Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir der Tugend zum Sieg über das Laster verhelfen und danach streben, daß jedem ehrbaren Menschen schon in dieser Welt der ewige Lohn für seine guten Taten zuteil werde. Aber diesen unseren edlen Absichten stellen sich unendlich viele äußere, politische Einrichtungen entgegen. Was sollen wir tun bei einer solchen Lage der Dinge? Sollen wir Revolutionen befürworten, das Oberste zuunterst kehren, Gewalt durch Gewalt vertreiben? … Nein, das sei fern von uns. Jede gewaltsame Reform ist tadelnswert, weil man das Böse niemals gut machen kann, solange die Menschen selber so bleiben, wie sie sind, und weil die Weisheit keiner Gewalt bedarf.
Die ganze Anlage des Ordens muß darauf fußen, charakterstarke, tugendhafte Menschen heranzubilden, die sich durch das Band einer gemeinsamen Überzeugung verbunden fühlen, einer Überzeugung, die darin zum Ausdruck kommt, überall und mit allen Kräften Laster und Torheit zu verfolgen, Talente und Tugenden zu beschützen und würdige Menschen aus dem Staub emporzuziehen und sie unserer Brüderschaft einzuverleiben. Erst dann wird unser Orden die Macht haben, denen, die den Wirrwarr begünstigen, unmerklich die Hände zu binden und sie so zu lenken und zu leiten, daß sie es nicht einmal merken. Mit einem Wort, es muß eine allumfassende Regierungsform ins Leben gerufen werden, die über die ganze Welt verbreitet werden muß, ohne die bürgerlichen Bande zu zerreißen, unter der alle übrigen Regierungen in ihrer gewohnten Ordnung weiterbestehen und alles anordnen können, nur das nicht, was dem hohen Ziel unseres Ordens, das heißt dem Sieg der Tugend über das Laster, zuwiderläuft. Dieses selbe Ziel hat sich auch das Christentum schon gesteckt. Es hat den Menschen gelehrt, weise und gut zu sein und zu seinem eignen Nutz und Frommen dem Beispiel und den Lehren der besten und weisesten Menschen zu folgen.
Damals, als alles noch in Nacht und Tod begraben lag, genügte natürlich die Predigt allein: das Neue dieser Wahrheit verlieh ihr eine ganz besondere Kraft. Heutzutage aber brauchen wir stärkere Mittel. Der Mensch von heute, der sich nur noch von seinen Gefühlen leiten läßt, muß bei einer tugendhaften Handlung einen fühlbaren Reiz empfinden. Die Leidenschaften auszurotten ist unmöglich, man kann sich nur bemühen, sie auf edle Ziele zu richten, und deshalb ist es erforderlich, daß unser Orden jedem die Mittel in die Hand gibt, seine Leidenschaften innerhalb der Grenzen der Tugend zu befriedigen.
Sobald wir nur erst in jedem Staat eine gewisse Anzahl würdiger Männer haben, von denen jeder wieder ein paar weitere erzieht, und sobald alle unter sich eng verbunden sein werden, wird für unseren Orden, der im geheimen schon viel zum Segen der Menschheit beitragen konnte, alles, alles möglich sein.«
Diese Rede machte nicht nur starken Eindruck, sie hatte auch heftige Erregung in der Loge zur Folge. Die meisten Brüder, die in dieser Rede gefährliche, aufklärerische Absichten[98] witterten, nahmen Pierres Worte mit einer Kälte auf, die ihn in Erstaunen setzte. Der Großmeister fing an, Einwendungen zu machen. Pierre entwickelte seine Ideen mit immer größerem Eifer. Lange hatte es keine so stürmische Sitzung gegeben. Es bildeten sich zwei Parteien: die einen verurteilten Pierre und beschuldigten ihn westlicher Aufklärungssucht, die anderen stimmten ihm bei und unterstützten ihn. In dieser Versammlung bestaunte Pierre zum erstenmal die unendliche Mannigfaltigkeit des menschlichen Auffassungsvermögens, die bewirkt, daß sich eine Wahrheit nicht in zwei Menschenköpfen auf ein und dieselbe Weise offenbart. Selbst diejenigen Mitglieder der Versammlung, die auf seiner Seite zu stehen schienen, verstanden ihn auf ihre Art, das heißt mit Einschränkungen und Abänderungen, mit denen sich wiederum Pierre nicht einverstanden erklären konnte, da es ihm gerade ein Herzensbedürfnis war, seine Ideen den anderen genau so, wie er sie selber verstand, weiterzugeben.
Zum Schluß der Sitzung machte der Meister vom Stuhl Pierre gegenüber die mißgünstige und ironische Bemerkung, daß er zu heftig geworden sei und sich bei der Diskussion nicht von der Liebe zur Tugend allein, sondern auch von seiner Streitsucht habe leiten lassen. Pierre gab ihm darauf keine Antwort, sondern fragte nur kurz, ob sein Vorschlag angenommen werde. Man sagte ihm, daß dies nicht der Fall sei, und Pierre verließ, ohne die üblichen Formalitäten abgewartet zu haben, die Loge und fuhr nach Hause.
8
Wieder kam nun jene Schwermut über Pierre, die er so sehr fürchtete. Nachdem er diese Rede in der Loge gehalten hatte, lag er drei Tage lang zu Hause auf seinem Diwan, empfing keinen Menschen und ging nirgends hin.
In diesen Tagen erhielt er einen Brief von seiner Frau, die ihn um ein Wiedersehen anflehte und ihm schrieb, wie sehr sie sich nach ihm sehne und wünsche, ihm ihr ganzes Leben zu weihen.
Am Schluß des Briefes teilte sie ihm mit, daß sie in diesen Tagen aus dem Ausland zurückkehren und nach Petersburg kommen werde.
Bald nach diesem Brief drang noch ein Freimaurerbruder in Pierres Einsamkeit ein, den er weniger als alle anderen schätzte, brachte die Rede auf Pierres Ehe und sprach in Form eines brüderlichen Rates den Gedanken aus, Pierres Strenge gegen seine Frau sei ungerecht und verstoße gegen die ersten Grundsätze der Freimaurerei, weil er einer Reuigen nicht verzeihe.
Gleichzeitig schickte auch seine Schwiegermutter, die Frau des Fürsten Wassilij, zu ihm und ließ ihn inständig bitten, sie doch nur auf ein paar Augenblicke zu besuchen, da sie eine äußerst wichtige Angelegenheit mit ihm zu besprechen habe. Pierre merkte, daß man sich verabredet hatte, ihn wieder mit seiner Frau zusammenzubringen, und das war ihm in dem Zustand, in dem er sich jetzt befand, nicht einmal unangenehm. Ihm war alles gleichgültig: nichts im Leben schien ihm von Wichtigkeit, und unter dem Einfluß der Schwermut, die sich ganz seiner bemächtigt hatte, legte er weder Wert auf seine Freiheit noch auf ein hartnäckiges Beharren auf der Bestrafung seiner Frau.
Niemand hat recht, niemand ist schuld, folglich ist auch sie nicht schuldig, dachte er.
Wenn Pierre nicht sogleich seine Zustimmung zu einer Wiedervereinigung mit seiner Frau gab, so geschah das nur aus dem Grund, weil er in dem Zustand der Schwermut, in dem er sich befand, gar nicht die Kraft hatte, irgend etwas zu unternehmen. Wäre seine Frau jetzt zu ihm gekommen, er hätte sie nicht weggejagt. War es nicht im Vergleich zu dem, was ihn jetzt beschäftigte, völlig gleichgültig, ob er mit seiner Frau zusammenlebte oder nicht?
Er gab weder seiner Frau noch der Schwiegermutter eine Antwort, machte sich eines späten Abends auf und fuhr nach Moskau, um Osip Alexejewitsch wiederzusehen. In dieser Zeit trug er folgendes in sein Tagebuch ein:
»Moskau, den 17. November.
Soeben komme ich von meinem Wohltäter zurück und beeile mich, alles niederzuschreiben, was ich bei ihm erfahren und empfunden habe. Osip Alexejewitsch lebt in großer Armut und leidet nun schon das dritte Jahr an einer schmerzhaften Blasenkrankheit. Aber niemand hat je einen Seufzer noch ein Wort der Klage von ihm gehört. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein ist er, mit Ausnahme der Stunden, da er seine höchst frugalen Mahlzeiten einnimmt, mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Er empfing mich gütig und forderte mich auf, mich auf das Bett zu setzen, in dem er lag. Ich machte ihm das Zeichen der Ritter aus dem Morgenland und aus Jerusalem, er antwortete mir auf dieselbe Art und fragte mich mit sanftem Lächeln, was ich in den preußischen und schottischen Logen erfahren und mir zu eigen gemacht habe. Ich erzählte ihm alles, so gut ich konnte, teilte ihm jene grundlegenden Ideen mit, die ich in der Petersburger Loge vorgeschlagen, erwähnte die üble Aufnahme, die ich gefunden, und den Bruch, der sich zwischen den Brüdern und mir vollzogen hatte. Osip Alexejewitsch schwieg ziemlich lange, dachte nach und legte mir dann seine Ansicht dar, die mir augenblicklich alles Vergangene und den ganzen künftigen Weg erhellte, der vor mir lag. Er setzte mich durch die Frage in Erstaunen, ob ich mich noch darauf besänne, was das dreifache Ziel des Ordens sei: 1. die Hütung und Erforschung des heiligen Geheimnisses, 2. die Läuterung und Besserung des eignen Ichs, um dieses Geheimnis aufnehmen zu können, und 3. die Veredlung des ganzen Menschengeschlechtes durch dieses Streben nach eigner Läuterung. Welches von diesen dreien sei nun das hauptsächlichste und erste Ziel? Natürlich das der eignen Besserung und Läuterung. Nur nach diesem einen Ziel könnten wir immer unabhängig von allen äußeren Umständen streben. Und dabei koste uns dieses Ziel weit mehr Mühe und Arbeit, und deshalb ließen wir uns vom Stolz irreführen, gingen diesem Ziel aus dem Weg und gäben uns lieber mit dem Geheimnis ab, das in uns aufzunehmen wir unserer Unreinheit wegen gar nicht würdig seien, oder mit der Veredlung des Menschengeschlechtes, während wir selber noch ein Beispiel der Verderbtheit und Ausschweifung böten. Der westliche Aufklärungsorden sei deshalb keine reine Lehre, weil er zum Eingreifen in die Staatsgeschäfte neige und von Hoffart erfüllt sei. Von diesem Standpunkt aus verurteilte Osip Alexejewitsch meine Rede und meine ganze Wirksamkeit. Ich mußte ihm im innersten Herzen recht geben. Als dann die Rede auf meine Familienangelegenheiten kam, sagte er zu mir: ›Die erste Pflicht eines wahren Mannes besteht, wie ich Ihnen schon sagte, in der Vervollkommnung seiner selbst. Oft glauben wir dieses Ziel eher zu erreichen, wenn wir alle Schwierigkeiten aus unserem Leben wegräumen. Im Gegenteil, mein Lieber‹, sagte er zu mir, ›nur mitten im Trubel der Welt können wir die drei Hauptziele erreichen: 1. Selbsterkenntnis, denn der Mensch kann nur durch den Vergleich zur Selbsterkenntnis gelangen, 2. Vervollkommnung, die nur durch Kampf zu erreichen ist, und 3. das Erwerben der Haupttugend: der Liebe zum Tod, denn nur die Wandelbarkeit des Lebens kann uns von seiner Nichtigkeit überzeugen und dazu beitragen, die uns angeborene Liebe zum Tod und Auferstehen zu einem neuen Leben in uns zu festigen.‹
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gefährliche, aufklärerische Absichten: man beschuldigte Pierre, Anhänger der Lehren der Illuminaten zu sein, eines den Freimaurern nahestehenden, 1778 in Bayern gegründeten Geheimbundes, der durch religiöse und politische Aufklärungsarbeit die Kirche mit ihren Dogmen bekämpfen und einer Vernunftreligion auf der Basis des Deismus zum Durchbruch verhelfen wollte Antimonarchistisch.