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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Und er klopfte Berg auf die Schulter und stand auf, um dem Gespräch so bald wie möglich ein Ende zu machen. Aber Berg erklärte, immer mit demselben liebenswürdigen Lächeln: wenn er nicht sicher wisse, was für eine Mitgift Wera erhalte, und nicht wenigstens einen Teil von dem, was ihr zugedacht sei, im voraus bekomme, sehe er sich gezwungen, zurückzutreten.

»Denn das müssen Sie doch selber einsehen, Graf, wenn ich mir jetzt zu heiraten erlaubte, ohne die sicheren Mittel zum Unterhalte meiner Frau zu haben, so wäre das von mir doch leichtsinnig gehandelt …«

Das Ende der Unterredung war, daß der Graf, der sich großmütig zeigen und weiteren Forderungen entgehen wollte, versprach, für Wera einen Wechsel über achtzigtausend Rubel auszustellen. Berg lächelte sanft, küßte den Grafen auf die Schulter und sagte, er sei ihm sehr dankbar, könne sich aber jetzt, wo er ein neues Leben anfange, nicht einrichten, wenn er nicht dreißigtausend Rubel in bar bekäme.

»Wenn es nur wenigstens zwanzigtausend sind, Graf«, fügte er hinzu, »und den Wechsel dann nur auf sechzigtausend.«

»Ja, ja, schön«, fiel der Graf hastig ein. »Nur nimmst du mir’s wohl nicht übel, mein Junge, wenn ich dir die zwanzigtausend in bar gebe und dann den Wechsel außerdem noch auf achtzigtausend ausstelle. Recht so? Na, komm, gib mir einen Kuß!«

12

Natascha war jetzt sechzehn Jahre alt und das Jahr 1809 angebrochen, dasselbe, das sie vor vier Jahren mit Boris zusammen an den Fingern abgezählt hatte, nachdem sie sich geküßt hatten. Seit jener Zeit hatte sie Boris nicht ein einziges Mal wiedergesehen. Vor Sonja und der Mutter hatte sie sich, wenn die Rede auf Boris gekommen war, ganz ungezwungen, als wäre das eine längst beschlossene Sache, dahin geäußert, daß dies früher nur eine Kinderei gewesen sei, über die zu reden gar nicht der Mühe wert und die schon längst vergessen sei. Im allergeheimsten Grund ihres Herzens quälte sie aber doch die Frage, ob ihr Versprechen Boris gegenüber ein Scherz oder eine wichtige, heilige Verpflichtung sei.

Seit dem Jahr 1805, als Boris von Moskau aus zur Armee gefahren war, hatte er die Rostows nicht wiedergesehen. Er war zwar einige Male in Moskau gewesen, war auch nahe an Otradnoje vorbeigefahren, hatte sie aber nie besucht.

Natascha war manchmal der Gedanke gekommen, daß er sie absichtlich nicht sehen wollte, und diese ihre Vermutungen wurden noch bestärkt durch den kalten Ton, mit dem die Eltern von ihm sprachen.

»Heutzutage erinnert man sich nicht mehr an seine alten Freunde«, sagte die Gräfin einmal, als man von Boris gesprochen hatte.

Auch Anna Michailowna war in letzter Zeit seltener bei den Rostows, legte dann immer besondere Würde an den Tag und sprach jedesmal begeistert und dankbar von den Verdiensten ihres Sohnes und von der glänzenden Karriere, die er machte.

Als nun die Rostows nach Petersburg kamen, machte Boris bei ihnen Besuch.

Er ging nicht ohne innere Erregung zu ihnen. Die Erinnerung an Natascha war das poetischste Kapitel aus seinem Leben. Dennoch ging er mit der festen Absicht hin, sowohl ihr wie auch ihren Eltern deutlich zu verstehen zu geben, daß die kindlichen Beziehungen zwischen ihm und Natascha weder für sie noch für ihn bindend sein könnten. Er hatte dank seinem engen Verhältnis zur Gräfin Besuchowa eine glänzende Stellung in der Gesellschaft, und dank einer hochstehenden Persönlichkeit, deren volles Vertrauen er genoß, eine ebenso glänzende Stellung im Dienst. Im Grund seines Herzens keimte bereits der Plan, sich mit einer der reichsten jungen Damen in Petersburg zu verheiraten, ein Plan, der sehr leicht zur Wirklichkeit werden konnte.

Als Boris bei den Rostows in den Salon trat, war Natascha auf ihrem Zimmer. Wie sie hörte, daß er gekommen war, lief sie errötend und fast im Sturmschritt in den Salon hinunter, das Gesicht verklärt von einem mehr als freundlichen Lächeln.

Boris hatte nur jene Natascha im kurzen Kleidchen mit den unter den Locken hervorblitzenden schwarzen Augen und dem mutwilligen Kinderlachen im Gedächtnis, die er vor vier Jahren gekannt hatte, und geriet nun, als jetzt eine ganz andere Natascha ins Zimmer trat, in Verlegenheit. Auf seinem Gesicht prägte sich ein entzücktes Staunen aus. Dieser Ausdruck machte Natascha Spaß.

»Du erkennst wohl deine kleine Freundin, unseren Wildfang, gar nicht wieder?« sagte die Gräfin.

Boris küßte Natascha die Hand und antwortete, er sei erstaunt, wie sehr sie sich verändert habe. »Wie hübsch Sie geworden sind!« rief er aus.

Das will ich meinen! erwiderten Nataschas lachende Augen.

»Und nicht wahr, Papa ist älter geworden?« fragte sie.

Natascha setzte sich hin, beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, die Boris und die Gräfin führten, und musterte schweigend ihren Kinderbräutigam bis auf die kleinsten Einzelheiten. Er fühlte diesen beharrlichen, freundlichen Blick schwer auf sich ruhen und schaute ab und zu nach ihr hin.

Die Uniform, die Sporen, die Halsbinde, der Scheitel – alles war bei Boris nach der neuesten Mode und comme il faut. Das bemerkte Natascha gleich. Er saß mit einer leichten Wendung zur Seite in einem Sessel neben der Gräfin, strich mit der rechten Hand den blendend weißen, wie angegossen sitzenden Handschuh der Linken glatt, erzählte mit besonders fein zusammengezogenen Lippen von dem lustigen Leben und Treiben der ersten Petersburger Gesellschaftskreise und erinnerte sich mit sanftem Spott an die früheren Zeiten in Moskau und an die Moskauer Bekannten. Nicht ohne Absicht, wie Natascha sofort herausfühlte, erzählte er, als man über den ältesten Adel sprach, vom Ball des Gesandten, auf dem er gewesen war, und erwähnte seine Einladungen zu N.N. und S.S.

Natascha saß die ganze Zeit schweigend da und sah ihn von unten her an. Dieser Blick beunruhigte und verwirrte Boris immer mehr. Oft sah er zu Natascha hinüber und brach seine Rede ab. Er blieb nicht länger als zehn Minuten sitzen, dann stand er auf und verbeugte sich. Immer noch sahen die neugierigen, herausfordernden und etwas spöttischen Augen ihn an.

Nach seinem ersten Besuch bei den Rostows sagte sich Boris, daß Natascha auf ihn noch dieselbe Anziehungskraft ausübe wie früher, daß er sich aber diesem Gefühl nicht hingeben dürfe, denn sie, ein Mädchen ohne alles Vermögen, zu heiraten, wäre der Ruin für seine Karriere, die früheren Beziehungen aber ohne Heiratsabsicht wieder anzuknüpfen – eine unehrenhafte Handlung. So beschloß Boris bei sich, allen Begegnungen mit Natascha aus dem Wege zu gehen, suchte sie aber trotz dieses Beschlusses nach einigen Tagen doch wieder auf, kam dann häufiger zu den Rostows und verbrachte schließlich ganze Tage bei ihnen. Ihm schwebte immer die Absicht vor, daß er sich unbedingt mit Natascha auseinandersetzen und ihr sagen wolle, man müsse alles Frühere vergessen, denn trotz allem … könne sie nicht seine Frau werden, da er kein Vermögen besitze und man sie ihm deshalb niemals geben würde. Aber er kam nicht dazu, und es war ihm auch peinlich, eine solche Erklärung abzugeben. Mit jedem Tag verstrickte er sich mehr.

Auch Natascha schien, wie ihre Mutter und Sonja beobachtet hatten, ganz wie früher in Boris verliebt zu sein. Sie sang ihm seine Lieblingslieder vor, zeigte ihm ihr Album und bat ihn, etwas hineinzuschreiben, erlaubte ihm aber nicht, sie an Früheres zu erinnern, sondern gab ihm zu verstehen, daß es jetzt doch viel schöner sei. Und so ging er jeden Tag wie umnebelt fort, hatte das nicht gesagt, was er zu sagen beabsichtigte, und wußte selber nicht, was er tat, warum er hinging und was für ein Ende das alles nehmen werde. Während dieser Zeit stellte Boris seine Besuche bei Helene ein, obgleich er täglich ein vorwurfsvolles Billett von ihr erhielt, und verlebte dafür seine Tage bei den Rostows.

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