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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Gute Nacht, Claire«, rief sie und war schon unterwegs, um mütterliche Barmherzigkeit walten zu lassen. »Schlaf gut.«

Eigentlich schlief ich immer gut; auch wenn es draußen feucht und kalt war, war das Haus ja solide gebaut, und das Gänsefederbett war reichlich mit Decken ausgestattet. Doch heute Abend fand ich ohne Jamie keine Ruhe. Das Bett erschien mir riesig und klamm, meine Beine zuckten, und meine Füße waren kalt.

Ich versuchte es auf dem Rücken, die Hände leicht über dem Brustkorb verschränkt, die Augen geschlossen, und atmete tief, während ich versuchte, mir Jamie vorzustellen; vielleicht würde ich ja einschlafen, wenn es mir gelang, mir auszumalen, wie er hier neben mir im Dunklen tief atmete.

Das Geräusch eines Hahns, der aus voller Kehle krähte, riss mich von meinem Kissen hoch, als sei neben dem Bett eine Dynamitstange explodiert.

»Idiot!«, sagte ich, und jeder Nerv meines Körpers bebte vor Schreck. Ich stand auf und öffnete den Fensterladen einen Spaltbreit. Es hatte aufgehört zu schneien, doch der Himmel war immer noch von Wolken überzogen und von einem Horizont zum anderen blass gefärbt. Unten im Hühnerstall trötete der Hahn erneut drauflos.

»Halt die Klappe!«, sagte ich. »Es ist mitten in der Nacht, du gefiedertes Mistvieh!« Der Vogel strafte mich mit Verachtung, und ein Stück weiter im Flur begann ein Kind zu weinen, gefolgt von einem herzhaften, aber leisen gälischen Kraftausdruck in Jennys Ton.

»Du«, sagte ich zu dem unsichtbaren Hahn, »kannst Gift darauf nehmen, dass deine Stunden gezählt sind.« Darauf kam keine Antwort, und nachdem ich kurz gewartet hatte, um sicherzugehen, dass der Hahn tatsächlich Feierabend gemacht hatte, schloss ich die Läden wieder und tat es ihm gleich.

Die Unterbrechung hatte jeden zusammenhängenden Gedankengang nachhaltig gestört. Statt einen neuen zu beginnen, beschloss ich, es mit innerer Einkehr zu versuchen, in der Hoffnung, dass mich eine körperliche Meditation so entspannen würde, dass ich einschlief.

Es funktionierte. Ich befand mich am Rand des Schlafes, und meine Gedanken konzentrierten sich auf die Gegend um meine Bauchspeicheldrüse, als ich dumpf hörte, wie der kleine Jamie durch den Flur zum Schlafzimmer seiner Mutter tapste – wenn ihn eine volle Blase weckte, besaß er nur selten die Geistesgegenwart, den naheliegenden Schritt zu tun, und holperte stattdessen hilfesuchend aus dem Kinderzimmer die Treppe hinunter.

Als wir nach Lallybroch kamen, hatte ich mich gefragt, ob es mir wohl schwerfallen würde, es in Jennys Nähe auszuhalten; ob ich sie um ihre unkomplizierte Fruchtbarkeit beneiden würde. Und vielleicht hätte ich das getan, wenn ich nicht gesehen hätte, dass die Mutterschaft im Überfluss auch ihren Preis hatte.

»Du hast doch einen Nachttopf neben deinem Bettchen stehen, Dummkopf«, erklang Jennys ermüdete Stimme draußen vor der Tür, als sie den kleinen Jamie zurück zu seinem Bettchen schob. »Du musst auf dem Weg aus dem Zimmer hineingetreten sein; warum geht es dir nicht in den Kopf, ihn zu benutzen? Warum musst du jede verflixte Nacht kommen und meinen benutzen?« Ihre Stimme wurde leiser, als sie die Treppe betrat, und ich lächelte, während sich mein inneres Auge auf die langgezogenen Windungen meiner Eingeweide senkte.

Es gab noch einen Grund, warum ich nicht neidisch auf Jenny war. Anfangs hatte ich befürchtet, dass ich durch Faiths Geburt innere Verletzungen davongetragen hatte, doch diese Angst war mit Raymonds Berührung verschwunden. Als ich jetzt die Inventur meines Körpers beendete und spürte, wie sich mein Rückgrat am Rand des Schlafs entspannte, konnte ich fühlen, dass alles da war. Es war einmal geschehen, es konnte wieder geschehen. Alles, was ich brauchte, war Zeit. Und Jamie.

Jennys Schritte erschollen auf den Dielen im Flur und wurden schneller, als Maggie am Ende des Hauses verschlafen quäkte.

»Kindersegen bringt auch Sorgen«, murmelte ich und schlief ein.

Wir warteten den ganzen nächsten Tag und lauschten mit einem Ohr auf Hufschläge im Hof, während wir unsere alltäglichen Aufgaben erledigten.

»Sicher hatten sie noch zu tun«, sagte Jenny nach außen hin zuversichtlich. Aber ich sah, dass sie jedes Mal stehen blieb, wenn sie an dem Fenster vorüberkam, das den Weg zum Haus überblickte.

Was mich betraf, so konnte ich meine Fantasie kaum im Zaum halten. Der von König George unterzeichnete Brief, der Jamies Begnadigung bestätigte, lag in einer abgeschlossenen Schublade im Schreibtisch des Studierzimmers. Jamie betrachtete ihn als Erniedrigung und hätte ihn am liebsten verbrannt, doch ich hatte darauf bestanden, dass er ihn vorsichtshalber aufbewahrte. Jetzt, da ich im Rauschen des Winterwindes auf Geräusche lauschte, kamen mir Visionen, dass das Ganze ein Irrtum oder ein Scherz gewesen war – dass Jamie erneut von rotberockten Dragonern verhaftet und in das Elend eines Gefängnisses verschleppt wurde, wo ihm die Henkersschlinge drohte.

Schließlich kehrten die Männer kurz vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Ihre Pferde waren mit Säcken voller Salz, Nadeln, Einlegegewürzen und anderen Kleinigkeiten beladen, die Lallybroch nicht selbst herstellen konnte.

Ich hörte eins der Pferde wiehern, als sie den Hof betraten, und rannte nach unten, wo ich Jenny in der Küche auf dem Weg Richtung Hintertür begegnete.

Erleichterung durchströmte mich, als ich Jamies hochgewachsene Gestalt als Schatten vor der Scheune sah. Ich rannte über den Hof, ohne die dünne Schneedecke zu beachten, die immer noch auf dem Boden lag, und warf mich in seine Arme.

»Wo zum Teufel seid ihr gewesen?«, wollte ich wissen.

Er nahm sich die Zeit, mich zu küssen, ehe er antwortete. Sein Gesicht legte sich kalt an das meine, und seine Lippen schmeckten schwach und angenehm nach Whisky.

»Mm, Wurst zum Abendessen?«, sagte er beifällig und schnupperte an meinem Haar, das nach Küchenrauch roch. »Gut, ich bin ausgehungert.«

»Ciel et terre«, sagte ich. »Wo seid ihr gewesen?«

Er lachte und schüttelte sein Plaid, um es von verirrtem Schnee zu befreien. »Himmel und Erde? Das ist doch etwas zu essen, oder?«

»Kartoffelbrei mit Äpfeln«, übersetzte ich. »Dazu Bratwurst. Ein Traditionsgericht vom Kontinent, das in den gottverlassenen Winkeln Schottlands bislang unbekannt war. Also, du verflixter Schotte, wo zum Teufel bist du die letzten beiden Tage gewesen? Jenny und ich haben uns Sorgen gemacht.«

»Nun, wir hatten einen kleinen Unfall …«, begann Jamie, doch dann erspähte er Fergus, der mit einer Laterne kam. »Och, hast du uns Licht gebracht, Fergus? Guter Junge. Stell es hierhin, damit das Stroh kein Feuer fängt, und dann bring dieses arme Tier in den Stall. Wenn du es versorgt hast, kannst du essen kommen. Du kannst doch wieder sitzen, oder?« Er zielte freundschaftlich mit der Hand nach Fergus’ Ohr; anscheinend waren die gestrigen Vorgänge in der Scheune schon so gut wie vergessen.

»Jamie«, sagte ich in gemessenem Ton. »Wenn du nicht sofort aufhörst, von Pferden und von Wurst zu reden, und mir erzählst, was ihr für einen Unfall hattet, trete ich dir vor das Schienbein. Was meinen Zehen nicht guttun wird, weil ich nur Pantoffeln trage, aber ich warne dich, ich tue es trotzdem.«

»Das ist eine Drohung, oder?«, sagte er lachend. »Es war nichts Ernstes, Sassenach, nur dass …«

»Ian!« Jenny, die kurz durch Maggie aufgehalten worden war, kam gerade in dem Moment dazu, als ihr Mann in den Lichtkegel der Laterne trat. Ihre Stimme klang so erschrocken, dass ich mich umdrehte und sah, wie sie auf Ian zuschoss und sein Gesicht berührte.

»Was ist denn mit dir passiert, Mann?«, sagte sie. Wie auch immer der Unfall ausgesehen hatte, es war eindeutig, dass Ian der Hauptbetroffene war. Eins seiner Augen war schwarz und halb zugeschwollen, und er hatte einen langen blutigen Kratzer auf der Wange.

»Mir fehlt nichts, a nighean«, sagte er und tätschelte Jenny sacht, während sie ihn umarmte und dabei Maggie fast zerdrückte. »Nur hier und da ein paar blaue Flecken.«

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