Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Strelowsky«, antwortete Nördlinger. »Sie haben ihn gerade in seinem Wagen gefunden. Tot.«
»Wo?« fragte Bremer.
»Strelowsky?« wollte West wissen. »Wer ist das?«
»Einer der schlimmsten Rechtsverdreher der Stadt«, sagte Bremer. Nördlingers Blick wurde noch härter, und Bremer schluckte den zweiten Teil seiner Antwort herunter. Ist nicht besonders schade um ihn. Statt dessen sagte er: »Und rein zufällig Stefan Rosens Rechtsanwalt. Er hat ihn damals rausgeholt.«
»Und jetzt ist er tot.« West schürzte die Lippen.
»Was für ein Zufall.«
»Was ist passiert?« wollte Bremer wissen. »Wieder ein bizarrer Selbstmord?«
»Er ist tot«, antwortete Nördlinger, »mehr weiß ich auch nicht. Und mehr müssen Sie auch nicht wissen.« Er gab sich einen sichtbaren Ruck, streifte das Telefon noch einmal mit einem sonderbaren Blick, fast, als mache er den Apparat für die schlechten Nachrichten verantwortlich, und fuhr dann in verändertem Ton und wieder direkt an Bremer gewandt fort: »Ich habe Sie vor zwei Minuten vom Dienst suspendiert, haben Sie das bereits vergessen?«
»Aber das ... das war doch wohl nicht ernst gemeint, oder?« murmelte Bremer. »Ich meine...«
»Hatten Sie jemals den Eindruck, daß ich mit solchen Dingen scherze?« fragte Nördlinger. »Sie sind raus, Bremer. Raus aus diesem Fall und zumindest für den Rest der Woche raus aus dem Polizeidienst.« Er stand auf. »Bis nicht wenigstens etwas Gras über diese leidige Angelegenheit gewachsen ist, möchte ich Sie nicht mehr sehen. Nicht in diesem Gebäude, und erst recht nicht in der Nähe irgendeines der an diesem Fall Beteiligten.«
»Ist das schon alles?« fragte Bremer.
»Beinahe«, antwortete Nördlinger. »Ob ich Sie mit oder ohne Ihre Bezüge suspendiere, das hängt von den nächsten Sätzen ab, die ich von Ihnen zu hören bekomme.«
»Dann wäre es vielleicht das Klügste, wenn ich jetzt überhaupt nichts mehr sage«, murmelte Bremer verstört.
»Das scheint mir auch so«, sagte Nördlinger. »Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, Herr Bremer. Ich melde mich nächste Woche bei Ihnen - falls Ihr Telefon eingeschaltet ist, heißt das.« Bremer suchte eine oder zwei Sekunden lang nach einer passenden - oder wenigstens originellen - Antwort, aber schließlich sah er ein, daß die einzig vernünftige Antwort in diesem Fall keine Antwort war. Er stand auf, drehte sich ohne ein weiteres Wort herum und ging.
Erst, als er das Büro und auch Nördlingers Vorzimmer durchquert hatte, blieb er wieder stehen. Seine Hände begannen zu zittern, und sein Puls beschleunigte sich schlagartig. Zu sagen, daß diese Runde an Nördlinger gegangen war, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Es war ein klarer, technischer K.O. - und er wußte nicht einmal, warum. Bremer kam erst jetzt zu Bewußtsein, daß Nördlinger ihm den eigentlichen Grund ihres Gespräches nicht einmal genannt hatte. Er hatte ihn bestimmt nicht um diese Zeit hierherbestellt, nur um ihn rauszuschmeißen.
Seine Hände begannen fast ohne sein Zutun in den Jackentaschen zu graben. Er hatte das Rauchen vor drei Jahren aufgegeben und seit mehr als einem Jahr keinen Appetit mehr auf Nikotin verspürt; jetzt hätte er für eine Zigarette einen Mord begangen. Alles, was er fand, waren seine Autoschlüssel und eine halb aufgeweichte Tankquittung. Und ein Stück rostiger Draht, etwas kürzer als sein kleiner Finger und mit einer dunkelbraunen Verfärbung an einem Ende. Es dauerte eine Sekunde, bis er sich wieder erinnerte, woher dieses Stück Altmetall kam. Er hatte es am Morgen auf dem Hinterhof aufgehoben, auf dem sie Rosens Leiche gefunden hatten. Warum er ihn eingesteckt hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht, weil es sich bei der häßlichen Verfärbung an seinem Ende um Rosens Blut handelte? Seltsam. Ganz abgesehen davon, daß er damit ein Beweisstück vom Tatort entfernt hatte (Nördlinger hätte seine helle Freude daran gehabt, dachte er sarkastisch) war es eigentlich nicht seine Art, Trophäen zu sammeln. Schon gar nicht solche.
Blut. An dem winzigen, verbogenen Draht klebte Blut. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es auch nur eine zufällig Verfärbung, die er nur dafür hielt. Es spielte keine Rolle. Etwas daran war wichtig. Und gefährlich. Es war die Lösung, der geheime Plan, auf dem die genaue Position jedes einzelnen Teiles dieses bisher scheinbar so sinnlos anmutenden Puzzles verzeichnet war, eingeschlossen all derer, die sie bisher noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatten. Er schüttelte den Gedanken beinahe wütend ab, warf das kleine Drahtstück in den nächsten Papierkorb und ging mit schnellen Schritten zum Aufzug. Etwas stimmte nicht mit ihm, und man mußte weder Doktor der Tiefenpsychologie noch der legitime Nachfolger Sherlock Holmes' sein, um zu wissen, was. Es hatte am Morgen angefangen, als er Rosens Leichnam gesehen hatte, und der Zwischenfall in seinem Bad und seine selbstzerstörerische Reaktion auf Nördlingers Gardinenpredigt waren nur die konsequente Fortsetzung. Er konnte nicht einmal sagen, von was. Nur, daß er diesen Weg zu Ende gehen mußte.
Der Aufzug ließ auf sich warten. Bremer drückte den Rufknopf mit wachsender Ungeduld drei-, viermal, obwohl er wußte, wie sinnlos es war. Irgend jemand blockierte weiter unten die Türen. Er konnte den verdammten Knopf drücken, bis ihm der Fingernagel abfiel, ohne die Sache damit irgendwie zu beschleunigen. Aber er wollte auch nicht einfach stehenbleiben und warten, bis der Lift irgendwann einmal kam. Früher oder später würden Nördlinger oder West aus der Tür hinter ihm treten, und das wirklich letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war einem von ihnen zu begegnen. Also ging er bis zum Ende des menschenleeren Korridors und öffnete die Glastür zum Treppenhaus. Seine Begeisterung, die acht Etagen zu Fuß nach unten zu gehen, hielt sich in Grenzen, aber er konnte auch nicht einfach hierbleiben und warten. Eine seltsame Unruhe hatte ihn ergriffen. Es war nicht allein der unbehagliche Gedanke, Nördlinger oder West wiederzusehen. Etwas würde passieren. Er konnte es beinahe körperlich fühlen; so wie die veränderte Elektrizität in der Luft, die man manchmal vor einem besonders schweren Gewitter spürt.
Die Tür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schloß, und das Licht flackerte. Als es wieder richtig brannte, war das Treppenhaus nicht mehr das Treppenhaus.
Vor ihm lag ein schmaler, schwindelerregend steil in die Tiefe führender Schacht mit nackten Betonwänden. Ausgetretene Zementstufen hatten die Stelle des billigen Marmor-Imitats eingenommen, und unter der Decke brannten keine kalten Neonleuchten mehr, sondern mattgelbe Glühbirnen in kleinen Drahtkörbchen. Rauch trieb in faserigen grauen Schwaden durch die Luft, und er hörte das Prasseln von Flammen, begleitet von einer fast regelmäßigen Abfolge dumpfer, polternder Laute, die nicht zusammenhingen, trotzdem aber irgendwie zusammenzugehören schienen.
Die Vision - diesmal war er sicher, daß es sich um eine solche handelte - war noch nicht ganz perfekt. Hier und da schimmerte die Wirklichkeit noch hindurch, als hätte man einen Film genau im Augenblick der Überblendung angehalten. Und es nutzte nichts, zu wissen, daß er einer Halluzination erlag. Ganz im Gegenteil schien dieses Wissen den Sturz hinüber in die Unwirklichkeit noch zu beschleunigen; so wie das Wissen um die vermeintliche Gefahr einen Nichtschwimmer in hüfthohem Wasser ertrinken lassen konnte. Bremer war sich jenseits allen Zweifels darüber im klaren, daß das, was er zu erleben meinte, nicht wahr war, sondern nur (Erinnerung?) eine Ausgeburt seiner Fantasie. Und doch war er unfähig, dieses Wissen zu seinem Vorteil einzusetzen, oder auch nur zu seinem Schutz. Er versuchte, sich an den verblassenden Resten der Wirklichkeit festzuklammern, aber auch dieser Versuch scheiterte kläglich. Nach ein paar Sekunden fand er sich endgültig und hoffnungslos gefangen in der surrealen Alptraumwelt einer weiteren, noch schlimmeren Vision wieder.