition war, und bis Katherine Mary und ich an der Tür waren, atmete er schon wieder tief und fest.

Das Baby wand sich mit aller Kraft, weil es nach einer Brustwarze suchte, und quäkte frustriert, als nicht sofort eine auftauchte. Auf dem Weg durch den Flur traf ich Jenny, die auf die Rufe ihres Töchterchens hin aus ihrem Schlafzimmer gehastet kam und sich im Gehen einen grünen Morgenrock anzog. Ich hielt ihr das Baby hin, das fordernd mit den Fäustchen fuchtelte.

»Hier, a mùirninn, still jetzt, schsch«, tröstete Jenny. Mit einer einladenden Bewegung ihrer Augenbraue nahm mir Jenny das Kind ab und kehrte in ihr Zimmer zurück.

Ich folgte ihr hinein und setzte mich auf das zerwühlte Bett, während sie sich auf einem Stillhocker am Kamin niederließ und hastig eine Brust entblößte. Der heulende kleine Mund saugte sich augenblicklich fest, und wir alle entspannten uns erleichtert, als plötzlich Stille eintrat.

»Ah«, seufzte Jenny. Ihre Schultern sanken ein wenig nach vorn, als der Milchfluss einsetzte. »So ist es besser, nicht wahr, mein Schätzchen?« Sie öffnete die Augen und lächelte mich an, und ihre Augen waren so klar und blau wie die ihres Bruders.

»Es war lieb von dir, die Kleine die ganze Nacht zu behalten; ich habe geschlafen wie ein Stein.«

Ich zuckte mit den Schultern und lächelte über den Anblick von Mutter und Kind, gemeinsam in völliger Zufriedenheit entspannt. Die Rundung des Babyköpfchens war das genaue Spiegelbild der hohen Rundung von Jennys Brust, und das kleine Bündel stieß leise Schlürfgeräusche aus, während es sich an den Körper seiner Mutter sacken ließ und sich an Jennys Schoß schmiegte.

»Das war Jamie, nicht ich«, sagte ich. »Er und seine Nichte scheinen gut miteinander zurechtgekommen zu sein.« Ich erinnerte mich wieder an den Anblick – Jamie, der ernst und leise mit dem Kind sprach, während ihm die Tränen über das Gesicht glitten.

Jenny, die mein Gesicht beobachtete, nickte.

»Aye. Ich habe mir gedacht, dass sie sich vielleicht gegenseitig ein bisschen trösten können. Er schläft im Moment nicht gut?« Ihre Stimme klang fragend.

»Nein«, antwortete ich leise. »Er macht sich viele Gedanken.«

»Nun, das kann ich mir vorstellen«, sagte sie und blickte auf das Bett hinter mir. Ian war schon fort; er war bei Tagesanbruch aufgestanden, um nach dem Vieh in der Scheune zu sehen. Die Pferde, die auf dem Hof entbehrt werden konnten – und einige, die nicht entbehrt werden konnten –, mussten beschlagen werden und brauchten Sättel und Zaumzeug, um für ihren Weg in die Rebellion bereit zu sein.

»Man kann mit einem Baby reden, weißt du«, unterbrach sie mich plötzlich in meinen Gedanken. »Wirklich reden, meine ich. Man kann ihm alles erzählen, ganz gleich, wie töricht es klingen würde, wenn man es zu einer Seele sagen würde, die einen verstehen kann.«

»Oh. Dann hast du ihn gehört?«, fragte ich. Sie nickte, den Blick auf Katherines rundliche Wange gerichtet. Winzige dunkle Wimpern lagen auf der hellen Haut, denn die Kleine hatte die Augen in Ekstase geschlossen.

»Aye. Du solltest dir keine Sorgen machen«, fügte sie hinzu und lächelte mich sanft an. »Es ist nicht so, dass er das Gefühl hat, nicht mit dir reden zu können; er weiß, dass er das kann. Aber es ist etwas anderes, so mit einem Baby zu sprechen. Es ist eine Person; man weiß, dass man nicht allein ist. Aber es versteht nicht, was man sagt, und man macht sich keine Gedanken darüber, was es von einem halten wird oder was es wohl glaubt, tun zu müssen. Man kann ihm das Herz ausschütten, ohne die Worte mit Bedacht zu wählen oder irgendetwas zurückzuhalten – und das ist Balsam für die Seele.«

Ihr Ton war ganz sachlich, als sei das etwas, was jeder wusste. Ich fragte mich, ob sie wohl selbst oft auf diese Weise mit ihrem Kind sprach. Ihr großzügiger breiter Mund, der so an ihren Bruder erinnerte, zog sich auf einer Seite ein wenig hoch.

»So spricht man mit ihnen, ehe sie geboren werden«, sagte sie leise. »Das weißt du doch?«

Ich legte die Hände sacht auf meinen Bauch, eine über die andere, und erinnerte mich.

»Ja, ich weiß.«

Sie drückte dem Baby den Daumen gegen die Wange, um den Sog zu unterbrechen, und drehte den kleinen Körper mit einer geschickten Bewegung so, dass die volle Brust in Reichweite kam.

»Ich habe mir gedacht, vielleicht ist das der Grund, warum Frauen so oft traurig sind, wenn das Kind geboren ist«, sagte sie, als dächte sie laut nach. »Man denkt an sie, wenn man redet, und man kennt sie, wenn sie noch im Bauch sind, so wie man sie sich vorstellt. Und dann werden sie geboren, und sie sind anders – ganz anders, als man sie bis jetzt gesehen hat. Und natürlich liebt man sie und lernt sie kennen, so wie sie sind … Doch was bleibt, ist der Gedanke an das Kind, zu dem man einst im Herzen gesprochen hat, und dieses Kind ist fort. Und so glaube ich, dass es die Trauer um das ungeborene Kind ist, die man empfindet, während man das geborene in den Armen hält.« Sie senkte den Kopf und küsste ihre Tochter auf den flaumigen Schädel.

»Ja«, sagte ich. »Vorher … ist alles möglich. Es könnte ein Sohn sein oder eine Tochter. Ein gewöhnliches Kind oder ein hübsches. Und dann wird es geboren, und alles, was es hätte sein können, ist fort, denn jetzt ist es.«

Sie schaukelte sanft vor und zurück, und die kleine Hand, die sich in die grüne Seide über ihrer Brust gekrallt hatte, begann, sich zu lösen.

»Und man bekommt eine Tochter, und der Sohn, der sie hätte sein können, ist tot«, sagte sie leise. »Und der prächtige Junge an der Brust hat das kleine Mädchen getötet, das man zu tragen glaubte. Und man weint um das, was man nicht kannte und was für immer dahin ist, bis man das Kind kennt, das man hat, und dann ist es endlich so, als hätte es nie anders sein können, als es ist, und man empfindet nur noch Glück darüber. Aber bis dahin geschieht es schnell, dass man weint.«

»Und Männer …«, sagte ich und dachte an Jamie, der den verständnislosen Ohren des Kindes Geheimnisse zuflüsterte.

»Aye. Sie halten ihre Kinder, und sie fühlen all die Dinge, die sein könnten, und die Dinge, die niemals sein werden. Doch es ist nicht so leicht für einen Mann, um etwas zu weinen, was er nicht kennt.«

Sechster Teil

Die Flammen der Rebellion

Kapitel 36

Prestonpans

Schottland

September 1745

Nach vier Tagesmärschen fanden wir uns auf dem Kamm eines Hügels in der Nähe von Calder wieder. Am Fuß des Hügels breitete sich Moorland aus, doch wir schlugen unser Lager im Schutz der Bäume weiter oben auf. Die moosbewachsenen Felsen des Berghangs wurden von zwei kleinen Bächen durchschnitten, und im frischen Frühherbstwetter erinnerte das Ganze mehr an ein Picknick als an einen Kriegszug.

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