Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Erklären Sie mir das«, sagte er.
Thomas schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, das ist nicht so einfach«, sagte er. »Nicht, bevor Sie meine Frage beantwortet haben. Es ist ... nicht so einfach zu erklären.«
»Versuchen Sie es«, sagte Strelowsky. »Ich habe Zeit.« Als Thomas ihn fragend ansah, fügte er mit einem dünnen Anwaltslächeln hinzu: »Sie haben es selbst gesagt: Mein Leben könnte davon abhängen. Also sollte ich mir die Zeit nehmen.« Seine Gedanken arbeiteten jetzt wieder ganz mit der gewohnten, fast mathematischen Präzision. Er wußte immer noch nicht genau, was hier gespielt wurde, aber er hätte schon blind und taub sein müssen, um nicht zu wissen, was Rosen zugestoßen war. Die Zeitungen waren voll davon. Bei achtzig Prozent der Gespräche, die er heute geführt hatte, war es um Rosen gegangen. Und achtzig Prozent der Besucher, die heute in seine Kanzlei gekommen waren, waren Journalisten gewesen, die versucht hatten, sich ein Interview zu erschleichen; oder wenigstens etwas, das sie ein bißchen verdrehen und am nächsten Tag ohne sein Einverständnis als Statement verkaufen konnten.
»Etwas hat Rosen getötet«, sagte Thomas ernst. »Und nicht nur ihn. Und ich fürchte, wenn Sie wissen, daß er schuldig war, dann sind auch Sie in Gefahr. Deshalb ist es wichtig, daß Sie sich diese Frage ehrlich beantworten.«
»Es spielt keine Rolle, was ich...«, begann Strelowsky. Erst, als er den Satz schon halb zu Ende gesprochen hatte, stockte er, trat einen halben Schritt zurück und fragte: »Verzeihung ... sagten Sie: Etwas?«
»Sie wußten es, nicht wahr?« beharrte Thomas. Er sah jetzt beinahe traurig aus. »Aber es war Ihnen gleich. Warum? Ging es Ihnen um das Geld? Oder um den Ruhm?«
Geld? Fast hätte Strelowsky gelacht. Rosen hatte in seinem ganzen Leben nicht einmal genug auf einmal besessen, um den Anzug zu bezahlen, den er im Augenblick trug. Auf die Hälfte der Rechnung wartete er heute noch.
»Das ist mir zu dumm«, sagte er kalt. »Ich gehe jetzt.«
»Beantworten Sie meine Frage«, sagte Thomas stur. »Wie standen Sie zu Rosen?«
»Das geht Sie nicht das geringste an, glaube ich«, antwortete Strelowsky. Er griff in die Tasche und schaltete das Aufnahmegerät ab, und gleichzeitig hörte er sich fast zu seiner eigenen Überraschung fortfahren: »Aber wenn Sie es wirklich wissen wollen, Vater: Meiner Meinung nach hat dieses kranke Schwein genau das bekommen, was es verdient. Von mir aus kann er in der Hölle braten. Wahrscheinlich werden Sie das nicht verstehen, aber so funktioniert unser Rechtssystem nun einmaclass="underline" Jeder hat das Recht auf einen Verteidiger, ganz egal, ob er nun ein Heiliger oder ein Monster ist. Und wenn dieser Verteidiger besser ist als der Ankläger...« Er zuckte mit den Schultern. »Rosen war nicht der erste Verbrecher, den ich verteidigt habe. Und er wird auch nicht der letzte bleiben. Wenn Ihnen das System nicht gefällt, wählen Sie eine andere Partei. Aber Sie werden kein besseres finden.«
»Darum geht es nicht«, sagte Thomas.
Natürlich ging es nicht darum. Strelowsky wußte genau, was Thomas meinte. Natürlich hatte er gewußt, daß Rosen log. Er hatte es vermutet, als er seine Akten las, und er hatte es gewußt, als er ihm das erste Mal gegenübersaß. Strelowsky erkannte einen Verbrecher, wenn er ihm in die Augen blickte. Jeder wirklich gute Anwalt verfügte über diese Fähigkeit; ebenso wie über die, dieses Wissen zu ignorieren. Ohne die eine konnte man in diesem Beruf nicht gut sein, und ohne die andere konnte man ihn nicht lange genug ertragen, um Erfolg zu haben. Er hatte in jeder einzelnen Sekunde gewußt, daß Rosen ein geistesgestörter Irrer war, der sich nur als normaler Verbrecher tarnte. Als er ihm nach der Urteilsverkündung die Hand schüttelte und ihm zu seinem Freispruch gratulierte, da hatte er selbst nicht genau gewußt, welches Bedürfnis stärker gewesen war: das, diesem kranken Mistkerl einfach den Schädel einzuschlagen, oder sich mitten in sein überhebliches Grinsen zu übergeben. Natürlich hatte er es gewußt! Aber wie konnte er diese Frage beantworten? Und was verdammt noch mal ging es Thomas an?
Das einzig Vernünftige, was er in diesem Moment tun konnte: sich auf der Stelle herumzudrehen und nach Haus zu fahren, seiner Frau von einem weiteren Verrückten zu erzählen, der ihm eine unwiederbringliche Stunde seines Lebens gestohlen hatte. Und nicht einmal das. Er sollte nach Hause gehen und diesen Idioten einfach vergessen. Statt dessen zog er Zigaretten und Feuerzeug aus der Tasche, zündete sich eine Camel an und gönnte sich eine Sekunde lang den infantilen Spaß, sich an Thomas' vorwurfsvollem Blick zu ergötzen. Die Zigarette war naß geworden und schmeckte nicht. Trotzdem nahm er einen so tiefen Zug, daß ihm fast schwindelig wurde, ehe er weitersprach.
»Also gut«, sagte er. »Ich bin nun einmal hier. Auf zwei Minuten mehr oder weniger kommt es wahrscheinlich auch nicht mehr an. Also werde ich die gute Tat der Woche tun und Ihnen erklären, warum es Anwälte gibt. Unser Beruf hat nichts mit Schuld oder Unschuld zu tun: Es spielt keine Rolle, wen wir verteidigen, Vater. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob sie schuldig sind oder nicht.«
»Für Sie schon«, sagte Thomas.
»Für mein Seelenheil, ja.« Strelowsky nahm einen zweiten, noch tieferen Zug aus seiner Zigarette, aber diesmal stellte sich das ersehnte Schwindelgefühl nicht ein. Er seufzte. »Aber für mehr auch nicht, fürchte ich. Sie wollen wissen, ob ich ihn für unschuldig gehalten habe?« Er schüttelte den Kopf. »Keine Sekunde lang.«
»Und trotzdem haben Sie ihn verteidigt... Weil es Ihr Beruf ist? Oder weil es Ihnen egal war?«
»Wo ist der Unterschied?« wollte Strelowsky wissen. »Wollen Sie wissen, wem ich mein Gewissen geopfert habe - meiner Berufsehre oder meiner Gier?«
Es hätte spöttisch klingen sollen, aber das tat es nicht. Nicht im geringsten. Thomas sah ihn lange und wieder auf diese unangenehme, Strelowsky immer nervöser werden lassende Art an, dann schüttelte er traurig den Kopf, drehte sich herum und faltete die Hände vor der Brust. Aber nicht, um zu beten, wie Strelowsky im ersten Moment annahm. Er sah eher aus wie ein Mann, der mit sich rang. Worum? »Sie müssen gehen«, sagte er schließlich. »Gehen Sie fort. Schnell. So weit Sie können. Ich weiß nicht, ob es etwas nutzt. Vielleicht gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem Sie vor ihm sicher sind, aber vielleicht hilft es. Setzen Sie sich in Ihren Wagen und verlassen Sie die Stadt. Sie sind verdammt. Ich kann Sie nicht beschützen.«
»Vor wem?« fragte Strelowsky spöttisch. Er lachte. »Oh, ja, das hätte ich ja fast vergessen: Vor diesem Etwas, das herumläuft und Charles Bronson Konkurrenz macht, nicht wahr? Wie heißt dieses Stück? Ein Geist sieht rot?«
Thomas atmete hörbar ein, nahm die Hände herunter und hob gleichzeitig den Kopf. Aber er sah nicht Strelowsky an, sondern das einfache Holzkreuz, das an der Wand hinter dem Altar hing. »Gehen Sie«, sagte er. »Bitte! Es ... es war ein Fehler, Sie herzurufen. Es tut mir leid.«
Strelowsky nahm einen weiteren Zug aus seiner Zigarette, stellte fest, daß sie noch immer genauso widerwärtig schmeckte wie am Anfang und warf sie zu Boden, um sie mit dem Absatz auszutreten. »Wissen Sie, Thomas«, sagte er, »ich bin Ihnen nicht einmal böse. Ich sollte es wahrscheinlich sein, aber ich bin es nicht. Sie glauben das alles, nicht wahr? Ich meine, Sie glauben wirklich, daß es eine Art höherer Gerechtigkeit in der Welt gibt, nicht? Und wissen Sie was? Ich glaube das auch.« Thomas drehte sich überrascht zu ihm herum, und Strelowsky fuhr mit einem bekräftigenden Nicken fort: »Aber sie hat nichts mit Geistern zu tun, oder irgendwelchen mythischen Dämonen, die durch die Nacht schleichen und die Bösen bestrafen. Jemand hat Rosen erledigt, und das ist es, was ich ausgleichende Gerechtigkeit nenne. Zufall. Statistische Wahrscheinlichkeit ... nennen Sie es, wie Sie wollen. Meinetwegen auch Gott. Aber wenn er dahintersteckt, dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß er herumläuft und alle Verbrecher erledigt, die ihrer gerechten Strafe entgangen sind - samt ihrer Anwälte. Ich fürchte, er hätte ziemlich viel zu tun.« Er wartete auf eine Antwort, bekam keine und drehte sich schließlich achselzuckend herum, um zu gehen. Als er die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, kam Thomas ihm nach und hielt ihn am Arm zurück.