Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Bitte!« sagte er. »Hören Sie auf mich! Verlassen Sie die Stadt! Gehen Sie weg, so weit Sie nur können. Vielleicht hört es auf. Vielleicht ... kann ihn jemand stoppen. Wenn Sie hierbleiben, werden Sie sterben!« Es hätte eine Menge gegeben, was Strelowsky darauf hatte antworten können - aber wozu? Er seufzte nur abermals, griff nach der Hand des Geistlichen und löste sie mit sanfter Gewalt von seinem Arm. Ohne ein weiteres Wort öffnete er die Tür und verließ die Kirche.
Der Regen hatte noch zugenommen, und aus den vereinzelten Blitzen war ein wahres Feuerwerk gezackter, blauweißer Risse geworden, die so rasch hintereinander aufzuckten, als versuche jemand, den Himmel über dem westlichen Teil der Stadt in Stücke zu spalten. Strelowsky lief mit gesenkten Schultern und weit ausgreifenden Schritten auf das Tor zu, während er bereits mit der linken Hand in der Jackentasche nach dem Autoschlüssel grub. Seine Finger waren noch immer so klamm, daß er ihn um ein Haar fallengelassen hätte. Ungeschickt fummelte er ihn ins Schloß, riß die Tür auf und warf sich hinters Steuer. Kaum zwei Sekunden später startete er den Motor und schaltete hintereinander die Scheibenwischer und - vor allem! - die Heizung ein, fuhr aber noch nicht los.
Seine Hände zitterten immer noch, aber er war jetzt gar nicht mehr so sicher, ob es einzig an der Kälte lag. Dieser Thomas hatte ihn verunsichert, obwohl er sich nicht erklären konnte, warum. Sein Geschwafel von einer höheren Macht und diesem Etwas, das seiner Meinung nach wohl eine Art himmlischer Vendetta ausgerufen zu haben schien, gehörte bestenfalls in die Preisklasse des Voodoo-Zaubers, mit dem ihn einer seiner Mandanten vor Jahren einmal belegt hatte. Unsinn. Hanebüchener Unsinn. Ganz bestimmt nicht mehr.
Er nahm die Brille ab, zog das zusammengeknüllte Papiertaschentuch hervor, mit dem er sie schon einmal gesäubert hatte, und rieb die Gläser sorgfältig zwischen Daumen und Zeigefinger trocken. Als er sie wieder aufsetzte, fiel sein Blick auf einen Wagen, der schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite parkte. Motor und Scheibenwischer liefen. Die Scheinwerfer waren auf Standlicht heruntergeschaltet, und er glaubte zwei schemenhafte Gestalten hinter der beschlagenen Windschutzscheibe zu erkennen. Thomas' Warnung fiel ihm ein, und er erschrak. Aber nicht einmal für eine Sekunde, dann schüttelte er über seinen eigenen Gedanken den Kopf. Biblische Racheengel pflegten bestimmt nicht in 7er-BMWs herumzufahren, während sie ihre Opfer suchten.
Strelowsky schaltete seinerseits die Scheinwerfer ein und streckte die Hand nach dem Ganghebel aus. Hinter ihm raschelte etwas. Ein Geräusch wie Stein, der über eine weiche Unterlage rieb. Oder Leder, das sich entfaltete. Strelowsky hob den Kopf, sah in den Innenspiegel und begriff den entsetzlichen Fehler, den er begangen hatte.
Aber da war es bereits zu spät.
5
Auch wenn er Nördlinger nicht so gut gekannt hätte, wäre Bremer klar gewesen, daß die Szenerie sorgsam einstudiert war. Trotz aller unbestrittener Intelligenz war Nördlinger ein Mensch, der leicht zu durchschauen war; und ein Mensch mit einem starken Hang zur Theatralik.
Was er im Moment tat, war regelrecht albern. Nördlinger saß hinter seinem riesigen, vollkommen leeren Schreibtisch, hatte beide Hände auf die Armlehnen seines ledernen Drehsessels gelegt und schien vor kurzem einen Besenstiel verschluckt zu haben. Beides - Stuhl und Tisch - waren eine Spur zu groß für ihren Besitzer, und beides sah aus, als wäre es vor ungefähr einer Stunde angeliefert und frisch ausgepackt worden. Dabei wußte Bremer, daß die Möbel gut und gerne fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatten. Nördlingers Blick - Bremer war ziemlich sicher, daß er nicht ein einziges Mal geblinzelt hatte, seit West und er hereingekommen waren - wanderte mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms zwischen ihm und dem Zifferblatt der Standuhr in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers hin und her, und er hatte bisher nicht nur nicht mit der Wimper gezuckt, sondern auch kein einziges Wort gesprochen. Sie waren seit ungefähr einer Minute hier. Vielleicht länger.
Wahrscheinlich, dachte Bremer, baute er darauf, daß sein beharrliches Schweigen die Autorität des leeren Schreibtisches und die unbehagliche Stille unterstrich, um Bremer auf diese Weise noch mehr einzuschüchtern, aber das passierte nicht. Möglicherweise dachte er ja auch, daß er in irgendeiner Form beeindruckend oder gar ehrfurchtgebietend wirkte, wie er so stocksteif auf seinem Thron hockte und ihn anstarrte. Bremer fand sein Benehmen einfach nur kindisch.
Schließlich beendete er die groteske Performance, indem er sich seinerseits im Sessel herumdrehte und auf die Uhr sah.
»Es ist viertel nach sieben«, sagte Nördlinger, noch bevor er sich wieder herumgedreht hatte.
»Eben«, bestätigte Bremer. »Ich versäume das Glücksrad im Fernsehen. Das ist meine Lieblingssendung.« Es gelang ihm ebensowenig, Nördlinger mit dieser dummen Bemerkung aus der Fassung zu bringen, wie Nördlinger umgekehrt ihn mit seinem Benehmen beeindruckte. Und sie war auch nicht sonderlich intelligenter. »Sie wollten mich sprechen?«
»Schön, daß Sie sich wenigstens daran erinnern«, sagte Nördlinger. »Ich wollte Sie tatsächlich sprechen. Wenn ich mich richtig erinnere, so gegen vierzehn Uhr. Das war vor fünf Stunden.«
»Ich ... wurde aufgehalten«, antwortete Bremer. Er konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, einen Blick in Wests Richtung zu werfen; das hörbare Stocken in seinen Worten nicht. Bremer verfluchte sich dafür innerlich. Das alberne Machtspielchen, das Nördlinger und er seit Jahren spielten, verlief nach komplizierten Regeln, die zwar niemals explizit aufgestellt worden waren, von ihnen beiden aber sorgsam eingehalten wurden. Mit diesem kurzen Zögern in seiner Antwort hatte er diese Runde eindeutig verloren. Nördlinger spürte das. Er verbiß sich ein triumphierendes Lächeln, aber Bremer konnte es regelrecht spüren.
»Ich sage es Ihnen jetzt zum wirklich allerletzten Mal«, fuhr er fort. »Sie sind Polizist, Herr Bremer, kein Postbote. Auch wenn Sie nicht im Dienst sind, sind Sie im Dienst. Ich verlange, daß Sie erreichbar sind. Haben Sie das jetzt verstanden?« Fast zu seiner eigenen Überraschung antwortete Bremer nur mit einem einfachen ›Ja‹ auf diese Frage, und beinahe noch überraschender war, daß Nördlinger ausnahmsweise einmal nicht auf seinem kleinen Etappensieg herumritt, sondern es bei einem knappen Kopfnicken beließ. Einen Teil des Besenstiels, den er heruntergeschluckt hatte, schien er wohl mittlerweile verdaut zu haben, denn er gab seine steife Haltung auf, beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf der Tischplatte auf und verschränkte die Hände unter dem Kinn.
»Also gut«, begann er, »dann können wir uns ja jetzt vielleicht wichtigeren Dingen zuwenden. Ich habe zwar Wichtigeres zu tun, als dieses ... Glücksrad im Fernsehen zu sehen, aber selbst jemand in meiner Position kennt die Bedeutung des Wortes Feierabend, ob Sie es glauben oder nicht.« Er deutete auf West. »Ihre neue Kollegin haben Sie ja bereits kennengelernt, wie ich sehe.«
»Ja«, antwortete Bremer. »Deshalb bin ich hier. Sie wissen, daß ich nicht mit einem Partner zusammenarbeite.«
»Haben Sie etwas gegen die Kollegin West?«
»Darum geht es nicht«, erwiderte Bremer kopfschüttelnd. Nein, er würde sich nicht von Nördlinger provozieren lassen. »Ich arbeite am besten allein. Ich kann nicht ständig auf jemanden Rücksicht nehmen.«