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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Strelowsky fuhr langsamer, schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Geschwindigkeitsstufe und reduzierte sein Tempo noch einmal. Der Mercedes, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte als die meisten Häuser, an denen er vorbeifuhr, bewegte sich jetzt kaum noch schneller als ein Fußgänger.

Trotzdem wäre er um ein Haar an seinem Ziel vorbeigefahren. Sie sehen es dann schon. Quatsch! Er hätte ihm lieber sagen sollen, daß er eben nichts sehen würde. Das Grundstück lag ein gutes Stück von der Straße zurück versetzt und war nicht beleuchtet. Trotzdem konnte er seine enorme Größe erkennen. Die Kirche selbst nahm nur einen kleinen Teil des vorhandenen Platzes ein; den Rest beanspruchte eine seltsame Mischung aus Friedhof und Park. Das Gelände mußte selbst in diesem Teil der Stadt noch Millionen wert sein. Strelowsky wunderte sich flüchtig, daß dieser Schatz noch keine Grundstücks-spekulanten angezogen hatte.

Er hielt an, stieg im strömenden Regen aus und schlug den Jackenkragen hoch, ehe er die Tür zuschlug und sorgsam abschloß. Die Gegend war ihm nicht geheuer. Der Umstand allein, daß er vor einer Kirche parkte, würde einen potentiellen Autodieb vermutlich nicht davon abhalten, den Wagen zu stehlen. Die Welt war voller potentieller Diebe. Potentieller Mandanten, sozusagen, die dafür sorgten, daß er nicht arbeitslos wurde. Diesmal amüsierte ihn der Gedanke nicht annähernd so sehr wie noch vor ein paar Minuten.

Strelowsky drehte das Gesicht aus dem Regen und lief mit weit ausgreifenden Schritten und schräg nach vorne gebeugt auf das offenstehende Tor in dem geschmiedeten Zaun zu. Es wurde immer kälter. Obwohl er vor nicht einmal einer Minute aus dem beheizten Wagen ausgestiegen war, zitterte er schon vor Kälte. Der Regen fiel jetzt fast waagerecht, und die Tropfen stachen wie winzige, spitze Nadeln in sein Gesicht. Seine Schuhe - Timberland, Wildleder, der Gegenwert einer mittleren Scheidung oder drei, wenn nicht vier Verfahren wegen Trunkenheit am Steuer - platschten in knöcheltiefem Wasser. Mit ein bißchen Pech konnte er sie als Totalverlust abschreiben. Allmählich begann dieses Unternehmen ziemlich teuer zu werden, dachte Strelowsky mißmutig. Und dabei hatte es noch nicht einmal richtig angefangen.

Als er sich der eigentlichen Kirche näherte, begriff er zumindest, was die Stimme am Telefon gemeint hatte, als sie sagte, er würde es dann schon sehen. Bei Dunkelheit und strömendem Regen war St. Peter nichts mehr als ein buckeliger Schatten, der wohl bedrohlich gewirkt hätte, wäre er in der Stimmung gewesen, auf Stimmungen zu achten. Tagsüber und bei entsprechender Beleuchtung mußte sie einen beeindruckenden Anblick bieten. Die Kirche war nicht sehr groß, schien aber bei der herrschenden Beleuchtung (oder sollte er lieber sagen: Nicht-Beleuchtung?) nur aus gotischen Spitzbögen, Säulen und Pilastern zu bestehen, auf denen pausbäckige Gargoylen mit Flügeln und Krallen hockten. Über den drei ineinandergeschachtelten Bögen des großen Portals schwebte ein steinerner Engel. Der strömende Regen versilberte seine Flügel und erweckte das halb zerfallene Gesicht auf unheimliche Weise zum Leben.

Strelowsky verscheuchte den Gedanken und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Das waren alberne Gedanken, kindisch und vor allem eines Mannes in seiner Position einfach nicht würdig. Er war jetzt seit einer Minute in diesem Regen, und offensichtlich fantasierte er bereits schon; vielleicht im Vorgriff auf das Fieber, das er sich mit diesem Schwachsinnsunternehmen garantiert einhandeln würde.

Trotzdem ertappte er sich dabei, noch einmal einen raschen Blick zu dem steinernen Cherubim über dem Eingang zu werfen, als er die Treppe hinauf stürmte. Genau in dem Sekundenbruchteil, in dem er es tat, zuckte ein Blitz über den schwarzen Himmel. Der Wolkenbruch mauserte sich zu einem Gewitter. Das grelle Licht löschte für einen Sekundenbruchteil alle Schatten aus und ersetzte sie durch bodenlose, schwarze Abgründe, die in der Wirklichkeit klafften.

Ein zweiter Blitz loderte über den Himmel. Er löschte die unheimlichen Schatten aus und ließ die Konturen der Grabsteine und Statuen auf dem Friedhof als schwarze Umrisse aus der Nacht auftauchen und ebenso schnell wieder damit verschmelzen. Aber vielleicht gerade, weil die Schatten nur für einen Sekundenbruchteil aufblitzten, erweckte einer davon Strelowskys besondere Aufmerksamkeit: Es war ein steinerner Engel, lebensgroß und uralt, vielleicht sogar das Gegenstück dessen, der über dem Portal schwebte. Etwas daran ... beunruhigte Strelowsky. Natürlich war er sich auf der einen Seite vollkommen, zweifelsfrei und überhaupt hun-dert-pro-zen-tig darüber im klaren, daß es vollkommener Unsinn war, unmöglich und ganz und gar ausgeschlossen, aber leider gab es da noch eine andere Seite, eine neue, unbekannte, aber leider auch äußerst hartnäckige Stimme in ihm, und diese Seite seines visuellen Wahrnehmungsvermögens behauptete steif und fest, daß sich der steinerne Engel gerade vor seinen Augen bewegt hatte; auf eine unheimliche und gleichsam bedrohliche Art. Vielleicht nicht einmal wirklich bewegt. Vielmehr war es ihm, als ob er ... die Absicht einer Bewegung gespürt hatte. Verrückt. Nicht nur unlogisch, sondern vollkommen widersinnig. Der Gedanke ergab nicht einmal den Hauch eines Sinns. Was war mit ihm los?

»Herr Strelowsky?« Strelowsky fuhr erschrocken zusammen und drehte sich so schnell herum, daß er auf den nassen Steinstufen beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. In dem geschnitzten Portal vor ihm hatte sich eine schmale Tür geöffnet, in der sich eine schattenhafte Gestalt abzeichnete, ein schwarzer Scherenschnitt, wahrscheinlich nicht einmal so groß wie er, und doch erschien er ihm für einen einzelnen, gräßlichen Moment wie ein bedrohlicher, steinerner Riese, ein Gigant mit Flügeln und toten Augen aus Marmor, die ihn gnadenlos anstarrten und...

»Möchten Sie dort draußen stehenbleiben und sich eine Erkältung holen, oder ziehen Sie es vor, zu mir hereinzukommen. Ich weiß, daß Sie kein großer Kirchgänger sind, aber hier drinnen ist es wärmer.« Der Mann machte einen Schritt zurück und gab damit nicht nur den Eingang frei, sondern wurde von einer Alptraumgestalt auch wieder zu einem ganz normalen Menschen.

Einem nicht einmal besonders beeindruckenden Menschen, um genau zu sein. Selbst Strelowsky, der alles andere als ein Riese war, mußte ihn noch um einige Zentimeter überragen, und die schwarze Soutane verlieh ihm keine Autorität, sondern ließ ihn eher noch verwundbarer erscheinen. Strelowsky konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen; seine Brille war naß, und als er endlich aus seiner Erstarrung erwachte und mit einem umständlichen Schritt durch die schmale Tür trat, beschlugen die Gläser praktisch sofort.

»Sie ... sind doch Herr Strelowsky, oder?«

»Werfen Sie mich wieder raus, wenn ich nein sage?« fragte Strelowsky, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. »Ich bin es. Und Sie sind...?«

»Thomas«, antwortete der andere. »Vater Thomas. Aber auf den Vater können wir gerne verzichten.«

Warum sagst du es dann erst? dachte Strelowsky. Er antwortete nicht, sondern nahm seine Brille ab, fuhr sich mit der anderen Hand über das nasse Gesicht und tat dann so, als suche er in seiner Jacke nach einem Taschentuch. In Wirklichkeit tastete er nach dem kleinen Kassettenrecorder, den er eingesteckt hatte, bevor er das Haus verließ. Seine Finger waren klamm und hatten ein wenig Mühe, den winzigen Aufnahmeschalter zu drücken, dann fragte er: »Sie haben mich angerufen?«

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