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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Die Ehre hat schon verdammt viele Menschen umgebracht«, sagte ich zu der dunklen Furche auf seinem wunden Rücken. »Ehre ohne Verstand ist … Torheit. Ritterliche Torheit, aber dennoch Torheit.«

»Aye, das stimmt. Und du hast mir ja gesagt, dass sich das ändern wird. Doch auch wenn ich unter den Ersten bin, die die Ehre der Zweckmäßigkeit opfern … soll ich dabei keine Scham empfinden?« Er drehte sich unvermittelt zu mir um, und seine Augen schimmerten sorgenvoll im Sternenschein.

»Ich werde keine Kehrtwende machen – das kann ich jetzt nicht mehr –, aber, Sassenach, manchmal trauere ich um diesen Teil meiner selbst, den ich auf der Strecke gelassen habe.«

»Es ist meine Schuld«, sagte ich leise. Ich berührte sein Gesicht, die dichten Augenbrauen und die Bartstoppeln an seinem klaren, langen Kinn. »Meine. Wenn ich nicht gekommen wäre … und dir erzählt hätte, was geschehen würde …« Ich trauerte bitterlich, weil ich ihn korrumpiert hatte. Auch mich schmerzte der Verlust des naiven, tapferen jungen Mannes, der er einmal gewesen war. Und doch … was war uns beiden anderes übriggeblieben, da wir nun einmal waren, wer wir waren? Ich hatte es ihm erzählen müssen, und er hatte reagieren müssen. Eine Zeile aus dem Alten Testament ging mir durch den Kopf: »Denn da ich’s wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen.«

Als hätte er meine biblischen Gedankengänge gespürt, lächelte er schwach.

»Aye, nun ja«, sagte er. »Ich kann mich nicht erinnern, dass Adam Gott darum gebeten hätte, Eva zurückzunehmen – und sieh dir an, was sie ihm angetan hat.« Ich lachte, und er beugte sich vor und küsste mich auf die Stirn, dann zog er mir die Decke über die blanken Schultern. »Schlaf jetzt, meine kleine Rippe. Morgen früh werde ich eine Gehilfin brauchen.«

Ich wurde von einem seltsamen metallischen Geräusch geweckt. Als ich den Kopf aus der Decke steckte und in die Richtung blinzelte, aus der es kam, sah ich Jamies kariertes Knie keinen halben Meter vor meiner Nase.

»Bist du wach?« Etwas silbrig Klirrendes senkte sich plötzlich vor mein Gesicht, und etwas Schweres legte sich um meinen Hals.

»Was in aller Welt ist das?«, fragte ich. Ich setzte mich erstaunt hin und senkte den Blick. Ich schien eine Halskette zu tragen, die aus einer großen Anzahl etwa neun Zentimeter langer Metallgegenstände bestand. Jeder hatte einen geteilten Schaft und einen Ring am Kopfende, und sie waren an einem ledernen Schnürriemen aufgefädelt. Einige der Objekte waren am Kopfende verrostet, andere brandneu. Alle waren an den Schäften verkratzt, als hätte man sie mit Gewalt irgendwo herausgezogen.

»Kriegstrophäen, Sassenach«, sagte Jamie.

Ich blickte zu ihm auf und stieß einen kleinen Aufschrei aus.

»Oh«, sagte er und hob die Hand an sein Gesicht. »Das habe ich ganz vergessen. Ich hatte noch keine Zeit, es abzuwaschen.«

»Du hast mich zu Tode erschreckt«, sagte ich und legte mir die Hand auf mein klopfendes Herz. »Was ist das?«

»Holzkohle«, sagte er gedämpft durch das Tuch, mit dem er sich jetzt das Gesicht abrieb. Er ließ es sinken und grinste mich an. Er hatte zwar Nase, Kinn und Stirn von einem Teil der Schwärze befreit, und sie leuchteten bronzerot unter den restlichen Schmierspuren hervor, doch seine Augen waren immer noch schwarz umringt wie die eines Waschbären, und sein Mund war von schwarzen Streifen eingeklammert. Der Tag brach gerade an, und im Zwielicht des Zeltes verschmolzen sein Gesicht und sein Haar mit dem gräulichen Hintergrund der Leinenwand hinter ihm, so dass ich den beunruhigenden Eindruck hatte, mit einem kopflosen Körper zu sprechen.

»Es war deine Idee«, sagte er.

»Meine Idee? Du siehst aus, als hättest du dich als der schwarze Mann verkleidet«, erwiderte ich. »Was zum Teufel hast du gemacht?«

Seine Zähne glänzten leuchtend weiß inmitten seiner rußigen Gesichtsfalten.

»Kommandounternehmen«, sagte er mit immenser Genugtuung. »Kommando? Ist das das richtige Wort?«

»O Gott«, sagte ich. »Du bist im Lager der Engländer gewesen? Himmel! Nicht allein, hoffe ich?«

»Ich konnte meine Männer doch nicht um das Vergnügen bringen, oder? Ich habe drei von ihnen als Wachen bei dir gelassen, und wir anderen haben eine sehr ertragreiche Nacht hinter uns.« Voller Stolz zeigte er auf meinen Halsschmuck.

»Splinte von den Kanonenwagen. Die Kanonen konnten wir weder stehlen noch geräuschlos beschädigen, aber ohne Räder werden sie nicht weit kommen. Und hier im Moor gestrandet, werden die sechzehn Kanonen General Cope nicht viel nützen.«

Ich betrachtete die Halskette kritisch.

»Das ist ja schön und gut, aber können sie denn keine Splinte improvisieren? Es sieht aus, als könnte man so etwas auch aus dickem Draht herstellen.«

Er nickte, und seine Selbstzufriedenheit ließ nicht nach.

»Oh, aye. Das könnten sie. Aber sie hätten nichts davon, weil sie keine Räder mehr dazu haben.« Er hob den Zelteingang und zeigte zum Fuß des Hügels hinunter, wo ich Murtagh sehen konnte, der schwarz wie ein verschrumpelter Dämon die Aktivitäten mehrerer ähnlich aufgemachter Subdämonen beaufsichtigte, die gerade fröhlich die letzten der zweiunddreißig großen Holzräder in ein tosendes Feuer rollten. Die Eisenringe der Ränder lagen daneben aufgestapelt; Fergus, Kincaid und einer der anderen jungen Männer spielten ein improvisiertes Spiel, indem sie sich einen davon gegenseitig mit Stöcken zurollten. Ross saß auf einem Baumstamm und nippte an einem Hornbecher, während er einen weiteren beiläufig an seinem kräftigen Unterarm kreisen ließ.

Ich lachte über den Anblick.

»Jamie, du bist so schlau

»Ich mag ja schlau sein«, erwiderte er, »aber du bist halbnackt, und wir brechen jetzt auf. Hast du etwas anzuziehen? Wir haben die Wachtposten gefesselt in einem verlassenen Schafstall zurückgelassen, aber die anderen dürften inzwischen wach sein, und sie sind nicht so weit hinter uns. Wir sollten besser los.«

Wie um seine Worte zu unterstreichen, bebte plötzlich über mir das Zelt, weil jemand auf der einen Seite die Leinen löste. Ich kreischte alarmiert auf und stürzte zu den Satteltaschen, während sich Jamie entfernte, um die Einzelheiten des Aufbruchs zu beaufsichtigen.

Bis wir die Ortschaft Tranent erreichten, war es Nachmittag geworden. Das eigentlich verschlafene Örtchen in den Hügeln über dem Meer wurde jetzt von der Wucht der Highland-Armee geradezu erschlagen. Der Großteil der Armee war dahinter auf den Hügeln über der kleinen Ebene zu sehen, die sich zur Küste erstreckte. Es herrschte das übliche Durcheinander; in Tranent wimmelte es genauso von Männern wie außerhalb; Abteilungen kamen und gingen in mehr oder weniger militärischer Formation, Kuriere galoppierten auf und ab – manche auf Ponys, manche auf Schusters Rappen –, dazu der Tross von Frauen und Kindern, die die Katen bis zum Bersten füllten und unter dem wechselhaften Himmel im Freien saßen oder an Mauern lehnten, Babys stillten und die Kuriere im Vorübergehen nach den jüngsten Neuigkeiten befragten.

Wir hielten am Rand dieses brodelnden Gewimmels, und Jamie schickte Murtagh auf die Suche nach Lord George Murray, dem Oberbefehlshaber der Armee, während er selbst in einer der Katen eine hastige Morgentoilette durchführte.

Mein Aussehen ließ ebenfalls einiges zu wünschen übrig; ich hatte mich zwar nicht absichtlich mit Holzkohle eingerieben, doch auch mein Gesicht trug zweifellos einige Schmutzspuren, Überbleibsel mehrerer Übernachtungen unterwegs. Die Dame des Hauses war so freundlich, mir ein Handtuch und einen Kamm zu borgen, und ich saß an ihrem Tisch und kämpfte mit meinen widerspenstigen Locken, als sich die Tür öffnete und Lord George persönlich ohne Umschweife hereinplatzte.

Seine normalerweise makellose Kleidung war in Unordnung, denn an seiner Weste standen mehrere Knöpfe offen, seine Halsbinde hatte sich gelockert, und eines seiner Strumpfbänder war lose. Er hatte sich die Perücke einfach in die Tasche gestopft, und seine schütteren braunen Locken standen ihm zu Berge, als hätte er frustriert daran gezogen.

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