Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Er ging in den Salon seiner Frau wie ins Theater, kannte alle, bekundete allen die gleiche Freude über ihr Erscheinen und zeigte sich gegen den einen ebenso gleichgültig wie gegen den andern. Manchmal mischte er sich in eine Unterhaltung, die ihn interessierte, und sprach, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob Herren von der Gesandtschaft da waren oder nicht, offen seine Ansichten aus, die mitunter durchaus nicht mit der gerade zur Zeit herrschenden Stimmung im Einklang standen. Doch sein Ruf als sonderbarer Gatte de la femme la plus distinguée de Pétersbourg hatte schon so festen Fuß gefaßt, daß niemand seine Entgleisungen ernst nahm.
Unter der Zahl der vielen jungen Leute, die täglich im Hause Helenes verkehrten, war Boris Drubezkoj, der im Dienst schon mit Erfolg vorwärtsgekommen war, nach Helenes Rückkehr aus Erfurt einer von denen, die dem Haus Besuchow am nächsten standen. Helene nannte ihn ihren Pagen und behandelte ihn wie ein Kind. Sie lächelte ihm zu wie jedem andern auch, und doch hatte Pierre manchmal ein unangenehmes Gefühl, wenn er dieses Lächeln sah. Boris legte Pierre gegenüber eine besondere Ehrerbietung an den Tag, in der sich Würde und Schwermut paarten. Eine so gefärbte Achtungsbezeigung war gleichfalls dazu angetan, Pierre zu beunruhigen. Er hatte vor drei Jahren unter jener Beleidigung, die ihm seine Frau zugefügt hatte, so sehr gelitten, daß er sich jetzt vor der Möglichkeit einer ähnlichen Kränkung nur dadurch zu retten suchte, daß er erstens einmal nicht der Gatte seiner Frau war, und zweitens einen Verdacht gar nicht in sich aufkommen ließ.
Nein, jetzt, wo sie ein Blaustrumpf geworden ist, wird sie wohl ihren Neigungen von früher gänzlich entsagt haben, sagte er sich im stillen. Es ist noch nie dagewesen, daß ein Blaustrumpf Herzensgelüste gehabt hätte, sprach er einen als Regel geltenden Satz nach, ohne selber zu wissen, woher er ihn genommen hatte, an den er aber zweifellos glaubte. Trotzdem wirkte Boris’ Anwesenheit im Salon seiner Frau – und er war fast beständig dort – sonderbarerweise physisch auf Pierre ein, lähmte ihm die Glieder und nahm allen seinen Bewegungen das Freie und Unbewußte.
Welch merkwürdige Antipathie! dachte Pierre. Und früher gefiel er mir doch ganz gut.
In den Augen der Welt war Pierre der große Herr, der etwas blinde und lächerliche Gatte einer berühmten Frau, ein kluger, komischer Kauz, der weder Nutzen noch Schaden stiftete, alles in allem aber ein anständiger, guter Kerl. In Pierres Seele aber ging in all dieser Zeit eine komplizierte, schwierige Entwicklung vor sich, die ihm manches offenbarte und ihn zu vielen Zweifeln und vielen Seelenfreuden führte.
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Er fuhr fort, sein Tagebuch zu führen, und trug in dieser Zeit folgendes ein:
»Den 24. November.
Ich stand um acht Uhr auf, las in der Heiligen Schrift, ging dann meinen Geschäften nach« – auf den Rat seines Wohltäters war Pierre in den Dienst getreten und gehörte einem der Komitees an –, »kam zum Mittagessen nach Hause, speiste allein – bei der Gräfin waren eine Menge Gäste, die mir unangenehm sind –, aß und trank mäßig und schrieb nach dem Mittagessen etwas für die Brüder ab. Abends ging ich zur Gräfin und erzählte eine komische Geschichte von B. Daß ich dies nicht hätte tun dürfen, fiel mir erst in dem Augenblick ein, als alle bereits laut lachten.
Ich lege mich mit ruhigem und zufriedenem Herzen schlafen. Großer Gott, hilf mir, daß ich auf Deinen Wegen wandle und 1. den Zorn durch Sanftmut und Vorsicht, 2. die Lüsternheit durch Enthaltsamkeit und Abscheu überwinde und 3. mich von allem eitlen Treiben fernhalte, ohne mich jedoch von folgendem auszuschließen: à) vom Staatsdienst, b) von Familiensorgen, c) vom Umgang mit meinen Freunden und d) von Wirtschaftsgeschäften.«
»Den 27. November.
Ich stand spät auf, da ich mich, nachdem ich aufgewacht war, noch der Faulheit hingegeben und im Bett liegengeblieben war. Mein Gott, hilf mir und stärke mich, damit ich auf Deinen Wegen wandle! Ich las in der Heiligen Schrift, aber ohne die gebührende Sammlung. Dann kam der Bruder Urusow, und wir unterhielten uns über die Eitelkeiten dieser Welt. Er erzählte von den neuen Plänen des Kaisers. Ich wollte schon ein absprechendes Urteil darüber fällen, aber es fielen mir noch rechtzeitig unsere Grundsätze und die Worte meines Wohltäters ein, daß der wahre Freimaurer, wenn seine Teilnahme verlangt wird, ein eifriger Diener des Staates, sonst aber ein stiller Beschauer dessen, wozu er nicht berufen ist, sein soll. Die Zunge ist mein Feind.
Dann besuchten mich noch die Brüder G. W. und O. und wir hatten eine Vorbesprechung über die Aufnahme eines neuen Bruders. Sie wollten mir dabei das Amt des Rhetors übertragen. Aber ich fühlte mich dazu zu schwach und unwürdig. Dann kam die Rede auf die Erklärung der sieben Säulen und Stufen des Tempels: die sieben Wissenschaften, die sieben Tugenden, die sieben Laster, die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Bruder O. sprach sehr schön. Am Abend vollzog sich die Aufnahme. Die neue Ausstattung der Räumlichkeiten trug viel zum prächtigen Gelingen des zeremoniellen Auftritts bei. Aufgenommen wurde Boris Drubezkoj. Ich hatte ihn vorgeschlagen und habe auch als Rhetor amtiert. Ein sonderbares Gefühl erregte mich die ganze Zeit über, während ich mit ihm allein in der dunklen Halle stand. Ich ertappte mich auf einem Gefühl des Hasses gegen ihn, das ich vergeblich zu überwinden suchte. Und deshalb hätte ich auch so aufrichtig gewünscht, ihn vom Bösen zu erretten und auf den Weg der Wahrheit zu führen, aber die üblen Gedanken über ihn wichen nicht von mir. Ich hatte den Eindruck, als hätte er beim Eintritt in unsere Brüderschaft nur das Ziel und den Wunsch vor Augen gehabt, sich wichtigen Persönlichkeiten, die sich in unserer Loge befinden, zu nähern und ihre Gunst zu erlangen. Er hat mich zwar ein paarmal gefragt, ob N. oder S. zu unserer Loge gehörten – worauf ich ihm keine Antwort geben konnte –, ist auch meiner Beobachtung nach gar nicht fähig, für unseren heiligen Orden die gebührende Achtung zu empfinden, weil er zu sehr mit seinem äußeren Menschen beschäftigt und von ihm eingenommen ist, um eine Veredlung seiner Seele zu wünschen, doch habe ich sonst keine Gründe, an ihm zu zweifeln. Dennoch scheint er mir unaufrichtig, und während der ganzen Zeit, die ich allein mit ihm in der dunklen Halle stand, kam es mir vor, als lächle er geringschätzig zu meinen Worten, so daß mich tatsächlich die Lust anwandelte, seine nackte Brust mit dem Degen, den ich auf sie gezückt hielt, zu durchbohren. Ich konnte keine schöne Rede halten und auch den Brüdern und dem Meister vom Stuhl gegenüber meine Zweifel nicht offen aussprechen. O du erhabener Baumeister der Natur, hilf mir, den Weg der Wahrheit zu finden, der aus diesem Labyrinth führt!«
Nach dieser Niederschrift waren im Tagebuch drei Seiten freigelassen und dann stand folgendes geschrieben:
»Ich hatte ein langes und belehrendes Zwiegespräch mit Bruder W. der mir riet, mich an Bruder $à. zu halten. Vieles wurde mir dadurch klar, obgleich ich nur ein Unwürdiger bin. Adonai ist der Name des Weltschöpfers, Elohim der Name des Lenkers und Leiters aller Dinge. Der dritte Name, der unaussprechlich ist, bedeutet das All. Die Gespräche mit Bruder W. stärken, erfrischen und festigen mich auf dem Weg der Tugend. In seiner Gegenwart kann kein Zweifel aufkommen. Deutlich sehe ich jetzt den Unterschied zwischen der armseligen Lehre weltlicher Wissenschaften und unserer heiligen, allumfassenden Kenntnis.