Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Warum?«, sagte ich entgeistert. Ich konnte ja spüren, dass zwischen Jamie und Ian eine ungewohnte Anspannung herrschte, obwohl diese eigentlich nicht wie Feindseligkeit wirkte. Ich konnte mir nicht vorstellen, was Jamie dazu gebracht haben könnte, Ian zu schlagen; sein Schwager stand ihm fast genauso nah wie seine Schwester Jenny.
Jamie hatte jetzt die Augen geöffnet, doch er sah mich nicht an. Er rieb sich nervös die Fingerknöchel und richtete den Blick darauf. Abgesehen von der leichten Schwellung seiner Knöchel trug Jamie keine Spuren der Auseinandersetzung; anscheinend hatte sich Ian nicht gewehrt.
»Nun, Ian ist zu lange verheiratet«, sagte er defensiv.
»Ich würde ja sagen, du bist zu lange in der Sonne gewesen«, stellte ich fest und starrte ihn an, »nur, dass sie gar nicht scheint. Hast du Fieber?«
»Nein«, sagte er und wich meinen Versuchen aus, ihm die Hand auf die Stirn zu legen. »Nein, es ist nur – hör auf damit, Sassenach, mir fehlt nichts.« Er presste die Lippen aufeinander, dann resignierte er und erzählte mir die ganze Geschichte.
Ian hatte sich tatsächlich das Holzbein gebrochen, indem er kurz hinter Broch Mordha in ein Maulwurfsloch getreten war.
»Es war schon fast Abend – wir hatten im Dorf viel zu tun gehabt –, und es hat geschneit. Und ich konnte sehen, dass Ian große Schmerzen hatte, obwohl er darauf bestanden hat, er könnte reiten. Nun ja, es waren zwei oder drei Katen in der Nähe, also habe ich ihm auf eins der Ponys geholfen und ihn den Hügel hinaufbugsiert, um dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fragen.«
Mit der Gastfreundschaft, die für die Highlands typisch war, hatte man ihnen gern sowohl eine Unterkunft als auch Abendessen angeboten, und nach einer warmen Suppe und frischen Haferkeksen hatte man die Besucher auf einem Strohlager am Feuer untergebracht.
»Es war kaum genug Platz, um eine Decke auszubreiten, und es war ziemlich eng, aber wir haben uns nebeneinandergelegt und es uns so bequem gemacht wie möglich.« Er holte tief Luft und sah mich ein wenig schüchtern an.
»Nun, ich war erschöpft von dem langen Tag, und ich habe tief und fest geschlafen. Ich vermute, Ian ging es nicht anders. Aber er schläft seit fünf Jahren jede Nacht neben Jenny, und ich nehme an, da ein warmer Körper neben ihm im Bett lag … nun ja, irgendwann im Lauf der Nacht hat er sich mir zugedreht, den Arm um mich gelegt und meinen Nacken geküsst. Und ich …« Er zögerte, und ich konnte selbst im gräulichen Licht des vom Schnee erhellten Zimmers sehen, wie ihm die tiefe Röte ins Gesicht stieg. »Ich bin aus dem Tiefschlaf erwacht und habe gedacht, er wäre Jack Randall.«
Ich hatte die Luft angehalten, während er erzählte; jetzt atmete ich langsam aus.
»Das muss ja ein furchtbarer Schock gewesen sein«, sagte ich.
Jamies Mundwinkel zuckte. »Es war ein furchtbarer Schock für Ian, das kann ich dir sagen«, sagte er. »Ich habe mich umgedreht und ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen, und als ich ganz zu mir gekommen bin, lag ich auf ihm und habe ihn so gewürgt, dass ihm schon die Zunge aus dem Mund hing. Für die Murrays in ihrem Bett war es auch ein Schock«, erinnerte er sich. »Ich habe ihnen gesagt, ich hätte einen Alptraum gehabt – was ja den Tatsachen entsprach –, aber es gab ein fürchterliches Durcheinander, weil die Kinder gekreischt haben und Ian hustend in der Ecke hockte und Mrs. Murray kerzengerade im Bett saß und ›Hu, hu?‹ gesagt hat wie eine fette kleine Eule.«
Bei dieser Vorstellung musste ich unwillkürlich lachen.
»O Gott, Jamie. Ist Ian etwas passiert?«
Jamie zuckte leicht mit den Schultern. »Nun, du hast ihn ja gesehen. Nach einer Weile sind alle wieder eingeschlafen, und ich habe den Rest der Nacht vor dem Feuer gelegen und die Deckenbalken angestarrt.« Er wehrte sich nicht, als ich seine linke Hand ergriff und ihm sanft die verletzten Knöchel streichelte. Seine Finger schlossen sich über den meinen und hielten sie fest.
»Als wir am nächsten Morgen aufgebrochen sind«, fuhr er fort, »habe ich also gewartet, bis wir an eine Stelle kamen, wo man sitzen und über das Tal hinwegschauen kann. Und dann …« Er schluckte, und seine Hand schloss sich fester um die meine. »Dann habe ich es ihm erzählt. Randall. Und alles, was geschehen ist.«
Allmählich verstand ich den zweideutigen Blick, den Ian Jamie zugeworfen hatte. Und ich verstand auch die Erschöpfung in Jamies Gesicht und die Ringe unter seinen Augen. Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, drückte ich ihm einfach nur die Hände.
»Ich hatte nicht gedacht, dass ich es jemals jemandem erzählen würde – außer dir«, fügte er hinzu und erwiderte den Händedruck. Er lächelte flüchtig, dann entzog er mir eine Hand, um sich das Gesicht zu reiben.
»Aber Ian … nun, er ist …« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Er kennt mich, verstehst du?«
»Ich glaube schon. Du kennst ihn schon ein Leben lang, nicht wahr?«
Er nickte und schaute blicklos zum Fenster hinaus. Der wirbelnde Schneefall hatte wieder eingesetzt, und kleine Flocken tanzten gegen die Scheibe, weißer als der Himmel.
»Er ist nur ein Jahr älter als ich. Als ich aufgewachsen bin, war er immer da. Bis ich vierzehn wurde, hat es keinen Tag gegeben, an dem ich Ian nicht gesehen habe. Und auch später, als ich als Ziehsohn bei Dougal war und in Leoch und noch später in Paris an der Universität – wenn ich nach Hause kam, bin ich um eine Ecke gebogen, und da war er dann, und es war immer, als wäre ich nie fort gewesen. Er hat einfach gelächelt, wenn er mich sah, wie er es immer tat, und dann sind wir zusammen los, über die Felder und Bäche, und haben uns über alles unterhalten.« Er seufzte tief und rieb sich mit der Hand durch das Haar.
»Ian … er ist der Teil von mir, der hierhergehört, der nie fort war«, rang er um eine Erklärung. »Ich hatte das Gefühl … ich müsste es ihm sagen; ich wollte mich nicht … getrennt fühlen. Von Ian. Von hier.« Er wies zum Fenster, dann wandte er sich mir zu, und seine Augen waren dunkel im gedämpften Licht. »Verstehst du, warum?«
»Ich glaube schon«, sagte ich erneut. »Und Ian?«
Er machte diese kleine, unbehagliche, schulterzuckende Bewegung, als rückte er ein Hemd zurecht, das ihm im Rücken zu eng war. »Nun, schwer zu sagen. Als ich anfing zu erzählen, hat er nur unablässig den Kopf geschüttelt, als könnte er mir nicht glauben, und als er mir dann geglaubt hat …« Er hielt inne und leckte sich die Lippen, und ich begann zu ahnen, was ihn diese Beichte im Schnee gekostet hatte. »Ich konnte sehen, dass er am liebsten aufgesprungen und hin und her gestampft wäre, aber das konnte er nicht, wegen seines Beins. Er hatte die Fäuste geballt, und sein Gesicht war weiß, und er hat immer wieder gesagt: ›Wie nur? Verdammt, Jamie, wie konntest du das zulassen?‹«
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Oder was er gesagt hat. Wir haben uns gegenseitig angeschrien, das weiß ich noch. Und ich hätte am liebsten auf ihn eingeschlagen, aber ich konnte es nicht, wegen seines Beins. Und er hätte am liebsten auf mich eingeschlagen, aber er konnte es nicht – wegen seines Beins.« Er lachte auf. »Himmel, wir müssen wirklich wie zwei Trottel ausgesehen haben, als wir da mit den Armen gefuchtelt und uns angebrüllt haben. Aber ich habe länger gebrüllt, und schließlich hat er den Mund gehalten und es sich zu Ende angehört. Und dann konnte ich plötzlich nicht weiterreden; es schien alles so sinnlos zu sein. Und ich habe mich auf einen Stein gesetzt und den Kopf in die Hände gelegt. Nach einer Weile hat Ian dann gesagt, wir sollten besser los. Und ich habe genickt und bin aufgestanden und habe ihm auf das Pferd geholfen, und wir haben uns wieder in Bewegung gesetzt, ohne miteinander zu sprechen.«