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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Ein paar Dinge braucht Ihr mir gar nicht zu verraten«, sagte Jamie und betrachtete den Jungen sorgfältig. »Erstens, Ihr seid Engländer, also sind vermutlich Soldaten in der Nähe. Und zweitens seid Ihr allein.«

Das schien den Jungen zu verblüffen. »Woher wisst Ihr das?«

Jamie zog die Augenbrauen hoch. »Ihr hättet mich wohl nicht angegriffen, wenn Ihr nicht gedacht hättet, dass die Dame und ich allein sind. Wenn Ihr mit jemand anderem unterwegs wärt, der das auch dachte, wäre er Euch vermutlich inzwischen zu Hilfe gekommen – ist Euer Arm eigentlich gebrochen? Ich meine, gespürt zu haben, wie etwas entzweigeht. Wenn Ihr mit jemand anderem unterwegs wärt, der wusste, dass wir nicht allein sind, hätte er Euch davon abgehalten, eine solche Dummheit zu versuchen.« Trotz dieser Diagnose bemerkte ich, wie drei der Männer auf Jamies Signal diskret im Wald verschwanden, vermutlich, um nach weiteren Störenfrieden zu suchen.

Die Miene des Jungen verhärtete sich, als er hörte, wie man seine Handlungsweise als Dummheit bezeichnete. Jamie betupfte sich den Hals, dann warf er einen kritischen Blick auf das Taschentuch.

»Wenn Ihr versucht, jemanden von hinten umzubringen, Junge, achtet darauf, dass er nicht auf einem trockenen Laubhaufen sitzt«, riet er. »Und wenn Ihr ein Messer bei jemandem nehmt, der größer ist als Ihr, sucht Euch eine bessere Stelle aus; jemandem die Kehle durchzuschneiden, ist riskant; es sei denn, Euer Opfer hält dabei still.«

»Danke für die wertvollen Ratschläge«, sagte der Junge höhnisch. Er hielt sich wacker, obwohl sein Blick nervös von einem bedrohlichen, bärtigen Gesicht zum nächsten huschte. Schon bei Tageslicht hätte keiner der Highlander eine Schönheitskonkurrenz gewonnen; bei Nacht zählten sie zu den Geschöpfen, denen man lieber nicht an einem finsteren Ort begegnete.

Jamie antwortete höflich: »Gern. Schade, dass Ihr keine Gelegenheit mehr bekommen werdet, sie zur Anwendung zu bringen. Warum habt Ihr mich angegriffen, wenn ich das fragen darf?«

Angezogen von den Geräuschen, schlichen jetzt die Männer der umliegenden Lagerstätten durch den Wald herbei wie Geister. Der Blick des Jungen huschte durch den wachsenden Kreis der Männer, bis er schließlich bei mir haltmachte. Er zögerte einen Moment, antwortete aber. »Ich hatte gehofft, ich könnte die Dame aus Eurer Gewalt befreien.«

Unter den Umstehenden machte sich unterdrückte Belustigung breit, doch Jamie gebot ihnen mit einer kleinen Geste Einhalt. »Ich verstehe«, sagte er unverbindlich. »Ihr habt uns reden gehört und seid zu dem Schluss gekommen, dass die Dame Engländerin ist und noch dazu aus gutem Hause. Wohingegen ich …«

»Wohingegen Ihr, Sir, ein gewissenloser Vogelfreier seid, der in dem Ruf steht, ein Dieb und Gewalttäter zu sein! Euer Gesicht und Eure Beschreibung sind in ganz Sussex und Hampshire auf Flugblättern zu finden! Ich habe Euch sofort erkannt; Ihr seid ein Rebell und ein prinzipienloser Wüstling!«, platzte der Junge leidenschaftlich heraus, und sein Gesicht wurde noch röter als die Glut des Feuers.

Ich biss mir auf die Unterlippe und senkte den Kopf, um Jamies Blick auszuweichen.

»Aye, nun ja«, pflichtete ihm Jamie freundlich bei. »Da dem so ist, könnt Ihr mir vielleicht einen Grund nennen, warum ich Euch nicht auf der Stelle umbringen sollte?« Er zog den Dolch aus der Scheide und drehte ihn vorsichtig hin und her, so dass das Feuer von der Klinge sprang.

Das Blut war dem jungen Mann aus dem Gesicht gewichen, und er stand wie ein Geist im Schatten, doch bei diesen Worten richtete er sich auf und zerrte an den Häschern rechts und links von ihm. »Damit habe ich gerechnet. Ich bin darauf vorbereitet zu sterben«, sagte er und nahm eine starre Haltung an.

Jamie nickte nachdenklich, dann bückte er sich und legte die Klinge des Dolchs ins Feuer. Rings um das schwärzer werdende Metall stieg ein Rauchwölkchen auf, und es roch nach Schmiede. Wir alle sahen mit stummer Faszination zu, wie die Flamme, die in der Nähe der Klinge blau wurde, das todbringende Eisen mit tiefroter Hitze zum Leben zu erwecken schien.

Jamie wickelte sich die Hand in das blutbefleckte Tuch und zog den Dolch vorsichtig aus dem Feuer. Er ging langsam auf den Jungen zu und ließ die Klinge sinken, als führte sie ein Eigenleben, bis sie die Weste des Jungen berührte. Das Taschentuch, das um das Heft des Messers geschlungen war, verströmte einen kräftigen Geruch nach angesengtem Stoff, der stärker wurde, als der Dolch jetzt eine schmale Brandspur an der Vorderseite der Weste emporzog. Die Spitze, die beim Abkühlen dunkler wurde, hielt dicht unter dem aufwärtsgereckten Kinn inne. Ich konnte schmale Schweißrinnsale in den gedehnten Mulden des schlanken Halses aufglänzen sehen.

»Aye, nun ja, ich fürchte, ich bin nicht bereit, Euch umzubringen – noch nicht.« Jamies Stimme war leise und von einer unterdrückten Bedrohlichkeit erfüllt, die in ihrer Beherrschtheit umso angsteinflößender wirkte.

»Mit wem seid Ihr auf dem Marsch?« Die Frage knallte wie ein Peitschenhieb, und alles in Hörweite zuckte zusammen. Er näherte sich mit der Messerspitze, die im Nachtwind rauchte.

»Das … das sage ich Euch nicht!« Nach dieser gestammelten Antwort schlossen sich die Lippen des Jungen fest, und ein Beben lief durch seinen zarten Hals.

»Auch nicht, wie weit entfernt Eure Kameraden liegen? Oder ihre Zahl? Oder ihre Marschrichtung?« Auch diesmal war der Ton der Fragen gelassen, und die Klinge fuhr dem Jungen ganz sacht am Kinn entlang. Das Weiße seiner Augen tauchte auf wie bei einem panischen Pferd, doch er schüttelte heftig den Kopf, so dass ihm das goldene Haar um den Kopf flog. Ross und Kincaid nahmen seine zerrenden Arme fester in den Griff.

Die jetzt wieder dunkle Klinge drückte sich plötzlich der Länge nach flach unter die Kinnbeuge des Jungen. Ein leiser, schriller Schrei erscholl, und es roch nach verbrannter Haut.

»Jamie!«, sagte ich so schockiert, dass ich nicht mehr an mich halten konnte. Er wandte sich nicht zu mir um, sondern hielt den Blick auf den Gefangenen gerichtet, der nun nicht mehr an den Armen festgehalten wurde und im verwehten Laub auf die Knie gesunken war, die Hand an seinen Hals geklammert.

»Haltet Euch da heraus, Madam«, sagte Jamie mit zusammengebissenen Zähnen. Er streckte die Hand aus, packte den Jungen am Hemd und zerrte ihn hoch. Das Messer hob sich unstet zwischen ihnen und bezog dicht unter dem linken Auge des Jungen Position. Jamie legte wortlos fragend den Kopf schief, doch die Antwort war ein minimales, aber eindeutig verneinendes Kopfschütteln.

Die Stimme des Jungen war nicht mehr als ein zittriges Flüstern; er musste sich räuspern, damit man ihn hören konnte. »N-Nein«, sagte er. »Nein. Es gibt nichts, was Ihr mir antun könnt, was mich dazu bringen würde, Euch irgendetwas zu verraten.«

Jamie hielt ihn noch einen Moment so fest, Auge in Auge, dann ließ er den zusammengeballten Stoff los und trat zurück. »Nein«, sagte er in aller Ruhe, »vermutlich nicht. Euch nicht. Aber was ist mit der Dame?«

Im ersten Moment war mir gar nicht klar, dass er mich meinte, bis er mich am Handgelenk packte und mich zu ihm zerrte, so dass ich auf dem unebenen Boden stolperte. Ich fiel auf ihn zu, und er verdrehte mir grob den Arm hinter dem Rücken.

»Möglich, dass Euch Euer eigenes Wohlergehen gleichgültig ist, doch vielleicht ist Euch an der Ehre der Dame gelegen, da es Euch ja so wichtig war, sie zu retten.« Er drehte mich zu sich hin, schlang die Finger in mein Haar und küsste mich mit derart gezielter Brutalität, dass ich mich widerstrebend winden musste.

Er ließ mein Haar los und zog mich fest an sich, so dass ich dem Jungen auf der anderen Seite des Feuers zugewandt war. Die Augen des Jungen waren riesig, und die Flammen spiegelten sich in den geweiteten, dunklen Pupillen.

»Lasst sie los!«, verlangte er heiser. »Was habt Ihr denn mit ihr vor?«

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