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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Schweigend gingen sie nebeneinander die Treppe hinunter und verließen das Haus durch den Hinterausgang. Bremer sah nicht einmal den Schatten einer Kamera, geschweige denn eines Reporters, aber er zweifelte Wests Worte trotzdem nicht an. Er hatte genug Erfahrungen mit der Presse, um diesen Kanalratten buchstäblich alles zuzutrauen. Er verstand nur nicht, warum sie es jetzt schon wieder auf ihn abgesehen hatten. Aber er stellte auch keine entsprechende Frage; wenigstens nicht an West.

Nördlinger würde es ihm schon sagen. Früher oder später.

4

Es mußte zehn Jahre her sein, daß er das letztemal in einer Kirche gewesen war. Fast auf den Tag genau, wenn er es recht bedachte. Sein jüngster Sohn war vor drei Wochen zehn geworden, und sie hatten ihn damals - auf Wunsch seiner Frau, ganz bestimmt nicht auf sein eigenes Betreiben hin! - kirchlich taufen lassen, und Marc hatte vor einer Woche seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Seither hatte er keine Kirche mehr von innen gesehen. Und wäre es nach ihm gegangen, dann würde es auch die nächsten zehn Jahre lang so bleiben. Und die nächsten. Und auch die darauf folgenden nächsten.

Leider ging es nicht nach ihm. Strelowsky versuchte das Straßenschild an der nächsten Ecke zu erkennen, aber es huschte zu schnell vorbei. Der strömende Regen verwandelte die Windschutzscheibe in ein Kaleidoskop aus blitzenden Farben und ineinanderfließenden Schlieren. Automatisch stellte er den Scheibenwischer schneller, kniff die Augen zusammen und drehte das Lenkrad eine Winzigkeit nach links, um einem Wagen auszuweichen, der am Straßenrand geparkt war; selbstverständlich unter der einzigen Laterne, die nicht funktionierte. Strelowsky schüttelte den Kopf, gönnte sich aber trotzdem den Luxus eines flüchtigen Lächelns. Der Besitzer des Wagens war vielleicht ein Idiot, aber trotzdem ein potentieller Mandant. Solange die Welt voller Idioten war, war seine Zukunft gesichert.

Er konzentrierte sich wieder auf die Straße. Die Gegend war ihm vollkommen unbekannt, aber trotz allem wußte er natürlich wenigstens ungefähr, wo er war. Berlin war zwar groß, aber nicht so groß, daß er sich hoffnungslos verirrt hätte. Die zweite oder dritte Straße rechts, und er war da. Und dann?

Strelowsky fragte sich, was er hier überhaupt tat. Es war nicht seine Art, auf anonyme Anrufe zu reagieren. Und schon gar nicht auf solche. Aber irgend etwas war an diesem Anruf anders gewesen als an den anderen - von denen er mehr als genug bekam. Berufsrisiko. Es gehörte zu seinem täglich Brot, angefeindet, beschimpft, bedroht, diffamiert oder auch (was tatsächlich schon vorgekommen war) mit Flüchen belegt zu werden. Er nahm so etwas normalerweise nicht ernst. Hunde, die bellten, pflegten im allgemeinen tatsächlich nicht zu beißen.

Diesmal jedoch... Er sah den Fußgänger im buchstäblich allerletzten Moment, trat mit aller Kraft auf die Bremse und riß gleichzeitig das Lenkrad nach links. Eine dieser beiden Reaktionen mußte wohl falsch sein, denn der Wagen brach aus und schlitterte, ABS hin oder her, auf blockierenden Rädern so knapp an dem Passanten vorbei, daß Strelowsky seine Augenfarbe hätte erkennen können, wäre er nicht voll und ganz damit beschäftigt gewesen, mit dem bockenden Lenkrad zu kämpfen, um die Kontrolle über den Mercedes irgendwie zurückzuerlangen. Der Wagen schlitterte weiter, vollendete seine begonnene Drehung und kam mit einem Ruck zum Stehen, als die beiden Räder auf der linken Seite mit der Bordsteinkante kollidierten.

Der Anprall war so hart, daß er eine Sekunde lang ernsthaft fürchtete, die Airbags würden auslösen, was ihn nicht nur in eine peinliche Situation bringen, sondern auch eine hübsche Stange Geld kosten würde. Statt dessen ging nur der Motor aus. Auf dem Armaturenbrett leuchtete eine Anzahl grüner und roter Lichter auf, und der Bordcomputer quäkte ihm mit seiner synthetischen Stimme irgendeine Warnung zu, die er zwar nicht verstand, nichtsdestotrotz aber am liebsten mit einem Fußtritt beantwortet hätte. Eine Hupe schrillte. Rasch hintereinander tasteten drei, vier Scheinwerferpaare über den Wagen und tauchten sein Inneres in fast schon grelles Licht, und Strelowsky wurde sich des Umstandes bewußt, daß aus seiner kleinen Unachtsamkeit vielleicht doch noch ein ausgewachsener Unfall werden konnte, wenn er nicht bald etwas tat; der Wagen stand auf der falschen Straßenseite, und seine Scheinwerfer konnten den Fahrer eines entgegenkommenden Fahrzeuges schließlich ebenso blenden, wie es ihm gerade umgekehrt erging. Ein selbstverschuldeter Autounfall, möglicherweise mit Verletzten, Sachschaden und einer fetten Strafanzeige: genau das, was er jetzt noch brauchte. Mit Fingern, die weitaus heftiger zitterten, als ihm selbst bewußt war, drehte Strelowsky den Zündschlüssel und wurde mit einem gehorsamen Aufheulen des Motors belohnt. Durch die regennasse Frontscheibe konnte er den Passanten sehen, den er um ein Haar überfahren hätte. Der Mann hatte bis jetzt wie zur Salzsäule erstarrt dagestanden und ihn mit offenem Mund angestarrt; jetzt setzte er sich zögernd, aber schneller werdend in Bewegung. Strelowsky konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber er hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, was sich in diesem Moment darauf abspielte: Nachdem der Schrecken überwunden und die Erleichterung darüber, noch am Leben zu sein, verdaut war, machten sich Empörung und gerechter Zorn auf seinen Zügen breit. Er kannte diese Verwandlung von jedem dritten Mandanten, der ihm gegenübersaß. Menschen, die sich im Recht wähnten, waren schlimm; solche, die sich im Recht und dazu ungerecht behandelt fühlten, waren eine Pest.

Er hämmerte den Gang hinein, wartete eine Lücke im entgegenkommenden Verkehr ab und fuhr mit viel zuviel Gas los. Unter den Hinterrädern des Benz spritzen zwei glitzernde Wasserfontänen hoch und vereinigten sich präzise vor dem Gesicht des unglückseligen Fußgängers zu einer einzigen. Diesmal versuchte Strelowsky erst gar nicht, ein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken, vor allem nicht, als der Wagen auf der Stelle herumschleuderte und er im Rückspiegel den drohend in seiner Richtung emporgereckten Mittelfinger des Burschens sah. Tausend Mark, dachte er. Zwei, wenn er den richtigen Richter fand. Die Zeiten, in denen der Stinkefinger ein billiges Vergnügen war, waren schon lange vorbei.

Aber der Typ hatte Glück. Er war heute nicht hier, weil er auf der Jagd nach einem Mandanten war, oder jemanden suchte, der ihm Grund zu einer Abmahnung gab.

Strelowsky nahm ein wenig Gas zurück, schaltete in den nächsthöheren Gang und verlagerte seine Aufmerksamkeit wieder von der durchnäßten Gestalt im Rückspiegel auf die Straße vor sich. Wenn er bei seinem kleinen Dreher nicht vollends die Orientierung verloren hatte, dann konnte es jetzt nicht mehr sehr weit sein. Die nächste oder übernächste Straße. St. Peter. Sie erkennen es dann schon.

Woran zum Geier erkannte man eine Kirche? Etwa am Glockenturm?

Es war nicht die übernächste Straße, sondern die danach. Obwohl Strelowsky weit mehr auf die Straßenschilder als auf den Verkehr achtete, hätte er die Einmündung um ein Haar doch noch verpaßt. Er mußte hart bremsen, rutschte trotzdem noch ein gutes Stück weiter und mußte fünf oder sechs Meter zurücksetzen, um überhaupt abbiegen zu können. Seine Laune sank noch weiter. Der zweite Fehler, den er auf dem Weg hierher beging - und wenn er ehrlich war, wahrscheinlich eher der zweiundzwanzigste. Er fuhr unkonzentriert wie schon seit langem nicht mehr. Dieser ominöse Anruf beschäftigte sein Unterbewußtsein offensichtlich weit mehr, als er zugeben wollte.

So weit das Wetter diese Beurteilung zuließ, befand er sich in einer ziemlich heruntergekommenen Gegend. Etliche Häuser schienen leer zu stehen - entweder das, oder ihre Bewohner hatten gleich etagenweise versäumt, die Stromrechnungen zu bezahlen. Am Straßenrand waren nur sehr wenige Wagen geparkt, darunter ein paar Prachtstücke notdürftig nachlackierter Trabbis, ein mindestens fünfzehn Jahre alter Golf und ein leibhaftiger Wartburg, der wahrscheinlich schon wieder einen gewissen Liebhaberwert hatte... Wann war er das letztemal in einer Gegend wie dieser gewesen? Er wußte es nicht, aber es war länger her als sein letzter Besuch in einer Kirche, und es war ungefähr genau so freiwillig geschehen.

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Сюжет
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Главный герой
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