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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Sondern?«

Nördlinger ignorierte die Frage. »Ich möchte auf jeden Fall, daß Sie sich da raushalten, Bremer. Im Klartext: Ich will weder irgendwelche Interviews mit Ihrem Namen darunter lesen, noch Statements oder auch nur eine Äußerung aus einer Bierlaune heraus in irgendeinem Revolverblatt zitiert finden.« Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Wenn Sie zu Rosen oder einem der anderen befragt werden, dann werden Sie auf der Stelle vergessen, daß Sie jemals Sprechen gelernt haben. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«

»Ich glaube schon«, sagte Bremer. Er fühlte sich immer noch wie betäubt, ausgelaugt von dem Erlebnis in dem Badezimmer und unwohl angesichts der schwachen Position, in die ihn Nördlinger bugsiert hatte.

»Das glaube ich nicht«, antwortete Nördlinger. »Sie klingen nicht so, als hätten Sie mich verstanden, Herr Bremer. Vielleicht glaube ich Ihnen auch nur einfach nicht, weil ich Sie kenne. Ich möchte es deshalb ganz klar und vollkommen unmißverständlich ausdrücken: Ich will nicht sehen, erleben, lesen oder auch nur hören, daß Sie mit einem Journalisten auch nur reden. Wenn mir zu Ohren kommt, daß Sie auch nur auf der gleichen Straßenseite mit einem Reporter gesehen worden sind, kontrollieren Sie am nächsten Morgen wieder Parkuhren. War das deutlich genug?«

»Was soll das?« fragte Bremer. Er warf einen flüchtigen Blick in Wests Richtung und wandte sich dann wieder an Nördlinger. »Halten Sie mich für dumm?«

»Bestimmt nicht«, antwortete Nördlinger. Schon die Schnelligkeit, mit der diese Antwort kam, machte Bremer klar, daß er auch mit dieser Reaktion gerechnet hatte. Wie vermutlich mit jeder Reaktion. Er nahm sich vor, nicht mehr allzu viel zu sagen. Diese Runde ging an Nördlinger. Er konnte nichts gewinnen, wenn er sich auf diesen unfairen Kampf einließ.

Nördlinger wartete sichtbar darauf, daß Bremer weiter sprach und ihm Gelegenheit gab, eine seiner vermutlich hundert sorgsam zurechtgelegten Antworten loszuwerden. Als dies nicht geschah, faltete er die Hände unter dem Kinn auseinander und ließ sich im Sessel zurücksinken, um zwei oder drei weitere Sekunden verstreichen zu lassen.

»Ich halte Sie ganz im Gegenteil für einen verdammt guten Polizisten, Herr Bremer«, sagte er schließlich. »Das ist der einzige Grund, aus dem Sie jetzt noch hier sitzen. Wäre es anders, hätte ich mich schon vor fünf Jahren von Ihnen getrennt, ganz egal, über was für mächtige Freunde Sie auch verfügen, glauben Sie mir. Aber es geht nicht darum; Es geht um nichts von alledem.«

»Worum dann?« fragte Bremer.

»Verstehen Sie das wirklich nicht?« fragte Nördlinger. »Vielleicht ist das alles nur Hysterie. Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Verkettung von nahezu unglaublichen Zufällen, und diese drei Verdächtigen haben tatsächlich Selbstmord begangen. Aber das glaube ich nicht. Und Sie glauben es auch nicht. Ich glaube, daß wir es hier mit dem Schlimmsten zu tun haben, was wir uns überhaupt denken können. Mit Selbstjustiz. Irgendwo in dieser Stadt läuft jemand herum, der sich für den Terminator hält, oder einen Batman für Arme.« West lachte leise, und in Nördlingers Augen blitzte es zornig auf. »Das ist nicht komisch, Frau West!« sagte er. Seine Stimme klang plötzlich so spröde und kalt wie Glas. Wests Lachen verstummte, und nur den Bruchteil einer Sekunde darauf verschwand auch der dazugehörige Ausdruck von ihrem Gesicht und machte dem einer tiefen Verunsicherung Platz.

»Sie kommen frisch von der Polizeischule«, fuhr Nördlinger fort. »Vielleicht sollte ich deshalb ein wenig rücksichtsvoller sein. Vielleicht sollte ich auch besonders kleinlich sein. Hat man Ihnen nicht beigebracht, was Selbstjustiz bedeutet? Den Anfang vom Ende, Frau West. Es gibt eine Institution, die für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zuständig ist, sie allein und sonst niemand. Und diese Institution sind wir. Wir können nicht zulassen, daß die Leute anfangen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen - und wenn wir hundertmal im stillen der Meinung sind, daß sie recht haben. Es spielt keine Rolle.«

»Ich weiß«, sagte West, doch Nördlinger hatte sich zu sehr in Rage geredet, um jetzt einfach wieder das Thema zu wechseln. Das Telefon klingelte, aber Nördlinger sah nicht einmal in seine Richtung.

»Ganz offensichtlich wissen Sie es nicht«, sagte er. Seine Finger begannen einen hektischen Takt auf der Schreibtischplatte zu trommeln, der sich dem Takt des immer noch klingelnden Telefons anpaßte. »Ich weiß, daß es in letzter Zeit chic geworden ist, so zu denken. Diese ganze ... Video-Gesellschaft dort draußen ist offensichtlich der Meinung, daß die einzige Gerechtigkeit die des alten Testaments ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und daß man lieber einen oder zwei Unschuldige opfern als einen Schuldigen entkommen lassen sollte. Wissen Sie, was passiert, wenn wir so etwas einreißen lassen? Was das Ergebnis wäre? Anarchie! Glauben Sie denn, all diese Schlagzeilen und Fernsehberichte heute wären ein Zufall? Das sind sie nicht. Die Leute warten auf jemanden, der sich als Racheengel aufspielt. Sie wollen jemanden, der auf ganz altmodische brachiale Art für Recht und Ordnung sorgt - oder das, was sie dafür halten.«

»Vielleicht wäre das nicht so, wenn wir etwas effektiver arbeiten würden«, antwortete Bremer.

Nördlinger starrte ihn an. »Wie bitte?«

»Wir fangen diese Kerle doch mittlerweile nur noch ein, damit irgendein überliberaler Richter sie gleich wieder auf freien Fuß setzen kann!« sagte Bremer. Seine innere Stimme warnte ihn, nicht weiterzureden. Das, was er auf Nördlingers Gesicht las, riet ihm, es nicht zu tun, und seine eigene Logik sagte ihm, daß das Klügste, was er jetzt noch sagen konnte, gar nichts war. Er hatte schon viel zuviel gesagt. Und trotzdem wedelte er mit der Hand, die die Zeitung hielt, und fuhr fort: »Wundern Sie solche Schlagzeilen wirklich? Mittlerweile werden die Verbrecher in diesem Land doch besser behandelt als die Opfer! Wem sollen die Leute dort draußen noch vertrauen, wenn sie wissen, daß die Mörder ihrer Kinder vielleicht schon wieder frei sind, bevor die Opfer unter der Erde sind?«

Nördlinger sagte nichts. Er starrte ihn nur mit steinernem Gesicht an, dann hob er ganz langsam die linke Hand und legte sie auf das Telefon, aber nicht, um den Hörer abzuheben. Dann sagte er, sehr leise und sehr ruhig: »Das war's dann, Herr Bremer. Ich suspendiere Sie mit sofortiger Wirkung vom Dienst.«

»Warum?« fragte Bremer.

Nördlinger nahm den Telefonhörer nun doch ab und legte die rechte Hand über die Sprechmuschel, bevor er antwortete.

»Das weiß ich noch nicht. Rufen Sie mich morgen früh an. Bis dahin habe ich Zeit genug, mir einen Grund einfallen zu lassen. Ja?!« Das letzte Wort hatte er beinahe ins Telefon geschrien. Bremer konnte sich die Überraschung des Teilnehmers am anderen Ende der Leitung lebhaft vorstellen. Solange er sich erinnerte, hatte er Nördlinger noch niemals schreien hören. Vermutlich hatte das niemand. Bremer hatte bis zu diesem Moment noch nicht einmal gewußt, daß Kriminalrat Nördlinger überhaupt schreien konnte. Er schrie auch nicht weiter. Einige Sekunden lang sagte er gar nichts, aber dafür war der Ausdruck auf seinem Gesicht um so beredter. Für einen Moment erstarrten seine Züge einfach. Dann schien jede Kraft aus seinen Gesichtsmuskeln zu weichen. Der so seltene Zorn verrauchte buchstäblich von einem Augenblick auf den anderen, und Bremer war sicher, daß das, was sich nun auf Nördlingers Gesicht spiegelte, ein Gefühl war, das ziemlich nahe an Entsetzen grenzte.

»Nummer vier?« fragte er, nachdem Nördlinger ohne ein weiteres Wort eingehängt hatte.

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