Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Und sie summte ihre Lieblingsmelodie aus einer Oper von Cherubini[99] vor sich hin, warf sich aufs Bett, lachte bei dem frohen Gedanken, daß sie nun gleich einschlafen werde, rief Dunjascha, damit sie das Licht auslösche, und wirklich war Dunjascha noch nicht aus dem Zimmer, als Natascha auch schon in jene andere, noch glücklichere Welt der Träume hinübergeglitten war, wo alles ebenso leicht und schön schien wie in der Wirklichkeit, nur vielleicht noch etwas schöner, weil es eben anders war.
Am folgenden Tag ließ die Gräfin Boris zu sich bitten und sprach mit ihm, und von diesem Tag an kam Boris nicht mehr zu den Rostows.
14
Am 31. Dezember, dem Silvesterabend, der dem Jahr 1810 voranging, fand bei einem hohen Würdenträger, der schon unter Katharina II. eine bedeutende Rolle gespielt hatte, ein Ball statt. Zu diesem Ball sollte nicht nur das ganze diplomatische Korps, sondern auch der Kaiser erscheinen.
Das Haus des berühmten Würdenträgers am Englischen Ufer erstrahlte im Glanz zahlloser Lichter, Vor der mit rotem Tuch ausgelegten, hellerleuchteten Einfahrt standen Polizeibeamte, und zwar nicht nur Gendarmen, sondern gerade vor der Einfahrt der Polizeimeister selber und noch ein Dutzend Polizeioffiziere. Equipagen rollten heraus, und immer wieder kamen neue angefahren mit Lakaien in roten Livreen oder mit Federhüten, Aus dem Wagen stiegen Herren in Uniform mit Ordenssternen und Bändern, Damen in Atlas und Hermelin schwebten vorsichtig über die mit Gepolter herabgeschlagenen Wagentritte und stiegen hastig und lautlos die mit Tuch belegte Freitreppe empor.
Fast jedesmal, wenn ein neuer Wagen vorfuhr, lief ein Flüstern durch die Menge, und man nahm die Hüte ab.
»Der Kaiser? … Nein, ein Minister … ein Fürst … der Gesandte … Hast du wohl den Federbusch gesehen? …« raunte man sich in der Menge zu. Einer von den Zuschauern, der besser gekleidet war als die anderen, schien alle zu kennen und nannte die berühmten Größen seiner Zeit mit Namen.
Während ein Drittel aller Gäste sich bereits auf dem Ball eingefunden hatte, waren die Rostows, die ebenfalls geladen waren, noch eifrig mit Vorbereitungen und Ankleiden beschäftigt. Was war über diesen Ball in der Familie Rostow geredet und was für endlose Vorbereitungen waren getroffen worden! Zuerst die Angst, ob sie überhaupt eingeladen würden, und dann die Sorge, ob auch die Kleider zur rechten Zeit fertig würden und ob auch alles so, wie es sein sollte, ausfallen werde.
Mit den Rostows zusammen sollte Marja Ignatjewna Peronskaja auf den Ball fahren, die eine Freundin und Verwandte der Gräfin war, hager, von gelblicher Gesichtsfarbe, eine Hofdame noch aus der alten Zeit, die den aus der Provinz kommenden Rostows in den höchsten Petersburger Kreisen als Führerin diente.
Um zehn Uhr abends hatten die Rostows die Hofdame vom Taurischen Garten abholen wollen, aber es war bereits fünf Minuten vor zehn Uhr, und die jungen Mädchen waren noch nicht angezogen.
Für Natascha war es der erste große Ball in ihrem Leben. Sie war um acht Uhr morgens aufgestanden und hatte sich den ganzen Tag in fieberhafter Aufregung und Geschäftigkeit befunden. Vom frühen Morgen an war all ihr Bemühen nur darauf gerichtet gewesen, daß sie alle drei: Mama, Sonja und sie selbst, so schön wie nur möglich gekleidet seien. Sonja und die Gräfin hatten sie in allem gewähren lassen. Die Gräfin sollte ein zimtfarbenes Samtkleid tragen und die beiden jungen Mädchen weiße, duftige Gewänder mit rosa Unterkleidern und Rosen am Mieder. Die Haare sollten à la grecque frisiert werden.
Alles Wesentliche war schon getan: Füße, Arme, Hals und Ohren waren besonders sorgfältig und ballmäßig gewaschen, parfümiert und gepudert worden, die durchbrochenen seidenen Strümpfe und die weißen Atlasschuhe mit den Bändern waren angezogen und die Frisuren beinahe beendet. Sonja war fast fertig mit dem Anziehen, die Gräfin ebenfalls, nur Natascha, die sich um alle abgemüht hatte, war dadurch etwas zurückgeblieben. Sie saß noch vor dem Spiegel, den Frisiermantel über die mageren Schultern geworfen. Sonja stand schon fertig mitten im Zimmer und steckte mit einer Nadel das letzte Band fest, wobei sie mit ihrem kleinen Finger so aufdrückte, daß es ihr weh tat und das Band unter der Stecknadel knirschte.
»So nicht, Sonja, so nicht«, rief Natascha, drehte sich während des Frisierens rasch um, fuhr aber gleich mit den Händen nach dem Kopf, weil die Zofe ihr Haar festhielt und es nicht so schnell hatte loslassen können. »So darfst du das Band nicht stecken. Komm mal her.«
Sonja kauerte neben Natascha hin, und diese steckte das Band anders.
»Aber gnädiges Fräulein, so kann ich unmöglich, frisieren«, sagte die Zofe, die Natasches Haar in der Hand hielt.
»Ach, mein Gott, so warte doch nur! Siehst du, so, Sonja!«
»Seid ihr bald fertig?« ertönte die Stimme der Gräfin. »Es ist gleich zehn Uhr.«
»Gleich, gleich. Sind Sie denn fertig, Mama?«
»Ich will mir nur noch die Toque[100] anstecken.«
»Machen Sie das nicht ohne mich«, rief Natascha. »Sie können das nicht so.«
»Ja, aber es ist doch schon zehn Uhr.«
Man hatte um halb elf auf dem Ball sein wollen, und nun war Natascha noch nicht angezogen, und man mußte noch nach dem Taurischen Garten fahren.
Nachdem die Frisur fertig war, lief Natascha im kurzen Unterröckchen, unter dem die Ballschuhe hervorguckten, und in einer Nachtjacke ihrer Mutter auf Sonja zu, musterte sie von oben bis unten und lief dann zur Mutter hinüber. Sie drehte und wendete ihr den Kopf nach allen Seiten, steckte dann die Toque fest, nahm sich kaum so viel Zeit, noch einen Kuß auf das graue Haar zu drücken, und lief dann wieder zu den Zofen hinüber, die noch den Rock ihres Ballkleides kürzer nähten.
Die ganze Sache hing nur noch an Nataschas Rock, der zu lang war; zwei Mädchen nähten ihn bereits kürzer, wobei sie in ihrer Hast, wenn sie zu Ende waren, die Fäden immer gleich abbissen. Eine dritte lief mit Stecknadeln zwischen den Lippen und Zähnen von der Gräfin zu Sonja und wieder zurück, und eine vierte hielt das ganze duftige Kleid in der hochgehobenen Hand.
»Mawruscha, mach doch schnell, mein Engel!«
»Geben Sie mir doch den Fingerhut herüber, gnädiges Fräulein.«
»Seid ihr denn nun endlich bald fertig?« fragte der Graf, von außen an die Tür herantretend. »Ein Parfüm habt ihr. Die Peronskaja wird schön warten!«
»Fertig, gnädiges Fräulein«, rief die Zofe und hob mit zwei Fingern das kürzer genähte Kleid in die Höhe, blies ein paar Fädchen aber und schüttelte es, als wolle sie durch diese Geste zeigen, daß sie sich der Duftigkeit und schneeweißen Reinheit dessen, was sie in den Händen hielt, bewußt war.
Natascha fing an, das Kleid überzuziehen.
»Gleich, gleich, komm jetzt nicht herein, Papa«, rief sie dem Vater, der die Tür aufmachen wollte, noch unter dem Rock ihres duftigen Kleides zu, der ihr ganzes Gesicht verhüllte.
Sonja klappte die Tür zu. Gleich darauf wurde der Graf hereingelassen. Er trug einen blauen Frack, lange Strümpfe und ausgeschnittene Schuhe und hatte reichlich Parfüm und Pomade verwendet.
»Ach Papa, wie fein du aussiehst, reizend!« rief Natascha, die mitten im Zimmer stand und die Falten ihres Kleides glattstrich.
»Halt, gnädiges Fräulein, halt!« rief das Mädchen, die neben Natascha niedergekniet war, das Kleid zurechtzupfte und die Stecknadeln mit der Zunge von einer Ecke des Mundes in die andere schob.
99
Cherubini: Luigi Cherubini (1760-1842), italienischer Komponist.
100
Toque: krempenlose weibliche Kopfbedeckung, Faltenhaube.