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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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13

Eines Abends, als die alte Gräfin in Nachthaube und Nachtjacke, ohne ihre falschen Locken, nur mit ihrem spärlichen eignen Haar, das unter dem weißen Kattunhäubchen hervorlugte, seufzend und stöhnend unter tiefen Verbeugungen auf dem Teppich ihr Abendgebet verrichtete, knarrte die Tür ihres Zimmers, und Natascha kam hereingelaufen, ebenfalls im Nachtgewand, mit Lockenwickeln und mit Pantoffeln an den bloßen Füßen. Die Gräfin sah sich um und runzelte die Stirn. Sie war soeben bei dem letzten Gebet angelangt: »Soll dieses Lager heut zum Totenbett für mich werden?« Aber ihre Gebetsstimmung war nun dahin.

Als Natascha, die mit gerötetem, lebhaftem Gesicht hereingelaufen war, ihre Mutter beten sah, blieb sie plötzlich stehen, kauerte sich auf der Stelle, wo sie stand, nieder und streckte unwillkürlich die Zunge heraus, als wolle sie sich selber zur Ruhe ermahnen. Als sie aber sah, daß ihre Mutter im Beten fortfuhr, schlich sie auf den Zehen ans Bett, streifte leicht die Pantoffeln ab, wobei sie mit dem einen kleinen Fuß schnell über den anderen glitt, und sprang auf jenes Lager, von dem die Gräfin gefürchtet hatte, daß es ihr Totenbett werden könne. Dieses Lager war ein hohes Federbett mit fünf immer kleiner werdenden Kissen. Natascha sprang hinein, versank in den Daunenpfühlen, kollerte sich nach der Wand hinüber und fing nun an, unter der Bettdecke Schabernacks zu treiben: bald legte sie sich lang, bald zog sie die Knie bis ans Kinn herauf, bald strampelte sie mit den Beinen, wobei sie kaum hörbar kicherte und bald den Kopf unter die Decke steckte, bald zu ihrer Mutter hinüberschielte.

Nachdem die Gräfin ihr Gebet beendet hatte, trat sie mit strenger Miene ans Bett, als sie aber sah, daß Natascha ihren Kopf unter der Decke versteckt hatte, flog ein gutmütiges, schwaches Lächeln über ihr Gesicht.

»Na, na, na!« sagte die Mutter.

»Mama, darf ich ein bißchen mit Ihnen schwatzen, ja?« fragte Natascha. »Also ein Küßchen aufs Herzgrübchen, und noch eins, und dann genug.«

Und sie umarmte die Mutter und küßte sie unters Kinn. In ihrem Benehmen gegen die Mutter legte Natascha immer eine äußerliche Derbheit an den Tag, war aber dabei so gewandt und zart, daß es der Mutter, wenn sie sie mit ihren Armen umschlang, nie weh tat noch unangenehm oder unbequem war.

»Na, was willst du mir denn heute erzählen?« fragte die Mutter, sich auf den Kissen zurechtlegend, nachdem sie gewartet hatte, bis Natascha, die sich zweimal um sicher selber herumgewälzt hatte, wieder neben ihr unter der Decke lag, die Arme herausgelegt hatte und ein ernsthaftes Gesicht machte. Diese nächtlichen Besuche Nataschas, die immer während der Zeit stattfanden, da der alte Graf im Klub war, waren für Mutter und Tochter ein Lieblingsvergnügen.

»Also, was kommt heute dran? Ich muß mit dir reden …«

Natascha hielt der Mutter die Hand vor den Mund.

»Von Boris … Ich weiß«, sagte sie ernsthaft. »Deshalb bin ich ja gekommen. Reden Sie nicht darüber, ich weiß. Doch nein, sagen Sie« – sie zog die Hand zurück – »sagen Sie, ist er nicht lieb?«

»Natascha, du bist jetzt sechzehn Jahre, wie ich so alt war wie du, war ich bereits verheiratet. Du sagst, Boris sei ein lieber Mensch. Das ist er, und ich liebe ihn wie einen eignen Sohn, aber was willst du eigentlich? Was denkst du dir dabei? Du hast ihm vollständig den Kopf verdreht, das sehe ich doch …«

Während die Gräfin das sagte, sah sie ihre Tochter an. Natascha lag da und blickte gerade und unbeweglich vor sich hin auf eine der aus Mahagoniholz geschnitzten Sphinxe, die die Ecken des Bettes zierten, so daß die Gräfin vom Gesicht ihrer Tochter nur das Profil sah. Der außerordentlich ernste und gesammelte Ausdruck dieses Gesichtes fiel der Gräfin auf.

Natascha hörte sie an und dachte nach.

»Nun, und was weiter?« fragte sie.

»Du hast ihm vollständig den Kopf verdreht, warum? Was willst du von ihm? Du weißt, daß du ihn niemals heiraten kannst.«

»Warum denn nicht?« fragte Natascha, ohne ihre Lage zu verändern.

»Weil er zu jung ist, weil er arm ist, weil er ein Verwandter ist und weil … weil du selber ihn gar nicht liebst.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß es. Das ist nicht schön von dir, mein Liebling.«

»Wenn ich nun aber will …«, sagte Natascha.

»Schwatz doch kein dummes Zeug«, entgegnete die Gräfin.

»Wenn ich nun aber will …«, sagte Natascha.

»Natascha, in allem Ernst …«

Natascha ließ sie nicht zu Ende reden, zog die große Hand der Gräfin an sich, küßte sie erst oben, dann auf die Handfläche, drehte sie dann wieder herum und küßte sie auf den Knöchel des obersten Fingergelenkes, dann auf den Raum dazwischen, dann wieder auf den nächsten Knöchel und flüsterte dabei: »Januar, Februar, März, April, Mai.

Sagen Sie, Mama, warum schweigen Sie? So reden Sie doch«, fuhr sie fort und sah die Mutter an, die sie mit zärtlichen Blicken umfaßte und bei dieser Betrachtung alles vergessen zu haben schien, was sie noch hatte sagen wollen.

»Das taugt zu nichts, mein Herzblatt. Nicht jeder wird für eure kindlichen Freundschaftsbande Verständnis haben. Wenn man ihn in so vertrautem Verkehr mit dir sieht, so schadet das dir in den Augen der anderen jungen Leute, die bei uns aus und ein gehen, und, was die Hauptsache ist, ihn selber quälst du nur ganz zwecklos damit. Vielleicht hatte er für sich schon eine reiche Partie gefunden, und nun verliert er ganz den Kopf.«

»Hat er ihn wirklich verloren?« fragte Natascha.

»Ich werde dir etwas von mir selbst erzählen. Auch ich hatte einen Vetter …«

»Ich weiß, Kyrill Matwejitsch, aber das ist doch ein alter Mann?«

»Das war er nicht immer. Aber hör mal, Natascha, ich werde mit Boris reden. Er darf nicht mehr so oft zu uns kommen …«

»Warum darf er das nicht, wenn es ihm Spaß macht?«

»Darum, weil ich weiß, daß es doch zu nichts führt …«

»Woher wissen Sie das? Nein, Mama, reden Sie nicht mit ihm. Das ist doch dummes Zeug!« sagte Natascha in einem Ton, als wolle man ihr ihr Eigentum entreißen. »Wenn wir uns auch nicht heiraten werden, so mag er doch kommen, wenn es ihm und mir Vergnügen macht.«

Natascha sah die Mutter lächelnd an.

»Ich will ihn gar nicht heiraten, nur so«, wiederholte sie.

»Wie meinst du das, mein Liebling?«

»Nun eben: nur so! Es ist ja gar nicht nötig, daß ich ihn heirate, nur so.«

»Nur so«, wiederholte die Gräfin und brach plötzlich in ein gutmütiges Gelächter aus, wie alte Frauen lachen, wobei ihr ganzer Leib erschüttert wurde.

»Hören Sie doch auf zu lachen, hören Sie doch auf!« rief Natascha. »Das ganze Bett wackelt ja. Wie schrecklich ähnlich Sie mir sind, Sie lachen ebenso gern wie ich … Aber hören Sie doch auf!« Sie ergriff die beiden Hände der Gräfin, küßte sie neben den Knöchel des kleinen Fingers: »Juni, Juli«, und küßte dann den »August« auf der anderen Hand weiter. »Mama, ist er sehr in mich verliebt? Wie kommt es Ihnen vor? Waren die jungen Leute in Sie auch so verliebt? Er ist ein sehr, sehr lieber Mensch. Nur nicht ganz nach meinem Geschmack. Er ist so eng und schmal wie eine Wanduhr … Verstehen Sie mich nicht? … Eng und schmal und, wissen Sie, hellgrau …«

»Was schwatzest du da für Unsinn zusammen!« sagte die Gräfin.

Natascha ließ sich aber nicht irremachen: »Verstehen Sie das wirklich nicht? Nikolenka würde es verstehen … Besuchow, der ist blau, dunkelblau mit rot und viereckig.«

»Richtig, mit dem kokettierst du ja auch«, sagte die Gräfin lachend.

»Nein, er ist Freimaurer, das habe ich jetzt herausgekriegt. Ein famoser Mensch, dunkelblau mit rot … Wie soll ich Ihnen das nur erklären …«

»Mein liebes Frauchen«, hörte man die Stimme des Grafen hinter der Tür. »Schläfst du schon?«

Natascha sprang aus dem Bett, raffte hastig ihre Pantoffeln mit der Hand auf und lief barfuß aus dem Zimmer.

Sie konnte lange nicht schlafen. Immer wieder mußte sie daran denken, daß niemand das alles verstand, was sie fühlte und was in ihr war.

Sonja vielleicht? dachte sie und betrachtete das schlafende, zusammengerollte Kätzchen mit dem riesigen Zopf. Nein, wie sollte sie! Die ist zu tugendsam. Liebt ihren Nikolenka und will von nichts weiter wissen. Und auch Mama versteht mich nicht. Merkwürdig, wie klug ich bin und … wie lieb sie ist, fuhr sie fort, indem sie von sich in der dritten Person sprach, und stellte sich vor, daß dies irgendein sehr kluger, ja der allerklügste und allerbeste Mann von ihr sage. Sie ist die Vollkommenheit selber, fuhr dieser Mann fort, klug, außergewöhnlich nett und dann hübsch, auffallend hübsch und gewandt: schwimmt und reitet tadellos, und dann die Stimme! Das muß man sagen, eine wunderbare Stimme!

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