Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Wir haben telefoniert«, bestätigte Thomas. »Ich freue mich, daß Sie kommen konnten.« Das Gerät begann ganz sanft in seiner Hand zu vibrieren. Es lief. Das dazugehörige Mikrofon hing als Krawattennadel getarnt an Strelowskys Schlips. Er hoffte, daß die empfindliche Elektronik die kalte Dusche unbeschadet überstanden hatte, war sich aber im Grunde dessen ziemlich sicher. Schließlich war das verfluchte Ding teuer genug gewesen.
Er zog die Hand - zusammen mit einem Tempo - aus der Tasche und begann seine Brillengläser trockenzureiben. Seine Hände zitterten noch immer, aber er war jetzt sicher, daß es nur noch die Kälte war. Eine Minute klang wenig, war aber verflucht viel, wenn man sie im strömenden Regen verbrachte und noch dazu bis zu den Knöcheln in eiskaltem Wasser stand. Kein Wunder, daß seine Fantasie Amok lief und er anfing, Gespenster zu sehen. Hier drinnen fühlte er sich schon sicherer.
Vielleicht war es auch nur der Recorder in seiner Tasche. Das sachte Vibrieren des Gerätes erfüllte ihn mit einem Gefühl der Stärke, das für einen Moment fast so intensiv war wie die - ebenso unbegründete - Furcht, die ihn draußen gequält hatte.
Umständlich setzte er seine Brille wieder auf, knüllte das Taschentuch zu einem Ball zusammen und wollte es achtlos hinter sich werfen, steckte es dann aber statt dessen ein; ganz bewußt nicht in die Tasche, in der er den Recorder trug.
»Also, Vater Thomas«, begann er. »Wie Sie selbst gerade festgestellt haben - ich konnte kommen. Ich hoffe, es ist wichtig. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, müssen Sie wissen. Ich habe nicht sehr viel Zeit.«
»Es ist wichtig«, versicherte ihm Thomas. »Vielleicht das wichtigste Gespräch, das Sie jemals in Ihrem Leben geführt haben. Ist Ihnen jemand gefolgt?« Ohne seine Antwort abzuwarten, trat Thomas an ihm vorbei und schloß die Tür. Aber nicht sofort. Bevor er es tat, zögerte er - für Strelowskys Geschmack gerade einen Sekundenbruchteil zu lange - und sah in den strömenden Regen hinaus.
»Gefolgt?« Strelowsky blinzelte. »Ich fürchte, ich ... verstehe nicht ganz, was Sie meinen, Vater.«
»Ein Wagen.« Thomas drehte sich zu ihm herum und machte eine wedelnde Geste mit beiden Händen. »Jemand, den Sie nicht kennen. Ich ... weiß nicht. Ich habe nicht viel Erfahrung in solchen Dingen, wissen Sie? Ich habe keine Ahnung, worauf man in einer solchen Situation achten muß.«
»In was für einer Situation!« fragte Strelowsky betont. »Worum geht es überhaupt? Wieso bin ich hier?«
»Das ist nicht so einfach zu erklären«, antwortete Thomas ausweichend. »Ich schlage vor, wir ... gehen vielleicht in mein Büro hinauf. Dort ist es wärmer. Und es redet sich auch leichter.«
»Nein«, entschied Strelowsky. Es hatte schon immer zu seinen eisernen Regeln gehört, daß er das Schlachtfeld bestimmte. Manchmal reichte das schon, um den Kampf zu gewinnen.
»Wie Sie wollen.« Thomas zuckte mit den Schultern, aber er sah nicht besonders glücklich dabei aus. Gut.
»Was ich will, Vater«, sagte Strelowsky ungeduldig, »ist zu wissen, warum ich hier bin.«
»Es geht um Rosen«, sagte Thomas.
Strelowsky starrte ihn eine geschlagene Sekunde lang fassungslos an. Dann packte ihn Zorn. »Wie bitte?«
»Stefan Rosen«, wiederholte Thomas. »Sie erinnern sich doch?« Aus Zorn wurde Wut. Strelowsky mußte sich wirklich beherrschen, um den Geistlichen nicht entweder anzuschreien oder sich auf dem Absatz herumzudrehen und wieder aus der Kirche zu stürmen. Hatte ihn dieser Verrückte tatsächlich deshalb hierhin bestellt? Thomas hob hastig die Hände. Offenbar war es nicht besonders schwer, in seinem Gesicht zu lesen. Strelowsky gab sich auch keine große Mühe, seine wahren Gefühle zu verhehlen. »Es ist nicht, was Sie jetzt denken«, sagte Thomas rasch. »Bitte hören Sie mir einfach zu. Es ist wichtig. Sie haben Rosen damals verteidigt, nicht wahr?«
»Ich bin Rechtsanwalt«, antwortete Strelowsky. »Es ist meine Aufgabe, Menschen zu verteidigen, die vor Gericht stehen.« Er fragte sich, warum er eigentlich noch so ruhig blieb. »Nicht, über sie zu urteilen.«
»Auch wenn sie schuldig sind?« fragte Thomas.
»Mein Mandant...«
»Wurde freigesprochen, ich weiß«, unterbrach ihn Thomas. »Deshalb sind Sie hier.«
Strelowsky schloß die Augen, zählte in Gedanken sehr langsam bis drei und sagte so ruhig, wie er konnte: »Vater Thomas, ich stehe kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Und glauben Sie mir, das passiert mir äußerst selten. Was soll das hier? Es ist jetzt fast sieben Uhr. Ich habe meine Kanzlei eine Stunde früher geschlossen, um hierher zu kommen, und meine Frau und die Kinder warten jetzt wahrscheinlich schon mit dem Abendessen auf mich. Ich habe zwei Klienten weggeschickt, die wirklich dringend Hilfe brauchen, und seit heute mittag habe ich mich mit ungefähr einer halben Million Irrer unterhalten, die von mir wissen wollten, was ich zu Rosens Tod zu sagen habe. Ich hoffe doch, daß Sie nicht in die gleiche Kategorie gehören.« Sogar ihm selbst fiel auf, daß er ziemlich zusammenhangloses Zeugs redete. Diesen Teil der Aufnahme würde er bearbeiten müssen, falls er das Band irgend jemandem vorspielte. Aber wahrscheinlich würde er das sowieso nicht. Dieser Thomas war nur ein weiterer Verrückter, der glaubte, das Recht auf Moralpredigten gepachtet zu haben, nur weil er eine schwarze Kutte trug.
»Sie mißverstehen mich, Herr Strelowsky«, sagte Thomas leise. In seiner Stimme war eine Eindringlichkeit, die Strelowsky gerne ignoriert hätte. »Ich habe Sie nicht zu mir gebeten, um über Sie zu richten.«
»Ja, das wird ein anderer tun, ich weiß«, sagte Strelowsky spöttisch. »Was wollen Sie von mir?« Er sah demonstrativ auf die Uhr. »Sie haben noch eine Minute.«
»Ich will Sie warnen, Herr Strelowsky«, sagte Thomas ernst.
»Ach?« machte Strelowsky spöttisch. »Wie originell. Ziehen Sie sich eine Nummer.«
»Ich meine es ernst«, beharrte Thomas. Was war das nur in seinem Blick, in der Art, auf die er redete, daß seine Worte ein solches Gewicht bekamen? War es wirklich nur seine Kleidung und diese Umgebung? Vielleicht hätte er doch seiner Einladung folgen und mit ins Pfarrhaus gehen sollen. »Sie wußten, daß Rosen schuldig war, nicht wahr?«
»Es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu...«, begann Strelowsky.
»Sie haben gewußt, daß er diese fünf Kinder umgebracht hat«, fuhr Thomas fort, noch immer auf die gleiche, irritierende Art, aus der nicht die mindeste Spur irgendeines Vorwurfes herauszuhören war, und die Strelowsky vielleicht gerade deshalb so sehr erschreckte. »Ich meine, Sie haben es schon vorher gewußt. Als Sie ihn das erste Mal im Gefängnis besucht haben. Haben Sie ihm das falsche Alibi besorgt?«
»Was fällt Ihnen ein?« fragte Strelowsky. Sein Herz jagte. Er kochte innerlich immer noch vor Wut, aber es war ein sehr seltsamer Zorn; ein Gefühl, das irgendwie nicht richtig an die Oberfläche drang, so daß er es zwar fast wie einen körperlichen Schmerz in den Eingeweiden spürte, sein Herz pochte und seine Hände wieder zu zittern begannen. Aber die Kraft, die er normalerweise aus diesem Gefühl schöpfte, wollte sich nicht einstellen. Sogar in seinen eigenen Ohren klang seine Antwort jämmerlich.
»Sie mißverstehen mich immer noch«, seufzte Thomas. »Das tut mir leid. Wirklich. Ich ... verurteile Sie nicht. Wie könnte ich das? Bitte glauben Sie mir, daß mir nichts ferner liegt. Aber es ist wichtig, daß Sie mir diese Frage beantworten. Und wenn nicht mir, dann wenigstens sich selbst. Ihr Leben könnte davon abhängen.« Und plötzlich wurde Strelowsky ganz ruhig. Der Zorn erlosch, als hätte jemand irgendwo in seinen Gedanken einen Schalter umgelegt. Buchstäblich von einem Sekundenbruchteil auf den nächsten war er wieder er selbst; der immer beherrschte, überlegende Anwalt, der gelernt hatte, Emotionen von Fakten zu trennen und Lüge von Wahrheit zu unterscheiden.