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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Die menschlichen Wissenschaften zergliedern alles, um es zu verstehen, sie schlagen alles tot, um es zu untersuchen. In unserem heiligen Orden ist alles ein großes Ganzes, jedes Ding wird in seiner Gesamtheit und in seinen Lebensfunktionen erkannt. Die Dreifaltigkeit – drei Urelemente aller Dinge: Schwefel, Quecksilber und Salz. Schwefel ist ölig und feurig, verbunden mit Salz erweckt er durch seinen Feuergehalt in diesem die Sucht, das Quecksilber anzuziehen, zu erfassen, festzuhalten und sich mit ihm zu neuen Körpern zu verbinden. Das Quecksilber ist eine dünne, flüchtige, geistige Substanz – Christus, der Heilige Geist, Er.«

»Den 3. Dezember.

Ich wachte spät auf, las in der Heiligen Schrift, war aber nicht recht mit meinem Herzen dabei. Dann ging ich aus dem Zimmer und schritt durch den Saal. Ich wollte nachdenken, statt dessen aber trat mir ein Vorfall wieder vor die Seele, der sich schon vor vier Jahren ereignet hat. Ich war in Moskau nach meinem Duell einmal mit Dolochow zusammengetroffen, und dieser hatte zu mir gesagt, er hoffe, daß ich mich nun trotz der Abwesenheit meiner Frau eines vollen Seelenfriedens erfreue. Ich hatte ihm damals nichts darauf geantwortet. Jetzt fielen mir alle Einzelheiten dieses Zusammentreffens wieder ein, ich sagte ihm im Geiste die gehässigsten Worte und gab ihm die spitzesten Antworten. Erst als ich mich in heißem Zorn sah, kam ich wieder zu mir und warf diese Gedanken beiseite, empfand aber nicht hinreichend Reue darüber. Dann kam Boris Drubezkoj und fing an, von verschiedenen Ereignissen zu erzählen. Ich war von allem Anfang an über seinen Besuch verstimmt gewesen und sagte etwas zu ihm, das seinen Worten zuwiderlief. Er entgegnete etwas darauf. Ich brauste auf und sagte ihm eine Menge unangenehmer und sogar grober Sachen. Er schwieg. Das alles kam mir erst ganz zufällig zum Bewußtsein, als es bereits zu spät war. Mein Gott, ich verstehe so gar nicht mit ihm umzugehen. Der Grund ist meine Eigenliebe. Ich schätze mich höher ein als ihn, mache mich dadurch aber nur bedeutend schlechter, als er ist, denn er übt Nachsicht gegen meine Grobheiten, ich aber, im Gegensatz zu ihm, empfinde gegen ihn nur Verachtung. Mein Gott, gib, daß ich in seiner Gegenwart deutlicher meine Schlechtigkeit erkenne und so handle, daß es auch ihm Nutzen bringt. Nach dem Mittagessen schlief ich ein Weilchen, und in dem Augenblick, als ich einschlief, hörte ich eine Stimme, die mir deutlich ins linke Ohr flüsterte: ›Dein Tag.‹

Mir träumte, ich wandelte in der Finsternis und fühlte mich plötzlich von Hunden umringt, aber ich ging ohne Furcht weiter. Da packte einer der kleineren Hunde mit den Zähnen mein linkes Bein und ließ es nicht wieder los. Ich würgte ihn mit den Händen, kaum aber hatte ich ihn losgerissen, als mich schon ein anderer packte, ein noch größerer. Ich fing an, ihn hochzuziehen, aber je höher ich ihn zog, um so größer und schwerer wurde er. Da trat plötzlich Bruder $à. auf mich zu, nahm mich an der Hand und führte mich zu einem Gebäude, zu dessen Eingang ein schmales Brett hinüberführte. Ich betrat es, aber das Brett bog sich und brach, und ich fing an, einen Zaun zu erklettern, zu dem ich kaum mit den Händen hinauflangen konnte. Nach großen Anstrengungen hatte ich meinen Körper so hinübergezogen, daß die Beine nach der einen Seite hingen und der Oberkörper nach der anderen. Ich schaute mich um und sah, daß Bruder $à. auf dem Zaun stand und mir eine große Allee und einen Garten zeigte. In diesem Garten stand ein großes, prächtiges Gebäude. Da wachte ich auf. Herr Gott, erhabener Baumeister der Natur! Hilf mir, diese Hunde, meine Leidenschaften, von mir loszureißen, von denen die letzte die Kräfte aller übrigen in sich vereint, und laß mich in jenen Tempel der Tugenden eintreten, den ich im Traum von Angesicht zu Angesicht schauen durfte.«

»Den 7. Dezember.

Ich träumte, Osip Alexejewitsch sitze in meinem Haus, und ich freute mich und wollte ihn aufs beste bewirten. Ich unterhielt mich fortwährend mit fremden Leuten, und auf einmal kam mir erst zum Bewußtsein, daß ihm das mißfallen könne. Ich wollte mich ihm nähern und ihn in meine Arme schließen, aber ich war ihm kaum näher getreten, so sah ich, daß sich sein Gesicht verwandelte und ganz jung wurde. Er flüsterte mir etwas aus der Lehre unseres Ordens zu, aber so leise, daß ich es nicht verstehen konnte. Dann gingen wir plötzlich alle aus dem Zimmer, und nun ereignete sich etwas Wunderbares. Wir saßen oder lagen alle am Fußboden. Er sagte etwas zu mir. Aber als wollte ich ihm alle meine Empfindungen zeigen, fing ich an, ohne auf seine Worte zu hören, mir vorzustellen, wie mein innerer Mensch beschaffen war und wie mich die Gnade Gottes beschattete. Dabei traten mir die Tränen in die Augen, und es war mir ganz lieb, daß er dies bemerkte. Aber er sah mich ärgerlich an, sprang auf und unterbrach seine Rede. Ich wurde verlegen und fragte ihn, ob das, was er gesagt habe, sich auf mich beziehe. Doch er gab mir keine Antwort, zeigte mir aber wieder ein freundliches Gesicht, und gleich darauf befanden wir uns in meinem Schlafzimmer, wo das zweischläfrige Bett steht. Er legte sich darauf, ganz an den Rand, und in mir entbrannte der Wunsch, ihn zu liebkosen und mich ebenfalls dorthin zu legen. Da war es mir, als fragte er mich: ›Sage mir die Wahrheit, welches ist deine Hauptleidenschaft? Hast du sie erkannt? Ich glaube, daß du sie bereits erkannt hast.‹ Ich wurde über diese Frage verwirrt und antwortete, meine Hauptleidenschaft sei die Trägheit. Er schüttelte mißtrauisch den Kopf. Da sagte ich ihm, noch verlegener werdend, ich lebte ja jetzt, seinem Rat gemäß, wieder mit meiner Frau zusammen, aber nicht wie Mann und Frau. Er erwiderte darauf, daß ich meiner Frau meine Liebe nicht entziehen dürfe, und gab mir zu verstehen, daß dies meine Pflicht sei. Ich gab ihm zur Antwort, daß ich mich dessen schäme, und plötzlich war alles verschwunden. Ich wachte auf, und die Worte aus der Heiligen Schrift kamen mir in den Sinn: ›Das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.‹ Das Gesicht Osip Alexejewitschs aber war jung und licht gewesen. An diesem Tag erhielt ich einen Brief von meinem Wohltäter, in dem er mir über die Pflichten der Ehe schrieb.«

»Den 9. Dezember.

Ich hatte einen Traum, aus dem ich unter Herzklopfen erwachte. Mir träumte, ich wäre in Moskau, in meinem Hause, im großen Diwanzimmer, und aus dem Salon träte Osip Alexejewitsch. Ich erkannte sofort, daß sich bei ihm der Prozeß der Wiedergeburt bereits vollzogen hatte, und stürzte ihm entgegen. Ich küßte ihm die Hände, er aber sagte: ›Hast du bemerkt, daß ich ein anderes Gesicht habe?‹ Ich betrachtete ihn, wobei ich ihn nicht aus meinen Armen ließ, und sah, daß er ein ganz junges Gesicht, aber keine Haare auf dem Kopf hatte, und daß seine Züge ganz andere waren. Da sagte ich zu ihm: ›Ich hätte Sie erkannt, auch wenn ich Sie zufällig getroffen hätte.‹ Bei mir aber dachte ich: Ist das auch wahr, was ich da sage? Da sah ich ihn plötzlich wie einen Toten daliegen. Dann kam er wieder etwas zu sich, ging mit mir in das große Arbeitszimmer, ein großes, geschriebenes Buch in Folioformat in der Hand. Ich sagte zu ihm: ›Das habe ich geschrieben.‹ Er antwortete mir mit einem Neigen des Kopfes. Ich schlug das Buch auf. In diesem Buch waren alle Seiten schön bemalt. Ich wußte, daß diese Bilder die Liebesabenteuer der Seele mit ihrem Geliebten darstellten. Auf einer dieser Seiten erblickte ich das wunderbare Bild eines Mädchens, das in durchsichtigem Gewand und mit durchscheinendem Körper zu den Wolken emporflog. Ich wußte ganz genau, daß dieses Mädchen nichts anderes war als eine Darstellung des Hohenliedes. Und obgleich ich fühlte, daß ich etwas Böses tat, wenn ich dieses Bild betrachtete, konnte ich mich doch nicht von ihm losreißen. Herr Gott, hilf mir! Mein Gott, wenn es Dein Ratschluß ist, daß Du mich verlassen hast, so geschehe Dein Wille! Habe ich es aber selber verursacht, so lehre mich, was ich tun soll. Ich gehe in meiner Verderbtheit zugrunde, wenn Du mich ganz verläßt.«

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