Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Er erwiderte, die Ehre einer Monarchie könne nicht durch Vorrechte aufrechterhalten werden, die der Abwicklung des Dienstes schädlich seien. Die Ehre sei entweder ein verneinender Begriff, der sich in Unterlassung mißbilligenswerter Handlungen äußere, oder jene bekannte Quelle des Wetteifers zum Erlangen von Auszeichnungen und Belohnungen, die eben dann eine positive Ehre bedeuteten. Seine Beweise waren kurz, einfach und klar.
»Eine Einrichtung, die diese Ehre, diese Quelle des Wetteifers aufrechterhält, ist zum Beispiel die Légion d’honneur des großen Kaisers Napoleon, die dem Staatsdienst nicht nur nicht schadet, sondern sogar noch zu seinem Erfolg beiträgt. Mit höfischen oder irgendwelchen anderen Standesvorrechten aber ist das etwas anderes.«
»Das will ich nicht bestreiten, doch läßt sich nicht leugnen, daß die Vorrechte bei Hofe dasselbe Ziel erreicht haben«, sagte Fürst Andrej. »Jeder bei Hofe hält es für seine Pflicht, sich seines Ranges und seiner Vorrechte würdig zu zeigen.«
»Und doch haben Sie von den Ihrigen keinen Gebrauch gemacht, Fürst«, erwiderte Speranskij und zeigte durch ein Lächeln, daß er diesem für seinen Partner unangenehmen Streit durch eine Liebenswürdigkeit ein Ende machen wolle. »Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, nächsten Mittwoch zu mir zu kommen«, fügte er noch hinzu, »so werde ich, nachdem ich mit Magnizkij Rücksprache gehalten habe, Ihnen mitteilen können, was für Sie von Interesse sein wird, und außerdem wird es mir ein Vergnügen sein, mich noch eingehender mit Ihnen unterhalten zu können.«
Er schloß die Augen, verbeugte sich und verließ, bemüht, nicht bemerkt zu werden, auf französische Art, ohne sich zu verabschieden, den Saal.
6
In der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg fühlte Fürst Andrej, daß der ganze Gedankenschatz, den er während seines einsamen Landlebens in sich ausgearbeitet hatte, durch die kleinlichen Sorgen, die ihn hier in Petersburg beschäftigten, vollkommen in den Hintergrund trat.
Wenn er abends nach Hause kam, schrieb er in sein Notizbuch vier oder fünf unumgänglich notwendige Besuche oder Zusammenkünfte zu festgesetzten Stunden ein. Das Getriebe des Lebens, die genaue Einteilung des Tages, damit er auch überall zur rechten Zeit hinkam, nahm einen großen Teil seiner eigentlichen Lebensenergie in Anspruch. Er tat nichts, dachte an nichts, hatte auch gar nicht die Zeit zu denken, sondern sprach nur, sprach mit Erfolg über das, worüber er erst so lange Zeit auf dem Lande nachgedacht hatte.
Mit Mißvergnügen bemerkte er bisweilen, daß er an ein und demselben Tag in verschiedenen Gesellschaften ein und dasselbe wiederholte. Aber er war ganze Tage so beschäftigt, daß er gar nicht einmal die Zeit hatte, daran zu denken, daß er eigentlich an nichts dachte.
Wie bei dem ersten Zusammentreffen bei Kotschubej, so machte Speranskij dann auch am Mittwoch in seinem Hause, wo er Bolkonskij allein empfing und sich lange und vertraulich mit ihm unterhielt, großen Eindruck auf den Fürsten Andrej.
Fürst Andrej hielt eine so große Menge Menschen für verachtungswürdige, unbedeutende Kreaturen und wünschte so sehr, in einem anderen das leibhafte Ideal jener Vollkommenheit zu finden, nach der er selber strebte, daß er nur zu gern glaubte, in Speranskij dieses Ideal eines durch und durch klugen, tugendhaften Menschen gefunden zu haben. Wäre Speranskij aus denselben Gesellschaftskreisen gewesen, denen Fürst Andrej entstammte, hätte er dieselbe Erziehung, dieselben moralischen Gewohnheiten gehabt, so hätte Bolkonskij wohl bald schwache menschliche, wenig heldenhafte Seiten an ihm herausgefunden; so aber flößte ihm dieser Reichtum an logischem Verstand um so mehr Achtung ein, weil er ihn nicht ganz begriff. Dazu kam noch, daß Speranskij, vielleicht weil er die Fähigkeiten Bolkonskijs zu schätzen wußte, oder nur deshalb, weil er es für nötig hielt, ihn für sich zu gewinnen, dem Fürsten Andrej gegenüber mit seinem unparteiischen, ruhigen Verstand kokettierte und ihn mit jener feinen, mit Selbstbewußtsein gepaarten Schmeichelei umwarb, die den anderen stillschweigend als den einzigen Menschen neben sich anerkennt, der fähig ist, die ganze Beschränktheit aller übrigen und die ganze Folgerichtigkeit und Tiefe der eignen Gedanken zu begreifen.
Während ihres langen Gespräches am Mittwoch abend sagte Speranskij mehr als einmaclass="underline" »Bei uns sieht man auf alles, was über das Gleichmaß alteingewurzelter Gewohnheiten hinausgeht …« oder mit einem Lächeln: »Wir aber wollen, daß sowohl die Wölfe satt werden, als auch die Schafe unversehrt bleiben …« oder: »Das können die freilich nicht begreifen …« und immer mit einem Ausdruck, der besagte: Wir, das sind Sie und ich, wir wissen, was wir von denen zu halten haben, und wer wir sind.
Diese erste lange Unterhaltung mit Speranskij bestärkte in dem Fürsten jenes Gefühl, das er bereits empfunden hatte, als er ihn zum erstenmal gesehen hatte. Er sah in ihm einen klugen, streng denkenden Menschen von gewaltigem Verstand, der sich durch Energie und Hartnäckigkeit Macht errungen hatte und diese ausschließlich zum Heile Rußlands benutzte. Speranskij war in Fürst Andrejs Augen ein Mensch, der sich alle Lebenserscheinungen durch den Verstand zu erklären vermochte, der nur das als bedeutsam anerkannte, was wirklich vernünftig schien, der alles mit dem Maßstab der Vernunft zu messen imstande war, kurz, eben solch ein Mensch, wie er selber gern zu sein wünschte. Alles erschien durch Speranskijs Auslegung so einfach und klar, daß Fürst Andrej ihm unwillkürlich in allem beistimmen mußte. Wenn er Einwände erhob und dagegen stritt, so tat er das nur aus dem Grund, weil er absichtlich selbständig bleiben und sich nicht in allem Speranskijs Meinung unterwerfen wollte. Alles war gut und schön an ihm, nur eines störte den Fürsten Andrej: das war Speranskijs kalter Spiegelblick, der kein Eindringen in sein Inneres zuließ, und seine weiße, zarte Hand, die Fürst Andrej unwillkürlich immer wieder betrachtete, wie man die Hände von Machthabern zu betrachten pflegt. Dieser Spiegelblick und diese zarte Hand ärgerten Fürst Andrej aus irgendeinem Grund. Einen unangenehmen Eindruck machte auf ihn ferner noch die allzu große Verachtung anderer Leute, die er an Speranskij wahrnahm, sowie die mannigfaltigen Kunstgriffe bei der Beweisführung, deren er sich zur Bestätigung seiner Ansichten bediente. Er gebrauchte alle nur möglichen Geisteswaffen, mit Ausnahme des Vergleiches, und ging, wie es Bolkonskij wenigstens schien, bisweilen allzu kühn von der einen zur anderen über. Bald stellte er sich auf den Standpunkt eines Mannes der Tat und verurteilte alle Träumer, bald kehrte er den Satiriker heraus und machte sich mit scharfer Ironie über seine Gegner lustig, bald zeigte er sich als streng logischer Denker, bald stieg er zu den Höhen der Metaphysik empor. Diese letzte Waffe wandte er bei seiner Beweisführung ganz besonders oft an. Er hob dann die Streitfrage bis zu den Höhen der Metaphysik hinauf, ging auf die Begriffsbestimmung von Raum, Zeit und Gedanken ein, und wenn er sich dort genügend mit Gegengründen gewappnet hatte, ließ er sich wieder auf den Boden des umstrittenen Punktes herab.
Vor allem fiel dem Fürsten Andrej der Hauptzug in Speranskijs Geist auf: das war sein zweifelsfreier, unerschütterlicher Glaube an die Kraft und Gesetzmäßigkeit des Verstandes. Es war klar, daß jener für Bolkonskij alltägliche Gedanke, daß man unmöglich alles in Worte fassen könne, was man denke, einem Speranskij nie in den Sinn gekommen wäre, und daß diesen niemals der Zweifel befallen würde, ob nicht all das, was er denke und glaube, Unsinn sei. Und gerade diese Geschlossenheit des Geistes bei Speranskij war es, die den Fürsten Andrej mehr als alles andere anzog.
In der ersten Zeit seiner Bekanntschaft mit Speranskij empfand Fürst Andrej ein leidenschaftliches Gefühl der Begeisterung für ihn, ähnlich dem, das er einstmals für Bonaparte empfunden hatte. Der Umstand, daß Speranskij ein Priestersohn war, was dummen Leuten tatsächlich Anlaß gab, ihn als Kirchner- und Popensohn zu verachten, veranlaßte den Fürsten Andrej, ganz besonders behutsam mit seinen Gefühlen für Speranskij umzugehen und sie dadurch in sich selber unbewußt noch zu festigen.