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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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An jenem ersten Abend, den Bolkonskij bei ihm verbrachte, erzählte Speranskij, als sie auf die Gesetzkommission zu sprechen kamen, dem Fürsten Andrej mit bitterer Ironie, daß diese Kommission nun schon hundertundfünfzig Jahre bestehe, Millionen gekostet und bisher nichts geleistet habe, als daß Rosenkampf alle Akten der vergleichenden Gesetzgebung mit Schildchen beklebt habe.

»Das ist alles, dafür hat der Staat Millionen bezahlt«, sagte er. »Wir wollen dem Senat eine neue richterliche Gewalt geben und haben keine Gesetze. Darum wäre es auch eine Sünde, wenn solche Leute wie Sie, Fürst, jetzt nicht in den Staatsdienst träten.«

Fürst Andrej warf ein, daß man dazu doch eine juristische Vorbildung brauche, die er nicht besitze.

»Aber die hat ja niemand, was wollen Sie also? Es ist dies ein circulus vitiosus, aus dem wir mit Gewalt herauskommen müssen.«

Acht Tage später war Fürst Andrej Mitglied der Kommission zur Ausarbeitung der Militärverordnungen und, was er keineswegs erwartet hatte, Vorsitzender einer Abteilung der allgemeinen Gesetzkommission. Auf Bitten Speranskijs übernahm er den ersten Teil des in Angriff genommenen Bürgerlichen Gesetzbuches und machte sich mit Hilfe des Code Napoleon[96] und Justinians Corpus juris civilis[97] an die Ausarbeitung des Kapitels Personenrecht.

7

Als Pierre vor zwei Jahren, 1808, von der Reise durch seine Güter nach Petersburg zurückgekehrt war, hatte man ihn, ziemlich gegen seinen Willen, zum Oberhaupt der Petersburger Freimaurer gewählt. Er veranstaltete Tafellogen und Grablogen, warb neue Mitglieder, kümmerte sich um die Vereinigung verschiedener Logen und um die Erwerbung von Originalurkunden. Er ließ für sein Geld die Logenhallen ausstatten und bereicherte nach Kräften die Sammlung von Almosen, der gegenüber sich die meisten Mitglieder geizig und wenig gewissenhaft zeigten. Das Armenhaus, das der Orden in Petersburg errichtet hatte, erhielt er fast allein aus seinen eignen Mitteln.

Indessen ging sein Leben seinen alten Gang, mit denselben Neigungen und Ausschweifungen. Ganz wie früher aß er gern gut und trank auch viel, und obgleich er es für unsittlich und erniedrigend erachtete, so konnte er doch den Vergnügungen der Junggesellen, die seine Gesellschaft bildeten, nicht entsagen.

Im Dunstkreis dieser Beschäftigungen und Liebhabereien keimte aber doch nach Verlauf eines Jahres in Pierre das Gefühl auf, daß jener Boden der Freimaurerei, auf dem er stand, ihm immer mehr unter den Füßen wegglitt, je fester er auf ihm zu stehen bemüht war. Gleichzeitig hatte er das Empfinden: je tiefer dieser Boden, auf dem er stand, unter seinen Füßen sinke, um so willenloser sei er an ihn gekettet. Als er bei den Freimaurern eintrat, hatte er das Gefühl eines Menschen gehabt, der vertrauensvoll seinen Fuß auf die glatte Oberfläche eines Sumpfes setzt. Er hatte seinen Fuß darauf gesetzt und war eingesunken. Um sich aber völlig von der Festigkeit des Bodens, auf dem er stand, zu überzeugen, hatte er dann auch den anderen Fuß aufgesetzt, war noch tiefer eingesunken, konnte nicht wieder heraus und watete nun gegen seinen Willen bis an die Knie in diesem Sumpf.

Osip Alexejewitsch war nicht in Petersburg. Er hatte sich in letzter Zeit von den Geschäften der Petersburger Logen ganz zurückgezogen und lebte ständig in Moskau. Alle Brüder und Logenmitglieder waren Pierre auch im öffentlichen Leben bekannt, und es fiel Pierre schwer, in ihnen nur Freimaurerbrüder zu sehen, nicht aber einen Fürsten B. oder einen Iwan Wassiljewitsch D. die er im Leben meistens als schwache, unbedeutende Leute kannte. Durch den Freimaurerschurz und seine Abzeichen hindurch sah er ihre Uniformen und Orden, die sie sich im Leben errungen hatten. Oft, wenn er Almosen sammelte und dann von einem Dutzend Mitglieder, von denen die Hälfte ebenso reich war wie er, nur eine Einnahme von zwanzig bis dreißig Rubeln zusammenzählte, von denen noch ein großer Teil schuldig geblieben war und nur auf der Liste stand, mußte Pierre an den Freimaurerschwur denken, durch den jeder Bruder versprach, all sein Hab und Gut dem Nächsten hinzugeben, und in seiner Seele stiegen Zweifel auf, die er jedoch zu bannen bemüht war.

Alle Brüder, die er kannte, teilte er in vier Gruppen ein. Zur ersten zählte er jene Brüder, die weder an den Geschäften noch an den sozialen Bestrebungen der Loge tätigen Anteil nahmen, sondern sich ausschließlich mit den geheimen Wissenschaften des Ordens beschäftigten, mit den Fragen über den dreifachen Namen Gottes oder über die drei Urelemente aller Dinge: Schwefel, Quecksilber und Salz, oder über die Bedeutung des Quadrates und aller Figuren des Salomonischen Tempels. Dieser Gruppe von Freimaurern, zu denen vorwiegend die älteren Brüder und Pierres Ansicht nach auch Osip Alexejewitsch selber gehörten, brachte Pierre große Achtung entgegen, aber er teilte ihre Interessen nicht. Sein Herz zog ihn nicht zu der mystischen Seite der Freimaurerei.

Zur zweiten Gruppe zählte Pierre sich selber und alle ihm ähnlichen Brüder, die suchten und strauchelten, den geraden, im Geist bereits erfaßten Weg der Freimaurerei noch nicht gefunden hatten, aber ihn noch zu finden hofften.

Zur dritten Gruppe rechnete er diejenigen Brüder – und ihrer war die größte Zahl –, die in der Freimaurerei nichts weiter sahen als äußere Formen und Feierlichkeiten und sich eine strenge Erfüllung dieser äußeren Formen angelegen sein ließen, ohne sich um ihren Inhalt und ihre Bedeutung zu kümmern. Zu diesen gehörte Willarski und sogar auch der Meister vom Stuhl der Hauptloge.

Zur vierten Gruppe endlich rechnete er ebenfalls eine große Menge von Brüdern, besonders diejenigen, die erst in letzter Zeit in die Brüderschaft eingetreten waren. Das waren Leute, die, wie Pierre beobachtet hatte, weder an irgend etwas glaubten noch nach irgend etwas strebten und nur in den Freimaurerorden eingetreten waren, um sich jungen, reichen, einflußreichen und berühmten Brüdern nähern zu können, deren es in der Loge eine große Anzahl gab.

Pierre fing an, sich durch seine Tätigkeit unbefriedigt zu fühlen. Die Freimaurerei, wenigstens diejenige, die er hier kennen gelernt hatte, erschien ihm manchmal nur auf bloßen Äußerlichkeiten aufgebaut. Es kam ihm nicht in den Sinn, an der Freimaurerei selbst zu zweifeln, aber er argwöhnte, daß die russische Freimaurerei auf einen falschen Weg geraten sei und sich von ihren Urquellen entfernt habe. Aus diesem Grund fuhr er denn Ende des Jahres ins Ausland, um sich in die höheren Geheimnisse des Ordens einweihen zu lassen.

Noch im Sommer 1809 kehrte Pierre nach Petersburg zurück. Aus dem Briefwechsel unserer Freimaurer mit ihren ausländischen Brüdern war bekannt geworden, daß es Besuchow im Ausland gelungen war, das Vertrauen vieler hochgestellter Persönlichkeiten zu erwerben, daß er in viele Geheimnisse eingedrungen und zu den höchsten Würden erhoben sei, und daß er vieles mitbringe, was dem gesamten Freimaurertum in Rußland zum Segen gereichen werde. So kamen denn alle Petersburger Freimaurer zu ihm und suchten sich bei ihm einzuschmeicheln, aber alle hatten den Eindruck, als ob er etwas verheimliche und vorbereite.

Es wurde eine feierliche Logensitzung zweiten Grades angesetzt, da Pierre versprochen hatte, in dieser Sitzung alles das mitzuteilen, was er den Petersburger Brüdern von den höchsten Leitern des Ordens zu überbringen hatte. Der Raum war gefüllt bis auf den letzten Platz. Nach den üblichen Feierlichkeiten stand Pierre auf und begann seine Rede.

»Geliebte Brüder«, fing er an, errötend und stotternd, die Niederschrift seiner Rede in der Hand haltend. »Es genügt nicht, daß wir in der Stille der Loge unsere Geheimnisse wahren, wir müssen wirken … handeln. Wir fangen an zu stagnieren, darum müssen wir handeln …«

Pierre nahm sein Heft in die Hand und fing an vorzulesen.

»Um die lautere Wahrheit zu verbreiten und den Triumph der Tugend herbeizuführen«, las er, »müssen wir die Menschen von Vorurteilen freimachen, Gesetze verbreiten, die dem Geist der Zeit entsprechen, die Erziehung der Jugend auf uns nehmen, die klügsten Menschen mit unlösbaren Banden an uns knüpfen, kühn, aber doch einsichtsvoll Aberglauben, Unglauben und Dummheit aus dem Feld schlagen und aus der Zahl der uns ergebenen Menschen Leute aussuchen, die, verbunden durch ein gemeinsames Ziel, zu Macht und Kraft gelangen.

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96

Code Napoleon: das 1804 veröffentlichte französische Zivilgesetz, Vorbild auch für die Zivilgesetzgebung anderer Staaten, das seine Gültigkeit bis heute nicht verloren hat. Speranskij diente es als Basis für seinen Entwurf eines Zivilgesetzes, was zu seinem Sturz beitrug (vgl. Anm. 93).

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97

Justmians Corpus juris civilis: die auf die Regierungszeit des byzantinischen Kaisers Justinian (483-569) zurückgehende Sammlung des Römischen Rechts, auf die letztlich das moderne Zivilrecht zurückgeht.

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