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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Sehen Sie - genau so geht es mir auch«, sagte Nördlinger. Offensichtlich hatte er sich gut auf dieses Gespräch vorbereitet. »Und ich habe auf Sie und Ihre sonderbare Arbeitsauffassung bisher mehr Rücksicht genommen als auf irgendeinen anderen Ihrer Kollegen, Herr Bremer. Und ich glaube, das wissen Sie auch sehr gut. Ich weiß, daß Sie hier eine Art Sonderstatus genießen, und Sie wissen, wie sehr mich das ärgert. Aber in diesem Fall lasse ich nicht mit mir reden, ganz gleich, was Sie auch tun und wen immer Sie auch anrufen werden, sobald Sie dieses Büro verlassen haben. Warum sparen wir uns also nicht ein weiteres, überflüssiges Gespräch und reden gleich über den Fall?« Zu sagen, daß Bremer sprachlos war, wäre übertrieben gewesen. Aber doch ein wenig überrascht. Nördlinger hatte mit jedem Wort recht. Aber Bremer hatte bisher geglaubt, daß sie sich auf eine Art Status quo geeinigt hätten, an dem keiner von ihnen ohne wirklich zwingenden Grund rüttelte. Hatte Nördlinger einen zwingenden Grund?

»Außerdem war es nicht meine Idee, Ihnen einen Maulkorb zu verpassen«, fuhr Nördlinger fort. »Die Weisung kommt direkt aus dem Rathaus. Offensichtlich ist Ihr Name dort noch in guter Erinnerung, Herr Bremer. Um es ganz deutlich zu sagen: Es ist Ihnen nicht gestattet, Interviews zu geben oder auch nur ein einziges Wort mit der Presse zu reden. Mit niemandem, zumindest nicht, ohne es mit mir oder Kollegin West vorher abzustimmen. Haben Sie das verstanden?«

Verstanden schon, aber: »Warum?«

Nördlinger seufzte. »Wo waren Sie den ganzen Tag, Bremer? Auf dem Mond? Die ganze Stadt spricht über nichts anderes als über Rosen - und die anderen. Würden wilde Spekulationen bezahlt, wäre Berlin mittlerweile die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes. Die Leute reden über nichts anderes mehr als über den Racheengel, der herumläuft und Bremers Liste abhakt.«

»Bremers Liste?«

»Der Ausdruck stammt nicht von mir.« Nördlinger nickte grimmig, zog eine Schublade in seinem Schreibtisch auf und nahm eine zusammengefaltete Zeitung heraus. Schwungvoll ließ er sie über die Tischplatte schlittern und fuhr fort, noch bevor Bremer sie auffangen konnte: »Die Abendpost von heute. Ein Vorabexemplar, mit freundlichen Grüßen und ohne Wissen der Redaktion. Wenn Sie dieses Gebäude wieder verlassen, hat jeder Dummkopf in der Stadt ein Exemplar davon in der Hand.« Bremer faltete die Zeitung auseinander und erblickte genau das, was Nördlinger vorhergesagt hatte. Die Schlagzeile, die sich quer über die komplette Titelseite zog und tatsächlich größer war als der Artikel darunter, lautete schlicht BREMERS LISTE. Darunter prangte ein mindestens zehn Jahre altes Foto von ihm und ein noch älteres Bild von Rosen. Der Artikel selbst war keiner. Bremer benötigte ungefähr eine Sekunde, bis er begriff, daß der Buchstabensalat unter den Fotos ein Blindtext war.

»Der Text war bei diesem Andruck noch nicht fertig«, sagte Nördlinger. »Aber ich glaube, wir beide wissen ziemlich genau, was da stehen wird.«

»Und was?« wollte West wissen.

Nördlinger sah unwillig auf. Bremer war fest davon überzeugt, daß er sie anraunzen oder ihre Frage einfach übergehen würde. Aber dann antwortete er doch. »Die Details kann Ihnen Kollege Bremer nachher in Ruhe erzählen, Frau West. Die Kurzfassung lautet, daß er vor vier Jahren ein etwas ... verunglücktes Interview gegeben hat, in dem...«

»Es war kein Interview«, unterbrach ihn Bremer gereizt. »Ich wußte nicht einmal, daß ich mit einem Journalisten rede, verdammt noch mal! Und ich habe das, was da stand, so nie gesagt.«

»Das glaube ich Ihnen sogar«, antwortete Nördlinger. »Leider ändert es nichts an dem, was am nächsten Tag in der Zeitung stand. Ihr Kollege hat die Namen einiger Verdächtiger aufgezählt, in deren Fall die Justiz seiner Meinung nach versagt hat. Die Liste war ziemlich lang. Und unter anderem waren darauf die Namen Halbach, Lachmann und Rosen zu finden.«

»O«, sagte West. »Das wußte ich nicht.«

»Ich habe damit nichts zu tun!« verteidigte sich Bremer. »Als Halbach umgebracht wurde, war ich nicht einmal in der Stadt!«

»Wen interessiert das?« seufzte Nördlinger. »Irgend jemand hat dieses verdammte Interview von damals ausgegraben, und was dort steht, ist alles, was interessiert.«

»Vielleicht ist es ja gar nicht einmal so weit hergeholt«, sagte West nachdenklich. Sie hob die Hand, als sich Bremer zu ihr herumdrehte und etwas sagen wollte. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß, daß Sie nichts damit zu tun haben. Aber vielleicht hat sich irgendein Verrückter tatsächlich Ihre ... Liste genommen und arbeitet sie der Reihe nach ab.«

»Blödsinn!« protestierte Bremer. »Wir sind hier in Berlin, nicht in Hollywood!«

»Ja, und die Kriminalitätsrate Berlins ist mittlerweile höher als die von Los Angeles«, fügte Nördlinger düster hinzu. Gleichzeitig aber schüttelte er den Kopf und wandte sich dann mit einem Blick direkt an West. »Außerdem wurde keiner der drei tatsächlich umgebracht. Ich dachte, Sie hätten die Akten gelesen, die ich Ihnen geschickt habe?«

West sagte nichts, sondern lächelte nur verlegen, und Bremer sagte: »Es war eindeutig Selbstmord. In allen drei Fällen. Wenn auch ziemlich bizarre Selbstmorde.« Er hob die Schultern. »Ich könnte auch nicht unbedingt sagen, daß mir einer der drei Kerle besonders leid tut.«

»So etwas will ich nicht hören«, sagte Nördlinger scharf.

»Warum?« erwiderte Bremer. »Bedauern Sie, was Halbach zugestoßen ist? Oder hat Ihnen der Anblick von Rosens Leichnam das Herz gebrochen?«

»Was ich denke oder fühle, steht hier nicht zur Debatte«, erwiderte Nördlinger. »Ebensowenig wie Ihre Gefühle, Herr Bremer. Bemerkungen wie diese sind genau der Grund, aus dem wir jetzt mehr Ärger am Hals haben, als wir wahrscheinlich schon selbst wissen. Was ist, wenn Kollegin West recht hat, und dort draußen wirklich irgendein Verrückter herumläuft, der glaubt, unsere Arbeit tun zu müssen, und Leute umbringt? Möchten Sie die Verantwortung für sein Handeln übernehmen?«

»Habe ich die nicht schon?« murmelte Bremer.

Die Worte waren gar nicht für Nördlinger bestimmt gewesen, aber er hatte sie trotzdem gehört und antwortete:

»Nein. Jedenfalls nicht, so weit es mich angeht. Ich weiß, wie gerne Sie den Märtyrer spielen und jedem erzählen, wie ungerecht ich Sie doch behandele. Aber Tatsache ist, daß ich Sie bisher nach Kräften beschützt habe - und sei es nur aus Eigennutz. Ich werde nämlich durchaus für Ihre Handlungen verantwortlich gemacht, wissen Sie? Außerdem stehe ich prinzipiell hinter meinen Leuten - auch, wenn ich sie nicht mag.« Dieser letzte Nebensatz war überflüssig, dachte Bremer. Aber er hütete sich, das laut auszusprechen, oder sich seine wahren Gefühle auch nur anmerken zu lassen. Nördlinger hatte ihm immer noch nicht verraten, warum er eigentlich hier war. Und er hatte das sichere Gefühl, daß im Laufe dieses Gespräches vielleicht noch die eine oder andere unangenehme Neuigkeit auf ihn wartete.

»Ich habe eine Sonderkommission gebildet, die sich um den Fall kümmert«, fuhr Nördlinger fort. »Sie haben damit nichts zu tun. Um das Ganze klarzumachen, Herr Bremer: Ich gebe Ihnen nicht nur einen anderen Fall, ich untersage Ihnen ausdrücklich, sich in irgendeiner Form um diese Geschichte zu kümmern. Weder dienstlich noch privat.«

Das war die normale Verfahrensweise, die Bremer nicht überraschte. Trotzdem fragte er mit einer Kopfbewegung zu West: »Und wozu dann mein Schutzengel?«

»Weil ich leider nicht die Macht habe, die Presse zum Schweigen zu bringen«, antwortete Nördlinger offen. »Und auch nicht, die Leute auf der Straße am Spekulieren zu hindern. Ginge es nach mir, würde ich Sie für die nächsten zwei Wochen vom Dienst suspendieren, oder Sie auf eine Dienstreise zum Nordpol schicken. Leider geht es nicht nach mir.«

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Главный герой
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