Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Diese Worte schienen mir um so merkwürdiger, weil Osip Alexejewitsch trotz seines schweren physischen Leidens das Leben niemals als schwer empfunden hat und doch den Tod liebt, für den er sich jedoch noch nicht genügend vorbereitet glaubt, obgleich er ein so reiner Mensch ist und geistig so hoch steht. Dann erklärte mir mein Wohltäter noch völlig die Bedeutung des großen Schöpfungsquadrates und wies mich darauf hin, daß die Drei- und die Siebenzahl die Grundlage aller Dinge bilden. Er riet mir, mich von der Gemeinschaft mit den Petersburger Brüdern nicht fernzuhalten und mich zu bemühen, da ich in der Loge nur die Pflichten des zweiten Grades zu erfüllen habe, die Brüder vor den Verführungen des Hochmuts zu bewahren und sie dem wahren Pfade der Selbsterkenntnis und Vervollkommnung zuzuführen. Außerdem riet er mir noch persönlich, vor allen Dingen auf mich selber zu achten, und gab mir zu diesem Zweck ein Heft, eben das selbe, in das ich jetzt schreibe und künftig alle meine Handlungen eintragen werde.«
»Petersburg, den 23. November.
Ich lebe wieder mit meiner Frau zusammen. Meine Schwiegermutter kam, in Tränen aufgelöst, zu mir und erzählte, Helene sei hier und flehe mich an, ihr Gehör zu schenken, sie sei unschuldig und unglücklich darüber, daß ich nichts von ihr wissen wolle, und noch vieles andere mehr. Ich wußte, daß, wenn ich nur meine Einwilligung zu einem Wiedersehen gab, ich nicht mehr die Kraft haben würde, ihre Wünsche abzuschlagen. In meiner Ratlosigkeit wußte ich nicht, bei wem ich mir Hilfe und Rat holen sollte. Wenn mein Wohltäter hier gewesen wäre, so hätte er mir schon einen Rat gegeben. Ich zog mich zurück, las Osip Alexejewitschs Briefe noch einmal durch, erinnerte mich an das, was er mir gesagt hatte, und zog aus alledem den Schluß, daß ich einen Bittenden nicht zurückweisen durfte und meine helfende Hand jedem entgegenstrecken mußte, um so mehr einem Menschen, der so eng mit mir verbunden war, und daß es meine Pflicht sei, mein Kreuz auf mich zu nehmen. Wenn ich ihr aber nur um der Tugend willen verziehen habe, so mag und wird auch meine Wiedervereinigung mit ihr nur einen geistigen Zweck haben. In diesem Sinn entschloß ich mich und schrieb auch an Osip Alexejewitsch. Ich sagte meiner Frau, ich bäte sie, alles Vergangene zu vergessen und mir das zu verzeihen, worin ich gegen sie gefehlt haben mochte, ich selber hätte ihr nichts zu vergeben. Es war mir eine Freude, ihr das zu schreiben. Sie soll nicht wissen, wie schwer es mir wird, sie wiederzusehen. Ich habe mich in den oberen Räumen meines großen Hauses einquartiert und empfinde das glückliche Gefühl einer Wiedergeburt.«
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Wie immer, teilte sich auch damals die erste Gesellschaft, die sich bei Hofe und auf den großen Bällen traf, in verschiedene Kreise, von denen jeder seine eigne Färbung hatte. Der größte dieser Kreise war der französische, der, mit Graf Rumjanzew und Caulaincourt an der Spitze, gewissermaßen das Bündnis mit Napoleon versinnbildlichte. In diesem Kreis spielte Helene, sobald sie sich nur in Petersburg wieder mit ihrem Mann vereinigt hatte, eine der ersten Rollen. In ihrem Hause verkehrten die Herren der französischen Gesandtschaft sowie eine Menge Leute, die durch Geist und Liebenswürdigkeit bekannt waren und zu dieser Richtung gehörten.
Während der Zeit der berühmten Zusammenkunft der beiden Kaiser war Helene mit in Erfurt gewesen und hatte von dort diese Beziehungen zu allen napoleonischen Größen Europas mitgebracht. In Erfurt hatte sie einen glänzenden Erfolg gehabt. Napoleon selber hatte, als sie ihm einmal im Theater auffiel, von ihr gesagt: »C’est un superbe animal.« Über ihre Erfolge als schöne und elegante Frau wunderte sich Pierre keineswegs, da sie in diesen Jahren noch schöner geworden war als früher. Was ihn aber in Erstaunen setzte, war, daß es ihr in den zwei Jahren gelungen war, sich den Ruf »einer ebenso geistreichen wie reizenden Frau« zu verschaffen. Der berühmte Fürst de Ligne schrieb ihr acht Seiten lange Briefe, und Bilibin sparte seine Geistesblitze auf, um sie zum erstenmal in Anwesenheit Helenes zum besten geben zu können. Im Salon der Gräfin Besuchowa empfangen zu werden, galt gewissermaßen für ein Zeugnis geistiger Reife, die jungen Leute lasen vor den Abendgesellschaften bei Helene Bücher durch, um in ihrem Salon über etwas sprechen zu können, die Gesandtschaftssekretäre und sogar die Gesandten selber vertrauten ihr diplomatische Geheimnisse an, so daß Helene gewissermaßen zu einer Macht geworden war. Pierre, der wußte, daß sie sehr dumm war, empfand immer ein sonderbares Gefühl von Zweifel und Angst, wenn er manchmal ihren Abendgesellschaften und Diners, wo von Politik, Dichtkunst und Philosophie gesprochen wurde, beiwohnte. Bei diesen Gesellschaften fühlte er sich immer in die Lage versetzt, in der sich ein Taschenspieler befinden muß, der jeden Augenblick erwartet, daß man hinter seine Schliche kommt. War es vielleicht aus dem Grund, weil zur Führung eines solchen Salons tatsächlich etwas Dummheit vonnöten ist, oder deshalb, weil den davon Betroffenen diese Täuschung selber Spaß machte – jedenfalls kam dieser Betrug nicht an den Tag, und Helenes Ruf einer »ebenso geistreichen wie reizenden Frau« stand so unerschütterlich fest, daß sie die fadesten, dümmsten Dinge sagen konnte und dennoch alle von jedem ihrer Worte entzückt waren und einen tiefen Sinn darin suchten, den sie sich selber niemals hätte träumen lassen.
Pierre war nun gerade der rechte Gatte, den eine so glänzende Dame von Welt brauchte. Er war jener zerstreute Sonderling und als Ehemann der Grandseigneur, der keinem im Weg war, und störte darum nicht nur den Gesamteindruck des vornehmen Tones in ihrem Salon durchaus nicht, sondern bot sogar durch seine entgegengesetzte Veranlagung für die Eleganz und den Takt seiner Frau einen für sie selber nur vorteilhaften Hintergrund. Infolge der steten inneren Sammlung, der ausschließlichen Beschäftigung mit nur geistigen Dingen und der aufrichtigen Nichtachtung alles übrigen während dieser zwei Jahre hatte sich Pierre in den Gesellschaften seiner Frau, die ihn so wenig interessierten, allen gegenüber jenen gleichgültigen, lässigen und gönnerhaften Ton angewöhnt, den man sich nicht künstlich zu eigen machen kann und der eben aus diesem Grund immer unwillkürlich Achtung einflößt.