Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
11
Die Geldverhältnisse der Rostows waren in den zwei Jahren, die sie auf dem Lande verlebt hatten, keineswegs besser geworden. Obgleich Nikolaj Rostow unerschütterlich an seinem Vorhaben festhielt, bescheiden bei seinem abgelegenen Regiment weiterdiente und verhältnismäßig nur wenig Geld ausgab, so war doch die ganze Lebensweise in Otradnoje und besonders auch die Geschäftsführung Mitenkas so, daß die Schuldenlast von Jahr zu Jahr unaufhaltsam stieg. Die einzige Rettung, die sich dem alten Grafen noch bot, war offenbar der Staatsdienst, und so fuhr er denn nach Petersburg, um sich ein Pöstchen zu suchen und dabei gleichzeitig, wie er sich ausdrückte, seinen Mädelchen zum letztenmal ein paar lustige Tage zu verschaffen.
Kurz nach der Ankunft der Rostows in Petersburg hielt Berg um Weras Hand an, und sein Antrag wurde angenommen.
Obgleich die Rostows in Moskau zu den ersten Gesellschaftskreisen gehört hatten, wenn sie auch selber nicht wußten und sich weiter keine Gedanken darüber machten, zu welchen Kreisen sie eigentlich gehörten, so war die Gesellschaft, in der sie sich in Petersburg bewegten, doch gemischter und nicht so streng abgeschlossen. In Petersburg waren sie Provinzler, und dieselben Leute, die sich in Moskau bei den Rostows, ohne danach zu fragen, zu welcher Gesellschaft sie gehörten, sattgegessen hatten, ließen sich hier nicht zu ihnen herab.
Die Rostows führten in Petersburg ein ebenso offenes Haus wie in Moskau, und zu ihren Abendgesellschaften kamen die verschiedenartigsten Leute zusammen: Nachbarn aus Otradnoje, alte, wenig bemittelte Gutsbesitzer mit ihren Töchtern, eine Hofdame, Fräulein Peronskaja, Pierre Besuchow und der Sohn eines Postmeisters vom Land, der in Petersburg diente. Einige junge Herren verkehrten sehr bald als Hausfreunde bei den Rostows, wie Boris und Pierre, den der alte Graf einmal zufällig auf der Straße getroffen und gleich mit nach Hause geschleppt hatte, ferner Berg, der ganze Tage bei den Rostows verlebte und für die älteste Komtesse Wera alle Aufmerksamkeiten hatte, die ein junger Mann einer Dame nur erweisen kann, der er einen Antrag zu machen beabsichtigt.
Berg hatte nicht umsonst allen seine in der Schlacht bei Austerlitz verwundete Hand gezeigt und ganz überflüssigerweise mit der linken den Degen geführt. Er hatte diesem Vorfall solche Wichtigkeit beigemessen und ihn so unentwegt allen Leuten erzählt, daß auch wirklich alle von dem Nutzen und der Tüchtigkeit dieser Tat überzeugt waren und Berg für Austerlitz zwei Auszeichnungen erhielt.
Auch im Finnischen Krieg war es ihm gelungen, sich hervorzutun. Er hatte einen Granatsplitter aufgehoben, durch den ein Adjutant neben dem Oberkommandierenden getötet worden war, und ihn seinem Chef überreicht. Und auch diesen Vorfall erzählte er, ganz wie den bei Austerlitz, unentwegt und beharrlich allen Leuten, daß abermals alle glaubten, so solle und müsse ein tapferer Offizier handeln, und Berg auch im Finnischen Krieg mit zwei Auszeichnungen bedacht wurde. Im Jahre 1809 war er bereits Hauptmann bei der Garde, Ritter mehrerer Orden und zu einem besonders vorteilhaften Posten nach Petersburg abkommandiert.
Obgleich einige Spötter lächelten, wenn man ihnen von Bergs Verdiensten sprach, so konnte doch niemand bestreiten, daß er ein gewissenhafter, tüchtiger Offizier und bei seinen Vorgesetzten ausgezeichnet angeschrieben war, und überdies ein sittlich gefestigter junger Mann, der eine glänzende Karriere vor sich hatte und sich schon jetzt einer gesicherten Stellung in der Gesellschaft erfreute.
Vor vier Jahren hatte Berg einmal im Parkett eines Moskauer Theaters einen deutschen Kameraden getroffen, hatte ihm Wera Rostow gezeigt und auf deutsch zu ihm gesagt: »Die wird meine Frau werden«, und war von diesem Augenblick an entschlossen gewesen, sie zu heiraten. Jetzt in Petersburg zog er die Lage der Rostows und seine eigne in Erwägung und kam zu dem Schluß, daß es an der Zeit sei, einen Antrag zu machen.
Bergs Antrag wurde anfänglich mit mancherlei Bedenken aufgenommen, die für ihn nicht gerade schmeichelhaft waren.
Zuerst schien es sonderbar, daß der Sohn eines unbekannten livländischen Edelmanns einer Komtesse Rostowa einen Heiratsantrag machte, aber Bergs Hauptcharaktereigenschaft war eben jenes naive, gutmütige Selbstbewußtsein, so daß die Rostows schließlich dachten, es müsse doch wohl in der Ordnung sein, wenn er selber so fest überzeugt sei, daß es so gut und richtig sei. Außerdem waren die Vermögensverhältnisse der Rostows arg zerrüttet, was dem Bewerber doch nicht entgangen sein konnte, die Hauptsache aber war: Wera zählte bereits vierundzwanzig Jahre, war überall ausgegangen und hatte, obgleich sie zweifellos hübsch und klug war, bisher noch keinen Antrag erhalten. Also willigte man ein.
»Sehen Sie«, sagte Berg zu einem Kameraden, den er seinen Freund nannte, aber nur deshalb, weil er wußte, daß jedermann einen Freund zu haben pflegt, »sehen Sie, ich habe alles wohl erwogen und würde nicht heiraten, wenn ich mir in Gedanken nicht alles klargelegt und wenn sich eine Unstimmigkeit ergeben hätte. Aber im Gegenteil, Papa und Mama sind jetzt versorgt, ich habe ihnen das kleine Pachtgut in den Ostseeprovinzen verschafft, und ich selber kann bei meiner Sparsamkeit mit meinem Gehalt und ihrem Vermögen in Petersburg gut auskommen. Wir werden zu leben haben. Ich heirate nicht des Geldes wegen, das halte ich für unfair, aber natürlich muß die Frau eine Mitgift haben, wie auch der Mann das Seine beiträgt: ich mein Gehalt und sie ihre Verbindungen und etwas Vermögen. Das hat in einer Zeit wie der unsrigen schon einigen Wert, nicht wahr? Die Hauptsache aber ist: sie ist ein schönes, ehrbares Mädchen und liebt mich …«
Berg wurde rot und lächelte.
»Und auch ich liebe sie, denn sie hat einen guten, vernünftigen Charakter. Da ist noch eine andere Tochter im Haus, ihre Schwester … das ist nun ein und dieselbe Familie, und doch ist sie so ganz anders. Ein unangenehmer Charakter, und von Geist keine Spur, sie ist so … Sie wissen schon … mit einem Wort: unangenehm … Meine Braut dagegen … Aber Sie werden ja zu uns kommen …« fuhr Berg fort; er wollte sagen: »zum Mittagessen«, überlegte es sich aber noch einmal und sagte: »zum Tee«, wobei er, rasch mit der Zunge durchstoßend, einen kleinen runden Rauchring aus seinem Munde blies, als wollte er dadurch die Träume von seinem künftigen Glück greifbar zum Ausdruck bringen.
Nachdem die ersten Bedenken überwunden waren, die Bergs Antrag bei den Eltern hervorgerufen hatte, machte sich in der Familie die bei solchen Anlässen übliche freudige Feststimmung geltend, aber die Freude war keine echte, sondern nur eine äußerliche. Den Verwandten merkte man anläßlich dieser Verlobung eine gewisse Verlegenheit und Beschämung an, als wäre es ihnen peinlich, daß sie Wera so wenig liebhatten und sie jetzt so bereitwillig hergaben. Verlegener als alle war der alte Graf. Wahrscheinlich hätte er selber gar nicht sagen können, was eigentlich die Ursache dieser Verlegenheit war, aber der Grund lag nur in seinen finanziellen Verhältnissen. Er hatte keine Ahnung, was er eigentlich noch besaß, wieviel Schulden er hatte, und was für eine Mitgift er an Wera auszuzahlen imstande war. Als seine Töchter geboren wurden, hatte er jeder dreihundert Seelen als Mitgift bestimmt, aber eines dieser Dörfer war bereits verkauft, das andere verpfändet und die Frist abgelaufen, so daß es ebenfalls verkauft werden mußte und deshalb als Mitgift auch nicht in Frage kam. Bares Geld aber war erst recht nicht da.
Berg war schon über vier Wochen Bräutigam, und in acht Tagen sollte bereits die Hochzeit stattfinden, und noch immer hatte der Graf die Frage der Mitgift nicht entschieden und auch mit seiner Frau noch nicht darüber gesprochen. Bald wollte er das Rjasansche Gut für Wera teilen, bald für sie einen Wald verkaufen, bald sich durch einen Wechsel Geld verschaffen. Einige Tage vor der Hochzeit trat Berg eines Morgens sehr zeitig in das Arbeitszimmer des Grafen und bat mit liebenswürdigem Lächeln ehrerbietig seinen künftigen Schwiegervater, ihm doch mitzuteilen, was Komtesse Wera als Mitgift bekommen werde. Der Graf wurde über diese lang vorausgesehene Frage so verlegen, daß er ihm ohne zu überlegen, das erste beste zur Antwort gab, was ihm in den Sinn kam: »Das gefällt mir, daß du dich auch darum kümmerst, das gefällt mir, du wirst schon zufrieden sein …«