Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ein mit kühnen schwarzen Linien adressierter Brief fiel auf Jennys Häuflein, gefolgt von einer Note, die eine von Jocastas Töchtern geschrieben hatte. Dann noch einer an Ian aus Edinburgh, einer an Jamie von Jared – ich erkannte die krakelige, halb lesbare Handschrift – und noch einer auf dickem, weichem Papier, das mit dem königlichen Wappen des Hauses Stuart versiegelt war. Vermutlich jammerte Charles wieder über die Entbehrungen des Lebens in Paris und die Schmerzen der nicht immer erwiderten Liebe. Immerhin sah der Brief kurz aus; normalerweise ließ er sich über mehrere Seiten aus und erleichterte seine Seele gegenüber »cher James« in einem Mischmasch aus vier Sprachen, der so voller Schreibfehler steckte, dass zumindest klar war, dass er für seine persönlichen Briefe nicht die Hilfe eines Sekretärs in Anspruch nahm.
»Ooh, drei französische Romane und ein Gedichtband aus Paris!«, sagte Jenny aufgeregt, als sie das Päckchen öffnete. »C’est un embarass de richesse, hm? Welches sollen wir heute Abend lesen?« Sie hob den kleinen Bücherstapel aus dem Packpapier, und ihr Zeigefinger bebte vor Entzücken, als sie damit über den Ledereinband des oberen Buches fuhr. Jenny liebte Bücher mit derselben Leidenschaft, die ihr Bruder für Pferde übrighatte. Das Gutshaus besaß sogar eine kleine Bibliothek, und wenn die freie Zeit zwischen Arbeit und Bett auch kurz war, so schloss sie doch normalerweise zumindest ein paar Minuten zum Lesen ein.
»Dann hat man bei der Arbeit etwas zum Nachdenken«, hatte Jenny erklärt, als ich sie eines Abends vor Erschöpfung schwanken sah und sie gedrängt hatte, doch zu Bett zu gehen, statt aufzubleiben, um Ian, Jamie und mir etwas vorzulesen. Sie hatte gegähnt, die Faust vor dem Mund. »Selbst wenn ich so müde bin, dass ich die Worte auf der Seite kaum sehen kann, fallen sie mir am nächsten Tag beim Spinnen oder Walken wieder ein, und ich kann sie mir durch den Kopf gehen lassen.«
Insgeheim lächelte ich, als sie das Wollewalken erwähnte. Ich war mir sicher, dass Lallybroch die einzige Highlandfarm war, auf der die Frauen nicht nur zu den traditionellen Gesängen walkten, sondern auch zu den Rhythmen von Molière und Piron.
Ich musste plötzlich an den Schuppen denken, in dem sich die Frauen zum Walken in zwei Reihen gegenübersaßen, und sich mit nackten Armen in ihren ältesten Kleidern an die Wände stützten, während sie mit den Füßen gegen den langen, nassen Wurm aus Wollstoff traten und ihn zu dem festen, verfilzten Gewebe zurechtklatschten, das den Highlandnebel und sogar leichten Regen abwies und den Träger vor der Kälte schützte.
Hin und wieder erhob sich eine Frau und ging ins Freie, um den Kessel mit dampfendem Urin vom Feuer zu holen. Mit hochgerafften Röcken watschelte sie dann breitbeinig durch die Mitte des Schuppens und tränkte das Tuch zwischen ihren Beinen, und die heißen Dämpfe stiegen frisch und erstickend von der nassen Wolle auf, während die Walkerinnen ihre Füße einzogen, um keine Spitzer abzubekommen, und dabei obszöne Witze machten.
»Heiße Pisse fixiert die Farbe schneller«, hatte mir eine der Frauen erklärt, als ich den Schuppen das erste Mal betreten und meine tränenden Augen zusammengekniffen hatte. Zunächst hatten mich die anderen Frauen beobachtet, um zu sehen, ob ich vor der Arbeit zurückschrecken würde, doch nach dem, was ich in Frankreich erlebt und getan hatte, sowohl 1944 im Krieg als auch 1744 im Krankenhaus, konnte mich das Walken kaum schockieren. Die grundlegenden Wahrheiten des Lebens unterscheiden sich zu allen Zeiten kaum. Und von dem Geruch einmal abgesehen, war der Walkschuppen ein warmer, gemütlicher Ort, an dem die Frauen von Lallybroch einander besuchten und zwischen den Tuchballen miteinander scherzten und bei der Arbeit gemeinsam sangen, während sich ihre Hände rhythmisch über einen Tisch bewegten oder ihre nackten Füße tief in den dampfenden Stoff senkten, während wir auf dem Boden saßen und gegen eine Partnerin drückten, die den Druck erwiderte.
Das Geräusch polternder Schritte im Flur riss mich aus meinen Erinnerungen an das Walken, gefolgt von einem kalten, regennassen Lufthauch, als sich die Tür öffnete. Jamie und Ian unterhielten sich auf Gälisch in jener vertrauten, gelassenen Art, die bedeutete, dass sie über den Hof diskutierten.
»Das Feld muss nächstes Jahr entwässert werden«, sagte Jamie, als er an der Tür vorbeikam. Jenny hatte bei ihrem Anblick die Post niedergelegt und war zu der Truhe im Flur gegangen, um frische Leinenhandtücher zu holen.
»Trocknet euch ab, ehe ihr hereinkommt und auf den Teppich tropft«, ordnete sie an und reichte jedem von ihnen ein Tuch. »Und zieht euch die schmutzigen Schuhe aus. Die Post ist da, Ian – du hast einen Brief von dem Mann in Perth, dem du wegen der Saatkartoffeln geschrieben hast.«
»Oh, aye? Dann komme ich und lese ihn, aber gibt es dazu vielleicht etwas zu essen?«, fragte Ian und rubbelte sich mit dem Handtuch über den nassen Kopf, bis sein dichtes braunes Haar in Stacheln abstand. »Ich bin ausgehungert, und ich kann Jamies Magen bis hier knurren hören.«
Jamie schüttelte sich wie ein nasser Hund, und seine Schwester kreischte auf, als die kalten Tropfen durch den Flur flogen. Das Hemd klebte ihm an den Schultern fest, und lose Haarsträhnen hingen ihm vom Regen wie rostiges Eisen gefärbt in die Augen.
Ich legte ihm ein Handtuch um den Nacken. »Trockne dich fertig ab, ich hole dir etwas.«
Ich stand in der Küche, als ich seinen Aufschrei hörte. Ein solches Geräusch hatte ich noch nie von ihm gehört. Erschrecken und Grauen lagen darin, und noch etwas – ein Unterton der Endgültigkeit wie im Schrei eines Menschen, der sich vom Maul eines Tigers gepackt sieht. Ohne jeden bewussten Gedanken war ich schon halb durch den Flur und rannte auf die Stube zu, das Tablett mit Haferkeksen noch in der Hand.
Als ich durch die Tür stürmte, sah ich ihn neben dem Tisch stehen, auf dem Jenny die Post abgelegt hatte. Sein Gesicht war leichenblass, und er wankte sacht auf der Stelle wie ein durchgesägter Baum, der darauf wartet, dass jemand »Baum fällt« ruft, ehe er stürzt.
»Was?«, sagte ich, zu Tode erschrocken über seine Miene. »Jamie, was? Was ist denn?!«
Mit sichtbarer Mühe ergriff er einen der Briefe auf dem Tisch und reichte ihn mir.
Ich stellte die Haferkekse hin, nahm das Blatt Papier und überflog es hastig. Es war von Jared; sein dünnes Gekrakel war nicht zu verwechseln. »›Mein lieber Neffe‹«, las ich stumm, »›… freue mich so … kann meine Bewunderung gar nicht in Worte fassen … deine Kühnheit und dein Mut werden andere inspirieren … kann nicht misslingen … meine Gebete werden dich begleiten …‹« Verwirrt hob ich den Blick von dem Blatt Papier. »Wovon in aller Welt redet er? Was hast du getan, Jamie?«
Die Haut spannte sich fest über die Knochen in seinem Gesicht, und er grinste trostlos wie ein Totenschädel, als er ein weiteres Stück Papier aufhob, diesmal ein billiges gedrucktes Flugblatt.
»Es ist nicht das, was ich getan habe, Sassenach«, sagte er. Am Kopf des Flugblatts prangte das Wappen des Königlichen Hauses Stuart. Die Botschaft darunter war kurz und in staatstragender Ausdrucksweise verfasst.
Sie verkündete, dass auf Weisung des Allmächtigen Gottes König James VIII. von Schottland und III. von England hiermit sein Recht auf den Thron dreier Königreiche geltend machte. Und dass er wohlwollend anerkannte, dass ihm die Oberhäupter der Highlandclans und die jakobitischen Fürsten bei der Durchsetzung dieser gottgegebenen Rechte zur Seite standen, dazu »diverse andere loyale Untertanen Seiner Majestät, König James’, welche zum Zeichen ihrer Unterstützung diese Erklärung unterzeichnet haben«.
Meine Finger wurden eisig, als ich das las, und mich überkam ein derart akutes Grauen, dass es mich große Mühe kostete weiterzuatmen. In meinen Ohren toste das Blut, und dunkle Flecken tanzten mir vor den Augen.