Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Nein.« Bremer grinste. Die Vorstellung, daß er Nördlingers Blutdruck in die Höhe getrieben hatte, versöhnte ihn schon wieder halbwegs. »Ich trinke meinen Kaffee übrigens mit viel Zucker und noch mehr Milch.« Er ging zum Tisch, setzte sich und nahm zum ersten Mal all seinen Mut zusammen, um seine verletzte Hand zu betrachten. Sie schmerzte noch immer heftig, sah aber nicht annähernd so schlimm aus, wie er erwartet hatte. Drei Nägel waren abgebrochen, und wie es aussah, hatte er sich den kleinen Finger verstaucht. Nichts, worüber er sich Sorgen machen mußte. In den nächsten Tagen würde er ein paar Schwierigkeiten haben, seine Berichte zu tippen, das war alles.
»Das sieht häßlich aus.« West setzte sich, schob seinen Kaffee über den Tisch und beugte sich neugierig vor.
»Ein Kratzer.«
»Ein häßlicher Kratzer«, beharrte sie. »Ich würde Ihnen ja vorschlagen, Ihre Hand zu verbinden, aber ich kann kein Blut sehen. Wahrscheinlich müßten Sie mich hinterher versorgen. Wie ist das passiert?«
»Für jemanden, der gerade frisch von der Polizeischule kommt, sind Sie ziemlich neugierig«, sagte Bremer. »Warum finden Sie es nicht heraus? Sie sind doch Polizistin.«
»Nicht so eine Polizistin«, antwortete West. »Mein Hauptfach war Öffentlichkeitsarbeit.«
Bremers Gesicht verdüsterte sich schlagartig. »Ich glaube, jetzt verstehe ich«, sagte er. »Was genau sollen Sie sein - meine Partnerin? Oder mein Wachhund?«
»Wau, wau«, machte West. »Lassen Sie das«, sagte Bremer ruhig. »Und wenn Sie sich selbst und mir einen Gefallen tun wollen, dann trinken Sie jetzt Ihren Kaffee aus, fahren zu Nördlinger zurück und sagen ihm, daß ich niemanden brauche, der darauf achtet, was ich der Presse sage und was nicht. Ich rede prinzipiell nicht mit Journalisten.«
»Das sollten Sie aber«, antwortete West. »Es ist immer noch besser, sie verdrehen Ihnen die Worte ein bißchen, als daß sie sie sich ausdenken. Und was Ihren Vorschlag angeht: keine Chance. Kriminalrat Nördlinger war sehr deutlich. Ich soll Sie zu ihm bringen.«
»Tot oder lebendig?«
»Davon hat er nichts gesagt«, antwortete sie. »Aber ich glaube, ob verletzt oder unverletzt, wäre ihm egal.«
Bremer hob die rechte Hand. »Sie haben ein Alibi. Ich werde ihm morgen früh einfach sagen, das waren Sie.«
West leerte wortlos ihren Kaffee, stand auf und deutete mit einer Kopfbewegung zur Tür. »Wäre es hilfreich, wenn ich an Ihr Mitgefühl appelliere? Heute ist mein erster Tag. Ich würde ihn wirklich nicht gerne damit beenden, gleich meinen ersten Auftrag in den Sand zu setzen.« Wie schön, daß sie wenigstens nicht von einem Schlag ins Wasser gesprochen hatte, dachte Bremer sarkastisch. Er sagte nichts, sondern trank nur einen großen Schluck Kaffee, stand auf und wandte sich zur Tür. Wests Appell an sein Mitgefühl berührte ihn nicht im mindesten, aber in einem Punkt hatte sie recht, auch wenn sie es gar nicht so rigoros ausgedrückt hatte: Er würde nichts besser machen, wenn er noch länger herumtrödelte. Nördlinger war nicht für seine übermäßige Geduld bekannt. Es machte zwar prinzipiell Spaß, ihn zu reizen, aber Bremer wußte natürlich auch, daß er den Bogen nicht überspannen durfte. Nördlinger mochte es hinnehmen, sich in ein Nagelbrett zu setzen, das Bremer ihm untergeschoben hatte - aber ganz bestimmt nicht, wenn er das Gesicht dabei verlor.
Als sie das Wohnzimmer durchquerten, fiel sein Blick auf die Uhr. Er erschrak. Das eiskalte Wasser und der festgebrannte Satz auf dem Boden der Kaffeekanne hatten ihn vorgewarnt - aber die Zeiger der Uhr standen auf sechs. Was zum Teufel war mit ihm passiert? Ihm fehlten ganze vier Stunden!
»Ich muß zu Mecklenburg«, seufzte er. »Ich habe zwar keine Ahnung, wer das ist, aber im Moment müssen Sie vor allem zu Kriminalrat Nördlinger«, sagte West. Sie hob den Arm - Bremer war felsenfest davon überzeugt, in keiner anderen Absicht, als ihn an der Schulter zu packen und einfach vor sich herzuschieben -, besann sich dann aber eines Besseren und beließ es bei einer verunglückten und dadurch irgendwie ungelenk wirkenden Geste zur Tür. Bremer schluckte alles herunter, was ihm auf der Zunge lag. Ihm war klar, daß ihre naßforsche Art nichts anderes als überspielte Unsicherheit war; und das nicht einmal besonders gut. Aber es lohnte sich nicht, ihr den Kopf zu waschen. Was immer Nördlinger ihr auch gesagt hatte, dieses Kind würde ganz bestimmt nicht seine Partnerin werden.
Während West unaufgefordert - eben ganz der beflissene Schutzengel, der zu sein sie sich offenbar einbildete - zu seinem Schreibtisch ging und zuerst das Telefon und dann den Anrufbeantworter wieder einschaltete, ging Bremer zur Garderobe und nahm seine Jacke vom Haken. Er konnte sich nicht erinnern, sie aufgehängt zu haben. Nein - er war sogar sicher, sie nicht aufgehängt zu haben. Wahrscheinlich hatte West das getan. Wofür hielt sie sich eigentlich, verdammt?
Aber wahrscheinlich war diese Frage falsch formuliert, dachte er. Korrekt müßte sie lauten: Was hatte Nördlinger ihr erzählt?
»Können wir?« West trat an ihm vorbei, öffnete die Tür und wartete mit der Hand auf der Klinke, bis Bremer die Wohnung verlassen hatte. Allmählich begann sich Bremer über sich selbst zu wundern. Normalerweise hätte er ein solches Benehmen niemals geduldet, sondern wäre nach spätestens drei Minuten explodiert, erster Arbeitstag hin oder her. Offensichtlich hatte er doch noch nicht wieder ganz zu sich selbst zurückgefunden.
Aber was nicht ist, konnte ja noch werden. Und vielleicht war es ja ganz interessant, zu beobachten, wie weit sie noch gehen würde, um sich bei ihm einzuschmeicheln. Bremer wollte sich zum Aufzug herumdrehen, aber West schüttelte energisch den Kopf und deutete in Richtung Treppenhaus. »Mein Wagen steht auf der anderen Seite«, sagte sie. »Es ist vielleicht besser, wenn wir den Hinterausgang nehmen.«
»Und was spricht dagegen, den Aufzug zu benutzen?«
»Nichts«, sagte West. »Ich dachte nur, Sie reden nicht gerne mit Journalisten. Ich kann mich ja irren, aber ich bin fast sicher, dort unten mindestens drei Burschen gesehen zu haben, die ihre Seele für die Titelseite der morgigen Zeitung verkaufen würden.«
»Reporter? Hier?«
»Was haben Sie gedacht?« fragte West. »Sie sind ein Star, Herr Bremer. Die halbe Stadt kennt mittlerweile Ihr Gesicht. Obwohl Ihnen das Foto nicht gerecht wird. Sie sehen heute besser aus als vor fünf Jahren.«
»Was soll der Unsinn?« Trotz seines gereizten Tones setzte sich Bremer gehorsam in Richtung Treppenhaus in Bewegung, ertappte sich aber dabei, vorher noch einen schnellen, nervösen Blick zum Aufzug zu werfen.
»Ich habe nur den Auftrag, Sie ins Präsidium zu bringen. Und dafür zu sorgen, daß Sie der Presse nicht in die Hände fallen. Mehr weiß ich auch nicht.« West zog die Tür zum Treppenhaus auf, warf einen raschen Blick durch den Spalt und nickte zufrieden, als der Raum dahinter offensichtlich leer war. »Ich habe mich nicht darum gerissen, wenn es Sie beruhigt. Und es wäre auch nicht nötig gewesen, wenn Sie Ihr Telefon nicht ausgeschaltet hätten.«
Bremer spürte, daß das Gespräch erneut in eine Richtung abzudriften begann, die ihm nicht gefiel, und verbiß sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Statt dessen sagte er: »Tun Sie mir einen Gefallen, Frau West. Hören Sie auf, so zu reden, als wären wir hier in einem schlechten Fernsehkrimi. Das ist weder besonders originell, noch sammeln Sie damit Pluspunkte bei mir.« Nicht, daß das nötig wäre. Er würde gute Miene zum bösen Spiel machen und sich von seinem selbsternannten Cherubim zum Präsidium fahren lassen, und das war es dann auch schon. Ihre Partnerschaft würde ein ziemlich abruptes Ende finden.
»Ganz wie Sie wünschen, Herr Bremer«, antwortete sie kühl, aber eigentlich ohne irgendeinen verletzten oder gar beleidigten Unterton in der Stimme. Er hätte mit Leichtigkeit noch einmal nachlegen können, aber wozu?